Katastrophenstimmung um eine Wagner-Orgel. Ein Aufruf
keilbalg, Montag, 26. September 2011, 17:14 (vor 5460 Tagen)
Düsterste Ereignisse im brandenburgisch-mecklenburgischen
Orgelgrenzland werfen ihre Schatten voraus und wollen wahrgenommen sein.
Kommt, seht, lest und artikuliert Euch selbst. Je mehr sich engagieren,
desto größer wird die Kraft des Widerstands. Es gibt nicht nur
Stuttgarter Bahnhöfe, sondern auch Orgeln, die den zivilcouragierten
Bürgerwillen brauchen.
Hier die ausführliche Darstellung der Ereignisse mit der Möglichkeit der Engagements:
http://orgel-wartin.jimdo.com
Wir bitten um Weiterleitung an alle, die sich interessieren und ihrerseits empören möchten.
Im Auftrag von Wolf Bergelt, Berlin
Katastrophenstimmung um eine Wagner-Orgel. Ein Aufruf
Aeolinchen, Dienstag, 27. September 2011, 06:02 (vor 5459 Tagen) @ keilbalg
Wir bitten um Weiterleitung an alle, die sich interessieren und ihrerseits empören möchten.
Ich möchte mich zwar bestimmt nicht empören.
Wenn ich aber mal Lust haben sollte, mich zu empören, würde ich mich über diesen dussligen "Aufruf" empören. Es geht da doch gar nicht um die Rettung einer Orgel, schließlich wollen alle Beteiligten die Orgel erhalten restaurieren.
Es geht bloß um den Streit über den "korrekten" Restaurierungsweg und letztlich um Kompetenzhickhack.
Wobei die Macher der Seite des "Aufrufs" nur wenig an sachlicher Argumentation zu bieten haben, dafür jede Menge Polemik. Allen Mitarbeiter/innen der Denkmalpflege, kirchlichen Funktionsträgern, Orgelbauern und Orgelsachverständigen, die anderer Meinung sind, wird "Willkür und Inkompetenz" unterstellt, ihr Wirken als "katastrophal" und "verheerend" verunglimpft. Mit solch niveauloser Agitation schießen sich die Leute doch ein Eigentor. Ich jedenfalls möchte mit so einem "Aufruf" nix zu tun haben.
Katastrophenstimmung um eine Wagner-Orgel. Ein Aufruf
kjz1, Dienstag, 27. September 2011, 06:45 (vor 5459 Tagen) @ Aeolinchen
Da kann ich leider nur beipflichten. Als ich den Aufruf gelesen habe, kam mir auch der Gedanke, dass eine solche Polemik der Sache nur schadet. Man kann ja anderer Meinung sein, dann aber bitte die Angelegenheit sachlich darstellen und versuchen, etwaige 'persönliche Animositäten' herauszuhalten.
Viele Grüße,
- Karl-Josef
Katastrophenstimmung um eine Wagner-Orgel. Ein Aufruf
Antilope, Freitag, 30. September 2011, 08:28 (vor 5456 Tagen) @ Aeolinchen
Das sehe ich ganz genau so!
Katastrophenstimmung um eine Wagner-Orgel. Ein Aufruf
rei-fi, Dienstag, 27. September 2011, 07:55 (vor 5459 Tagen) @ keilbalg
Ich will keine Empörung befohlen bekommen, sondern mir allenfalls selbst ein Urteil bilden. Dazu brauche ich Fakten zur Orgelsituation - aber die muss man auf der genannten Seite ja geradezu mit der Lupe suchen.
Man will also die Orgel, die auf der ursprünglichen Empore „im Bereich der Emporenbrüstung“ stand (genauer weiß man’s wohl nicht?) in den Ursprungszustand zurückversetzten, die in nachfolgenden Jahrhunderten entstandene Emporen-/Raumsituation aber so belassen. Der Optik wegen muß die Orgel auf ein Podest gestellt werden (klangliche Auswirkungen? Was ist denn mit dem Emporenzugang, auf den Martin Rost in seinen Gedanken zum Restaurierungskonzept hinweist?), und sie soll wieder seitenspielig werden mit Rekonstruktion einer Spieltraktur, für die es keine Vorbilder gibt. Und dann sind wir wieder ganz nah bei Wagner, ja?
Schön wäre eine Internetseite, auf der man sich anhand von Fakten, Bildern - eben umfassenden Informationen zur Orgel und zum evtl. Problem - selbst ein Bild machen und zu einem Urteil kommen kann. Wer war denn z.B. eigentlich der böse Orgelbauer im 19. Jahrhundert, der die Orgel so furchtbar entstellt hat? Wie ist die Qualität der späteren Zutaten und wie beeinflussen diese den Klang? (Konkrete, sachbezogene Informationen findet man ironischerweise lediglich in der „zeitlich überholten“ und „nicht themarelevanten“ Stellungnahme von Herrn Rost.)
So bleibt das ganze eben erwart- und durchschaubare Polemik von Wagnerforschern und „potentiellen Auftragsnehmern“ – bei dieser Interessenlage darf man da aber wohl nicht mehr erwarten.
Schade nur, wenn nicht sogar empörend, daß es so tendenziös in dieses Forum hineingetragen wird.
Und mal ganz am Rande: „Lehrstuhl Internationaler Masterstudiengang OrganExpert“ - wohl eher ein „Leerstuhl“…
Katastrophenstimmung um eine Wagner-Orgel. Ein Aufruf
Klingelzug, Dienstag, 27. September 2011, 16:21 (vor 5459 Tagen) @ keilbalg
Nun will ich mal versuchen, die Diskussion mit einer Darstellung der Geschehnisse zu versachlichen, auf daß sich zumindest jeder ein Bild für sich machen kann.
Die Orgel, um die es geht, wurde 1744 von Joachim Wagner erbaut. Es war damals ein seitenspieliges Instrument mit insgesamt neun Registern (Principal 4‘, Gedackt 8‘, Rohrflöte 4‘, Cornett, Nasat 3‘, Octave 2‘, Quinte 1 ½‘, Mixtur, Trompete 8‘), wobei Cornett und Trompete nur im Diskant vorhanden waren, Octave 2‘, Quinte 1 ½‘ und mixtur waren mit geteilten Schleifen Baß/Diskant ausgestattet. Als Spielerei war die Trompete mit zwei Trompetenengeln auf dem Prospektgehäuse verbunden, bei Ziehen der Trompete hoben die Trompetenengel ihre Instrumente. Außerdem gab es einen Zimbelstern, der dessen Äußeren folgend als Sonne bezeichnet wurde. Der Tonumfang war, wie damals üblich C,D – c³. Mit einigen notwendigen Reparaturen stand die Orgel so bis zum Umbau der Kirche 1853. Wobei unklar ist, ob die Orgel damals in der Emporenbrüstung oder unmittelbar dahinter gestanden hat. Damals wurde die Orgel abgebaut, die Empore vergrößert. Im Zuge dessen wurde auch die Orgel umgebaut. Die Orgel wurde an die Rückwand der Kirche gerückt, bekam dafür ein neues Untergehäuse und eine komplett neue Technik, also frontspieliger Spielschrank, neue Manualklaviatur mit Cs, neue Manubrien und, das wichtigste, neue Technik im Inneren, also neue Tontraktur und neue Registratur. In diesem Zug wurde die Schleifenteilung stillgelegt, der Zimbelstern stillgelegt und die Trompete ausgebaut, außerdem wurde die Quinte 1 ½‘ durch einen Salicional 8‘ ersetzt. So spielte die Orgel weiter bis 1909, dann erfolgte die nächste Veränderung: Mixtur raus, dafür Principal 8‘ rein (jetzt standen ganz hinten auf der Lade Salicional und Principal 8‘ und weil der Principal 8‘ nicht komplett auf die Lade passte, wurde die große Okatve auf den Stimmgang gestellt – die Orgel hat nur einen einzigen seitlichen Zugang. Außerdem wurde das Werk um ein pneumatisch traktiertes Pedal ergänzt, der Subbaß mit scheußlich engen Mensuren, wofür es mit der noch immer recht annehmbaren funktionierenden Pneumatik erstaunlich gut klingt. Das Pedal hat den interessanten Tonumfang C, Cs – h°. Die nächste Veränderung ergab sich 1917, als die noch originalen Prospektpfeifen abgegeben werden mußten und später durch silbern gestrichene halbrunde Holzattrappen ersetzt wurden, eigentlich nicht schlecht gemacht, aber leider ohne Musik. So stand die Orgel dann bis heute. Die Fachleute diskutieren noch, ob die zwei vorhandenen Keilbälge die bauzeitlichen sind, oder von einem anderen Orgelbauer, allerdings können sie egal ob Wagner oder nicht problemlos beibehalten werden.
Im Jahr 1999 wurde die Orgel dann als Wagner-Orgel identifiziert, denn dieses Wissen war verlorengegangen. Im Jahr 2002 wurde die Orgel durch die Firma Schuke/Potsdam wieder spielbar gemacht und gereinigt. Seither spielt die Orgel mit den fünf verbliebenen bauzeitlichen Registern, zusätzlich ist auch der Subbaß einsatzfähig.
Inzwischen ist eine komplette Restaurierung/Instandsetzung/Umbau/“was auch immer“ vorgesehen.
Am Konzept scheiden sich die Geister.
Es gibt einmal die „Puristen“, die eine Rückführung auf Wagner, wie die Orgel 1744 gebaut wurde, erhoffen. Dazu gehören zwei der am Verfahren beteiligten Orgelbauer, alle Wagner-Forscher, zahllose Orgelfreunde, mehrere OSV verschiedener Landeskirchen und Ausbildung, zwei von drei der Mitglieder der ehemaligen Orgelkommission und viele andere. Dabei gibt es zwei Probleme: Es ist bis heute nicht nachweisbar, wie genau die seitenspielige Tontraktur im Inneren der Orgel gebaut war, sicher ist nur, daß sie anders war als bei allen anderen noch erhaltenen seitenspieligen Wagner-Orgeln. Den zweiten Unsicherheitsfaktor bildet das Untergehäuse, auch da ist die genaue Höhe und Form nicht nachweisbar, wenngleich sich die Höhe aus der Konstruktion ergibt, und es im Inneren der Orgel zahlreiche Spuren gibt, die eine Höhe nahelegen, die ein ca. 30 Zentimeter hohes Podest (zwei niedrige Stufen) erforderlich machen würde, will man die Optik der Orgel im Raum nicht verändern. Dazu muß man bedenken, daß man damit die auf der Empore vorhandenen Balkenüberzüge sinnvoll überbrücken könnte.
Auf der anderen Seite stehen die, die eine Kompromisslösung befürworten, zu denen gehören der zuständige kirchliche Sachverständige, die zwei anderen am Verfahren beteiligten Orgelbauer, alle beteiligten Mitarbeiter der Denkmalbehörden (alles Baudenkmalpfleger) und einige andere. Die Kompromisslösung beinhaltet: eine neue Manaulklaviatur nach Wagner, neue Manubrien nach Wagner, Rekonstruktion der fehlenden Register Principal 4‘, Quinte 1 1/2‘, Mixtur und Trompete 8‘, „additives“ Einbinden der rekonstruierten Trompete 8‘ in die umgebaute Registratur, wobei die Registratur für die Trompete 1853 schon nicht mehr vorgesehen war, mit Einbinden der Trompete auch wieder Anschluß der Trompetenengel an den Registerzug der Trompete, möglichst additives Wiederherstellen der Baß/Diskant-Teilung (was 1853 ausgebaut und in der Registratur damit nicht vorgesehen ist und einen Totalumbau/Neubau der Registratur unter Verwendung alter Teile bedeutet), „additive“ Wiederinbetriebnahme des Zimbelsterns, Beibehaltung des pneum. Pedal ohne Veränderung des Tonumfangs, aber Einbau einer Pedalkoppel. Das alles soll mit Genehmigung des Denkmalamtes geschehen, wobei zahlreiche Involvierte bemängeln, daß mehrere der vorgesehenen Arbeiten einen massiven Eingriff in die jetzige Substanz darstellen und letztlich einen Zustand schaffen, den es so nie gegeben hat. Andere haben es so ausgedrückt, daß ein Zustand geschaffen werden soll, von dem wir uns heute wünschen, daß ihn Joachim Wagner im Jahr 1744 so geschaffen hätte.
Um diesen Spannungsbogen etwas aufzulösen bzw. um überhaupt mögliche Lösungen aufzuzeigen, gab es 2010 und 2011 jeweils Anfang September Tagungen an der Orgel, wo sich obige Standpunkte verfestigt haben. Im Vorfeld der Tagung 2010 wurde eine Orgelkommission gegründet, die im Vorfeld der Tagung 2011 aufgelöst wurde, die Hintergründe dazu sind mir bisher nicht wirklich klar geworden und Spekulationen möchte ich an dieser Stelle nicht weitergeben. Interessant ist auch, daß im Vorfeld der Tagung versch. Personen (Kaufmann, Kollmannsperger, Eichhorn u.a.) gebeten wurden, Stellungsnahmen abzugeben. Auf diese wurde im Rahmen der Veranstaltung aber nicht eingegangen, im Gegenteil wurde auf Nachfrage die ausdrücklich angeforderte Stellungnahme von Kaufmann mit dem Kommentar „naja, der kennt ja die Orgel gar nicht selber“ abgebügelt und entwertet.
Welcher Seite ich anhänge, habe ich hoffentlich nicht zu sehr deutlich gemacht, eigentlich wollte ich einfach mal sachlich die Lage zusammenfassen.
Nun möge sich jeder sein eigenes Bild machen, wer Fragen hat, kann diese hier posten, ich werde versuchen, diese alsbald zu beantworten. In die Materie bin ich dazu tief genug verwickelt.
Gleichzeitig würde ich mich sehr freuen, wenn die Diskussion ohne unnötige Polemik ablaufen könnte.
Katastrophenstimmung um eine Wagner-Orgel. Ein Aufruf
Karl-Bernhardin Kropf, Dienstag, 27. September 2011, 16:59 (vor 5459 Tagen) @ Klingelzug
Hier hat man Wichtiges erfahren, danke!
Katastrophenstimmung um eine Wagner-Orgel. Ein Aufruf
elsenp, Dienstag, 27. September 2011, 17:05 (vor 5459 Tagen) @ Klingelzug
Vielleicht sollte man diesen Text auf die Webseite übernehmen.
Dort waren wichtige Informationen nur sehr dürftig vorhanden.
Vielen Dank für die ausführliche Beschreibung!
Peter
Katastrophenstimmung um eine Wagner-Orgel. Ein Aufruf
kjz1, Dienstag, 27. September 2011, 19:49 (vor 5459 Tagen) @ Klingelzug
Auch von mir herzlichen Dank für die sachliche Zusammenfassung der Fakten. Diesen Text könnte ich mi auch gut auf der Website vorstellen.
Und vielleicht noch eine Frage: was ist denn an dieser Orgel noch 'original von Wagner'? (ein Teil der Pfeifen, Laden, ein Teil des Gehäuses?)
Viele Grüße,
- Karl-Josef
Katastrophenstimmung um eine Wagner-Orgel. Ein Aufruf
Klingelzug, Freitag, 30. September 2011, 07:33 (vor 5456 Tagen) @ kjz1
Original von Wagner vorhanden ist an der Wartiner Orgel noch folgendes:
Fünf Register Pfeifenwerk (Gedackt 8' - m.E. sogar die Holzpfeifen, die sonst meist dem Wurm zum Opfer gefallen sind, Cornett, Rohrflöte 4', Nasat 3' und Octave 2'), die Zimbelsternanlage, wenn auch beschädigt und mit dem Fehlen einiger Glöckchen, die Manualwindlade, das Prospektobergehäuse komplett, ab den Seitengehäusen wurden etliche originale und eindeutig einer bestimmten Position zuzuordnende Bestandteile weiterverwendet, original ist außerdem ein Teil der Stellage im Inneren und möglicherweise (da sind sich die Fachleute uneins) die Balganlage. Dazu kommen noch der Klaviaturrahmen der Manualklaviatur, die originalen Registerzugstangen der seitenspieligen Registratur wurden verlängert. Die Trompetenengel sind natürlich auch noch vorhanden, auch die Lager der Einschaltmechanik existieren, nur die Mechanik selbst fehlt.
Viel mehr fällt mir gerade ohne Blick in die Akte nicht ein. Ansonsten poste ich später noch Ergänzungen.