OT: Flügel in die Kirche!

Matthias Mück ⌂ @, Magdeburg, Freitag, 11. November 2011, 08:27 (vor 5419 Tagen) @ Florian-L
bearbeitet von Matthias Mück, Freitag, 11. November 2011, 08:35

Im Klavierbau gibt es schon gravierende Qualitätsunterschiede. Man bekommt immer die Qualität, die man bezahlt. Einen neuen "asiatischen" Flügel für ca. 8.000 € ?? (161 cm lang) Kann das was Vernünftiges sein ?

Welchen Grund gibt es, ein asiatisches Klavier zu kaufen?

Weil die Instrumente aus Fernost besser verarbeitet sind oder schöner klingen als die unserer heimischen Produzenten? ...wohl kaum....

Weil wir die asiatische Wirtschaft stützen wollen, um später unsere Rente aus Tokio, Seoul oder Peking zu bekommen? ...auch eher unwahrscheinlich....

Genau genommen gibt es nur einen einzigen Grund, diese Instrumente zu kaufen: Man möchte für relativ wenig Geld relativ viel Qualität kaufen. Dahinter steckt selbstverständlich die Annahme, dass in Anbetracht der vielen Stunden Handarbeit, die auch bei industrieller Herstellung eines Klavieres erforderlich sind, in einem Niedriglohnland eben diese Löhne niedrig ausfallen und den Kaufpreis senken.

Nach dieser Devise haben bereits vor 20 - 30 Jahren die Vorreiter in Asien -die Japaner- mit sauber verarbeiteten Instrumenten große Marktanteile erobert.(z.B. YAMAHA) Inzwischen hat sich die Situation grundlegend geändert. Das Lohnniveau in Japan hat deutsche Maßstäbe erreicht und damit sind die Preise für japanische Instrumente drastisch gestiegen. Der Preisvorteil durch konsequent rationalisierte Massenproduktion (nur der kleinere Teil der hergestellten Klaviere und Flügel gelangt in den Export, das Gros bleibt in Asien, da dort sehr fleißig musiziert wird) hebt sich durch die langen Überseetransportwege wieder auf. Gleichzeitig haben wir in Deutschland durch die Wiedervereinigung einige hochmotivierte Klavier- und Flügelhersteller in den neuen Bundesländern dazugewonnen, die heute -gut 10 Jahre nach der Wende- die gleiche erstklssige Qualität wie die übrigen deutschen Fabrikanten liefern, aber noch immer zu moderateren Preisen ( z. B. Rönisch). Damit gibt es heute deutsche Qualitätsklaviere auf dem Preislevel der japanischen Instrumente.

Parallel haben sich andere asiatische Länder zu starken Instrumentenherstellern entwickelt, allen voran Südkorea, wo die Entwicklungsphase stark verkürzt werden konnte durch Verwendung von deutschen Bauteilen und deutschem Know-How in den Konstruktionen (z. B. Hyundai oder Young Chang). Auch die Volksrepublik China ist mittlerweile ein sehr ernstzunehmender Lieferant von Klavieren in solider Verarbeitung (siehe August Hoffman). Aufgrund daraus resultierender sinkender japanischer Produktionsstückzahlen, weiter steigender Preise und sich dieser Situation durchaus bewußt haben japanische Hersteller die Produktion für preiswerte Einsteigerserien in andere asiatische Länder verlagert, vorzugsweise China oder Indonesien, weil dort die Löhne wahrscheinlich am längsten niedrig bleiben werden.

Für manchen Händler hat es sich als richtige Entscheidung erwiesen, asiatische Klaviere direkt von den Herstellern zu importieren, um Verteuerungen durch unnötigen Zwischenhandel und überflüssige Transporte auszuschließen. Aber es mag ein jeder Kaufinteressent für sich selbst entscheiden, ob er wegen eines inzwischen bekannten Markennamens bereit ist, für ein gleichwertiges Instrument tiefer in den Geldbeutel zu greifen. Das Argument hierfür ist häufig der höhere Wiederverkaufswert. Man sollte dabei nur nicht übersehen, dass man zuvor auch deutlich mehr bezahlt hat.


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