Orgel-Tour Mosel-Luxemburg Oktober 2011 - Teil 2: Mertert

untersatz32 ⌂ @, Amriswil, Mittwoch, 02. November 2011, 11:18 (vor 5423 Tagen)
bearbeitet von untersatz32, Mittwoch, 02. November 2011, 15:34

Als nächstes konnte ich mir die Orgel im luxemburgischen Moselort Mertert anschauen: dazu fuhren wir pittoresk genau 2 Minuten mit der interessanten kleinen Moselfähre in Oberbillig/Wasserbillig.

Anschliessend in den Ort Mertert - es lohnt sich übrigens, wenn man dort schon Orgeln anschaut, auch zu tanken und sich mit luxemburgischer Schokolade und Kaffee einzudecken - Diesel ganze 20 Cent weniger in Luxemburg!!! Oioioioi...

Also: Mertert/Lux.
[image]
Eine wahrhafte "Haupt"-Orgel...
Ursprünglich in 1859 von den Gebr. Breidenfeld für die Vorgängerkirche einmanualig erbaut (einige Register sind noch in der heutigen Orgel erhalten) und 1886 in der neuen Kirche aufgestellt, im Jahre 1949 dann von der Firma Haupt aus Lintgen mit 15 Registern/II.Manualen technisch neu erbaut - pneumatisch - (mit Material von 1859).

1989 durch Herbert Schmid (ebenfalls Lintgen) renoviert und erweitert, sowie von Pneumatik auf elektropneumatische Kegelladen umgebaut, um die Präzision und Zuverlässigkeit zu verbessern. Mit Erfolg: damit konnte man 20 Jahre zufrieden sein.

2008 stand die nächste Renovation/Ueberarbeitung durch die Firma Thomas Gaida an: man entschied sich, die Orgel um 3 Register zu erweitern (grosse Soloflöte, Trompetenreihe 16 8 4, und den "Muselbass" (luxemburgisch für Moselbass....).

Im Laufe der Arbeiten stellte sich heraus, dass eine totale Erneuerung der maroden Spieltischtechnik von 1949/89 unumgänglich wurde, so ersetzte man den alten Spieltisch durch einen Neuen, Modernen mit allen Möglichkeiten, und bewahrt seitdem den alten Spieltisch auf der Empore seitlich als Museumsstück auf.

Somit wurde gleichzeitig eine Vielzahl an Möglichkeiten geschaffen, den vorhandenen, auf elektropneumatischen Kegelladen befindlichen Klangbestand noch besser auszunutzen:

Die - nun ungewöhnliche (Extensionen/Transmissionen) - aber höchst vielseitige Disposition lautet seit 2008:

I.Manual Hauptwerk:
Bourdon 16
Principal 8
Holzflöte 8
Gedackt 8
Salicional 8
Octave 4
Traversflöte 4
Principal 2
Mixtur IV 2
Krummhorn 8
Trompete 16, 8 und 4

II. Manual Schwellwerk:
Stillgedackt 8
Viola di Gamba 8
Vox coelestis 8
Flöte 4
Quinte 2 2/3
Blockflöte 2
Terz 1 3/5
Scharff III 1
Tuba mirabilis 8

Koppelregister/Extensionen/Auxilliarie an Schwellwerk (II):
Lieblich Gedackt 8
Hornprincipal 8
Holzflöte 8
Bourdon 8
Principal 4
Traversflöte 4
Piccolo 2
Trompete 16, 8 und 4
-Tremulant


III. Manual: Solowerk: Auxilliarie
Lieblich Gedackt 8
Hornprincipal 8
Marienflöte 8
Bourdon 8
Principal 4
Traversflöte 4
Piccolo 2
Trompete 16, 8 und 4

Pedalwerk:
Muselbass 32' (akustische Schaltung aus 16', 10 2/3' und 6 2/5'-Reihe)
Subbass 16
Zartgedackt 16
Octavbass 8
Holzflöte 8
Violoncello 8
Gedacktbass 8
Choralbass 4
Bassflöte 4
Principalflöte 2
Soloflöte 2
Pedalmixtur 4
Posaune 16
Trompete 8
Trompete 4
Singendcornet 2

[image]
Mein Eindruck:
Natürlich kann oder könnte man den vielen Extensionen und Quernutzungen diverser Register kritisch gegenüberstehen: in Amerika ist das allerdings scheins kein Thema.
Bei einer Schleifladenorgel: undenkbar, klar.
Bei einer sowieso elektropneumatischen Kegelladenorgel mit einem (organisch) gewachsenen Zustand von 1859 (nur einige Register), 1949 (Prospekt und 15 Register), 1989 (weitere Register), der Rest von 2008 im - allerdings deutlich romantischem Klanggewand: WARUM NICHT?

Breidenfeld-Haupt-Schmid-Gaida-Orgel...
Nach einer kurzen Eingewöhnungszeit am Spieltisch fand ich die Orgel klanglich einfach nur noch hinreissend und vielseitig, mit schönen Einzelregistern, herrlichen Streichern und Flöten und einem mächtigen Grand-Choeur.
[image]
Wenn man will, nutzt man das Instrument als vielseitige "brave" Dorforgel, wenn man sich noch auf die zusätzlichen Möglichkeiten der Orgel einlässt, als veritable Konzertorgel mit schon (fast) kathedralhaften Möglichkeiten (z.B. gekoppelte Plena gegen eine Solozunge 16/8/4 als cantus firmus etc.). Dies ginge natürlich bei einem normalen reinen "Standard-Schema" nicht - nichts gegen eine Standard-Disposition, aber schliesslich findet man so was ja dann folglich auch landauf-landab.

Schön und gut - Mein ganz persönliches Fazit: mit den vorhandenen Mitteln in einer Dorfkirche das Optimum herausgeholt, ohne den gewachsenen elektro-pneumatischen Zustand zu zerstören. Eher logisch-symphonisch weiterentwickelt.

Die Merterter sind übrigens sehr glücklich mit ihrer kleinen Kathedralorgel, sowohl der Organist wie auch das Kirchenvolk, einschliesslich Marienflöte und Muselbass: Halleluja...!

Aber: hier gilt auch wieder meine Empfehlung: selber hinfahren, spielen, hören UND DANN meckern oder jubeln...!

Fortsetzung folgt - to be continued...

--
Thomas Haubrich

Orgel-Tour Mosel-Luxemburg Oktober 2011 - Teil 2: Mertert

Friedrich @, Mittwoch, 02. November 2011, 11:35 (vor 5423 Tagen) @ untersatz32

Natürlich kann oder könnte man den vielen Extensionen und Quernutzungen diverser Register kritisch gegenüberstehen: in Amerika ist das allerdings scheins kein Thema.

Doch, ist es. Wenn in einer größeren oder auch prominenteren Orgel Extensionen eingesetzt werden, dann wird das in der Fachwelt diskutiert. Auch amerikanische Organisten wissen, dass eine dreifach ausgezogene Trompetenreihe nur eingeschränkt als Zungenensemble brauchbar ist, weswegen man dort solche Ensembles oft mit zwei Reihen findet: 8' und Extensionsreihe 16'/4'.

Auch wenn der amerikanische Orgelbau im letzten Jahrhundert die Möglichkeiten der elektrischen Traktur bis ins Groteske ausgebeutet hat, besteht dort seit mindestens dreißig Jahren ein wachsendes Bewusstsein für Qualitätsorgelbau und das, was ihn ausmacht. Immerhin war es eine der entscheidenden Neuerungen schon G. Donald Harrisons (Æolian-Skinner) gegenüber Ernest M. Skinner, dass er seine Pedale am liebsten "straight" anlegte, also ohne Oktavextensionen oder Transmissionen. Und Harrison war bis zu seinem Tod Marktführer, trotz Apothekenpreisen.

Die Monsterorgel von Atlantic City ist zwar auch ein Extensionsmonster, aber eine komplette (und riesenhafte) Orgel ist sie auch ohne die ganzen Luxus-Extra-Exotik-Schaltungen.

Gruß,
Friedrich

Orgel-Tour Mosel-Luxemburg Oktober 2011 - Teil 2: Mertert

untersatz32 ⌂ @, Amriswil, Mittwoch, 02. November 2011, 11:46 (vor 5423 Tagen) @ Friedrich

weswegen man dort solche Ensembles oft mit zwei Reihen findet: 8' und Extensionsreihe 16'/4'.

DAS ist natürlich schlau und auch eine Lösung!

Der Vorteil an der Spietisch-Anordnung in Mertert besteht ja darin, dass man die Orgel auch "ganz normal" ohne Extensionen nutzen kann.

Ich würde aber gerne Mäuschen spielen, wer's dann auch konsequent macht, oder wer nicht die Finger von den ganzen anderen Möglichkeiten lassen kann.

Zur Klarstellung:

Natürlich mag ich genauso 'ne schöne vollmechanische Metzlerin oder Auberteuse, aber das "Andere" mag ich halt auch, auch wenn ich dafür in die Orgelhölle kommen sollte...

(@Wolfgang/Frans S. und 10 2/3?: WIE hiess nochmal die Orgel-Höllenfirma, die auch Autos, Immobilien, Reisen etc. neben Orgeln verscherbelte und die Höllenorgel baute....?)

Gruss Thomas

--
Thomas Haubrich

Orgel-Tour Mosel-Luxemburg Oktober 2011 - Teil 2: Mertert

elsenp, Mittwoch, 02. November 2011, 12:05 (vor 5423 Tagen) @ untersatz32

(@Wolfgang/Frans S. und 10 2/3?: WIE hiess nochmal die Orgel-Höllenfirma, die auch Autos, Immobilien, Reisen etc. neben Orgeln verscherbelte und die Höllenorgel baute....?)

Vielleicht diese Höllenorgel?

Orgel-Tour Mosel-Luxemburg Oktober 2011 - Teil 2: Mertert

untersatz32 ⌂ @, Amriswil, Mittwoch, 02. November 2011, 12:10 (vor 5423 Tagen) @ elsenp

...Uiiiiii: DIE hat wirklich Feuer, auch im Grand-Jeu....

Ich frag mich nur, ob die Pfeifen nach so einem Feuerkonzert nicht schmelzen...

Danke: den Link kannte ich noch nicht....!!!!

--
Thomas Haubrich

Orgel-Tour Mosel-Luxemburg Oktober 2011 - Teil 2: Mertert

elsenp, Mittwoch, 02. November 2011, 12:19 (vor 5423 Tagen) @ untersatz32

Ich frag mich nur, ob die Pfeifen nach so einem Feuerkonzert nicht schmelzen...

Ich wüsste eine ganze Menge Pfeifen, denen man diesen Feuertod nur wünschen könnte...

Orgel-Tour Mosel-Luxemburg Oktober 2011 - Teil 2: Mertert

untersatz32 ⌂ @, Amriswil, Mittwoch, 02. November 2011, 12:42 (vor 5423 Tagen) @ elsenp

Oha, menschliche Pfeifen oder pfeifliche Pfeifen???

Aber so manch geschicktes Restauratoren- oder Intonateurs-Händchen hat schon so manches aus einer alten Pfeife wieder herausgeholt...

Aber manchmal ist auch Einschmelzen besser, hehe......

--
Thomas Haubrich

Orgel-Tour Mosel-Luxemburg Oktober 2011 - Teil 2: Mertert

elsenp, Mittwoch, 02. November 2011, 12:53 (vor 5423 Tagen) @ untersatz32

Ich meinte die Pfeifen, die auch Thomas Gaida nicht mehr zum klingen bringt.

Orgel-Tour Mosel-Luxemburg Oktober 2011 - Teil 2: Mertert

untersatz32 ⌂ @, Amriswil, Mittwoch, 02. November 2011, 12:56 (vor 5423 Tagen) @ elsenp

Ha! DAS Stichwort...

DIE kann man wirklich einschmelzen, oder hübsch an die Wand hängen, oder als Geld-Sammel-Ständer für den Orgelförderverein nutzen, oder an Kinder nach der Orgelvorführung schenken, oder mit Wein füllen, oder als CD-Ständer umarbeiten....

Hast Recht...!

--
Thomas Haubrich

Orgel-Tour Mosel-Luxemburg Oktober 2011 - Teil 2: Mertert

elsenp, Mittwoch, 02. November 2011, 13:04 (vor 5423 Tagen) @ untersatz32

DIE kann man wirklich einschmelzen, oder hübsch an die Wand hängen, oder als Geld-Sammel-Ständer für den Orgelförderverein nutzen, oder an Kinder nach der Orgelvorführung schenken, oder mit Wein füllen, oder als CD-Ständer umarbeiten....

Hast Recht...!

Lieber eingeschmolzen, als SO verunstaltet...

Orgel-Tour Mosel-Luxemburg Oktober 2011 - Teil 2: Mertert

untersatz32 ⌂ @, Amriswil, Mittwoch, 02. November 2011, 13:09 (vor 5423 Tagen) @ elsenp

Ach, so schlecht find' ich die gar nicht designmässig... Gibt nur nicht VIEL Licht und scheint mir nicht ganz so billig...

Dann vielleicht lieber IKEA-Lampe "Orgel"...

--
Thomas Haubrich

Orgel-Tour Mosel-Luxemburg Oktober 2011 - Teil 2: Mertert

elsenp, Mittwoch, 02. November 2011, 13:12 (vor 5423 Tagen) @ untersatz32


Danke: den Link kannte ich noch nicht....!!!!

Es gibt auch noch diesen Link.

Obwohl, bei meinem heutigen Abendgottesdienst, könnte ich mir das ganze schon spektakulär vorstellen zum "Dies irae" ... (Katholiken haben nun mal ein Herz für die große Show) ;-)

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