Orgeln im Allgäu - Ein Reisebericht - Teil 3 - ergänzt

jrbecker @, Donnerstag, 18. August 2011, 22:00 (vor 5556 Tagen)
bearbeitet von jrbecker, Freitag, 19. August 2011, 22:21

Auf der weiteren Familienrundfahrt war dann am Nachmittag – während unsere Tochter eine Reitstunde auf einem Reiterhof wahrnahm – noch die Gelegenheit, zwei weitere Orgeln in der Region optisch zu erkunden. Leider war in der unmittelbaren Umgebung auf die Schnelle kein Pfarramt oder Küster o.ä. aufzutreiben, meiner Meinung nach ein Manko, dass man nicht zumindest eine Telefonnummer im Schaukasten hängen hat:

In der St. Michael-Kirche zu Esseratsweiler – im Untertitel des Kirchenführers „Barocke Perle im Argental“ genannt – findet man eine Orgel aus der Werkstatt des Füssener Orgelbauers B. Pröbstl aus dem Jahre 1883. Der ausliegende Kirchenführer berichtet, dass eine Engelsfigur mit Harfe sowie einige Vasen und andere Schnitzereien aus der vorhergehenden Orgel aus dem Jahr 1756 von dem Bregenzer Orgelmacher Johann Huber stammen, dieses Instrument sei – so heißt es im zeitgenössischen Zitat des Chronisten „eine schöne Orgel“ gewesen. Über das heutige Instrument konnte ich außer den Daten in der Weiselschen Datenbank nichts herausfinden. Demnach ist das Instrument mit 2 Manualen und 16 Registern ausgestattet und wurde von der Werkstatt Pfaff aus Überlingen errichtet.
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In der St. Johanneskirche zu Amtzell schließlich findet man folgendes Instrument von Martin Gegenbauer.
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Die Orgel hat 2 Manuale und 26 Register, näheres auf der Homepage des Orgelbauers. Ob das Gehäuse historisch ist oder neu errichtet wurde, konnte ich vor Ort nicht feststellen.

Neuer Tag, neues Glück … Kempten lockte mit den Römertagen, einem kleinen Fest, das ein ortsansässiges Gymnasium mit Latein-Schwerpunkt jährlich in den Überresten der römischen Siedlung ganz in der Nähe der sehr gut touristisch hergerichteten römischen Therme bestreitet. Schüler und Eltern (und wahrscheinlich auch einige Mitglieder eines ortsansässigen Historienvereins) lockten mit originalgetreuer römischer Kleidung, Darstellung von Lebensweise, Handwerk und Waffenkunst, Speisen der damaligen Zeit und schießlich auch einem kleinen Theaterstück, in dem die Bedeutung einiger römischer Riten dargestellt wurde. – Wir waren etwas erstaunt, dass diese Veranstaltung vom Publikum eher unbeachtet blieb, denn obwohl doch überregional Werbung gemacht wurde, waren offensichtlich außer uns kaum andere „fremde“ Besucher dort…

Aber hier soll es ja um Orgeln gehen, und da habe ich die Kirche St. Ulrich gefunden, die ich hier kurz vorstellen möchte. Für eine Orgelbesichtigung war hier wiederum keine Zeit, und das Foto zeigt die Orgel ja auch als ein eher unscheinbares Instrument aus der Hochzeit der Orgelbewegung. Max Offner errichtete sie 1967 mit III/38.
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Beeindruckt hat mich jedoch die helle Gestaltung der Kirche und die Art, wie es hier gelungen ist, den recht großen Raum den Bedürfnissen einer offensichtlich etwas kleiner gewordenen Gemeinde – oder zumindest einer kleineren „Werktagsgemeinde“ – Rechnung zu tragen: Die Decke wurde etwas abgehängt – hier vermute ich akustische Gründe – und der eigentliche Hauptaltarraum durch eine leicht aufschiebbare Wandkonstruktion abgetrennt. Vor dieser neuen Wand wurde ein weiterer Altar errichtet, der offensichtlich den regelmäßigen Bedürfnissen der Gemeinde genügt, der aber sowohl der Gemeinde wie auch den Zelebranten einen deutlich direkteren Kontakt ermöglicht, als dies vom Hauptaltar aus möglich wäre. Dadurch, dass man um die Wand herumgehen kann, bleibt die ganze Konstruktion leicht und man hat die Möglichkeit, den Raumeindruck als Ganzes trotz der Teilung wahrzunehmen – eine sehr gelungene Lösung, wie ich finde. Daher sei hier noch ein Blick in die Kirche erlaubt:
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Eine Kirche mit großer Geschichte ist St. Dionysius in Hiltensweiler. Teile der Kirche (der Turm) gehen bis auf das 11. Jahrhundert zurück, Langhaus und Chor wurden 1516 zwischen dem Turm und einer bereits bestehenden Kapelle errichtet. Tritt man in die Kirche, so sucht man hier die Orgel vergebens. Aber auf der 2. Empore steht ein großer Spieltisch… Von unten aus macht man sich Gedanken: Das könnte ein recht großes Harmonium sein, aber für die Größe der Kirche stünde das dort oben doch zu weit weg von der Gemeinde. Der nächste Gedanke geht an ein Elektronium. Aber auch dafür würde man irgendwo Verstärker oder Lautsprecher erwarten, und so viele Möglichkeiten, diese in der Kirche zu verstecken, gibt es nicht.
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Die Neugier ist geweckt, und man wagt den Weg hinauf, tatsächlich ist die 2. Empore offen zugänglich.
Was sich dort findet überrascht dann doch sehr: Dort steht der Spieltisch des op. 406 der Hoforgelbaumeister und päpstlichen Hoflieferanten Gebr. Späth aus dem Jahr 1931: ein 2manualiges Instrument mit 20 klingenden Registern. Aber wo ist das Pfeifenwerk zu diesem Kleinod? – Beim Blick nach oben schließlich fällt es einem wie Schuppen von den Ohren…: In der Decke über der 2. Empore befindet sich eine vergitterte Öffnung, und damit ist klar: Die Orgel steht im Turm! Nicht nur, dass man dieser Orgel keinen Prospekt gönnte, man hat sie gleich ganz aus der Kirche verbannt. Was mögen die Hintergründe für eine solche Entscheidung gewesen sein? Sicher, wenn man sich das Bild ansieht: Die Höhe des Raumes ist nicht gerade exorbitant, aber wäre es nicht irgendwie möglich gewesen, zumindest einen Teil des Pfeifenwerks auf der 2. Empore unterzubringen? Bleibt nur die Gewissheit, dass ich nicht der einzige bin, der bedauert, dass dieses Instrument, welches einem Eintrag im an der Orgel liegenden Werkstattbuch zufolge wunderschöne Klänge von sich gibt, sich im Turm verstecken muss.
Klanglich und von der Registerzusammenstellung her eindeutig noch fest in der Romantik beheimatet, strahlen doch hier bereits Einflüsse der Schweitzer’schen Gedanken zur Orgeldisposition durch: Quinte, Terz und Trompete sind dem Schwellwerk zugeordnet, das mit 9 klingendem Register und einem Sammelzug („Sesquialter“) deutlich größer besetzt ist, als das Hauptwerk, das sich auf 8-8-8-8-4-Mixtur beschränkt. Gerne hätte ich das Werk gespielt, um den Eintrag aus dem Werkstattbuch bestätigen zu können, aber auch hier: Ich war nur auf einer Rundfahrt und diese war zeitlich sehr eng begrenzt, so dass ich nicht zum Spielen kam.

Fährt man am Bodensee entlang, so gelangt man zwangsläufig auch nach Meersburg, das mit seinen historischen Häuserzeilen eine echte Augenweide darstellt. Allerdings ist dieses kleine Städtchen sonntags - wir machten den Fehler, an einem echten Schönwettersonntag diese Tour anzutreten - hoffnungslos überlaufen. Der Fußweg von der am See gelegenen Hauptstraße zur Kirche ist ein steiler Treppenstieg, der für ungeübte Touristen eine kleine Herausforderung darstellt. Aber mit zwei Kindern, die sich gegenseitig beim Treppenstufenzählen überbieten wollen, ist das gerade richtig. Oben angekommen wird man in der Kirche Mariä Heimsuchung von einer modernen sachlichen Innenausstattung mit einer ebenso schmucklosen Orgel - man möchte fast sagen - enttäuscht.
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Das Werk stammt von Pfaff und wurde im Jahr 1972 errichtet. Wie das Vergleichsbild im verlinkten Datenbankeintrag zeigt, hat hier jedoch offensichtlich einmal eine farbliche Umgestaltung stattgefunden. Ob damit auch eine klangliche Überarbeitung des zweimanuligen Werks mit seinen 29 Registern einherging, konnte nicht ermittelt werden. Noch nicht einmal die Disposition war feststellbar...

(Fortsetzung folgt)

Orgeln im Allgäu - Ein Reisebericht - Teil 3 - ergänzt

Florian-L, Samstag, 20. August 2011, 07:50 (vor 5554 Tagen) @ jrbecker

In der St. Johanneskirche zu Amtzell schließlich findet man folgendes Instrument von Martin Gegenbauer.
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Die Orgel hat 2 Manuale und 26 Register, näheres auf der Homepage des Orgelbauers. Ob das Gehäuse historisch ist oder neu errichtet wurde, konnte ich vor Ort nicht feststellen.

Eine solche Gehäusegestaltung wäre im Barock kaum vorstellbar, es ist auch neu. Siehe auch hier.

Gruß, Florian

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"Nicht alles, was tönt, ist auch Musik."
-Joseph Marx-

Orgeln im Allgäu - Ein Reisebericht - Teil 3 - ergänzt

jrbecker @, Samstag, 20. August 2011, 13:31 (vor 5554 Tagen) @ Florian-L

In der St. Johanneskirche zu Amtzell schließlich findet man folgendes Instrument von Martin Gegenbauer. ...
Ob das Gehäuse historisch ist oder neu errichtet wurde, konnte ich vor Ort nicht feststellen.


Eine solche Gehäusegestaltung wäre im Barock kaum vorstellbar, es ist auch neu. Siehe auch hier.

Gruß, Florian

Hallo Florian,

ich dachte auch nicht unbedingt, dass das komplette Gehäuse historisch sein müsste. Mir fällt eine Orgel ein, wo - es war glaube ich Supper, der das geplant hatte - man einen barocken Gehäusekorpus hatte, den man einfach auf die Seite gerückt, ein identsiches Teil gespiegelt nachgebaut und das ganze dann noch mit einem Mittelfeld bestückt hat, so dass eine dreiteilige Anlage ähnlich dieser hier entstand. (Mir fallen Stadt und Kirche gerade nicht ein, die Orgel ist in einem der Schnell & Steiner-Bücher "Historische Orgeln in ..." beschrieben.)

Auch hier wäre denkbar gewesen, dass z. B. der Mittelteil historisch ist und der Rest ergänzt wurde.

Ist aber nicht - danke für den Link!

LG
Jörg

Orgeln im Allgäu - Ein Reisebericht - Teil 3 - ergänzt

zehnzweidrittel @, Samstag, 20. August 2011, 16:35 (vor 5554 Tagen) @ jrbecker

ich dachte auch nicht unbedingt, dass das komplette Gehäuse historisch sein müsste. Mir fällt eine Orgel ein, wo - es war glaube ich Supper, der das geplant hatte - man einen barocken Gehäusekorpus hatte, den man einfach auf die Seite gerückt, ein identsiches Teil gespiegelt nachgebaut und das ganze dann noch mit einem Mittelfeld bestückt hat, so dass eine dreiteilige Anlage ähnlich dieser hier entstand. (Mir fallen Stadt und Kirche gerade nicht ein, die Orgel ist in einem der Schnell & Steiner-Bücher "Historische Orgeln in ..." beschrieben.)


Grüß Gott aus der Oberpfalz,

da dürfte die Orgel der Hofkirche U.L. Frau in Neumarkt i. d. Oberpfalz gemeint sein.

Bilder siehe hier

Zitat aus dem Schnell & Steiner-Buch "Historische Orgeln in der Oberpfalz":

"Historische Substanz: Die beiden Orgelkästen zu beiden Seiten des Fensters 1721"
Die Orgel wurde 1956 von Rieger erbaut und ist inzwischen von Klais renoviert worden.

Gruß

zehnzweidrittel

Orgeln im Allgäu - Ein Reisebericht - Teil 3 - ergänzt

jrbecker @, Samstag, 20. August 2011, 17:31 (vor 5554 Tagen) @ zehnzweidrittel

Ja genau, die isses - es sind sogar die beiden äußeren Kästen historisch, so war das! Neu sind der Mittelteil und das Rückpositiv. Danke für die Gedächtnisauffrischung!

LG
Jörg

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