Okko Herlyn und Konrad Paul, Stephanuskirche, D-Wersten

Clemens Schäfer @, Düsseldorf, Mittwoch, 12. Oktober 2011, 16:17 (vor 5446 Tagen)
bearbeitet von Clemens Schäfer, Donnerstag, 13. Oktober 2011, 10:30

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Hallo Forum,

“Waren Sie schon einmal in einem evangelischen Gottesdienst?” fragte Okko Herlyn die Besucher der (evang.) Stephanuskirche in D-Wersten. Unsicheres Lächeln. Was mochte da kommen? Aber dann legte Herlyn los. “Wir sammeln Bananenkisten bei Aldi und bauen daraus vor dem Altar eine Klagemauer.”

Kabarett und Orgel hieß das Programm am 05.10. am besagten Ort. Herlyn, eigentlich Theologieprofesser und zuvor auch Pfarrer, wußte, wovon er sprach, und er nahm moderne Gottesdienst- und Verkündigungsformen gekonnt auf die Schippe. Mitunter wurde man an Hans Dieter Hüsch erinnert.

Bitterböse der “christlicheRausschmiss”: Wir wollen uns keineswegs 100%tig von Ihnen trennen. Im Gottesdienst sind Sie selbstverständlich weiter gerne gesehen. Und bei der Haussammlung für die Caritas brauchen wir Sie dringend. Und unsere Kantorin würde ungern auf Ihren Tenor verzichten...Aber Sie haben ja Verständnis für unsere Lage: - Frau Müller!, die Papiere für Herrn Schauerte bitte!”

Ebenso an die Nieren gehend die Passage “Es gibt keine Kriege mehr”. Klar, das ist jetzt waffengestützte Entwicklungshilfe mit robustem Mandat.

Versöhnlicher, weil auf die kleinen menschlichen Schwächen zielend, “Die Chorprobe”: Einsingen: “Magda möchte morgens manchmal Marmorkuchen machen” Ständig von Organisatorischem unterbrochen. Vereinsleben at its best. “Aber nicht alle Bienenstich mitbringen, sonst ertrinken wir wieder darin.”

Der “protestantische Lebenslauf” endet mit einem Referat des Verstorbenen vor der Himmelstür über die Bergpredigt. Immer ähnlicher wird der Text dem Evangelium - und der Herr schläft ein. - Eindrucksvoll.

Nun wäre das keine Veranstaltung des 6.ido gewesen, wenn nicht auch die Orgel eine Rolle gespielt hätte: Konrad Paul aus Oberhausen klammerte die kabarettistischen Beiträge mit C-Dur BWV 547 ein. Als Zwischenspiele dienten Scheidts Choralphantasie “Wir glauben all’ an einen Gott”, Bachs “Allein Gott in der Höh’ sei Ehr’ (aus dem III. Theil...), Ebens “Prolog aus dem Zyklus Faust” (nach dem Rausschmiss), Alains “Premiere Fantaisie” (nach ”keine Kriege” sehr passend!), Frohbergers Fantasie über Ut-Re-Mi-Fa-So-la (nach der Chorprobe!). Die Stücke kamen allesamt sehr präzise und ausgefeilt. Und die Auswahl überzeugte. Das war perfekt abgestimmt.

Ein höchst anregender, nachdenklich stiimmender Abend, zu dem leider nur eine ganz kleine Schaar gefunden hatte.

Gruß Clemens Schäfer

PS. OT: Tags zuvor hatte ich im hiesigen “Museum Kunstpalast” die Ausstellung “Weltklasse - Die Düsseldorfer Malerschule 1819-1918” gesehen. Die Schau gibt einen famosen Überblick über diese Epoche der Malerei von den Nazarenern bis zum Beginn der Impressionisten (von Cornelius über Schadow, Schirmer, Lessing, Achenbach, Rethel, Sohn, Deger, ...bis zu von Wille, Liesegang, Bloos, Clarenbach etc.). Auch das oben gezeigte Bild von Louis Ammy Blanc gehört dazu. Komisch, daß die bestens gekleidete junge Dame in eine Ruine zur Kirche schreitet - symbolisch zu verstehen? Also ganz modern? (Ausstellung bis 22.01.2012, Haltestelle U-Bahn Tonhalle/Ehrenhof)

PS. teils OT: Am 07.10. fand in der Tonhalle die Uraufführung der Kopernikus-Symphonie von Oskar Gottlieb Blarr statt. Geschrieben für großes Orchester (auch Bassflöte und andere seltene Orchesterinstrumente sind dabei), Alt (Krahe), Bariton (Jarnot), Chor und Jugendchor sowie Orgel. Vertont sind überwiegend lateinische Texte, aber auch Deutsches (Gryphius) und Polnisches. Die Orgel tritt als Begleiterin der Chore in Erscheinung und hat am Schluß noch ein kleines Solo (Frank Volke). Blarr wußte um die Schwachheit des Tonhalle-Instruments und läßt das Orchester derweil klug schweigen. Im übrigen ist die Begleitung der Chöre oft den Holzbläsern und dem Schlagwerk (7 Schlagzeuger) übertragen. Das erinnert nicht selten an Orff. Der rüstige Komponist (80), weiland Kantor der Neanderkirche und Erfinder der Sommerlichen Orgelkonzerte dortselbst, nahm den großen Beifall bescheiden entgegen. - Vor der Pause hatte es Mahlers Lieder eines fahrenden Gesellen (Jarnot) und Prokofjews erstes Klavierkonzert (Tokarev) gegeben. Dirigent war Lukasz Borowicz.

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Forte heißt nicht laut sondern kräftig,
Piano nicht schwach sondern leise!
(Arthur Rubinstein)

Okko Herlyn und Konrad Paul, Stephanuskirche, D-Wersten

fluteceleste @, München, Mittwoch, 12. Oktober 2011, 16:40 (vor 5446 Tagen) @ Clemens Schäfer

Vielen Dank für den hochinteressanten Bericht, hoffentlich gibt es mal eine Tournee mit diesem Duo. Das war nach der ganzen "Organistenzwirndiskussion" wirklich eine Wohltat zu lesen..
meint
Stefan

Okko Herlyn und Konrad Paul, Stephanuskirche, D-Wersten

Reinhard Kluth ⌂ @, Tübingen, Mittwoch, 12. Oktober 2011, 20:00 (vor 5446 Tagen) @ Clemens Schäfer

....und vor allem auch Danke für den Bericht über die Symphonie von Oskar Gottlieb Blarr. Ich habe das leider leider total verschwitzt. War bestimmt ein gutes Werk?
Lb. Gruß von Reinhard Kluth

Okko Herlyn und Konrad Paul, Stephanuskirche, D-Wersten

Tastenhalter @, Donnerstag, 13. Oktober 2011, 05:55 (vor 5445 Tagen) @ Clemens Schäfer


Der rüstige Komponist ((O.G.Blarr))(80), weiland Kantor der Neanderkirche und Erfinder der Sommerlichen Orgelkonzerte dortselbst, nahm den großen Beifall bescheiden entgegen. <

Hoppla - es ist O. G. Blarr zu wünschen, dass er die 80 einmal erreicht, aber bis dahin hat er noch 3 Jahre Zeit, er ist nämlich Jahrgang 1934. Nix für ungut.

Gruß Tastenhalter

Okko Herlyn und Konrad Paul, Stephanuskirche, D-Wersten

Clemens Schäfer @, Düsseldorf, Donnerstag, 13. Oktober 2011, 10:25 (vor 5445 Tagen) @ Tastenhalter

Oh, die Jahre wollte ich ihm gewiß nicht nehmen! Aber in OTON, dem offiziellen Programm der Tonhalle, steht eine 80 in Klammern hinter dem Namen. Nun habe ich gegoogelt und weiß auch, daß das nicht stimmt. Tut mir leid!

Gruß Clemens Schäfer

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Forte heißt nicht laut sondern kräftig,
Piano nicht schwach sondern leise!
(Arthur Rubinstein)

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