Klaviaturumfänge

Florian-L, Mittwoch, 07. September 2011, 06:38 (vor 5485 Tagen)

Hallo!

Da es weiter unten (4599) angesprochen wurde:
Mit welcher Begründung enden die Manualumfänge auch bei Orgelneubauten zumeist auf g'''? In den USA etwa ist es Standard, bis c'''' zu bauen, das wird hierzulande eigentlich nur bei großen Instrumenten ausgeführt, teilweise einigt man sich auch auf a'''. Ich habe schon den Eindruck, dass sich Register bei einem Ausbau bis c'''' vielfältiger verwenden ließen (Oktavierung).
Ich habe gelesen, dass Zungenregister in der 8'-Lage bis g''' gebaut werden können, ab hier ersetzt man die Zungenpfeifen durch Labialpfeifen. Ist das eine Erlärung für die Begrenzung auf g'''?

Gruß, Florian

--
"Nicht alles, was tönt, ist auch Musik."
-Joseph Marx-

Klaviaturumfänge

Friedrich @, Mittwoch, 07. September 2011, 08:53 (vor 5485 Tagen) @ Florian-L
bearbeitet von Friedrich, Mittwoch, 07. September 2011, 09:09

Mit welcher Begründung enden die Manualumfänge auch bei Orgelneubauten zumeist auf g'''? In den USA etwa ist es Standard, bis c'''' zu bauen, das wird hierzulande eigentlich nur bei großen Instrumenten ausgeführt, teilweise einigt man sich auch auf a'''. Ich habe schon den Eindruck, dass sich Register bei einem Ausbau bis c'''' vielfältiger verwenden ließen (Oktavierung).
Ich habe gelesen, dass Zungenregister in der 8'-Lage bis g''' gebaut werden können, ab hier ersetzt man die Zungenpfeifen durch Labialpfeifen. Ist das eine Erlärung für die Begrenzung auf g'''?

Möglich, aber wahrscheinlich nicht die entscheidende. Es wird an einer Abwägung von Kosten- und Repertoiregründen liegen.

Fünf Töne mehr in der Höhe (gis''' bis c''''), das bedeutet bei drei Manualen und ca. 35 Registern (um mal von einer weitgehend repertoirefähigen Größe auszugehen) so um die 150 zusätzliche Pfeifen, Kanzellen, Trakturwege, Intonation etc., alles in Handarbeit. Das kostet. In den USA kamen diese Umfänge auf, als der Orgelbau durchgreifend industrialisiert wurde, Arbeitskraft noch relativ billig war und beispielsweise die Verwendung von elektrischen Pitman- oder Austinladen es nicht weiter ins Gewicht fallen ließ, ob da nun 56 oder 61 Töne drauf standen – auch was den Platz anging, denn in der Lage beanspruchten die Magnet- und Membranaktionen sowieso mehr Platz als die Pfeifchen.

In Europa wurden solche Umfänge nur auf speziellen Wunsch gebaut, das allerdings schon von Cavaillé-Coll (Ilbarritz/Sacré-Cœur); dann unter dem Einfluss des amerikanischen Orgelbaus und der reisenden Orgelvirtuosen immer öfter in England, Deutschland (zur Zeit der mehr oder weniger serienmäßig herstellbaren Kegelladen) und Frankreich.

Ich glaube, die Faustregel für die Literatur lautet so ungefähr: Bis Widor reicht g'''/f', bis Vierne/Tournemire (und Reger) a'''/g', und ab Dupré/Duruflé/Messiaen etc. muss es c''''/g' sein. Für Bach reicht schon d''' oder e''' und f'., für Mendelssohn dito.

Gruß,
Friedrich

Edit:
Rechenfehler – inzwischen korrigiert. Die zusätzliche Arbeit bei größerem Umfang bleibt trotzdem beträchtlich.

Klaviaturumfänge

doppelfloete_h @, Hannover, Mittwoch, 07. September 2011, 13:05 (vor 5485 Tagen) @ Friedrich

...ich sehe es auch in erster Linie als Stil- und damit einhergehend Literaturfrage. Gerade bei so einem Beispiel wie der andernorts angesprochenen Wegscheider-Orgel halte ich aufgrund seiner relativ klaren sächsisch-süddeutschen Prägung wegen "Normumfänge" bis g(a)''' bzw. f' nicht für zwingend. Auch wenns sich um einen Neubau handelt.
Vielfach ist das natürlich auch vom Gehäuse her quasi vorgegeben (wenn man denn ein historisches verwendet > da bin ich was o.g. Fall angeht nicht ausreichend informiert), da find ich es positiv, wenn man nicht auf Teufel-komm-raus noch ein paar "Bleistifte" mit reindrückt... ;)

Klaviaturumfänge

Orlos, Mittwoch, 07. September 2011, 14:12 (vor 5485 Tagen) @ doppelfloete_h

Obwohl wir nur 19 Register haben und damit (angeblich) nicht authentisch "literaturfähig" sind, wollte ich doch auf dieser Orgel zumindest alles ÜBEN können. Ich habe einfach damals den Orgelbauer gefragt, ob auch c4 möglich wären. Da er oft auch kleinere Tastaturen als g3 (historisierend) baut und deshalb keine festgelegte Maschine hat, war das für ihn technisch überhaupt kein Problem und er hat es sogar OHNE MEHRKOSTEN anzugeben realisiert! (Da hatte ich wohl Glück!) Nach bald zwanzigjährigem Gebrauch muss ich sagen, dass das a3 schon ziemlich oft vorkommt, wenn man modernere Franzosen (z. B. Langlais) und eben auch Amerikaner (z. B. Gordon Young) spielen will. h3 und c4 kommen aber sehr selten vor, beim Improvisieren freue ich mich jedoch, dass es sie gibt. Den 16' eine Oktave höher spielen zu können, ist auch eine feine Sache, da kommt man doch in diese Regionen.
Eines meiner Lieblingsstücke, die Bearbeitung des Tristan-Vorspiels (von Horn, Butz-Verlag), braucht übrigens auch das a3, sonst ist eine der tollsten Stellen nicht machbar.

Klaviaturumfänge und mehr

willscher, Donnerstag, 08. September 2011, 10:15 (vor 5484 Tagen) @ Orlos

Obwohl wir nur 19 Register haben und damit (angeblich) nicht authentisch "literaturfähig" sind, wollte ich doch auf dieser Orgel zumindest alles ÜBEN können. Ich habe einfach damals den Orgelbauer gefragt, ob auch c4 möglich wären. Da er oft auch kleinere Tastaturen als g3 (historisierend) baut und deshalb keine festgelegte Maschine hat, war das für ihn technisch überhaupt kein Problem und er hat es sogar OHNE MEHRKOSTEN anzugeben realisiert! (Da hatte ich wohl Glück!) Nach bald zwanzigjährigem Gebrauch muss ich sagen, dass das a3 schon ziemlich oft vorkommt, wenn man modernere Franzosen (z. B. Langlais) und eben auch Amerikaner (z. B. Gordon Young) spielen will. h3 und c4 kommen aber sehr selten vor, beim Improvisieren freue ich mich jedoch, dass es sie gibt. Den 16' eine Oktave höher spielen zu können, ist auch eine feine Sache, da kommt man doch in diese Regionen.
Eines meiner Lieblingsstücke, die Bearbeitung des Tristan-Vorspiels (von Horn, Butz-Verlag), braucht übrigens auch das a3, sonst ist eine der tollsten Stellen nicht machbar.

Also, die Beckerath-Orgel von St. Franziskus HH hat auch "nur" 20 Register. Theo Klein hat in seinen Konzerten seit 1958 dort jedes Jahr große Reger-Schinken oder Franzosen (Franck: Grande piece symph.) aufgeführt. Alles ohne SW und selbstverständlich ohne Kombinationen. Wenn man die alten Aufnahmen hört, und das nicht weiß..........
Was den Tonumfang angeht: Man kann alles oktavieren. Langlais sagte mir diesbezüglich (wir sprachen konkret über Mors et Resurrectio), ich solle entweder oktavieren oder einfach weglassen.

Noch was: Welch tolle Disposition. Man kann alles spielen.
GO Montre 8, Flute harmonique, Prestant 4, Trompette 8
Rec Viole de gambe 8, Voix céleste 8, Cor de nuit 8, Flute 4
Ped Soubasse 16
Alle Koppeln, Appel de la Trompette, Tremulant

Was will man mehr? Ich würde sofort tauschen. Na, Orgelbauer? Wo steht sie?
Gruß
Andreas

Klaviaturumfänge und mehr

doppelfloete_h @, Hannover, Donnerstag, 08. September 2011, 10:43 (vor 5484 Tagen) @ willscher

...so sehe ich das auch. Natürlich hat irgendwann auch oktavieren seine Grenzen. Aber dann übt man halt passende Literatur. Oder einfach woanders. Ansonsten kann man sich natürlich beim Planen einer neuen Orgel schon über die Anforderungen im Klaren sein. Wenn, wie beschrieben, ein Orgelbauer keinerlei Probleme hat, auch bis a oder c zu bauen, her damit. Dann wär ich auch blöd. Bei "mir" hat Wegscheider z.b. auch auf ausdrücklichen Gemeinde- und Organistenwunsch jeweils bis f gebaut, obwohl angesichts Gehäuse und Historie d absolut vertretbar oder logisch gewesen wäre.

Mir kommt gerade spontan die großartige Demessieux-Gesamtaufnahme von Stephen Tharp in den Sinn (leider gerade verliehen...) - er verwendet neben der Stahlhut/Jann in Dudelange die traumhafte Cavaillé-Coll in Rouen. Und das gerade für die Sept Méditations, die auch des öfteren mit "amerikanischen" Klaviaturumfängen rechnen. Na und? Da wird dann auch locker oktaviert.
Oder wieviele Aufnahmen der Carillon-Fuge von Duruflé haben wir gehört, wo gar kein a3 vorhanden ist? Allerdings gibts da auch eher ungeschickte Lösungen...

@ Andreas: Von so einer Orgel kann man nur träumen... :) Muss gleich mal recherchieren...

Klaviaturumfänge und mehr

Florian-L, Donnerstag, 08. September 2011, 14:34 (vor 5484 Tagen) @ doppelfloete_h
bearbeitet von Florian-L, Donnerstag, 08. September 2011, 14:37

...so sehe ich das auch. Natürlich hat irgendwann auch oktavieren seine Grenzen. Aber dann übt man halt passende Literatur. Oder einfach woanders. Ansonsten kann man sich natürlich beim Planen einer neuen Orgel schon über die Anforderungen im Klaren sein. Wenn, wie beschrieben, ein Orgelbauer keinerlei Probleme hat, auch bis a oder c zu bauen, her damit. Dann wär ich auch blöd. Bei "mir" hat Wegscheider z.b. auch auf ausdrücklichen Gemeinde- und Organistenwunsch jeweils bis f gebaut, obwohl angesichts Gehäuse und Historie d absolut vertretbar oder logisch gewesen wäre.

Mir kommt gerade spontan die großartige Demessieux-Gesamtaufnahme von Stephen Tharp in den Sinn (leider gerade verliehen...) - er verwendet neben der Stahlhut/Jann in Dudelange die traumhafte Cavaillé-Coll in Rouen. Und das gerade für die Sept Méditations, die auch des öfteren mit "amerikanischen" Klaviaturumfängen rechnen. Na und? Da wird dann auch locker oktaviert.
Oder wieviele Aufnahmen der Carillon-Fuge von Duruflé haben wir gehört, wo gar kein a3 vorhanden ist? Allerdings gibts da auch eher ungeschickte Lösungen...

Ja, das ist der springende Punkt. Manche Spitzentöne, die auf vielen Orgeln nicht vorhanden sind, sind etwa für den Melodieverlauf oft unerlässlich. Wenn es die Anlage des Stückes erlaubt, kann man nach unten oktavieren. Es bleibt die Frage, ob das Stück dadurch nicht zu sehr entstellt wird, z.B. wenn man mehrmals zwischen verschiedenen Oktavlagen hin- und herspringen muss.

Gruß, Florian

--
"Nicht alles, was tönt, ist auch Musik."
-Joseph Marx-

Klaviaturumfänge und mehr

FranzS. @, Donnerstag, 08. September 2011, 12:05 (vor 5484 Tagen) @ willscher


Noch was: Welch tolle Disposition. Man kann alles spielen.
GO Montre 8, Flute harmonique, Prestant 4, Trompette 8
Rec Viole de gambe 8, Voix céleste 8, Cor de nuit 8, Flute 4
Ped Soubasse 16
Alle Koppeln, Appel de la Trompette, Tremulant

Was will man mehr? Ich würde sofort tauschen. Na, Orgelbauer? Wo steht sie?

Hallo,

eindeutig Emanuel Kemper, wer sonst hätte den ein "Cor de nuit 8" neben einer "Viole de gamba 8" gebaut? ;-)

zum Thema kleine(re) Orgeln; oft wird vergessen, dass man bei kleineren Orgeln dynamische Abstufungen viel leichter realisieren kann, weil ein zusätzlich gezogenes Register einen größeren Einfluss ausübt als bei einer großen Orgel. Ich spiele auf meiner Orgel auch Reger (natürlich nicht die großen Sachen) und oftmals kommt die Dynamik von ganz allein (jedenfalls bei meiner kleinern Orgel) weil ja Reger meist immer dichter wird, und das "sempre crescendo" steckt ja somit schon im Satz.

Grüße Franz

Klaviaturumfänge und mehr

tiratutti @, Donnerstag, 08. September 2011, 20:14 (vor 5484 Tagen) @ willscher

Hallo Andreas,

Noch was: Welch tolle Disposition. Man kann alles spielen.
GO Montre 8, Flute harmonique, Prestant 4, Trompette 8
Rec Viole de gambe 8, Voix céleste 8, Cor de nuit 8, Flute 4
Ped Soubasse 16
Alle Koppeln, Appel de la Trompette, Tremulant

Was will man mehr? Ich würde sofort tauschen. Na, Orgelbauer? Wo steht sie?

wenn die Trompette im Récit stünde, dann wäre mein Tipp, dass Cavaillé-Coll sie als Chororgel gebaut hat. Der Soubasse ohne transmittierte Spielbarkeit im G.O. als Bourdon 16' irritiert mich auch. Auf jeden Fall hätte ich das Ding sehr gerne hier bei mir als Chororgel stehen ...

Grüße von tiratutti

Klaviaturumfänge und mehr

willscher, Freitag, 09. September 2011, 04:59 (vor 5483 Tagen) @ tiratutti

Hallo Andreas,

Noch was: Welch tolle Disposition. Man kann alles spielen.
GO Montre 8, Flute harmonique, Prestant 4, Trompette 8
Rec Viole de gambe 8, Voix céleste 8, Cor de nuit 8, Flute 4
Ped Soubasse 16
Alle Koppeln, Appel de la Trompette, Tremulant

Was will man mehr? Ich würde sofort tauschen. Na, Orgelbauer? Wo steht sie?


wenn die Trompette im Récit stünde, dann wäre mein Tipp, dass Cavaillé-Coll sie als Chororgel gebaut hat. Der Soubasse ohne transmittierte Spielbarkeit im G.O. als Bourdon 16' irritiert mich auch. Auf jeden Fall hätte ich das Ding sehr gerne hier bei mir als Chororgel stehen ...

Grüße von tiratutti

Ist tatsächlich CC

Gruß
Andreas

Klaviaturumfänge und mehr

MichaelS ⌂ @, Brackenheim, Freitag, 09. September 2011, 13:41 (vor 5483 Tagen) @ willscher

Kann es nicht sogar sein, dass die komplette Orgel mit ausnahme des Montre 8´ im Schwellkasten steht?
Das könnte m. M. nach zur Reformierten Heiliggeistkirche in Paris passen?

Klaviaturumfänge und mehr

willscher, Freitag, 09. September 2011, 17:19 (vor 5483 Tagen) @ MichaelS

Kann es nicht sogar sein, dass die komplette Orgel mit ausnahme des Montre 8´ im Schwellkasten steht?
Das könnte m. M. nach zur Reformierten Heiliggeistkirche in Paris passen?

Nicht übel.
Ich wollte eigentlich auch kein Ratespiel draus machen.
Die o.g. Orgel hat allerdings ein paar Register mehr.
Nein, es ist das Instrument in der Pariser Kirche Sainte-Rosalie.
Henderson listet ja einige Pariser Kirchen und deren Organisten auf,
aber diese ist nicht dabei.

Gruß

Andreas

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