Das alte Lied...
Heute geriet mir aus reinem Zufall die Festschrift einer mittlerweile auch schon wieder einige Jahre alten Orgel in XY in die Hände (wer Ort und Orgelbauer errät, bekommt ein Fleißsternchen ;-). Da ist zu lesen, wie man sich trotz großer Finanzierungssorgen eine nagelneue Orgel habe leisten können, auf dem neuesten Stande der Technik, bestimmt für den Dienst an Gott und den Menschen als „Werk für Jahrhunderte“. Als Werk für Jahrhunderte? Die letzte Orgel hat gerade einmal 47 Jahre durchgehalten, ihre Vorgängerin inklusive Umbau wenigstens 83 Jahre. Das sind doch realistisch betrachtet recht übliche Lebensdauern für Orgeln, insbesondere für solche der letzten 150 Jahre. Und doch ist es ein allseits beliebter Brauch, in Festschriften und anderswo immer wieder auf die theoretisch unbegrenzte Lebensdauer einer (guten) Orgel hinzuweisen. Theoretisch, da liegt der Haken. Denn praktisch ändern sich die orgelbaulichen Moden viel zu rasch, als dass eine Orgel die Chance hätte, tatsächlich bis in alle Ewigkeit fortzubestehen. Angesehen davon, dass sich die Meinungen ändern, was eine gute Orgel ausmacht…
Doch weiter im Text. Da findet sich in der Festschrift auch ein Auszug aus dem Gutachten des Sachverständigen, der der bisherigen Orgel geradewegs das Todesurteil spricht: Die Windladen, ehemals mechanische Kegelladen von Schlimbach aus dem Jahre 1869 weisen „aufgrund gewisser physikalischer Gesetzmäßigkeiten erhebliche klangliche Nachteile gegenüber den sog. Schleifladen“ auf. Die elektropneumatische Spieltraktur „bewirkt eine Verzögerung und Ungleichmäßigkeit des Vorgangs [der Tongebung]. Ein genaues Spiel (Rhythmus, Tempo, Artikulation) wird somit unmöglich.“ Darüber hinaus ist die nicht-mechanische Tongebung ein „unter musikalisch-künstlerischem Aspekt ein völlig lebloser Vorgang, welcher keinen Einfluss auf die eigentliche Tonerzeigung gewährt.“ Schlussendlich bekommt dann auch noch das Pfeifenwerk sein Fett weg: das Nachkriegspfeifenwerk aus Zink erzeugt einen „harten, unschönen Klang“, den die „Ästhetik des Orgelklanges fast völlig ausschließt“.
Ergebnis des Gutachtens? Die Orgel von Anno 1952 verschwindet und mit ihr mutmaßlich auch Schlimbachsches Pfeifenwerk von 1869. An seine Stelle tritt ein piccobello Orgelwerk feinster Faktur von einer renommierten süddeutschen Firma, dem man seine Herkunft schon am Gesicht (lies: Prospekt) ansieht: „Ah, eine XY-Orgel!“ Dessen Disposition liest sich wie eine Mischung aus dernier crie und retrospektivem Raritätenzoo: 45 Register auf drei Manualen, davon zwei schwellbar. Inklusive Bombarde 32’ bei gerade einmal neun Pedalregistern. 2560facher Setzer mit Fernbedienung, mehrfach programmierbare Walze, Schwelltritte auch als Registerzüge, Notenpult mit Magnetleiste. Hinzu kommen Glockenspiel, Zimbelstern, Nachtigall und „Orage“. Und ach ja: die gedackten Pfeifen sind natürlich zugelötet!
Im Schwellwerk tummeln sich dann eine Trompette harmonique neben einer Harmonie aethera und eine Aeoline neben einer Flûte harmonique, im Positiv steht eine Blockflöte neben Cromorne und Salicional und die Labien der Prospektpfeifen sind aus mattiertem Edelstahl! Die sonst neuerdings achso beliebte leicht ungleichstufige Temperierung fehlt hier ausnahmsweise.
*seufz* Ich wünschte, so etwas wäre ein Einzelfall...
Das alte Lied...
Heute geriet mir aus reinem Zufall die Festschrift einer mittlerweile auch schon wieder einige Jahre alten Orgel in XY in die Hände (wer Ort und Orgelbauer errät, bekommt ein Fleißsternchen ;-).
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Aber bitte ein besonder schön glänzendes!
... ehemals mechanische Kegelladen von Schlimbach aus dem Jahre 1869
Es sind nur zwei Orgeln von Schlimbach aus dem Jahr 1869 bekannt.
... Die Orgel von Anno 1952 verschwindet und mit ihr mutmaßlich auch Schlimbachsches Pfeifenwerk von 1869.
Dieser Hinweis wiederum ist - nachdem man die beiden Schlimbach-Orgeln von 1869 eruiert hat - ein Kinderspiel, denn nur eine davon wurde 1952 durch einen Neubau ersetzt. Hier fehlt allerdings bislang der Hinweis, dass dies durch Paul Sattel geschah.
An seine Stelle tritt ein piccobello Orgelwerk feinster Faktur von einer renommierten süddeutschen Firma, dem man seine Herkunft schon am Gesicht (lies: Prospekt) ansieht: „Ah, eine XY-Orgel!“
Setze "XY" = "Vleugels"
Dessen Disposition liest sich wie eine Mischung aus dernier crie und retrospektivem Raritätenzoo: 45 Register auf drei Manualen, davon zwei schwellbar. Inklusive Bombarde 32’ bei gerade einmal neun Pedalregistern. 2560facher Setzer mit Fernbedienung, mehrfach programmierbare Walze, Schwelltritte auch als Registerzüge, Notenpult mit Magnetleiste. Hinzu kommen Glockenspiel, Zimbelstern, Nachtigall und „Orage“. Und ach ja: die gedackten Pfeifen sind natürlich zugelötet!
Im Schwellwerk tummeln sich dann eine Trompette harmonique neben einer Harmonie aethera und eine Aeoline neben einer Flûte harmonique, im Positiv steht eine Blockflöte neben Cromorne und Salicional und die Labien der Prospektpfeifen sind aus mattiertem Edelstahl! Die sonst neuerdings achso beliebte leicht ungleichstufige Temperierung fehlt hier ausnahmsweise.*seufz* Ich wünschte, so etwas wäre ein Einzelfall...
Nun, klar, dass wir uns über die "blaue Queen" von Schifferstadt unterhalten, in der St. Jakobus-Kirche. Aber mal ehrlich: Sie wirkt auf der Empore ja sehr mächtig, ist der Raum denn "groß genug" für 45 Register? 1869 taten es ja 24 Register, das Sattel'sche Werk hatte immerhin schon 38.
Sattel hat ja wohl ein Jahr später in einer anderen Schifferstädter Kirche (St. Laurenti) ein ähnlich großes Werk (35 Register) gebaut. Wie sieht es dort aus: auch "Gefahr im Verzug"?
Was war das für eine Werkstatt, die Paul Sattel in Speyer führte? Bei Weisel tauchen erste Orgeln 1935 auf, Paul Sattel verstarb 1960 und damit wohl auch die Werkstatt. Im Netz konnte ich nur sehr wenig herausfinden: Außer den Lebensdaten eigentlich nix...
Und hier werden auch nur zwei Orgeln von ihm genannt.
LG
Jörg
Das alte Lied...
Mist, da war einer einige Minuten schneller, jetzt bekommt Jörg das Fleisskärtchen.... Hatte extra nach Schlimbach, Bombarde 32' und 1999 gegoogelt und bekam das Programm des Orgelsommers 2009 geliefert...
Du bist halt besser als ich... seufz...
Neidloser Gruss
Thomas
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Thomas Haubrich
Das alte Lied...
So viel Spielzeug, aber ein "Positiv" ohne Mixtur. Jesses naa.
Das alte Lied...
Nun, klar, dass wir uns über die "blaue Queen" von Schifferstadt unterhalten, in der St. Jakobus-Kirche. Aber mal ehrlich: Sie wirkt auf der Empore ja sehr mächtig, ist der Raum denn "groß genug" für 45 Register? 1869 taten es ja 24 Register, das Sattel'sche Werk hatte immerhin schon 38.
... aus denen nicht viel herauskam! Ich habe auf dieser Orgel eine Reihe von (Fest-)Gottesdiensten begleitet (mit Orchestermesse, die der KMD "vorne" dirigierte, weshalb er jemanden "oben" an der Orgel brauchte) - ein Vergnügen war's nicht. Ein sehr schwächliches, eher ungünstig platziertes und völlig uninspirierendes Instrument, das IMHO zu Recht entfernt wurde.
Die Kirche ist nicht riesig, aber durchaus geräumig. 45 Register finde ich hier nicht übertrieben.
Die (wenigen) Sattel-Orgeln, die ich kennengelernt habe, waren eigentlich alle ziemlich langweilig und unbefriedigend. Demnächst vielleicht noch etwas mehr dazu.
Grüße aus der Pfalz,
perotin
Das alte Lied...
Ok, das Rätsel, das eigentlich keines sein sollte, sondern nur ein Anonymisierungsversuch, ist gelöst...
Worum es mir aber eigentlich geht (deshalb habe ich bewust auch keinerlei Namen genannt), ist die prinzipielle Frage nach der Verfahrensweise 1999:
1.) Wo ist das doch offenbar in der Orgel von 1952 noch großteils vorhandene Schlimbach-Pfeifenwerk abgeblieben? In der Festschrift dazu keine Silbe.
2.) Wie kann ein OSV noch 1999 dermaßen platt und pauschal sowohl über Kegelladen als auch über Zinkpfeifen urteilen? Seinerzeit sollte man es doch eigentlich längst besser gewusst haben und zu einem etwas differenzierteren Urteil kommen können, oder? So, wie es in der Festschrift abgedruck ist, liest sich das Gutachten für meinen Geschmack wie eines dieser berüchtigten "Gefälligkeitsgutachten", die die alte Orgel möglichst schlecht machen, um einen Neubau rechtfertigen zu können.
3.) Dies in Verbindung mit der in der Festschrift betonten schwierigen finanziellen Situation verleiht der Sache umso mehr ein "Gschmäckle".
Fabian
Das alte Lied...
"Kegelladen" und "Zinkpfeifen" dürften mittlerweile als Negativ-Argument ausgedient haben, dafür gibt es zu viele zu gute Bespiele wie es DOCH geht, egal ob Vergangenheit oder jüngste Gegenwart.
Eine ganz andere Sache wäre natürlich eine schlechte bzw. mangelhafte Verarbeitung derselben...
Gruss TH
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Thomas Haubrich