Keilbälge

hardy, Dienstag, 25. Januar 2011, 20:41 (vor 5695 Tagen)

Mal eine orgebautechnische Frage. Im 18. Jhdt. und früher wurden oft oder fast immer Keilbälge verbaut. In der Regel (man korrigiere mich) waren die Instrumente relativ windstößig. Später ging die Entwicklung weiter und man baute andere Systeme (Magazinbälge etc). Das Ziel war doch sicherlich, einen ruhigen Orgelwind zu erreichen. Für mich ist auch das das Ideal (ruhig, aber nicht starr). Hätten - eine hypothetische Frage, klar - die Barock-Orgelbauer nicht auch die Balgsysteme bevorzugt, die einen ruhigeren Wind abgeben als es Keilbälge tun? Ich kenne neuere Orgeln, die nach barockem Vorbild gebaut wurden und ganz schön windstößig sind, da sie wieder das alte Balgsystem haben. Das ist zwar konsequent, aber ist es hilfreich? Ich finde ausgeprägte Windstößigkeit eher störend.
Gruß, Hardy

Keilbälge

Friedrich @, Dienstag, 25. Januar 2011, 21:20 (vor 5695 Tagen) @ hardy

Mal eine orgebautechnische Frage. Im 18. Jhdt. und früher wurden oft oder fast immer Keilbälge verbaut. In der Regel (man korrigiere mich) waren die Instrumente relativ windstößig. Später ging die Entwicklung weiter und man baute andere Systeme (Magazinbälge etc). Das Ziel war doch sicherlich, einen ruhigen Orgelwind zu erreichen. Für mich ist auch das das Ideal (ruhig, aber nicht starr). Hätten - eine hypothetische Frage, klar - die Barock-Orgelbauer nicht auch die Balgsysteme bevorzugt, die einen ruhigeren Wind abgeben als es Keilbälge tun? Ich kenne neuere Orgeln, die nach barockem Vorbild gebaut wurden und ganz schön windstößig sind, da sie wieder das alte Balgsystem haben. Das ist zwar konsequent, aber ist es hilfreich? Ich finde ausgeprägte Windstößigkeit eher störend.
Gruß, Hardy

Keilbälge sind mechanisch einfach zu konstruieren, weil die Balgplatten verhältnismäßig starr miteinander verbunden sind. Nachteil: Der Winddruck verändert sich über die Reise der oberen Balgplatte hinweg. Schlaue Orgelbauer haben die untere Platte schräg gelagert, um den Balgwind so gut wie möglich auszunutzen.

Die starre Achse macht aber auch große Luftvolumina schwierig zu handhaben: mit dem Volumen wachsen Größe und Gewicht der Balgplatten sehr rasch, und je schwerer die Platte, desto träger ihre Reaktion auf Schwankungen; außerdem wird sie für den Kalkanten dann immer unbequemer zu handhaben. Die großen Kastenbälge werden ähnlich träge reagiert haben (bei denen kenne ich mich nicht aus). Eine Lösung bot die frei auf dem Wind schwimmende Balgplatte, doch auch die konnte bedrohlich ins Zittern kommen. Deswegen begrüßten die Orgelbauer und Organisten des 19. Jahrhunderts den Doppelfaltenbalg mit Balgschere von Cummings, der großes Volumen und ruhiges Absinken der Balgplatte kombinierte.

Windstößigkeit hat allerdings auch mit vielen anderen Variablen zu tun -- den Kanälen, Windkästen, Kanzellen und der Intonation und -- nicht zu vergessen -- den wechselnden Registriergewohnheiten.

Ich bilde mir ein, im Keilbalgwind einen gewissen "singenden" Ton zu hören, stärker als bei anders erzeugtem Wind. Deswegen leuchtet mir Woehls Viersener Idee ein, den Bass eines sinfonischen Manualwerks mit einem Doppelfaltenbalg-, den Diskant mit Keilbalgwind zu versorgen.

Gruß,
Friedrich

Keilbälge

schnitgers.anderer.erbe, Mittwoch, 26. Januar 2011, 06:38 (vor 5695 Tagen) @ Friedrich

Ich bilde mir ein, im Keilbalgwind einen gewissen "singenden" Ton zu hören, stärker als bei anders erzeugtem Wind. Deswegen leuchtet mir Woehls Viersener Idee ein, den Bass eines sinfonischen Manualwerks mit einem Doppelfaltenbalg-, den Diskant mit Keilbalgwind zu versorgen.

...klingt interessant. Wie "befüllt" er den Keilbalg? Per Aufzugssystem, oder ist der Keilbalg nur ein Reservoir gespeist aus einem Gebläse? (dann wäre die ganze Sache für mich unsinnig, weil der Wind dann dank Verwirbelungen genau so "unruhig" ist wie "sonst")

Nachtrag zu Keilbalgwind: Für mich ist es beim spielen auch immer interessant, dass dadurch ein gewisser "selbsterzieherischer" Effekt entsteht, was "windökonomisches" Spielen angeht, nicht nur in puncto Registrierungen, sondern eben auch das Spielen als solches betreffend (Art des herausgehens aus der Taste, sukzessives Anschlagen einzelner Akkordtöne, Repetitionsformen usw.). Verhält sich im Grunde ähnlich wie mit stärker ungleichstufigen Temperierungen, die auch unglaublich erzieherisch wirken, wenn man beim Spielen die Ohren offen hat...(was ja leider kein Allgemeingut ist).

Keilbälge

Friedrich @, Mittwoch, 26. Januar 2011, 08:42 (vor 5695 Tagen) @ schnitgers.anderer.erbe

...klingt interessant. Wie "befüllt" er den Keilbalg? Per Aufzugssystem, oder ist der Keilbalg nur ein Reservoir gespeist aus einem Gebläse? (dann wäre die ganze Sache für mich unsinnig, weil der Wind dann dank Verwirbelungen genau so "unruhig" ist wie "sonst")

Das habe ich mich auch schon gefragt, eben weil Keilbälge als Windmagazine keinen merklichen Vorteil gegenüber Schwimmerbälgen haben. Ich weiß es nicht. Der Viersener Sound ist jedenfalls schön, ruhig und strahlend. Es gibt ja auch Windberuhiger. Flentrop z. B. soll eine Konstruktion aus einem Bündel dünner Röhren benutzen, die in den Hauptkanal eingebaut wird und angeblich die Motorverwirbelung effizient dämpft.

Gruß,
Friedrich

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