Orgelkonzert in Berlin

Friedrich @, Montag, 12. September 2011, 10:01 (vor 5475 Tagen) @ Friedrich
bearbeitet von Friedrich, Montag, 12. September 2011, 11:09

Liebe Forenser,

ich glaube kaum, dass unter den knapp 20 Besuchern des Orgelkonzerts in der Kirche am Hohenzollernplatz einer von euch war. Die Kirche lohnt es, sie ist ein architektonisches Kleinod: Högerscher Backsteinexpressionismus der nobelsten Art und nach einer Renovierung in den Neunzigern noch immer ansehnlich.

Die Orgel ist eine Kemper von 1964/66/75, also rund um die große Lübecker Orgel herum gebaut. Auf Wunsch von Herbert Kelletat wurde sie nach einer Kirnberger-Stimmung eingestimmt. Zur Kirchenrenovierung wurde die Orgel ganz abgebaut und 1993/94 von Sauer renoviert, wieder errichtet, gleichstufig gestimmt und neu intoniert, z. T. mit neuen Registern. Ein Porträt kann man hier nachlesen. Den Prospekt finde ich ganz ordentlich, wenn auch nicht überwältigend. Er lehnt sich an die scharfkantige Architektur der Kirche an, ohne aber ihre Dramatik aufnehmen zu können.

Ich habe das Konzert des mir unbekannten Solisten S. besucht, um die Orgel »meiner« Gemeinde mal ein wenig näher kennenzulernen. Es war ein gemischtes Erlebnis. Zum einen lag das am Programm:

Buxtehude, Praeludium D-Dur / Bach, P & F h-Moll / Bach-Duruflé, »Jesu bleibet« / Mendelssohn, Vaterunser-Sonate / Franck, Prélude, fugue et variation / Vierne, Étoile du soir / Liszt, »Weinen, Klagen«

Das war insgesamt etwas lang, und die Stücke von Franck und Vierne nebeneinander: So etwas sollte eigentlich nicht passieren.

Dann hatte der Musiker eine Menge Gasttöne mitgebracht, und was man zu hören bekam, legte eine wenig ausgewogene Vorbereitung nahe. Pianistische Passagen bei Mendelssohn und Liszt liefen dem Spieler unter den Fingern davon, aber polyphones Spiel litt immer wieder unter Ungenauigkeiten. Offenbar war am meisten Vorbereitungszeit in den Liszt geflossen, denn da wirkten Konzept und Ausführung am ausgereiftesten. Als monströses Trauerstück, das er ist, hält er auch einiges an Extremen aus, zum Beispiel ein Tutti, das blendend hell überzimbelt in die Kirche hinein explodiert.

Die Registrierungen waren an Eigenwilligkeit oft der Orgel angemessen. Buxtehude war etwa zu zwei Dritteln ein 8'-4'-Flötenstück, irgendwann kam es dann doch noch zu einer Art Plenum. Im Bach-Präludium irritierte ein eigenartiger Plenum-Trick; die etwas breiten HW-Grundstimmen wurden überglitzert von einem heruntergeschwellten Mixturklang, vielleicht sogar mithilfe der Terz 4/5' im SW – um das genau zu sagen, kenne ich die Orgel noch zu wenig. Ich weiß nicht, ob der Organist uns da Schonung vor den HW-Mixturen verschrieben hatte – so wirkte der Klang etwas gewollt raffiniert. Zur Fuge – die nach einem stark verkürzten Schlussakkord quasi attacca einsetzte – wurde der Mixtur-Zuckerguss entfernt; dafür wurde zum Schluss sehr spät aufregistriert, und zwar von der SW-Sesquialtera aus. Klanglich nicht übel, aber musikalisch nicht recht überzeugend. Dabei machten wir auch – endlich! – Bekanntschaft mit den zurückhaltenden Pedalzungen.

Bach-Duruflé war unaufregend und, soweit ich das beurteilen kann, nach Vorschrift registriert; die SW-Schwebung hat was: ohne die näselnde Schärfe einer Voix céleste, weich, aber trotzdem verschleiert obertönig, ein schöner Vokal-Effekt. Wohl die HW-Spitzgambe lernten wir im Mendelssohn-Choralsatz kennen, auch die delikat-knisternd ansprechende Holzflöte in der Laufstimme der Variation. Geschmacklos war dann das eilige Raufdrehen des Rollschwellers auf dem Akkord vor den Allegro-Variationen. Keine weiteren Überraschungen danach.

Für den Franck verstärkte der Organist die SW-Oboe mit der Sesquialtera – warum nicht. Der Vierne litt dann unter willkürlichen, vielleicht romantisch gemeinten Tempobeugungen, die dem Mittelteil das friedliche Strömen nahmen. Und, wie gesagt, der Spieler hätte sich für eines der Stücke entscheiden sollen. Den Liszt interpretierte er dann angemessen als pathetisch-expressionistische sinfonische Dichtung.

DIe Orgel macht auch nach der Sauerschen Überarbeitung einen eigenwilligen Eindruck. Sie hat Fülle, Lautstärke und interessante bis schöne Farben. Aber so, wie der Solist sie spielte, wirkte sie uneinheitlich. Es gab interessante Einzelfarben, überraschend opake Flöten- und Grundstimmenmischungen, einen schönen klaren Subbass auch, und die Horizontalzungen mischten sich bruchlos in den Labialtuttiklang – aber ich vermisste ein paar Standards wie ein echtes, kerniges HW-Plenum 16' bis Mixtur mit Pedalzungen-Grundierung oder auch nur ein tragendes HW-Prinzipal. Vielleicht hat die Orgel so etwas ja, aber zu hören bekamen wir es nicht. Solistische Zungenregistrierungen: ebenfalls Fehlanzeige. Immer wurde gemischt, fast immer schien die Koppel III/II im Einsatz zu sein, so als müsste ein Grundmangel der Orgel kompensiert werden. Aber bevor ich das annehme, würde ich die Repertoirewahl des Solisten in Frage stellen.

Diese Orgel würde ich gerne mal mit Hindemith und ein paar anderen deutschen Linienfetischisten hören, vielleicht auch mit Messiaen und Alain; auch wäre ich gespannt auf das, was sich hier mit Bach und drumherum anstellen lässt.

Ich weiß noch nicht, ob es hier öfter Konzerte gibt, hoffe es aber. Im Gottesdienst habe ich schon Schönes und Charakteristisches hören dürfen. Ich bin gespannt.

Gruß,
Friedrich

P. S.
Gleich bei mir nebenan steht die katholische Ludwigskirche mit einem enormen und lauten Gerät, über das ich noch nichts gefunden habe – mein Verdacht fällt auf die Bonner. Weiß jemand Näheres?


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