Katastrophenstimmung um eine Wagner-Orgel. Ein Aufruf

Klingelzug, Dienstag, 27. September 2011, 16:21 (vor 5459 Tagen) @ keilbalg

Nun will ich mal versuchen, die Diskussion mit einer Darstellung der Geschehnisse zu versachlichen, auf daß sich zumindest jeder ein Bild für sich machen kann.
Die Orgel, um die es geht, wurde 1744 von Joachim Wagner erbaut. Es war damals ein seitenspieliges Instrument mit insgesamt neun Registern (Principal 4‘, Gedackt 8‘, Rohrflöte 4‘, Cornett, Nasat 3‘, Octave 2‘, Quinte 1 ½‘, Mixtur, Trompete 8‘), wobei Cornett und Trompete nur im Diskant vorhanden waren, Octave 2‘, Quinte 1 ½‘ und mixtur waren mit geteilten Schleifen Baß/Diskant ausgestattet. Als Spielerei war die Trompete mit zwei Trompetenengeln auf dem Prospektgehäuse verbunden, bei Ziehen der Trompete hoben die Trompetenengel ihre Instrumente. Außerdem gab es einen Zimbelstern, der dessen Äußeren folgend als Sonne bezeichnet wurde. Der Tonumfang war, wie damals üblich C,D – c³. Mit einigen notwendigen Reparaturen stand die Orgel so bis zum Umbau der Kirche 1853. Wobei unklar ist, ob die Orgel damals in der Emporenbrüstung oder unmittelbar dahinter gestanden hat. Damals wurde die Orgel abgebaut, die Empore vergrößert. Im Zuge dessen wurde auch die Orgel umgebaut. Die Orgel wurde an die Rückwand der Kirche gerückt, bekam dafür ein neues Untergehäuse und eine komplett neue Technik, also frontspieliger Spielschrank, neue Manualklaviatur mit Cs, neue Manubrien und, das wichtigste, neue Technik im Inneren, also neue Tontraktur und neue Registratur. In diesem Zug wurde die Schleifenteilung stillgelegt, der Zimbelstern stillgelegt und die Trompete ausgebaut, außerdem wurde die Quinte 1 ½‘ durch einen Salicional 8‘ ersetzt. So spielte die Orgel weiter bis 1909, dann erfolgte die nächste Veränderung: Mixtur raus, dafür Principal 8‘ rein (jetzt standen ganz hinten auf der Lade Salicional und Principal 8‘ und weil der Principal 8‘ nicht komplett auf die Lade passte, wurde die große Okatve auf den Stimmgang gestellt – die Orgel hat nur einen einzigen seitlichen Zugang. Außerdem wurde das Werk um ein pneumatisch traktiertes Pedal ergänzt, der Subbaß mit scheußlich engen Mensuren, wofür es mit der noch immer recht annehmbaren funktionierenden Pneumatik erstaunlich gut klingt. Das Pedal hat den interessanten Tonumfang C, Cs – h°. Die nächste Veränderung ergab sich 1917, als die noch originalen Prospektpfeifen abgegeben werden mußten und später durch silbern gestrichene halbrunde Holzattrappen ersetzt wurden, eigentlich nicht schlecht gemacht, aber leider ohne Musik. So stand die Orgel dann bis heute. Die Fachleute diskutieren noch, ob die zwei vorhandenen Keilbälge die bauzeitlichen sind, oder von einem anderen Orgelbauer, allerdings können sie egal ob Wagner oder nicht problemlos beibehalten werden.
Im Jahr 1999 wurde die Orgel dann als Wagner-Orgel identifiziert, denn dieses Wissen war verlorengegangen. Im Jahr 2002 wurde die Orgel durch die Firma Schuke/Potsdam wieder spielbar gemacht und gereinigt. Seither spielt die Orgel mit den fünf verbliebenen bauzeitlichen Registern, zusätzlich ist auch der Subbaß einsatzfähig.
Inzwischen ist eine komplette Restaurierung/Instandsetzung/Umbau/“was auch immer“ vorgesehen.
Am Konzept scheiden sich die Geister.
Es gibt einmal die „Puristen“, die eine Rückführung auf Wagner, wie die Orgel 1744 gebaut wurde, erhoffen. Dazu gehören zwei der am Verfahren beteiligten Orgelbauer, alle Wagner-Forscher, zahllose Orgelfreunde, mehrere OSV verschiedener Landeskirchen und Ausbildung, zwei von drei der Mitglieder der ehemaligen Orgelkommission und viele andere. Dabei gibt es zwei Probleme: Es ist bis heute nicht nachweisbar, wie genau die seitenspielige Tontraktur im Inneren der Orgel gebaut war, sicher ist nur, daß sie anders war als bei allen anderen noch erhaltenen seitenspieligen Wagner-Orgeln. Den zweiten Unsicherheitsfaktor bildet das Untergehäuse, auch da ist die genaue Höhe und Form nicht nachweisbar, wenngleich sich die Höhe aus der Konstruktion ergibt, und es im Inneren der Orgel zahlreiche Spuren gibt, die eine Höhe nahelegen, die ein ca. 30 Zentimeter hohes Podest (zwei niedrige Stufen) erforderlich machen würde, will man die Optik der Orgel im Raum nicht verändern. Dazu muß man bedenken, daß man damit die auf der Empore vorhandenen Balkenüberzüge sinnvoll überbrücken könnte.
Auf der anderen Seite stehen die, die eine Kompromisslösung befürworten, zu denen gehören der zuständige kirchliche Sachverständige, die zwei anderen am Verfahren beteiligten Orgelbauer, alle beteiligten Mitarbeiter der Denkmalbehörden (alles Baudenkmalpfleger) und einige andere. Die Kompromisslösung beinhaltet: eine neue Manaulklaviatur nach Wagner, neue Manubrien nach Wagner, Rekonstruktion der fehlenden Register Principal 4‘, Quinte 1 1/2‘, Mixtur und Trompete 8‘, „additives“ Einbinden der rekonstruierten Trompete 8‘ in die umgebaute Registratur, wobei die Registratur für die Trompete 1853 schon nicht mehr vorgesehen war, mit Einbinden der Trompete auch wieder Anschluß der Trompetenengel an den Registerzug der Trompete, möglichst additives Wiederherstellen der Baß/Diskant-Teilung (was 1853 ausgebaut und in der Registratur damit nicht vorgesehen ist und einen Totalumbau/Neubau der Registratur unter Verwendung alter Teile bedeutet), „additive“ Wiederinbetriebnahme des Zimbelsterns, Beibehaltung des pneum. Pedal ohne Veränderung des Tonumfangs, aber Einbau einer Pedalkoppel. Das alles soll mit Genehmigung des Denkmalamtes geschehen, wobei zahlreiche Involvierte bemängeln, daß mehrere der vorgesehenen Arbeiten einen massiven Eingriff in die jetzige Substanz darstellen und letztlich einen Zustand schaffen, den es so nie gegeben hat. Andere haben es so ausgedrückt, daß ein Zustand geschaffen werden soll, von dem wir uns heute wünschen, daß ihn Joachim Wagner im Jahr 1744 so geschaffen hätte.
Um diesen Spannungsbogen etwas aufzulösen bzw. um überhaupt mögliche Lösungen aufzuzeigen, gab es 2010 und 2011 jeweils Anfang September Tagungen an der Orgel, wo sich obige Standpunkte verfestigt haben. Im Vorfeld der Tagung 2010 wurde eine Orgelkommission gegründet, die im Vorfeld der Tagung 2011 aufgelöst wurde, die Hintergründe dazu sind mir bisher nicht wirklich klar geworden und Spekulationen möchte ich an dieser Stelle nicht weitergeben. Interessant ist auch, daß im Vorfeld der Tagung versch. Personen (Kaufmann, Kollmannsperger, Eichhorn u.a.) gebeten wurden, Stellungsnahmen abzugeben. Auf diese wurde im Rahmen der Veranstaltung aber nicht eingegangen, im Gegenteil wurde auf Nachfrage die ausdrücklich angeforderte Stellungnahme von Kaufmann mit dem Kommentar „naja, der kennt ja die Orgel gar nicht selber“ abgebügelt und entwertet.
Welcher Seite ich anhänge, habe ich hoffentlich nicht zu sehr deutlich gemacht, eigentlich wollte ich einfach mal sachlich die Lage zusammenfassen.
Nun möge sich jeder sein eigenes Bild machen, wer Fragen hat, kann diese hier posten, ich werde versuchen, diese alsbald zu beantworten. In die Materie bin ich dazu tief genug verwickelt.
Gleichzeitig würde ich mich sehr freuen, wenn die Diskussion ohne unnötige Polemik ablaufen könnte.


gesamter Thread:

 

powered by my little forum