Gemshorn 8'

BourdonCéleste, Freitag, 11. November 2011, 14:25 (vor 5417 Tagen)

Hallo,

ich wollte mal in die kundige Runde fragen, in welchem stilistischen Kontext man heute noch ein Gemshorn 8' disponieren würde und wo dieses Register eigentlich ursprünglich herkommt.

Bei der Rieger-Orgel im Saal der Regensburger Domspatzen war es wohl zusammen mit einem Holzgedackt 8' als Prinzipal-Ersatz in einem schwellbaren Positiv (4'-Gehäuse) gedacht. In der Tat verschmelzen dort diese beiden Register klanglich zu einer Art Echo-Prinzipal - und das ist nicht unhübsch, jedenfalls für einen kleinen Raum. Aber einzeln ist das Gemshorn eher nichtssagend. Welche Literatur freut sich über so eine Stimme?

Viele Grüße
BC

Gemshorn 8'

elsenp, Freitag, 11. November 2011, 14:48 (vor 5417 Tagen) @ BourdonCéleste

Hallo,

ich wollte mal in die kundige Runde fragen, in welchem stilistischen Kontext man heute noch ein Gemshorn 8' disponieren würde und wo dieses Register eigentlich ursprünglich herkommt.

Bei der Rieger-Orgel im Saal der Regensburger Domspatzen war es wohl zusammen mit einem Holzgedackt 8' als Prinzipal-Ersatz in einem schwellbaren Positiv (4'-Gehäuse) gedacht. In der Tat verschmelzen dort diese beiden Register klanglich zu einer Art Echo-Prinzipal - und das ist nicht unhübsch, jedenfalls für einen kleinen Raum. Aber einzeln ist das Gemshorn eher nichtssagend. Welche Literatur freut sich über so eine Stimme?

Viele Grüße
BC

In den Orgeln, die ich gespielt habe, gab und gibt es verschiedene Gemshörner. Je nach Ausrichtung und Baujahr durchaus unterschiedlich.
In meiner romantischen Feith-Orgel aus den 1920er Jahren war das Gemshorn 8' im Hauptwerk neben Prinzipal 8', Gedeckt 8' und Gamba 8' disponiert. Der Klang war zart streichend, wie ein mildes Salicional.
In meiner 1970er Klaisine in Aachen steht das Gemshorn 8' im Schwellwerk und neben einem Holzprinzipal 8'. Dort klingt es wie ein Zwitter aus Streicher und Flöte. Bei (halb-)geschlossenem Schweller durchaus als Streicherersatz verwendbar.

In einer ebenfalls 1970er Weimbsorgel steht das Gemshorn 8' mit Prinzipal 8' als einzige Grundstimme im Hauptwerk. Hier ist das Register sehr flötig intoniert, weniger streichend. Mischt sich hier sehr schön mit der Rohrflöte 4', die übrigens Klais auch dem Gemshorn 8' zur Seite gestellt hat. Für die Begleitung von Solisten durchaus geeignet, besondern gegenüber dem hier etwas dumpf klingenden Gedackt.

Die Herkunft des Registernamens geht wohl auf das Gemshorn im eigentlichen Sinne zurück.

Herzlichen Gruß
Peter

Gemshorn 8'

Antilope, Freitag, 11. November 2011, 14:56 (vor 5417 Tagen) @ elsenp

Meines Wissens Süddeutschland 18. Jh. Die "big five": Gemshorn, Salicional, Gedackt, Koppel und Principal 8´

Gemshorn 8'

Aeolinchen, Freitag, 11. November 2011, 15:27 (vor 5417 Tagen) @ Antilope
bearbeitet von Aeolinchen, Freitag, 11. November 2011, 15:31

Meines Wissens Süddeutschland 18. Jh. Die "big five": Gemshorn, Salicional, Gedackt, Koppel und Principal 8´

Nee, nee, Süddeutschland 18. Jahrhundert stimmt nicht. Das Gemshorn 8' war schon um 1600 in Mitteldeutschland sehr beliebt:

Die Achtfüßer in Bückeburg (Esaias Compenius 1615) waren:
- Groß Octava
- Gemßhorn
- Gedacte Blockpfeiffe
- Viol de Gamba

Die Heinrich-Comenpius-Orgel im Fritzlarer Dom (1590) hatte schon Principal 8' Gedackt 8' und Gemshorn 8' im Hauptwerk.


Das mit den "big five" stimmt auch nicht: Gedackt und Koppel ist dasselbe. Ich kenne keine Orgel, die so disponiert ist.

Eberhard Friedrich Walcker hat öfter mal folgende fünf Achtfüßer im Hauptwerk disponiert:
Prinzipal - Gedeckt - Flöte - Gemshorn - Viola di Gamba

Gemshorn 8'

hama-music, Montag, 14. November 2011, 14:31 (vor 5414 Tagen) @ Aeolinchen

Eberhard Friedrich Walcker hat öfter mal folgende fünf Achtfüßer im Hauptwerk disponiert:
Prinzipal - Gedeckt - Flöte - Gemshorn - Viola di Gamba


Und Walcker hatte dies wiederum vermutlich tatsächlich aus dem 18. Jahrhundert:
"The big 4" von Georg Friedrich Schmahl in der Ludwigsburger Schlosskirche (quasi gegenüber dem ehemaligen Walcker'schen Firmensitz)von 1747/48:
Principal 8'
Groß gedekt 8'
Gembßhorn 8'
Viol digamba 8'

Manchmal sind allerdings tatsächlich fünf 8'-Register disponiert: Die Quintadehn(a) 8' gehört noch dazu.

Herzliche Grüße!

Gemshorn 8'

Aeolinchen, Montag, 14. November 2011, 18:08 (vor 5414 Tagen) @ hama-music

Und Walcker hatte dies wiederum vermutlich tatsächlich aus dem 18. Jahrhundert:
"The big 4" von Georg Friedrich Schmahl in der Ludwigsburger Schlosskirche (quasi gegenüber dem ehemaligen Walcker'schen Firmensitz)von 1747/48:
Principal 8'
Groß gedekt 8'
Gembßhorn 8'
Viol digamba 8'

Genau dieselben vier hatte auch Johann Adam Schmahl 1743 für Heilbronner Kilianskirche disponiert.

Aber das sind doch dieselben "big 4" wie die in der Compenius-Orgel (1615) aus meinem letzten Beitrag.
Aus Süddeutschland stammt das also nicht und auch nicht aus dem 18. Jahrhundert. Die Sache hat weit ältere Wurzeln. Hatten die Schmahls nicht auch Bezüge zu Mitteldeutschland?

Gemshorn 8'

hama-music, Dienstag, 15. November 2011, 00:13 (vor 5414 Tagen) @ Aeolinchen

Auch bei Georg Friedrichs und Johann Adams Vater Johann Michael Schmahl sind diese Grundregister schon um 1700 vorhanden.
Vater Schmahls Wurzeln gehen in der Tat nach Sachsen zurück.
Übrigens noch ein bekanntes Beispiel dieser fünffachen 8'-Batterie (allerdings ohne Gemshorn) ist Mundt's Orgel in der Prager Teynkirche von 1673.

Gemshorn 8'

willscher, Freitag, 11. November 2011, 18:12 (vor 5417 Tagen) @ BourdonCéleste

Aber einzeln ist das Gemshorn eher nichtssagend. Welche Literatur freut sich über so eine Stimme?

Viele Grüße
BC


In St. Franziskus HH: Gemshorn 8' im HW der Beckerath von 1958.
Ein Gedicht. Dezent, aber trotzdem sonor. Kann man sogar mit der Mixtur des HW zusammen erklingen lassen, was im Orgelabnahme-Gutachten besonders positiv hervorgehoben wurde. Im Gutachten wurde damals zweifelnd gefragt, warum denn noch ein Salicional dazu, wo doch das Gemshorn den liturgischen Anforderungen völlig genügen würde..........aber ein Toast auf K. Bäumer, den damaligen Domorganisten von Osnabrück, der auf's Salicional bestanden hatte. Heute ist das Salicional mit dem Gemshorn auf Schwebung gestimmt. Ein Traum. Nicht so eine schwachbrüstige Voix céleste, wie man sie immer häufiger findet. Fred Graman hatte sich damals die Beckerath genau angehört und war extrem begeistert vom Pedal Fagott 16'. Das hat er dann ja seiner amerikan. Kirche in Paris auch gegönnt. Und so einen Prinzipal 8' im HW - so was habe ich bei den Beckerath-Zeitgenossen nie gehört.

Gruß Andreas

Gemshorn 8'

Karl-Bernhardin Kropf, Samstag, 12. November 2011, 13:09 (vor 5416 Tagen) @ willscher

Aber einzeln ist das Gemshorn eher nichtssagend. Welche Literatur freut sich über so eine Stimme?

Viele Grüße
BC

In St. Franziskus HH: Gemshorn 8' im HW der Beckerath von 1958.
Ein Gedicht. Dezent, aber trotzdem sonor. Kann man sogar mit der Mixtur des HW zusammen erklingen lassen, was im Orgelabnahme-Gutachten besonders positiv hervorgehoben wurde. Im Gutachten wurde damals zweifelnd gefragt, warum denn noch ein Salicional dazu, wo doch das Gemshorn den liturgischen Anforderungen völlig genügen würde..........aber ein Toast auf K. Bäumer, den damaligen Domorganisten von Osnabrück, der auf's Salicional bestanden hatte. Heute ist das Salicional mit dem Gemshorn auf Schwebung gestimmt. Ein Traum. Nicht so eine schwachbrüstige Voix céleste, wie man sie immer häufiger findet. Fred Graman hatte sich damals die Beckerath genau angehört und war extrem begeistert vom Pedal Fagott 16'. Das hat er dann ja seiner amerikan. Kirche in Paris auch gegönnt. Und so einen Prinzipal 8' im HW - so was habe ich bei den Beckerath-Zeitgenossen nie gehört.

Gruß Andreas

Da möchte ich einhaken. Habe auch ein ähnlich nützliches Gh. wie schon zuvor beschrieben (Solistenbegleitung, Mischung mit sanfteren Stimmen oder gar kleinen Mixturen). Ist bei mir konisch, und ich hätte gerne eine Schwebung gleicher Mensur dazu, die dann auch zu vielen anderen Sachen schweben könnte. In England findet man die konischen Streicher/engen Flöten in der Vox angelica (dann meist schwebend), in den USA als "Erzähler", einzeln oder auch "Celeste".
Jedenfalls eine Alternative zur normalen Salicional/Vox coelestis-Kombi, am schönsten natürlich, wenn beides vorhanden ist.

Gemshorn 8'

untersatz32 ⌂ @, Amriswil, Freitag, 11. November 2011, 21:03 (vor 5417 Tagen) @ BourdonCéleste
bearbeitet von untersatz32, Freitag, 11. November 2011, 23:45

Habe ein relativ nettes Gemshorn im HW, als Trias mit Principal 8 und Flauto major 8.
Stellt die leiseste 8-Stimme im HW dar: gut als Begleitstimme (schön deutlich zeichnend) oder als Transmission im Pedal als schöne Ergänzung zum Subbass.

War früher leiser und muffiger - habe es lauter intonieren lassen, streichender und im Diskant 1 HT weiter: jetzt ist's prima: Klang zwischen Salicional 8 und z.B. Flöte douce 8. Entspricht ein bischen den Spielflöten oder Spillpfeifen in den Stellwangen- oder Schnitger-Orgeln.

Gruss

TH

--
Thomas Haubrich

Gemshorn 8'

Kirnberger, Sonntag, 13. November 2011, 19:07 (vor 5415 Tagen) @ untersatz32

Wenn Ihr in die Renaissance zurückgeht, sind die konischen Register ja auch gerne chorweise anzutreffen und haben ihren besonderen Reiz, weil sie zwar weit mensuriert, aber gerne etwas enger labiert sind. Der Resonator "schiebt" den Klang dann nicht so stark an und man hat eine schöne Gattung mit genügend Oberton für die zweite Reihe. Ich kenne übrigens kein einziges altes Gemshorn/Spitzflöte/Spillpfeife/Nachthorn, das von Haus aus stark spucken würde...im Gegensatz zur Mode 1960-80.
Deutsch-romantische Gemshörner kenne ich auch gerne in kleineren Orgeln im II.Manual, mit Flöte 8 kombiniert zum Minorprinzipal. Einige kluge Orgelbewegte haben sich diesen Rezept für 4'-Orgeln gemerkt. Manchmal klappt es auch, wenn dort ein etwas weiterer Praestant 4 auf eine gute Rohrflöte 8 trifft, dann "zieht" die Rohrflöte den Prinzipal als Untersatz runter.
Beckerath und andere haben das Gemshorn gerne als schamhaften Gambenersatz ins Schwellwerk geschoben und beschwebt. Auch nett. Da fällt mir noch eine österreichische Variante ein: Gemshorn + Salicional im II. Man.Das Salicional ist enger Streicher, schön flirrend, dazu das weitere Gemshorn, das mehr Grundton gibt. Die kleinen Temperaturschwankungen in der Kirche sorgen für eine dezente "Naturschwebung"...

Gemshorn 8'

Orlos, Sonntag, 13. November 2011, 20:04 (vor 5415 Tagen) @ Kirnberger

Bei nur 18 Registern und einer ziemlich großen Kirche war im Schwellwerk nur Platz für einen einzigen offenen labialen 8' und einer sehr engen Schwebung ab c°. Wir haben uns für ein Gemshorn entschieden, was gerade so alle Funktionen abdeckt und sogar noch mit der 16'-Koppel dem Hauptwerk das nötige Fundament gibt. Natürlich ist das ein gewaltiger Kompromiss, mir wären auch eine Flöte 8' und ein echter Streicher 8' (plus Schwebung) lieber gewesen, aber das Ergebnis eines streichenden, weiten, konischen Gemshorns funktioniert besser als befürchtet. Ich würde es trotzdem nicht noch einmal so machen...

Gemshorn 8'

Florian-L, Montag, 14. November 2011, 07:22 (vor 5414 Tagen) @ Kirnberger

Ich kenne übrigens kein einziges altes Gemshorn/Spitzflöte/Spillpfeife/Nachthorn, das von Haus aus stark spucken würde...im Gegensatz zur Mode 1960-80.

Da fällt mir das Nachthorn 8' im Brustwerk der Trost-Orgel in Waltershausen ein, das klingt wie ein Quintatön.

Gruß, Florian

--
"Nicht alles, was tönt, ist auch Musik."
-Joseph Marx-

Gemshorn 8'

MichaelS ⌂ @, Brackenheim, Donnerstag, 17. November 2011, 12:32 (vor 5411 Tagen) @ BourdonCéleste

Also in Rauenberg (Göckel) haben wir damals auch eine etwas "gewagte" Hauptwerksbesetzung realisiert: Principal. Flute harmonique und Gemshorn 8´ als drittes, sich ganz leicht an die "Viola da Gamba" von Gottfried Silbermann anlehnend. Ein tolles Register geworden, vor allem zur Begleitung des Schwellwerksoboe bei einem lyrischen Solo...

Gemshorn 8'

stein @, Freitag, 18. November 2011, 06:16 (vor 5410 Tagen) @ MichaelS

vor einigen Wochen habe ich dieses Gemshorn in freier Natur auf der Friedhofsmauer entdeckt.
[image]
stein

Gemshorn 8'

elsenp, Freitag, 18. November 2011, 06:48 (vor 5410 Tagen) @ stein

vor einigen Wochen habe ich dieses Gemshorn in freier Natur auf der Friedhofsmauer entdeckt.
[image]
stein

Passt nicht in diesen Thread ("Gemshorn 8'").
Wie man doch deutlich sehen kann, handelt es ich hier um die Oktavvariante, das Gemshorn 4' !
Das 8-Fuss-Gemshorn ist in freilebender Wildbahn kaum anzutreffen.
;-)

Gruß vom Steinbock
Peter

Gemshorn 8'

Nokuhn, Freitag, 18. November 2011, 10:06 (vor 5410 Tagen) @ elsenp

Jetzt sind wir nahe am scheuen Waldmops.
Gruß nk

Gemshorn 8'

elsenp, Freitag, 18. November 2011, 10:20 (vor 5410 Tagen) @ Nokuhn

Jetzt sind wir nahe am scheuen Waldmops.
Gruß nk

Ja, wunderbar! Das passt dann zum scheuen Gemshorn, das durch die Pfeifenwälder des Deutschen Orgelbaus geistert...

Gruß
Peter

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