Stephen Tharp im Dom zu Speyer
Hallo allerseits,
nun habe ich auch die neue Speyerer Hauptorgel gehört: Konzert mit Stephen Tharp (USA). Die Besucherzahl dürfte bei 170 bis 200 gelegen haben, darunter übrigens einige von weiter weg angereiste professionelle Organisten bzw. bekannte Figuren der deutschen Orgelszene. - Bei "nur" 200 Hörern (nicht wirklich viel für diesen Raum) wird die Akustik weit näher bei der des leeren Raumes gelegen haben als bei der der stark besuchten Einweihungsfeierlichkeiten.
Die hintersten Sitzreihen waren aus einem mir nicht bekannten Grund irgendwie gesperrt, jedenfalls saß dort kaum jemand. Ich saß dann zuerst etwa in der Mitte der Hauptschiff-Bänke. Rasch wurde klar, daß die Orgel dort sehr laut sein kann, keineswegs jedoch im Sinne von "schrill" - zu scharf fand ich den Klang eigentlich an keiner Stelle des Konzertes. Es waren vor allem diverse Grund- und Baßstimmen, die oft sehr voluminös und druckvoll ertönten. Der Speyerer Dom ist im tieffrequenten Bereich eben leicht anzuregen und zu "füllen", da braucht's eigentlich gar nicht so viel Pegel. Vermutlich hätte der Interpret hier oft schlanker und sparsamer registrieren können (bzw. sollen). Aber vom Spieltisch aus wird sich vieles auch ganz anders angehört haben, und gerade Gastorganisten haben halt meist nur eine sehr begrenzte Zeit für die Vorbereitung am jeweiligen Instrument. Selbst die Hausorganisten werden hier wohl einige Zeit brauchen, bis sie verläßlich einschätzen können, wie bestimmte Registrierungen "unten ankommen".
(Entgegen ursprünglicher Planungen gibt es bis auf weiteres nur den Spieltisch "in" der Orgel. Die Chororgel ist von dort aus ebenfalls anspielbar.)
Die Orgel hat zweifellos eine große Menge an Farben und Differenzierungsmöglichkeiten zu bieten. An der künstlerischen Qualität der Intonation ist IMHO nicht ernsthaft zu zweifeln. Es gibt sehr intensive, aber auch dezente und ätherische Klänge. (An der Zungen- und sonstigen Stimmung war übrigens bei diesem Konzert kaum etwas zu bemäkeln.)
Trotz des mitunter enormen Klangvolumens kann die neue Orgel gut "zeichnen". Das hängt auch damit zusammen, daß der tiefenbetonte Nachhall des Doms trotz seiner Länge von ca. 12 s nicht extrem verunklarend wirkt. Im Hinblick auf die Deutlichkeit schneidet manche andere Kirche schlechter ab, auch wenn der Hall nicht so lang ist. Bei Hörplätzen, die sehr weit von der Orgel entfernt sind und/oder keinen Direktschall mehr abbekommen (Querhaus...) ist natürlich irgendwann Sense.
Recht schnell war zu bemerken, daß mit Stephen Tharp ein echter Könner am Instrument saß. Er spielte:
George C. Baker (*1951), Variations on the hymn-tune "Rouen" (2010)
in memoriam Jehan Alain
- Auftragskomposition von S. Tharp -
Guilmant, 8. Orgelsonate A-Dur
Alain, Trois Danses (1940)
George Baker hat hier ein abwechslungsreiches, weithin originelles Werk geschrieben. Einige Variationen sind virtuos angelegt. Deutlich zu vernehmen war das Thema von Alains "Litanies", auch in Verbindung mit dem gregorianischen "Ubi caritas".
Von Guilmant habe ich noch nicht viel gehört, was mich - als Komposition - vollauf überzeugt hätte. Auch die 8. Sonate, ein groß angelegtes Konzertstück, hinterließ einen eher gemischten Eindruck. Davon abgesehen, wurde es mir allmählich doch zu viel mit dem Schalldruck, weshalb ich zu Beginn des 3. Satzes (Scherzo) nach vorne ging und mich in die dritte Bank setzte. Da klang es dann schon manierlicher, bei immer noch recht guter Durchhörbarkeit. (Insofern nehme ich die kürzlich genannte Empfehlung "hinteres Drittel" bis auf weiteres lieber zurück. Es ist jetzt eben eine völlig andere Orgel.) Bis zum Schluß des Konzertes blieb ich dort vorne.
Der Höhepunkt des Abends war für mich Tharps suggestive, farbige und klanglich differenzierte Darstellung der "Trois danses". Er erhielt herzlichen, recht langen Applaus. Auf eine Zugabe verzichtete er - aber das muß ja auch nicht sein...
Die Lautstärkeempfindung hängt, von den Registrierungen mal abgesehen, in einem solchen Raum natürlich stark vom Hörplatz ab. Und die Orgel braucht "Reserven" für Gottesdienste usw. mit sehr zahlreichem Publikum. Insofern betrachtet meinen Bericht bitte nur als einen ersten, zwangsläufig unvollständigen Eindruck.
Vielleicht(!) wird man sich irgendwann entschließen, den einen oder anderen 16' oder 8' ein wenig leiser zu machen. Bis dahin müssen die Organisten eben besonders wählerisch registrieren. Es ist wohl ein bißchen wie mit einem sehr PS-starken Auto, an das man sich auch erst mal gewöhnen muß...
Am 22.10. wird Markus Eichenlaub ein reines Liszt-Programm spielen, genau zum 200. Geburtstag Liszts.
Am 30.10. kommt dann Patrick Delabre aus Chartres (Partnerstadt Speyers seit 1959) mit Alain, Vierne, Dupré.
Am 27.11. schließlich Altmeister Guy Bovet mit seinen 13 "Tangos Ecclesiasticos". Da bin ich gespannt.
Viele Grüße vom Oberrhein,
perotin
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