Spielbericht Schleswiger Domorgel

Tim T., Freitag, 12. August 2011, 08:11 (vor 5503 Tagen)

Hallo,
nachdem hier vor ein paar Monaten auf die Frage, wie die überarbeitete und erweiterte Schleswiger Domorgel geworden ist, niemand aus eigener Erfahrung geantwortet hat und nur ziemlich unzutreffende Vermutungen geäußert wurden, möchte ich nach einigen gespielten Stunden an der Orgel ein paar Eindrücke loswerden:

Spieltisch:
Optisch ähnelt der Spieltisch im Bezug auf eckige Registerzüge und deren Anordnung weitestgehend dem alten von Marcussen. Das Ziehen mehrerer Register ist problemlos möglich. Problematisch erweist sich allerdings die weiße Schrift auf schwarzem Hintergrund: Im (diesen Sommer leider üblichen) dämmrigen Dom ist sie nur schwer lesbar. Mit einer Stehlampe ist dieses Problem allerdings lösbar.
Die Ergonomie ist deutlich verbessert, man stößt beim Spielen nicht mehr (wie früher) an das unterste Manual. Der einschiebbare Setzer (System Heuss) ist leider komplizierter als nötig, ohne Anleitung sucht man die „Menü-Zurück“-Taste vergeblich. Funktionsweise ansonsten einwandfrei. Ein Weiterschalten der Ebenen fehlt ebenfalls.
Die Traktur ist (im positiven Sinne) nicht zu vergleichen mit der alten Marcussen-Traktur. Das Spiel mit allen (mechanischen) Koppeln – früher unmöglich – erweist sich als äußerst angenehm. Großes Lob an Schuke!

Klang/ Konzept:
I: Pfeifenbestand Marcussen:
Als bekennender Fan der alten Orgel mit ihrer unverkennbaren Marcussen-Neobarock-Ästhetik bin ich hin- und hergerissen: Auf der einen Seite ist die Marcussen-Substanz noch gut erahnbar, auf der anderen Seite litt der Klangcharakter insbesonders durch die „Entschärfung“ des Rückpositives, m. E. das ehemals schönste Werk der Orgel. Besonders die Sesquialtera war ein Traum (jetzt guter Durchschnitt), die Zungen (Dulcian, Krummhorn) sind qualitativ gleich geblieben. Die damalige Transparenz fehlt.

Das Hauptwerk ist kerniger intoniert,worden, was der „Wärme“ des Klanges schadet. Allerdings muss man einräumen, dass man vor dem Umbau allzu häufig einen fürchterlich vernudelten Klangbrei (Bach...) hörte; nur dir wirklich guten Spieler schafften polyphone Durchhörbarkeit. Wie die kernige Intonation im Raum wirkt, kann ich nicht beurteilen, da ich die Orgel bislang nur spielend kennen gelernt habe.
Von interessierten Laien hörte ich aber, der Klang sei vor den Arbeiten „wärmer“ gewesen.

II: Neubau Schuke:
Das „Ergänzungswerk“ (3. Manual, das BW jetzt auf dem 4.), eher ein fraz. Standard-Recit, hat ebenfalls seine „Pros“ und „Contras“: Negativ ist die Lautstärke: ZU LAUT! Die Oboe erinnert an eine Trompette, die Trompette an eine Trp. episcopalis. Das Problem ist aber sicherlich lösbar. Positiv sind besonders die Grundstimmen (ein sehr schöner, weit mensurierter Diapason und eine noch schönere Gambe), eine „1“ gibt´s für die charakteristische Doppelflöte.

Die Verschmelzung des alten und neuen Materials funktioniert. Man muss ein wenig basteln, bis es klingt, aber es geht. Der Kompromiss ist hörbar, aber vertretbar.

Schade, dass eine Koppel II an I fehlt, so sind große frz. Romantiker nur mit mühsamen Umüben möglich.

Handwerkliche Ausführung:
Kann ich als Laie nur bedingt beurteilen. Auf den ersten Blick äußerst solide, viel Holz, kaum Metall, kein Plastik. Das Innere des Instrumentes wirkt aufgeräumter, keine dreifache Aufbänkung mehr. Schaltungen sind problemlos zugänglich und vor Feuchtigkeit geschützt. Zungen ebenfalls gut zugänglich. Gibt ein „Gefällt mir“.

(persönliches) Fazit:
Nach allen kontroversen Diskussionen über die Behandlung von neobarocken Großorgeln ist dieser Umbau m. E. ein vertretbarer bis guter. Die Marcussen-Charakteristik hätte konsequenter beibehalten werden sollen, das Ergänzungswerk etwas leiser ausfallen dürfen, dann wäre der Umbau als äußerst gelungen zu betrachten. Gelungen ist er allemal.
Oder wie mein ehemalger Orgelbaukunde-Dozent sagen würde: Die Orgel hat französisch als erste Fremdsprache gelernt, zwar nicht akzentfrei, aber überzeugend. Etwas zu Lasten des norddeutschen Dialektes.

Gruß, Tim


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