magnum festum fuisse...
...declarandum est. Es ist ein großes Fest gewesen - das muß verkündet werden. Hans Peter Reimers wurde 65 Jahre alt und feierte das nicht im stillen Kämmerlein sondern ganz öffentlich und aufwändig, dabei ganz uneigennützig und weitherzig. Kurz: Er hatte eine Auswahl der besten Orgelspieler dieser Welt geladen, die ihrerseits das Beste gaben, um dem Jubilar und seinen Gästen mit ihrer Kunst zu erfreuen. Zugleich ließen die die Hörer Staunen, Innehalten, Abstand vom Alltag nehmen, Dank und Zuwendung erfahren, ja mitunter kurz in die Ewigkeit schauen - was man zusammengefaßt auch Beten nennen könnte. Denn wäre nicht der Geist dabey, so wäre alles nur ein teuflisch Geplärr und Geleyer. Und dieser Geist war dabei! Und wie!
Man denke nur an dessen entschiedenes Wehen in der Fuge des BWV 552. Hier hatte Olivier Latry schon im Praeludium Ballast abgeworfen. Ich habe ja die Walcha-Gangart noch heute gerne in Hirn und Ohr. Aber die frische Weise, wie Latry hier begann, war überzeugend. Und so hatte er auch die Tempi in der Fuge vorgegeben. Ja, wenn der Geist doch in unseren Kirchen ähnlich heftig wehen würde - oft müssen wir mit der Musik vorlieb nehmen (wobei das nicht die schlechteste Variante ist).
Daß Latry bei Alain zu Hause ist, merkte man mit jeder Note. Mit ungeheuerer Ruhe und Akuratesse wurden Jardin und Aria zelebriert und ausgekostet. Exemplarisch.
Höhepunkt des Tages wurde danach die Wiedergabe der 6. Symphonie von Widor. Ich fand es ganz ausgezeichnet, daß sich Latry hier ein großes Werk vorgenommen hatte und dieses dann auch komplett vorstellte. Das Eingangsallegro kam männlich kernig daher - Parallelen zu Brahms’scher Knorrigkeit stellten sich ein. Sehr stimmungsvoll und klanglich fein ausgetüftelt dann die Binnensätze. Hier wurde klar, daß Latry die Oberlinger-Orgel von St. Joseph bestens vertraut ist - wie oft mag er sie schon gespielt haben. Herrlich das dahinhuschende Intermezzo, die keineswegs simple Hirtenmusik des Cantabile. Als dann das fulminate Finale endete, hätte es eigentlich brausenden Beifall geben müssen. Aber da noch eine Improvisation angekündigt war, rührte sich keine Hand (ja, auch nicht die meinige; war so feige) - unmöglich! Denn das war eine CD-reife Darbietung, mit technischer Überlegenheit, Verstand u n d Herz gewesen. Ein seltenes und großes Erlebnis.
Nun war Olivier Latry nur der letzte Spieler des reichen Tages: Michael Bottenhorn, Nachfolger von Reimers im Amt des Josephskantors, hatte um 15h den Auftakt gemacht. Leider habe ich dieses Konzert - wie auch den ersten Teil des folgenden mit Vincent Dubois - versäumt, weil ich unvermutet in eine Vollsperrung der A3 geriet. Der Zugewinn an Ortskenntnissen in Leverkusen und im rechtsrheinischen Köln ist zwar nicht zu verachten, war aber eigentlich nicht vorgesehen...
Von Dubois habe ich dann noch das tröstliche Ende von “Weinen Klagen” mitbekommen - und eine ungeheuer traurige Darstellung der trois Danses von Alain. Selbst die feurigen Girlanden der Prokofiev-Toccata konnten das nicht wegwischen.
Torsten Laux trat dann um 17:30h mit einem ausgefallenen und interessanten Programm an. “Wachet auf” von Reger begann zutreffend düster, das Thema schälte sich dann langsam heraus. Sehr schön das lange Diskantsolo vor der Fuge. Insgesamt aber war das Ganze ein wenig fahrig. Beim Pilgerchor aus Tannhäuser fand Laux dann etwas mehr Ruhe. Die tiefen Töne am Ende sprachen hier in Bonn-Beuel übrigens besser an als in der Düsseldorfer Neanderkirche (Dort hatte Laux das Stück in den Sommerlichen gespielt). Elgar, Sonate G-Dur erwies sich dann als recht lang. Sicher war das klangschön. Aber eine rechte Werbung für englische Orgelmusik war das doch nicht. Anschließend eine Uraufführung einer Laux’schen Eigenkomposition: Psalmen-Phantasie in drei Sätzen (über die Psalmen 1, 46 und 100). Die Texte waren ausgelegt. Dennoch war es schwierig, Text und Musik in Beziehung gesetzt zu sehen/hören. Der Text war lang, die Musik - besonders in Nr. 3 - kurz. Überhaupt waren die Satzübergänge nur zu erahnen. Mäßig modern das Ganze. Zum Abschluß spielte Laux von Gershwin “Rhapsodie in Blue”. Ganz geglückt war diese Orgelübertragung gewiß nicht. Mal erfreute man sich an Passagen zerisssenen Swings, dann wieder gab es arge Längen.
Laux hatte mit seiner Zeit deutlich überzogen. Nach überlanger Anfahrt und anderthalb wie zwei Konzerten brauchte ich daher eine Stärkung. Mit mir dachten wohl eine Reihe von Fories, und so traf sich am wie versprochen eingerichteten Stammtisch im Pfarrheim eine ganze Runde. Die Themen waren bunt gemischt. Das gerade Gehörte war ebenso dabei wie allgemeine Fragen des Forums, persönliche Werdegänge - und auch der Papst in Deutschland wurde nicht vergessen. Ganz herzlichen Dank in diesem Zusammenhang an die nimmermüden Mithelfer in Küche etc.
Als wir (ein persönliches Kennenlernen hat doch viele Vorteile!) in die Kirche zurückkamen, wartete Johannes Geffert schon im Turm auf seinen Auftritt - Paolo Oreni spielte noch. Seine abschließende Improvisation flocht anfang in Form von Kuckucksrufen ein “to you” ein und gipfelte in Klangclustern der heftigen Art. Rauschende Begeisterung.
Als dann h-moll BWV 544 von Geffert erklang, ging eine blitzartige Läuterung durch das Auditorium. Was man bei Gershwin vermißt hatte, war plötzlich da: Swing in Hülle und Fülle. Und was bei der Improvisation zu viel gewesen war (Pomp und Aufwand) fehlt
jetzt mitnichten. Es war schlicht eine Lust, ja ein Zwang, dieser Musik und allen ihren Linien zu folgen; Bach at his best. Bei Händels Kuckuck-Konzert demonstrierte auch Geffert seine intimen Kenntnisse dieses Instruments und registrierte überaus delikat. Die Norwegischen Volkstänze erinnerten an die bekannte Suite aus Holberg’s Zeit (Halle des Bergkönigs u.a.). Geschmackvoll auch Liszts Legende I (Hl. Franz von Assisi, den Vögeln predigend). Zum Abschluß ein merkwürdiges Werk: René Louis Becker, Sonate I g-moll op. 40. Das Praseludium festivum schlug schnell in eine Fuge um. die Binnensätze Dialogue, Scherzo und Prayer erinnerten stark an französische Vorbilder; auch in der abschließenden Toccate gab es Ausleihen bei Boellmann & Co. Sicher hörens- und aufführenswert - aber keine wirklich große Literatur. Und so atmete man dann in Es-Dur wieder auf - siehe oben.
Auch Latrys Auftritt endete also mit einer Improvisation. Wußte man zunächst nicht so recht, worauf er hinauswollte, so band auch er am Ende ein “Happy Birthday to you” ein, stilsicher und unaufdringlich. Da es aber jeder merkte, und viele animiert waren gab es spontan ein Ende vocaliter. Allgemeine Begeisterung.
Bleibt nur ein herzliches Danke an Hans Peter Reimers, der uns allen einen unvergeßlichen Tag beschert hat. Und ich denke, das dürfte auch für Ihn selbst gelten.
Gruß Clemens Schäfer
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Forte heißt nicht laut sondern kräftig,
Piano nicht schwach sondern leise!
(Arthur Rubinstein)
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- magnum festum fuisse... - Clemens Schäfer, 26.09.2011, 15:11
- magnum festum fuisse... - elsenp, 26.09.2011, 15:51