Woehl-Orgel in Marburg
Interessanterweise machte sie auf mich einen ausgesprochen frischen Eindruck, vor allem in Vergleich zu Instrumenten anderer Orgelbauer aus dieser Zeit, die nun schon ersetzt oder zumindest aufwendig renoviert werden müssen.<
Auch mir ging es ähnlich, als ich vor ein paar Jahren Gelegenheit hatte, diese Orgel kurz kennen zu lernen. Es passiert einem nicht oft, dass man von der Lebendigkeit und Frische der Klänge, den vielfältigen, stets überraschenden Facetten eines Instruments sofort gefesselt wird. Hier war es der Fall, und ich kann den positiven Eindruck nur bestätigen.
In der Folgezeit wurden zwei Register ausgetauscht.<
Hier die ursprüngliche Disposition:
Die Gegenüberstellung mit der heutigen Disposition zeigt, dass vornehmlich im Oberwerk und im Pedal noch weitere Veränderungen hin zu mehr Grundregistern vorgenommen worden sind, die dem Instrument eine größere stilistische Breite gegeben haben.
OBERWERK I. Manual C-g3
Winddruck 63 mm
Bourdon 8' ab e0 mit Röhren
Prestant 4'
Sesquialter 2fach 2 2/3
Oktave 2’
Larigot 1 1/3'
Scharff 4-6fach ½’
Krummhorn 8'
(Tremulant)
HAUPTWERK II. Manual C-g3
Winddruck 60 mm
Bourdon 16' ab c0
Prinzipal 8'
Schwebung 8' ab c1
Oktave 4'
Flöte 4'
Quinte 2 2/3'
Oktave 2'
Quinte 1 1/3'
Oktave 1'
Mixtur 4fach 2/3'
Vox humana 8'
BRUSTWERK III. Manual C-g3
Winddruck 55 mm
Gedackt 8' C-dis0 Holz
Rohrflöte 4',
Nasard 2 2/3'
Flageolet 2'
Terz 1 3/5'
Sifflöte 1’
BOMBARDWERK IV. Manual C-g3
Winddruck 63 mm
Cornett 5fach 8' ab c1
span. Trompete 4' Baß
span. Trompete 8' Diskant (ab cis1)
Trompete 8’
Trompete 4'
PEDAL C.f1
Winddruck 55 mm
Subbaß 16'
Prinzipal 8’
Oktave 4'
Nachthorn 2'
Mixtur 6fach 2 2/3'
Posaune 16'
Koppeln: I/II; III/II; IV/II; I/P; II/P: III/P; IV/P
(Die Disposition habe ich einem Bericht in Ars Organi vom Februar 1977 aus der Feder des kürzlich verstorbenen Dr. H. J. Busch entnommen.)
H. J. Busch urteilte damals über das Instrument:
„Landläufigen Vorstellungen versagt sich diese Orgel in verschiedener Hinsicht.
Romantischer Literatur ist sie durch das Fehlen des Schwellwerks nur teilweise
offen, auch für manche Werke des norddeutschen Barock scheint sie weniger ge-
eignet. Dies wird jedoch durch die Bereitstellung authentischer Farben für die alt-
französische, altspanische und altitalienische Musik wettgemacht.
Zu bedenken ist, daß bei der verhältnismäßig kleinen Zahl von 34 Registern stets
manche Wünsche offen bleiben müssen. Diese Orgel wurde zudem bewußt als
Alternative zu den anderen in Marburg schon vorhandenen großen Orgeln konzi-
piert, welche die hier vermißten Möglichkeiten bereitstellen und an denen Musik des
norddeutschen Barock, Johann Sebastian Bachs und der Romantik reichlich gepflegt
wird. Die Orgel der Kugelkirche hat ihre Hauptaufgabe innerhalb einer reich ent-
wickelten Liturgie, in der u. a. auch die Versettenpraxis wiederbelebt wurde, und
wo deshalb auch die klassische Orgelmusik des katholischen Raumes naturgemäß
eine hervorragende Rolle spielt.“
Ich erinnere mich noch gut an mein eigenes Erstaunen über diese ungewöhnliche Disposition, als ich damals (1977) diesen Bericht las, und an meine Zweifel, ob man wohl mit dieser Orgel etwas Sinnvolles anfangen könne. In der Begegnung mit diesem ungewöhnlichen Instrument sind mir nunmehr seine Qualitäten deutlich geworden, und es bestätigt sich wieder einmal die Binsenweisheit, dass man von einer Disposition auf dem Papier nicht auf die tatsächlichen Qualitäten eines Instrumentes schließen kann.
Dem damaligen Artikel war die folgende Grafik beigefügt: ![[image]](images/uploaded/201110131832004e972ea0a3401.jpg)
Grüße von
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