Iveta Apkalna in St. Lambertus, D-Altstadt

Clemens Schäfer @, Düsseldorf, Montag, 05. September 2011, 20:19 (vor 5484 Tagen)

Hallo Forum,

das gab es heute abend in St. Lambertus:

Liszt, Funérailles (Orgelbearbeitung L. Rogg)
Escaich, Évocation II
Glass, Mad Rush
Franck, Pièce Héroique
Liszt, B.A.C.H

Ein tolles Programm, wie aus einem Guß. Dahinter stand nämlich Iveta Apkalna. Und wie!

In breiten Tempi, todtraurig und doch ungemein klangraffiniert kamen die Funérailles. Schon hier wurde klar, wie intensiv sich Apkalna mit den Registrierungen auseinandergesetzt hatte.

Von barbarisch brutaler Wucht und zugleich bacchantischem Wirbel pochte die zweite Évocatiion. Man wurde an den Wunderbaren Mandarin von Bartok erinnert. Fast wäre es zu spontanem Zwischenbeifall gekommen.

Dann zwei abfallende Liegetöne, etwas Konstrukt darum herum, zeitweilig Auflösung in Girlanden (mal vom SW der Chor- dann vom SW der Hauptorgel). Im letzten Drittel ein aufsteigender Dreiklang als Melodie, vielfach wiederholt; Tonrepetitionen langer Werte im Legato. Wieder Girlanden, abfallende Zweisamkeit...Lapidares Ende. 15 Minuten. Große Andachtsmusik.

Von geradezu süffiger Agogik danach das heroische Stück - sehnsuchtsvoll. So kann man nur losgelöst von akademischen Zwängen und vollblut musikantisch spielen. Großartig der breit ausgekostete Schluß, der dabei jeglicher Peinlichkeit entbehrte.

Ebenso stilsicher, groß aufgespielt aber nie übertrieben BACH. Vorsichtig, zögernd fast der Fugenbeginn aus der Chororgel, herrliche Klangfarbenwechsel, gut durchgestalteter Schluß, bei dem die p-Stelle mit Streichern aus der Chororgel kam.

Sofort einsetzender, anhaltender Beifall für eine überaus sympathische Künstlerin; ca. 140 Hörer. Zugabe Valse oubliée Nr. 1 von Liszt. Leicht und duftig.

Noch lange standen viele Besucher in der Kirche und diskutierten das Erlebte untereinander und mit Iveta Apkalna, die sich zu den Besuchern begab und in fließendem Deutsch Rede und Antwort stand. Verdienterweise nahm sie zahlreiche Komplimente entgegen. Ein großer Konzertabend.

Gruß Clemens Schäfer

P.S.
Iveta Apkalna spielt am 24.09. in Bonn, Kreuzkirche, am 03.10. in Ratingen St. Peter und Paul.
In St. Lambertus wird die Konzertreihe am 03.10. mit Bernhard Leonardy, Saarbrücken, fortgesetzt.

--
Forte heißt nicht laut sondern kräftig,
Piano nicht schwach sondern leise!
(Arthur Rubinstein)

Iveta Apkalna in St. Lambertus, D-Altstadt

Bernd_Walther_Brandt, 48683 Ahaus, Montag, 05. September 2011, 20:43 (vor 5484 Tagen) @ Clemens Schäfer

Sicherlich eine großartige Interpretin, aber mich stört ein bisschen die Show drumherum die Sie gerne abzieht und etwas überemotional rumhampelt.

Iveta Apkalna in St. Lambertus, D-Altstadt

Karsten, Montag, 05. September 2011, 21:02 (vor 5484 Tagen) @ Bernd_Walther_Brandt

Sicherlich eine großartige Interpretin, aber mich stört ein bisschen die Show drumherum die Sie gerne abzieht und etwas überemotional rumhampelt.

Ich gehöre zu den wenigen, die sich (leider?) nicht in die Interpreten "hineinklinken" können, um so beurteilen zu können, ob deren Bewegungsablaufe beim Spielen über, oder eher unter deren "durchschnittlichen Emotionslevel" (sofern es sowas geben sollte) liegt. Hier hat der Hörer - wie bei fast allen andern Interpreten klassischer Musik - den Vorteil, dass er die Augen zu machen kann...

Gruß
Karsten

Iveta Apkalna in St. Lambertus, D-Altstadt

Clemens Schäfer @, Düsseldorf, Montag, 05. September 2011, 21:07 (vor 5484 Tagen) @ Bernd_Walther_Brandt

Hallo,

waren Sie heute Abend in Düsseldorf dabei?

... aber mich stört ein bisschen die Show drumherum die Sie gerne abzieht und etwas überemotional rumhampelt.

nichts davon am heutigen Abend. Unauffällig kam sie von hinten an den Spieltisch im Chor, kurze Verbeugung, dann ging es los. Kein übertriebenes Outfit - im Gegenteil: Weiße Bluse, schwarze Hose. Von Noch-Kantor Heinz Terbuyken ließ sie sich am Spieltisch unterstützen (Noten, Setzeranlage) und dankte diesem ehrlich wie artig danach. Auch keine Mätzchen beim Schlußbeifall. Zugabe nach dem zweiten "Vorhang". Und dann stand sie plötzlich - ja, in der Nähe ihrer CD's - unter dem inspiriert verbliebenem Publikum - mit einer Wasserflasche in der Hand.

Nun ja, nach der Geburt von zwei Kindern mag sie sich ein wenig geändert haben. Heute jedenfalls kam sie überaus sympathisch herüber. Von Show keine Spur. Und Rumhampeln war auch nicht.

Gruß Clemens Schäfer

P.S. Show und Hampeln mag ich auch garnicht!

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Forte heißt nicht laut sondern kräftig,
Piano nicht schwach sondern leise!
(Arthur Rubinstein)

Iveta Apkalna in St. Lambertus, D-Altstadt

Bernd_Walther_Brandt, 48683 Ahaus, Montag, 05. September 2011, 21:38 (vor 5484 Tagen) @ Clemens Schäfer

Ich habe Frau Apkalna schoneinmal in Kevelaer (auf der Orgelbühne) während des Konzertes erlebt. Es war Ihr letztes Orgelkonzert vor der Schwangerschaft, und da ging es schon heiss her. Ebenflls sind mir die aufnahmen "Tanz auf de Orgel" bei youtube und der Beitrag im Seifert Film in Erinnerung geblieben, dort wird schon ziemlich übertrieben, vielleicht hängt es damit zusammen ob eine Kamrea dabei ist, hört sich jedenfalls so an.

Iveta Apkalna in St. Lambertus, D-Altstadt

FranzS. @, Montag, 05. September 2011, 21:45 (vor 5484 Tagen) @ Clemens Schäfer


P.S. Show und Hampeln mag ich auch garnicht!

Hallo,
ich eigentlich auch nicht, aber es gibt einfach Künstler, da gehört das dazu und da ist es nicht gespielt sondern echt. Bei Virgil Fox zum Beispiel. Das dürfte drei Jahre vor seinem Tod gewesen sein, welchen Grund hätte er gehabt nur "Show" zu machen? Ich finde auch die Geste genial wenn das Stück zu Ende ist. Jeder, der in seinem Zustand noch so spielen kann und muss ist eines der seltenen Exemplare des wahren Künstlers.

Grüße Franz

Iveta Apkalna in St. Lambertus, D-Altstadt

stein @, Dienstag, 06. September 2011, 06:04 (vor 5484 Tagen) @ FranzS.

Das denke ich ist jedem seine Sache ob er sein Leben lang strack wie Widor , ohne das Gesicht zu verziehen am Spieltisch sitzt. Dort vieleicht auch noch stirbt. Oder das Medium Kamera Bildschirm nutzt um seinen Ausdruch auch sichtlich zu verstärken.
gruss stein

Iveta Apkalna in St. Lambertus, D-Altstadt

Karsten, Dienstag, 06. September 2011, 08:11 (vor 5484 Tagen) @ stein

Das denke ich ist jedem seine Sache ob er sein Leben lang strack wie Widor , ohne das Gesicht zu verziehen am Spieltisch sitzt. Dort vieleicht auch noch stirbt. Oder das Medium Kamera Bildschirm nutzt um seinen Ausdruch auch sichtlich zu verstärken.

Hallo!

Mich verwundern in diesem Thread ein wenig die "entweder - oder" - Extreme, die hier insbesondere in Bezug auf die Existenz einer Kamera zur Disposition gestellt werden. Wenn man ein wenig mehr Erfahrung als Konzertgänger mit anderen Instrumentalisten bzw. klassischen Konzerten (und dementsprechenden sichtbaren Interporeten) hat, sieht man das wohl irgendwie "lockerer". Ich maße mir nicht an, zu beurteilen, wieviel oder welche Bewegung "echt" ist oder nicht. Für mich gibt es eigentlich relativ wenige Organisten-Gesten, die definitiv unter "Show" fallen (auf das Pedal stellen im Schlußakkord, Hochwerfen der Arme usw.).
Geht man von Bewegungsäußerlichkeiten aus, hätte ich bei allem Respekt vor der technischen Leistung vielmehr leise Zweifel, ob ein Organist beispielsweise ein großes Orgelwerk von Reger "kapiert" hat, wenn er es regungslos in stocksteifer Dupre-Manier (durch-)spielen würde...

Gruß
Karsten

Organistenhabitus

BourdonCéleste, Dienstag, 06. September 2011, 08:48 (vor 5484 Tagen) @ Karsten
bearbeitet von BourdonCéleste, Mittwoch, 07. September 2011, 08:28

Solange man es nicht so übertreibt mit Körpersprache (und Geräusche machen, Mitsummen etc.) wie etwa Glenn Gould (bei dem ich zuweilen etwas Sorge hatte, dass ihm irgendwann mal der Klavierdeckel auf den Kopf fällt)...

Allerdings bevorzuge ich die beherrschte Eleganz mit der z.B. Olivier Latry spielt. Ausladende Bewegungen kenne ich bei ihm nur, wenn hinter ihm das Telefon klingelt und er während seines Spiels das Gespräch annimmt.

Iveta Apkalna in St. Lambertus, D-Altstadt

orgelwilli, Freitag, 09. September 2011, 15:48 (vor 5481 Tagen) @ stein
bearbeitet von forenadmin, Freitag, 09. September 2011, 16:00

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