Woehl-Orgel in Marburg
Es folgt ein absolut subjektiver Eindruck:
In den letzten Jahren habe ich fast alle größeren Woehl-Orgeln spielen oder hören können (Viersen, Freidrichshafen, Bad Homburg, Leipzig, Hildesheim, München, Cuxhaven), jetzt hatte ich endlich die Gelegenheit, die erste größere Woehl-Orgel kennenzulernen. Sie wurde 1976 in der Kirche St. Johannes Evangelist in Marburg (genannt "Kugelkirche") erbaut. In der Folgezeit wurden zwei Register ausgetauscht. Interessanterweise machte sie auf mich einen ausgesprochen frischen Eindruck, vor allem in Vergleich zu Instrumenten anderer Orgelbauer aus dieser Zeit, die nun schon ersetzt oder zumindest aufwendig renoviert werden müssen.
![[image]](images/uploaded/201110121931104e95eafe52834.jpg)
Ein Photo in besserer Auflösung gibt es hier.
Ich war positiv überrascht von der Vielseitigkeit des Instruments. Die Disposition mit den Anmerkungen habe ich von der Orgel-Seite des Bistums Fulda (Link) übertragen:
I. Manual (Oberwerk): C–g'''
Rohrflöte 8' (aus Metall, ab c' mit Röhrchen)
Gambe 8'
Unda maris 8'
Prinzipal 4'
Traversflöte 4'
Oktave 2'
Larigot 1 1/3'
Sesquialter 2 2/3' (2-fach)
Scharf 1' (4- bis 6-fach)
Krummhorn 8'
Tremulant OW
II. Manual (Hauptwerk): C–g'''
Bourdon 16' (aus Metall)
Prinzipal 8'
Schwebung Disk. 8' (ab c', Prinzipalschwebung)
Oktave 4'
Flöte 4' (aus Metall, offen, weite Mensur)
Quinte 2 2/3'
Oktave 2'
Quinte 1 1/3'
Oktave 1'
Mixtur 2/3' (4-fach) *
Vox humana 8' (französische Bauart nach Dom Bedos)
Tremulant HW
III. Manual (Brustwerk): C–g'''
Gedackt 8' (C–dis° Holz, ab e° Metall)
Rohrflöte 4' (Röhrchen ab E)
Nasard 2 2/3' (als Rohrflöte C–h° , ab c' offen)
Flageolet 2'
Terz 1 3/5'
Sifflöte 1'
IV. Manual (Bombardwerk) : C – g'''
Cornet 8' (5-fach, ab c' hochgebänkt)
Trompete Bass 4' (Chamade) bis c'
Trompete Disk 8' (Chamade) ab cis'
Trompete 8' (steht innen im Gehäuse)
Trompete 4' (steht innen im Gehäuse)
Pedal (Pedalwerk): C–f'
Subbass 16'
Prinzipal 8'
Oktave 4'
Mixtur 2 2/3' (6-fach)
Posaune 16' Kehlen, Stiefel und Becher aus Holz
Trompete 8' Kehlen aus Messing, Stiefel aus Holz, Becher aus Metall;
Koppeln
I - II
III - II
IV - II
I - P
II - P
III - P
IV – P
Sperrventil II. Manual (Hauptwerk)
Sperrventil Pedal
Mechanische Spieltraktur
Mechanische Registertraktur
Am auffälligsten sind die Zungenstimmen, die sehr prägnant und stilecht tönen. Das Cromorne passt genau zum Cornet, mit dem 8' im Pedal lassen sich die alt-französischen Trios wunderbar realisieren. Die beiden Trompeten des Bombardewerks, die nicht im Prospekt stehen, bieten zusammen mit Cornet und Grundstimmen des Hauptwerks ein schönes Grand-Jeu, dazu passt die profunde Posaune im Pedal. Koppelt man die Zungen ins Pedal und spielt dazu das 16'-Mixturenplenum des Hauptwerks (z. B. im Kyrie der Couperin-Messe) ist der Klang aber ungewohnt hell: Die HW-Mixtur liegt doch arg hoch für den französischen Plein-Jeu-Effekt. Die einzeln registrierbaren Aliquote im HW machen aber viel Freude, um verschiedene Plena zu mischen, was nicht nur für italienische, sondern auch für deutsche Barockmusik hilfreich ist. Schade, dass so etwas woanders kaum möglich ist. Auch die Prinzipalschwebung klingt recht authentisch. Allerdings ist der einzige Prinzipal 8' aus meiner Sicht mit den vielen Funktionen, die er erfüllen muss, überfordert: Er ist das einzige Begleitregister im HW (wobei der Bordun 16', eine Oktave höher gespielt, auch sehr brauchbar ist), er soll das ganze Plenum tragen und zugleich so weit wie ein italienischer Prinzipal klingen. In Spanien findet man bei Barockorgeln oft auch nur einen einzigen 8' (Flautando), der ziemlich weit ist.
Die beiden 4'-Flöten (HW und OW) sind in Marburg sehr charakteristisch und öffnen den Klang zur Romantik hin. Übrigens ist mir die historische Temperierung der Orgel kaum aufgefallen, sie ist auch bei vielen Vorzeichen noch praktikabel. Die Gambe im OW ist barock intoniert, die dazugehörige Schwebung stimmungsvoll, aber ohne Schwelltüren ein bisschen "vergeblich".
Das Brustwerk bietet nette Möglichkeiten zum Begleiten von Instrumentalisten und Registern der anderen Werke, außerdem bietet es ein Echo-Cornet für französische Musik. Beim Improvisieren ist es aber aufgrund der direkten Klangausstrahlung wenig inspirierend.
Die ganze Orgel besitzt nur einen einzigen labialen 16': den Subbass (die tiefe Oktave ist mit dem Bordun des HW verbunden). Da Woehl hier noch keine 16'-Koppel eingebaut hat, ist der Gesamtklang ziemlich hell. Das Pedal bietet nur die wichtigsten Register, wobei der 8' bei leisen Stellen zu laut, bei anderen zu leise ist. Genial fand ich die Pedalmixtur, die tatsächlich ohne Koppeln funktioniert und dem Pedal im Plenum so viel Helligkeit verleiht, dass es in polyphonen Stücken sehr klar durchscheint.
![[image]](images/uploaded/201110122002534e95f26d9f081.jpg)
Die Traktur ist leichtgängig und präzise. Auch wenn alle Manuale aneinandergekoppelt sind, lässt sich noch differenziert artikulieren.
Ich bin selten von einer Orgel so inspiriert worden, einfach draufloszuspielen und Registermischungen zu entdecken. Es geht erstaunlich viel auf dieser Orgel! Im Tutti ist die Orgel nicht zu laut, vor allem nicht aggressiv brüllend. Allerdings ist es schon "viel" Orgel für den kleinen Kirchenraum, der auf den Photos viel größer scheint, als er in Wirklichkeit ist. Wenn man die Entwicklung des Orgelbauers Woehl in den nachfolgenden Instrumenten weiterverfolgt, merkt man natürlich große Veränderungen. Nachdem ich jetzt endlich die erste Orgel dieser Reihe erlebt habe, finde ich es in manchen Details fast schade, dass man davon in den neueren Orgeln nicht mehr so viel wiederfindet.
Ganz nebenbei: Ich konnte auch die ziemlich neue Klais-Orgel in der Marburger St. Elisabeth-Kirche hören. Ich war erstaunt, wie weich und homogen dieses Instrument klingt. Wenn man nun eine Klais-Orgel von 1976 hört, merkt man auch bei dieser Firma eine extreme Weiterentwicklung...
![[image]](images/uploaded/201110131832004e972ea0a3401.jpg)