nochmal: Weniger ist mehr

Fabian Brackhane ⌂ @, Worms, Donnerstag, 30. Dezember 2010, 08:46 (vor 5774 Tagen)

Um den Ur-Thread weiter unten nicht allzu sehr "ausfransen" zu lassen, hier ein neuer.

Ich hätte mein locker-flockiges "weniger ist mehr" vielleicht doch besser ausformulieren sollen. Worauf ich hinaus wollte ist folgendes: Mir ganz persönlich gefallen Orgeln viel besser, die in ihrer Intonation und ganzen Konzeption "entspannt" sind, also alles forcierte und nachdrückliche vermeiden. Das ist nicht unbedingt eine Frage der Registerzahl, sondern des Volumens.

Was ich außerdem sagen wollte: Es ist eben die Frage, ob man unbedingt jeden Raum auf Biegen und Brechen akustisch "fluten" muss. Es wird heute ständig erwartet, dass eine Orgel uns in einen dicken, plüschigen Klagteppich einhüllt. Ich habe aber so meine Zwiefel, ob das immer wünschenswert ist. Leicht provokantes Beispiel: Weingarten. Ganz gleich, ob das Klangergebnis jetzt von Gabler tatsächlich so gewollt war oder ob er einfach (wie Friedrich Jakob vermutet) nicht mit Mensuren umgehen konnte: Das Ergebnis ist doch, dass die Orgel den Raum eben nicht mit orgiastischen Dröhnen füllt, sondern eher ein gigantisches Kammerinstrument ist, das aber traumhafte Klangfarben zu bieten hat, die bei einer größeren Klangkraft vermutlich so zauberhaft nie entstanden wären.

Das meinte ich mit "weniger ist mehr"!

nochmal: Weniger ist mehr

kjz1, Donnerstag, 30. Dezember 2010, 17:04 (vor 5773 Tagen) @ Fabian Brackhane

Ich hätte mein locker-flockiges "weniger ist mehr" vielleicht doch besser ausformulieren sollen. Worauf ich hinaus wollte ist folgendes: Mir ganz persönlich gefallen Orgeln viel besser, die in ihrer Intonation und ganzen Konzeption "entspannt" sind, also alles forcierte und nachdrückliche vermeiden. Das ist nicht unbedingt eine Frage der Registerzahl, sondern des Volumens.

Also mehr Farbe statt Dezibel? Oder mehr Qualität statt Quantität? Manchmal habe ich jedoch den Eindruck, die Orgel selbst ist 'an und für sich' nicht schlecht, sie steht halt nur im falschen Raum.... Oder: das wichtigste Register der Orgel wurde leider nicht berücksichtigt.

Dazu könnte ich in Koblenz einige Beispiele nennen. Seifert-Orgel, St. Josef. Die Orgel wurde hier von der Erbauerfirma von über 70 auf etwas über 40 Register verkleinert. Pedal und Hauptwerk/Brustwerk stehen vorne auf der Empore, dahinter erstreckt sich ein sehr großer Turmraum. So groß, dass an der Seitenwand im Turmraum der (offene) 32'-Holzprinzipal aufgestellt werden konnte. Hinter der Orgel befindet sich (freistehend) das grosszügig geplante Schwellwerk, welches durch diese Aufstellung einen unglaublichen Effekt entfalten kann. Bei geschlossenen Jalousien fast ein unhörbares 'Fernwerk', zugleich entfaltet sich beim Öffnen der Jalousien ein sehr wirksames Crescendo, ohne auch nur irgendwie 'brüllend' zu wirken. Diesen Effekt hätte man aber kaum erreicht, hätte man das Schwellwerk im Hauptgehäuse unterbringen müssen. Aufgrund der Akustik 'rollt' der Klang praktisch in den Raum hinaus, ein Effekt wie ich ihn sonst nur bei den großen franz. Kathedralen erlebt habe.

Liebfrauenkirche. Auch hier wurde die Orgel beim Umbau verkleinert, auch, um anderen Registern im Gehäuse mehr Platz zur Tonansprache zu geben. Zudem wurden einigen Mixturen 'die Zähne gezogen' und umintoniert. Vorher klang die Orgel 'kernig-deftig', nach dem Umbau wesentlich runder und voller. Zudem steht die Orgel auch hier etwas zurückgezogen in einem (großen) Turmraum.

St. Florin. Diese neue Orgel hatte ich ja schon hier vorgestellt. Hier war es wohl tatsächlich Wunsch der Auftraggeber, möglichst viele Register zu bauen. Der Orgelbauer hat dann IMHO etwas korrigierend eingewirkt, indem die Register eher zurückhaltend intoniert wurden. Leider kommt hier noch zum Tragen, dass der Raum kaum Nachhall hat und die Orgel auf der Empore fast direkt bis ans Geländer reicht. Da 'steht' der Ton praktisch in Sekundenbruchteilen 'mitten im Raum'.

Meine Vermutung: wie gezielt wird wirklich auf die vorhandene Raumakustik 'hingebaut'? Oder sind überwiegend 'Sachzwänge' (i.e. Pecunia) dafür verantwortlich, dass oft in kleinen Räumen eigentlich zu große Orgeln stehen bzw. in großen Räumen zu kleine Orgeln? Wobei letzteres evtl. klanglich nicht so extrem auffällt, denn ein großer Raum kann durchaus auch einen 'kleinen Klang' veredeln bzw. mehr Volumen verleihen.

Viele Grüße,

- Karl-Josef

nochmal: Weniger ist mehr

Karsten, Freitag, 31. Dezember 2010, 09:36 (vor 5773 Tagen) @ kjz1


Also mehr Farbe statt Dezibel? Oder mehr Qualität statt Quantität? Manchmal habe ich jedoch den Eindruck, die Orgel selbst ist 'an und für sich' nicht schlecht, sie steht halt nur im falschen Raum.... Oder: das wichtigste Register der Orgel wurde leider nicht berücksichtigt.

So habe ich Fabians Kommentar auch verstanden. Ein "weniger" an (allgemein) schlechten Eigenschaften der Orgel ist immer ein "mehr" des verhältnisses zu guten Eigenschaften. Den Eindruck, dass der Raum als Instrument nicht berücksichtigt wird, habe ich hingegen hin und wieder auch. Es wird dann immer gerne gesagt, dass die Orgel für die vollbesetzte Kirche hin intoniert wird oder wurde.

Was die Registerzahl angeht, so ist es wohl immer noch hin und wieder so, dass das "Prestige" eine Rolle spielt. Man will eben eine große französische Kathedralorgel...

Dazu könnte ich in Koblenz einige Beispiele nennen. Seifert-Orgel, St. Josef. Die Orgel wurde hier von der Erbauerfirma von über 70 auf etwas über 40 Register verkleinert. Pedal und Hauptwerk/Brustwerk stehen vorne auf der Empore, dahinter erstreckt sich ein sehr großer Turmraum. So groß, dass an der Seitenwand im Turmraum der (offene) 32'-Holzprinzipal aufgestellt werden konnte. Hinter der Orgel befindet sich (freistehend) das grosszügig geplante Schwellwerk, welches durch diese Aufstellung einen unglaublichen Effekt entfalten kann. Bei geschlossenen Jalousien fast ein unhörbares 'Fernwerk', zugleich entfaltet sich beim Öffnen der Jalousien ein sehr wirksames Crescendo, ohne auch nur irgendwie 'brüllend' zu wirken. Diesen Effekt hätte man aber kaum erreicht, hätte man das Schwellwerk im Hauptgehäuse unterbringen müssen. Aufgrund der Akustik 'rollt' der Klang praktisch in den Raum hinaus, ein Effekt wie ich ihn sonst nur bei den großen franz. Kathedralen erlebt habe.

Hier ein Link zu einer kleinen Bildergalerie zu dieser Orgel.
http://www.sankt-josef-koblenz.de/_fuehrung/O2.htm
Ich kenne die Vorgänger-Ogel nicht, habe nur herausgefunden, dass sie ebenfalls von Seifert stammt (1929 erbaut). Ob eine solche Orgel (entsprechende Bauqualität vorausgesetzt) heute immer noch durch einen Neubau ersetzt werden würde? In der Festschrift war wenig dazu zu finden: Neben den üblichen Verschleißerscheinungen und Unzuverlässigkeiten bei Traktur und Windversorgung wurde vergemerkt, dass ganze Pfeifenreihen der alten Orgel "nicht mehr vorhanden" gewesen seien. Eine Restaurierung sei finanziell nicht vertretbar gewesen. Immerhin wurden 22 alte Register wiederverwendet.

Gruß
Karsten

nochmal: Weniger ist mehr

kjz1, Freitag, 31. Dezember 2010, 14:21 (vor 5772 Tagen) @ Karsten

Ich kenne die Vorgänger-Ogel nicht, habe nur herausgefunden, dass sie ebenfalls von Seifert stammt (1929 erbaut). Ob eine solche Orgel (entsprechende Bauqualität vorausgesetzt) heute immer noch durch einen Neubau ersetzt werden würde?

Die Vorgängerorgel von 1929 kenne ich noch. Es gab kein Gehäuse, vielmehr handelte es sich hierbei um einen 'Lattenzaun' von Pfeifen, der quasi als Sichtschutz den Turmraum abtrennte. Im Turmraum waren dann die versch. Werke aufgestellt. Als ich in meiner Jugendzeit die Orgel hörte, war ich fasziniert von den 'silbrig glitzernden' Mixturen, die quasi wie ein 'Sahnehäubchen' den Klang krönten. Damals war ich eher die 'haarespaltenden' Mixturen und Scharffs der (vorherschenden) Neobarock-Orgeln gewöhnt, dagegen war ein solcher Mixturenklang die reine Wohltat. Allerdings war die Orgelwartung wohl etwas vernachlässigt worden, zuletzt waren nur noch Teile der Orgel spielbar und dies auch nur, weil der Organist ständig wieder das Notdürftigste geflickt hat. Sprich: zum Schluß war die Orgel in einem miserablen techn. Zustand, klang aber trotzdem immer noch bezaubernd schön.

Eine gewisse Kontinuität gab es schon beim Umbau: es wirkte der Seniorchef von Seifert mit, der damals als kleiner Lehrjunge beim Aufbau der alten Orgel mit beteiligt war. Ja, beim Umbau wurde die Orgel verkleinert, aber Seifert hatte da Respekt vor dem eigenen Instrument: grundsätzlich blieb nämlich der Klangcharakter der Orgel gewahrt, zudem erhielt die Orgel jetzt endlich ein Gehäuse und techn. Unzulänglichkeiten (z. Bsp. bei der Traktur) wurden beseitigt. Zudem passt hier die Synthese von Raum und Instrument: eine neogotische Kirche mit 'großer' Akustik und eine spätromantische Orgel. Aus der Tiefe (räumlich und klanglich) 'wuchtet' diese Orgel eine große Klangmasse in den Raum, ohne auch nur in irgendeiner Weise brüllend oder schreiend zu klingen, also ein sehr 'entspannter' Klang.

Viele Grüße,

- Karl-Josef

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