Akustik und Chorklang

Cembalino, Montag, 03. Oktober 2011, 22:12 (vor 5454 Tagen)

Liebe Orgelkollegen,
ich weiß nicht ob es ins Orgelforum reinpasst, ich würde aber gerne mal das Thema Akustik und Chorklang aufwerfen.
Als Chorleiter und Organist (bin Lajenmusiker) habe ich mit unterschiedlichen Chören zusammengearbeitet und dabei ganz interessante Beobachtungen gemacht.

Hier ein paar Erfahrungen bzw. Gedanken:

Chor in meiner Heimatgemeinde: probt immer in einem kleinen Probelokal, Wände sind größtenteils mit Holz verkleidet, praktisch kein Nachhall, nach 1 ½ Stunden Probe sind die SängerInnen stimmlich total müde, weil sie dauernd forciert singen; es fällt auf, dass dieses forcierte Singen auch in der Kirche zum Teil stark spürbar ist.

Chor in einer anderen Pfarrgemeinde, in der ich als Organist immer wieder aushelfe: Es handelt sich um ein high tech-Probelokal, das ein Vermögen gekostet hat und von einem Akustik-Fachmann „professionell“ eingerichtet wurde. Als Chorleiter kann man zwar jede einzelne Stimme leicht raushören bzw. falsche Noten werden leicht identifiziert; mir fällt aber auf, dass die SängerInnen hier relativ schnell müde werden, und vor allem, das Singen ist hier kein schönes Erlebnis, sondern hört sich oft nach Schwerarbeit an. Es kommt einfach kein homogener Klang zusammen, dies gilt besonders für etwas anspruchsvollere Stücke.

Meine Frau arbeitet als Stimmtrainerin: sie macht auch immer wieder die Erfahrung, dass zumindest bei uns in Südtirol viele Probelokale einen zu niedrigen Nachhall aufweisen; daher macht sie das Stimmtraining oft im Gang oder in der Vorhalle vor dem Probelokal, weil dort die „hallige“ Akustik sich positiv auf die Stimmgebung auswirkt.

Unserer Meinung nach wird bei der Akustik der Probelokale für den Chor oft eine viel zu trockene Atmosphäre geschaffen, so dass viele ChorsängerInnen stimmlich einfach Probleme bekommen und dies sich auch negativ auf den guten Chorklang auswirkt.
Am besten habe ich die Räume erlebt, bei denen technisch am wenigsten Firlefanz eingesetzt wird, wo möglichst wenig Holz und Vorhänge eingesetzt werden. Für genügend Dämpfung sorgen meist ja die anwesenden SängerInnen selbst.

Wie sind eure Erfahrungen diesbezüglich und wie geht ihr damit um, wenn ein Probelokal akkustisch zu trocken ist?
Ist es sinnvoll, an die Decke des Probelokals z.B. Reflektoren anzubringen, um den Nachhall wieder auf ein erträgliches Maß zu erhöhen? Hat jemand so was schon mal gemacht?

Beste Grüße
Cembalino

Akustik und Chorklang

orgelquaeler, Südwestdeutschland, Mittwoch, 05. Oktober 2011, 10:31 (vor 5453 Tagen) @ Cembalino

Hallo Cembalino!

Hast du mal den Chor anders platziert? Geeignete Räume natürlich vorausgesetzt. Es gibt nach meiner Erfahrung Räume, da kannst du schreien, hörst dich selbst aber fast nicht, da kaum etwas reflektiert wird. Wenn du zu Hause Standlautsprecher haben solltes, kannst du das auch gut ausprobieren, wie je nach Platzierung sich der Klang und der Höreindruck verändert.
Das der Chor nach 2 h Probe müde wirkt, kann auch an anderen Faktoren hängen, die du beeinflussen kannst ;-)
Ich habe selbst leider wenig Chorleitererfahrung, aber habe da und als Chorsänger gemerkt, dass man als Chorleiter unentwegt Dynamik einfordern muss, ansonsten zu forciert gesungen wird (macht ja manchmal auch Spass).

Viele Grüße

OQ

Akustik und Chorklang

orgelquaeler, Südwestdeutschland, Mittwoch, 05. Oktober 2011, 10:34 (vor 5453 Tagen) @ orgelquaeler

Nachtrag:

Mit die schöneste Schubert-Messe habe ich vor vielen Jahren in Feldthurns gehört. Ein kleiner Männerchor sang beim Sanctus wirklich mal piano, um dann dass forte voll auszukosten.

OQ

Akustik und Chorklang

Cembalino, Mittwoch, 05. Oktober 2011, 12:56 (vor 5453 Tagen) @ orgelquaeler

Eine Änderung der Aufstellung des Chores kann manchmal hilfreich sein, in einem akkustisch trockenen Raum bringt das oft nicht viel. Durch die Art und Weise, wie man mit dem Chor arbeitet, kann man sehr viel erreichen. Mein Ziel als Chorleiter ist es, dass in einer Probe neben der notewendigen Knochenarbeit auch immer wieder Momente des gemeinsamen klanglichen Erlebens sein müssen, und Voraussetzung dafür ist einfach eine geeignete Akustik. Wenn mir die vielen Obertöne geschluckt werden, geht viel von einem homogenen Klang verloren, bzw. die SängerInnen versuchen durch forciertes Singen einen Ausgleich zu finden.
Mich würde vor allem auch interessieren, ob jemand schon mal bei einem Probelokal im Nachhinein den Nachhall verlängert und so die Akustik auf die Bedürfnisse eines Chores angepasst hat.

Dankeschön für die Hinweise
Cembalino

Akustik und Chorklang

orgelquaeler, Südwestdeutschland, Donnerstag, 06. Oktober 2011, 11:50 (vor 5452 Tagen) @ Cembalino

Hallo!

Generell ist ja klar, alles was schall schlucken könnte raus aus dem Raum. Wie schaut denn das Probenlokal aus?

Teppichfußboden?
Vorhänge?
Abgehängte Decke? Wenn ja, was für ein Material?
Deckenhöhe?

Fragen über Fragen

Grüße

OQ

Akustik und Chorklang

Subkoppel II - I @, Donnerstag, 06. Oktober 2011, 17:10 (vor 5452 Tagen) @ Cembalino

Ich kann mir schlecht vorstellen wie es möglich sein soll ein "Probenlokal" akustisch umzubauen.
Nach 30 Jahren aktivem Chorgesang habe ich so manchen Probenraum erlebt (der Name sagt es ja schon: Probenlokal = Hinterzimmer einer Kneipe mit Klavier), der natürlich nicht nur zum Singen genutzt wird, sondern für alle möglichen Veranstaltungen. Der Pächter einer Gastwirtschaft hat andere Dinge im Kopf als einen "Probenraum" für viel Geld umzubauen.
Warum probt ihr nicht an den Orten der Aufführung, sprich Kirchen oder Gemeindesälen?

Gruß,
Subkoppel II - I

Akustik und Chorklang

Cembalino, Montag, 10. Oktober 2011, 20:54 (vor 5447 Tagen) @ orgelquaeler

Das ist ja das Problem:
das Probelokal wurde vor ca. 2 Jahren neu eingerichtet. Ich hatte da mit dem Chor leider noch nicht zusammengearbeitet und konnte auf die Planung und Ausführung der Arbeiten am Lokal nicht Einfluss nehmen. Die Decke besteht aus einer Art Gips- oder Ethernit-Platten, die Wände sind aus Holz; sowohl Decke als auch Wände weisen ganz viele kleine Einbohrungen auf, die den Schall zu stark abdämpfen. Ich merke, wie viele feine Obertöne, die ich in anderen Räumen oft sehr deutlich wahrnehmen kann, hier nicht oder kaum hörbar sind.
Ich muss auch sagen, dass ich in der Chorarbeit immer viel am Klang arbeite, weil ich einfach merke, dass dann das Chorsingen sich noch mehr auf der emotionalen Ebene bewegt und mehr Spaß macht. Dafür braucht es aber geeignete akustische Voraussetzungen.
Die Proben in die Kirche oder in einem anderen Raum zu verlegen ist organisatorisch zum Teil sehr umständlich, wird aber ab und zu notwendig werden.

Beste Grüße
Cembalino

powered by my little forum