Orgelkonzert Luisenkirche Berlin

Friedrich @, Montag, 31. Oktober 2011, 10:04 (vor 5426 Tagen)

Liebe Forenser,

gestern habe ich es mit terminlichem Hängen und Würgen – Schienenersatzverkehr auf der U6, grr – geschafft, ein Orgelkonzert von Gerhard Oppelt in der Luisenkirche in Berlin-Charlottenburg anzuhören.

Die Luisenkirche ist, seit einem Schinkel-Umbau 1823/26, ein klassizistischer Saalbau mit Gemeindeempore auf drei Seiten, nicht sehr hoch und mit flachem Altarabschluss, die Ausstattung stammt teils aus den Fünfzigern, teils von einem Umbau aus den 1980er-Jahren. Um den vorgeschobenen Altar herum ist viel Platz, eine schöne Konzertkirche, auch akustisch: Die Musiker sind nahe am Publikum, von Kammermusik bis Oratorium dürfte alles drin sein; die Grenze dürfte vielleicht mit Honegger oder Martin erreicht sein. Auf der Empore steht eine Walcker-Orgel von 1967, die 1989 von Schuke (Potsdam) überarbeitet wurde.

Hauptwerk
Pommer 16', Prinzipal 8', Gemshorn 8', Oktave 4', Rohrflöte 4', Hohlflöte 2', Mixtur V–VI, Trompete 8'

Schwellwerk
Gedackt 8', Violflöte 8' (Schwebung), Prinzipal 4', Nachthorn 4', Nasat 2 2/3', Oktävlein 2', Terz 1 3/5', Sifflöte 1', Scharff IV, Holzkrummhorn 8', Tremulant

Pedal
Untersatz 16', Oktaveflöte 8', Oktave 4', Rauschpfeife IV, Posaune 16', Trompete 8'

II/I, I/P (auch als Tritt), II/P
vier freie Kombinationen (Hebelchen), Druckknöpfe mit Auslöser, Tutti (?), Handregister (?)

Außerdem hatte Oppelt zwei weitere Kleininstrumente im Altarraum aufgestellt: ein wunderschönes, klangvolles Regal mit zwei Keilbälgen für Handbetrieb und ein spezielles Truhenpositiv: Tastatur vor der Schmalseite, darunter Windlade in Tastaturteilung, dahinter Raum für ein Gebläse und die großen Holzpfeifen von 8' und 4'. Ein Ausgleichs-Keilbalg bildet den Deckel. 8' und 4' klingen milde und füllig, der 2' sehr brillant.

Oppelt bot den dritten Teil der »Clavier-Übung« mit den Katechismus-Chorälen: Präludium, »Zehn Gebot'«, »Wir gläuben«, Duette I + II, »Vater unser«, »Christ, unser Herr zum Jordan kam«, »Jesus Christus, unser Heiland«, Fuge. Die Luther-Choräle erklangen jeweils in dreierlei Gestalt: in den Manualiter- und Pedaliter-Fassungen und gesungen von einer Kinder-Schola.

Oppelt spielte sehr lebhaft in Tempo und Artikulation, besonders an der großen Orgel, die kräftig, glänzend und vielfältig ausintoniert klingt; laut Oppelt seit der Umintonation durch Schuke. Besonders war das zu hören im großen »Vater-unser«-Choral: Wer wollte, konnte jede Stimme des grandiosen Doppelkanons wunderbar verfolgen; alle sangen und waren lebendig durchgestaltet. Die Zungen der Hauptorgel klingen herrlich differenziert und sind jederzeit auseinanderzuhalten, man hört ihnen gerne auch länger zu, so in »Christ unser Herr«, wo der Jordan im Stil eines »basse de trompette« wogte und der C. f. von einer Pedalzunge kam, wohl der Posaune. Der Glanz kommt aus den Registern über 2': ein helles HW-Plenum und eines vom SW, das im besten Sinn »scharf und penetrant« klingt. Die beiden Kleinorgeln konnte man in den Manualiter-Fassungen erleben, sehr präsent und doch kammermusikalisch. Das Regal klang in der »Wir-gläuben«-Fughetta zum Klauen schön.

Hinterher habe ich kurz mit Oppelt gesprochen und musste leider hören, dass die klanglich schöne Hauptorgel innerlich zerfalle, auch die Metallpfeifen, und schon aufgegeben sei. Geplant ist ein ehrgeiziges Vier-Orgeln-Projekt mit drei kleineren historisierenden Stilorgeln auf der Empore und einer großen Orgel in der – dann zu öffnenden – Nische hinter dem Altar. Angesichts des vielfältigen Musiklebens der Luisenkirche kann man nur Glück und reiche Spenden wünschen – und gelegentlich ein wenig wehmütig den immer noch schönen Klängen der Hauptorgel lauschen.

Gruß,
Friedrich


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