Woehl-Orgel in Marburg

Orlos, Mittwoch, 12. Oktober 2011, 20:06 (vor 5444 Tagen)

Es folgt ein absolut subjektiver Eindruck:
In den letzten Jahren habe ich fast alle größeren Woehl-Orgeln spielen oder hören können (Viersen, Freidrichshafen, Bad Homburg, Leipzig, Hildesheim, München, Cuxhaven), jetzt hatte ich endlich die Gelegenheit, die erste größere Woehl-Orgel kennenzulernen. Sie wurde 1976 in der Kirche St. Johannes Evangelist in Marburg (genannt "Kugelkirche") erbaut. In der Folgezeit wurden zwei Register ausgetauscht. Interessanterweise machte sie auf mich einen ausgesprochen frischen Eindruck, vor allem in Vergleich zu Instrumenten anderer Orgelbauer aus dieser Zeit, die nun schon ersetzt oder zumindest aufwendig renoviert werden müssen.
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Ein Photo in besserer Auflösung gibt es hier.
Ich war positiv überrascht von der Vielseitigkeit des Instruments. Die Disposition mit den Anmerkungen habe ich von der Orgel-Seite des Bistums Fulda (Link) übertragen:
I. Manual (Oberwerk): C–g'''
Rohrflöte 8' (aus Metall, ab c' mit Röhrchen)
Gambe 8'
Unda maris 8'
Prinzipal 4'
Traversflöte 4'
Oktave 2'
Larigot 1 1/3'
Sesquialter 2 2/3' (2-fach)
Scharf 1' (4- bis 6-fach)
Krummhorn 8'
Tremulant OW

II. Manual (Hauptwerk): C–g'''
Bourdon 16' (aus Metall)
Prinzipal 8'
Schwebung Disk. 8' (ab c', Prinzipalschwebung)
Oktave 4'
Flöte 4' (aus Metall, offen, weite Mensur)
Quinte 2 2/3'
Oktave 2'
Quinte 1 1/3'
Oktave 1'
Mixtur 2/3' (4-fach) *
Vox humana 8' (französische Bauart nach Dom Bedos)
Tremulant HW

III. Manual (Brustwerk): C–g'''
Gedackt 8' (C–dis° Holz, ab e° Metall)
Rohrflöte 4' (Röhrchen ab E)
Nasard 2 2/3' (als Rohrflöte C–h° , ab c' offen)
Flageolet 2'
Terz 1 3/5'
Sifflöte 1'

IV. Manual (Bombardwerk) : C – g'''
Cornet 8' (5-fach, ab c' hochgebänkt)
Trompete Bass 4' (Chamade) bis c'
Trompete Disk 8' (Chamade) ab cis'
Trompete 8' (steht innen im Gehäuse)
Trompete 4' (steht innen im Gehäuse)

Pedal (Pedalwerk): C–f'
Subbass 16'
Prinzipal 8'
Oktave 4'
Mixtur 2 2/3' (6-fach)
Posaune 16' Kehlen, Stiefel und Becher aus Holz
Trompete 8' Kehlen aus Messing, Stiefel aus Holz, Becher aus Metall;
Koppeln
I - II
III - II
IV - II
I - P
II - P
III - P
IV – P
Sperrventil II. Manual (Hauptwerk)
Sperrventil Pedal
Mechanische Spieltraktur
Mechanische Registertraktur

Am auffälligsten sind die Zungenstimmen, die sehr prägnant und stilecht tönen. Das Cromorne passt genau zum Cornet, mit dem 8' im Pedal lassen sich die alt-französischen Trios wunderbar realisieren. Die beiden Trompeten des Bombardewerks, die nicht im Prospekt stehen, bieten zusammen mit Cornet und Grundstimmen des Hauptwerks ein schönes Grand-Jeu, dazu passt die profunde Posaune im Pedal. Koppelt man die Zungen ins Pedal und spielt dazu das 16'-Mixturenplenum des Hauptwerks (z. B. im Kyrie der Couperin-Messe) ist der Klang aber ungewohnt hell: Die HW-Mixtur liegt doch arg hoch für den französischen Plein-Jeu-Effekt. Die einzeln registrierbaren Aliquote im HW machen aber viel Freude, um verschiedene Plena zu mischen, was nicht nur für italienische, sondern auch für deutsche Barockmusik hilfreich ist. Schade, dass so etwas woanders kaum möglich ist. Auch die Prinzipalschwebung klingt recht authentisch. Allerdings ist der einzige Prinzipal 8' aus meiner Sicht mit den vielen Funktionen, die er erfüllen muss, überfordert: Er ist das einzige Begleitregister im HW (wobei der Bordun 16', eine Oktave höher gespielt, auch sehr brauchbar ist), er soll das ganze Plenum tragen und zugleich so weit wie ein italienischer Prinzipal klingen. In Spanien findet man bei Barockorgeln oft auch nur einen einzigen 8' (Flautando), der ziemlich weit ist.
Die beiden 4'-Flöten (HW und OW) sind in Marburg sehr charakteristisch und öffnen den Klang zur Romantik hin. Übrigens ist mir die historische Temperierung der Orgel kaum aufgefallen, sie ist auch bei vielen Vorzeichen noch praktikabel. Die Gambe im OW ist barock intoniert, die dazugehörige Schwebung stimmungsvoll, aber ohne Schwelltüren ein bisschen "vergeblich".
Das Brustwerk bietet nette Möglichkeiten zum Begleiten von Instrumentalisten und Registern der anderen Werke, außerdem bietet es ein Echo-Cornet für französische Musik. Beim Improvisieren ist es aber aufgrund der direkten Klangausstrahlung wenig inspirierend.
Die ganze Orgel besitzt nur einen einzigen labialen 16': den Subbass (die tiefe Oktave ist mit dem Bordun des HW verbunden). Da Woehl hier noch keine 16'-Koppel eingebaut hat, ist der Gesamtklang ziemlich hell. Das Pedal bietet nur die wichtigsten Register, wobei der 8' bei leisen Stellen zu laut, bei anderen zu leise ist. Genial fand ich die Pedalmixtur, die tatsächlich ohne Koppeln funktioniert und dem Pedal im Plenum so viel Helligkeit verleiht, dass es in polyphonen Stücken sehr klar durchscheint.
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Die Traktur ist leichtgängig und präzise. Auch wenn alle Manuale aneinandergekoppelt sind, lässt sich noch differenziert artikulieren.
Ich bin selten von einer Orgel so inspiriert worden, einfach draufloszuspielen und Registermischungen zu entdecken. Es geht erstaunlich viel auf dieser Orgel! Im Tutti ist die Orgel nicht zu laut, vor allem nicht aggressiv brüllend. Allerdings ist es schon "viel" Orgel für den kleinen Kirchenraum, der auf den Photos viel größer scheint, als er in Wirklichkeit ist. Wenn man die Entwicklung des Orgelbauers Woehl in den nachfolgenden Instrumenten weiterverfolgt, merkt man natürlich große Veränderungen. Nachdem ich jetzt endlich die erste Orgel dieser Reihe erlebt habe, finde ich es in manchen Details fast schade, dass man davon in den neueren Orgeln nicht mehr so viel wiederfindet.

Ganz nebenbei: Ich konnte auch die ziemlich neue Klais-Orgel in der Marburger St. Elisabeth-Kirche hören. Ich war erstaunt, wie weich und homogen dieses Instrument klingt. Wenn man nun eine Klais-Orgel von 1976 hört, merkt man auch bei dieser Firma eine extreme Weiterentwicklung...

Woehl-Orgel in Marburg

Tastenhalter @, Donnerstag, 13. Oktober 2011, 18:36 (vor 5443 Tagen) @ Orlos

Interessanterweise machte sie auf mich einen ausgesprochen frischen Eindruck, vor allem in Vergleich zu Instrumenten anderer Orgelbauer aus dieser Zeit, die nun schon ersetzt oder zumindest aufwendig renoviert werden müssen.<

Auch mir ging es ähnlich, als ich vor ein paar Jahren Gelegenheit hatte, diese Orgel kurz kennen zu lernen. Es passiert einem nicht oft, dass man von der Lebendigkeit und Frische der Klänge, den vielfältigen, stets überraschenden Facetten eines Instruments sofort gefesselt wird. Hier war es der Fall, und ich kann den positiven Eindruck nur bestätigen.

In der Folgezeit wurden zwei Register ausgetauscht.<

Hier die ursprüngliche Disposition:
Die Gegenüberstellung mit der heutigen Disposition zeigt, dass vornehmlich im Oberwerk und im Pedal noch weitere Veränderungen hin zu mehr Grundregistern vorgenommen worden sind, die dem Instrument eine größere stilistische Breite gegeben haben.

OBERWERK I. Manual C-g3
Winddruck 63 mm
Bourdon 8' ab e0 mit Röhren
Prestant 4'
Sesquialter 2fach 2 2/3
Oktave 2’
Larigot 1 1/3'
Scharff 4-6fach ½’
Krummhorn 8'
(Tremulant)

HAUPTWERK II. Manual C-g3
Winddruck 60 mm
Bourdon 16' ab c0
Prinzipal 8'
Schwebung 8' ab c1
Oktave 4'
Flöte 4'
Quinte 2 2/3'
Oktave 2'
Quinte 1 1/3'
Oktave 1'
Mixtur 4fach 2/3'
Vox humana 8'

BRUSTWERK III. Manual C-g3
Winddruck 55 mm
Gedackt 8' C-dis0 Holz
Rohrflöte 4',
Nasard 2 2/3'
Flageolet 2'
Terz 1 3/5'
Sifflöte 1’


BOMBARDWERK IV. Manual C-g3
Winddruck 63 mm
Cornett 5fach 8' ab c1
span. Trompete 4' Baß
span. Trompete 8' Diskant (ab cis1)
Trompete 8’
Trompete 4'

PEDAL C.f1
Winddruck 55 mm
Subbaß 16'
Prinzipal 8’
Oktave 4'
Nachthorn 2'
Mixtur 6fach 2 2/3'
Posaune 16'

Koppeln: I/II; III/II; IV/II; I/P; II/P: III/P; IV/P

(Die Disposition habe ich einem Bericht in Ars Organi vom Februar 1977 aus der Feder des kürzlich verstorbenen Dr. H. J. Busch entnommen.)

H. J. Busch urteilte damals über das Instrument:

„Landläufigen Vorstellungen versagt sich diese Orgel in verschiedener Hinsicht.
Romantischer Literatur ist sie durch das Fehlen des Schwellwerks nur teilweise
offen, auch für manche Werke des norddeutschen Barock scheint sie weniger ge-
eignet. Dies wird jedoch durch die Bereitstellung authentischer Farben für die alt-
französische, altspanische und altitalienische Musik wettgemacht.
Zu bedenken ist, daß bei der verhältnismäßig kleinen Zahl von 34 Registern stets
manche Wünsche offen bleiben müssen. Diese Orgel wurde zudem bewußt als
Alternative zu den anderen in Marburg schon vorhandenen großen Orgeln konzi-
piert, welche die hier vermißten Möglichkeiten bereitstellen und an denen Musik des
norddeutschen Barock, Johann Sebastian Bachs und der Romantik reichlich gepflegt
wird. Die Orgel der Kugelkirche hat ihre Hauptaufgabe innerhalb einer reich ent-
wickelten Liturgie, in der u. a. auch die Versettenpraxis wiederbelebt wurde, und
wo deshalb auch die klassische Orgelmusik des katholischen Raumes naturgemäß
eine hervorragende Rolle spielt.“

Ich erinnere mich noch gut an mein eigenes Erstaunen über diese ungewöhnliche Disposition, als ich damals (1977) diesen Bericht las, und an meine Zweifel, ob man wohl mit dieser Orgel etwas Sinnvolles anfangen könne. In der Begegnung mit diesem ungewöhnlichen Instrument sind mir nunmehr seine Qualitäten deutlich geworden, und es bestätigt sich wieder einmal die Binsenweisheit, dass man von einer Disposition auf dem Papier nicht auf die tatsächlichen Qualitäten eines Instrumentes schließen kann.

Dem damaligen Artikel war die folgende Grafik beigefügt: [image]

Grüße von
Tastenhalter

Woehl-Orgel in Marburg

Orlos, Donnerstag, 13. Oktober 2011, 23:30 (vor 5443 Tagen) @ Tastenhalter

Herzlichen Dank für die weiteren Informationen.
Warum man auf der Orgel nicht gescheit Bach spielen können soll, erschließt sich mir allerdings überhaupt nicht, gerade Polyphonie geht doch sehr gut auf diesem Instrument.
Auf der Heimfahrt kam mir gleich die Frage in den Sinn, ob man diese Orgel heute noch einmal so bauen würde. Natürlich fallen einem da sofort einige Punkte ein, die man anders machen würde. Aber damit würde das Konzept doch stark verändert. Ich bin froh, dass es eine solche Orgel gibt, die einfach anders ist und trotzdem brauchbar - und extrem viel Spaß macht!

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