Doppelkonzert Pfeifenorgel / Digitalorgel
forenadmin
, Donnerstag, 04. August 2011, 08:05 (vor 5511 Tagen)
Auch wenn sich hier im Forum m.E. doch sehr viel "Puristen" tummeln, muß ich von einem absolut interessanten Orgelkonzert berichten, welchem ich gestern hier in unserem schönen Heuvelland in den Niederlanden beiwohnen konnte.
Thomas van der Luit (Organist von St. Paulus in Epen und Redemptorisenkloster in Wittem sowie "Hausorganist" und musikalischer Berater der Firma Johannus) sowie André van Vliet (Organist Hervormde Gemeente van Polsbroek) gaben ein Konzert für 2 Orgeln (zusammen mit einem durch André van Vliet geleiteten Damen-Doppelquartett).
Die eine Orgel war die Verschueren-Orgel von St. Paulus in Epen und die zweite Orgel eine von der Firma Johannus zur Verfügung gestellte Monarke-Digitalorgel.
So hatte man mal eine Gelegenheit, auch Pfeifenorgel und Digitalorgel im direkten Vergleich zu hören. Ein kleiner Unterschied war zu hören (wobei zu beachten ist, daß die Digitalorgel nicht optimal an den Raum in der kurzen Zeit konnte angepasst werden) aber auch nur für geübte Ohren. Ich kann mittlerweile nachvollziehen, daß die Gemeinde, die kein Geld mehr für eine Orgelrestauration haben, eine Digitalorgel zur Diskussion kommt.
Ich habe eine CD von André van Vliet, wo er zusammen mit Marco den Toon an der Vermeulen Orgel in der Koepelkerk te Leeuwarden spielt. Wenn jemand interessiert ist, mal ein Stück daraus zu hören, bitte bei mir melden.
Doppelkonzert Pfeifenorgel / Digitalorgel
Tabernakelwanze
, Niederrhein, Freitag, 05. August 2011, 06:36 (vor 5511 Tagen) @ forenadmin
Beiträge in denen das Wort "Digitalorgel" vorkommt, werden hier meistens ignoriert. Dabei ist die Möglichkeit eines direkten Vergleiches doch interessant! Ich behaupte, dass eine vernünftige Abstrahlung vorausgesetzt, heute kaum noch jemand in der Lage ist, z. B. eine Monarke-Sakralorgel von einer "echten Pfeife" zu unterscheiden. Deshalb halte ich solche Optionen bei den entsprechenden Bedingungen für durchaus akzeptabel.
Doppelkonzert Pfeifenorgel / Digitalorgel
BourdonCéleste, Freitag, 05. August 2011, 11:54 (vor 5510 Tagen) @ Tabernakelwanze
Es geht eher um das instrumentale Selbstverständnis der Digitalorgel.
Soll/will sie die Pfeifenorgel ersetzen oder imitieren? Braucht es Berührungsängste dort, wo sich möglicherweise gar nichts berührt??
Nehme man doch beispielsweise einmal Gitarre und E-Gitarre. Wer würde da heute noch ernsthaft vergleichen? Das sind eben zwei verschiedene Instrumente, mit ihren jeweiligen Stärken und Schwächen - und Einsatzgebieten.
Und beim Imitat ist die Pfeifen-Orgel selbst nicht mit Ruhmesblättern gesegnet: Die Vox humana ist ein jahrhundertelang peinlich gescheiterter Imitatversuch - und hat nun eben ihren eigenen Stellenwert, sobald man sich vom Imitatsgedanken gelöst hatte. Gilt natürlich für alle "Orchesterstimmen"-Orgelregister... Die Pfeifenorgel muss so ehrlich sein, dass sie selbst eigentlich als Imitat, als Musikautomat, als Chor- und Orchesterersatz angefangen hat. Dann darf sie sich nicht beschweren, wenn sie als Imitat nun selber imitiert wird...
Auch hier wieder gilt freilich der Gedanke von der Freiheit des Geistes und der Kunst: Spielen, was gut klingt und Finger weg von bloßer Geräusch-Erzeugung, egal ob analog oder digital.
Doppelkonzert Pfeifenorgel / Digitalorgel
Anna-Theresia, Freitag, 05. August 2011, 12:42 (vor 5510 Tagen) @ BourdonCéleste
Da kann ich nur zustimmen. Und ich glaube, je mehr man versucht, das Original nachzuahmen, desto weiter entfernt man sich davon. Ist auch gut so.
Habe bei youtube diese Aufnahme entdeckt: http://youtu.be/N6M_1aJHaXU Eine digitale Kinoorgel von Allen. Klingt sehr gut, aber: ich glaube, einiges wurde bei der richtigen Kinoorgel(mit Pfeifen) nicht so gut funktionieren, z.B. diese Repetitionen ungefähr ab 0:28. Das ist schon ZU perfekt.
Imitationsinstrument
Subkoppel II - I
, Freitag, 05. August 2011, 18:39 (vor 5510 Tagen) @ BourdonCéleste
Es geht eher um das instrumentale Selbstverständnis der Digitalorgel.
Soll/will sie die Pfeifenorgel ersetzen oder imitieren? Braucht es Berührungsängste dort, wo sich möglicherweise gar nichts berührt??
Nehme man doch beispielsweise einmal Gitarre und E-Gitarre. Wer würde da heute noch ernsthaft vergleichen? Das sind eben zwei verschiedene Instrumente, mit ihren jeweiligen Stärken und Schwächen - und Einsatzgebieten.
Und beim Imitat ist die Pfeifen-Orgel selbst nicht mit Ruhmesblättern gesegnet: Die Vox humana ist ein jahrhundertelang peinlich gescheiterter Imitatversuch - und hat nun eben ihren eigenen Stellenwert, sobald man sich vom Imitatsgedanken gelöst hatte. Gilt natürlich für alle "Orchesterstimmen"-Orgelregister... Die Pfeifenorgel muss so ehrlich sein, dass sie selbst eigentlich als Imitat, als Musikautomat, als Chor- und Orchesterersatz angefangen hat. Dann darf sie sich nicht beschweren, wenn sie als Imitat nun selber imitiert wird...
Deinen Gedankengang über die Orgel als „Imitationsinstrument“ finde ich sehr interessant auch wenn sich daraus zwangsläufig eine gewisse Legitimation der Digitalorgel ergibt (sage ich als überzeugter „Pfeifen-Fan“ !).
Die Pfeifenorgel ist jedoch im Vergleich zu Gitarre oder Klavier leider ein Stiefkind unter den Instrumenten (vielleicht weil sie in den Köpfen automatisch mit „Kirche“ in Verbindung gebracht wird?).
Gitarre und E-Gitarre sind weitaus populärer und haben sich längst voneinander getrennt und eigene „Märkte“ und Zuhörer erschlossen.
Es ist m. E. alles eine Frage der Akzeptanz des jeweiligen Publikums (Kirchenbesucher mit eingeschlossen).
Klavier (Flügel) und E-Piano sind akustisch auch nicht mehr zu unterscheiden.
Aber würden Lang Lang oder Argerich die Säle füllen wenn zuvor bekannt wäre, dass sie auf einem Yamaha-E-Piano spielen?
Aber die Antwort auf die Frage „Pfeifen oder Digital“ kann auch ganz einfach sein.
Wenn sich die Digitalorgel optisch als „Klaviatur mit Lautsprecherboxen“ zu erkennen gibt, dann weiß der Zuhörer woran er ist und kann es akzeptieren oder ablehnen.
Wenn aber ein stummer Pfeifenprospekt (schlimmstenfalls noch historisch, wie in einer hier schon erwähnten Kirche in Dortmund) als Tarnkappe herhalten muss, dann entlarvt sich das Instrument selbst als billiges Imitat.
Solange Musiker und Publikum weiterhin der Versuchung nicht widerstehen können und sich den Kathedralklang von ND-Paris in ihre Dorfkapellen holen, verdient es die Digitalorgel auch nur „wie eine echte Pfeifenorgel“ zu klingen.
Der Spaß am „Kathedralklang“ hat sowieso nur eine kurze Halbwertszeit:
Nach 20 Jahren keine Ersatzteile mehr und „Die Module spiel’n verrückt ...“
... summt vergnügt vor sich hin,
Subkoppel II - I
Doppelkonzert Pfeifenorgel / Digitalorgel
Andreas Scotty Böttcher
, Dresden, Samstag, 06. August 2011, 13:49 (vor 5509 Tagen) @ BourdonCéleste
Das würde ich so unterschreiben und vielleicht noch ergänzen:
Das Instrument ist nur Mittel zum Zweck. Was Musik eigentlich ausmacht, entsteht immer noch im Kopf des Musikers.
Ich gehe jetzt mal davon aus, dass jedes Instrument seinen bestmöglichen Klang abgibt. Eine Digitalorgel über die eingebauten Spieltisch-Lautsprecher gespielt, ist für mich natürlich genauso indiskutabel wie eine verstimmte Pfeifenorgel.
Digital- und Pfeifenorgel als zwei eigenständige Instrumente im Konzert zusammen stelle ich mir jedenfalls interessant vor.
Herzlich grüßt
Scotty.
--
"Tradition ist Bewahrung des Feuers und nicht Anbetung der Asche." (Gustav Mahler)
Doppelkonzert Pfeifenorgel / Digitalorgel
FranzS.
, Samstag, 06. August 2011, 14:24 (vor 5509 Tagen) @ Andreas Scotty Böttcher
Das würde ich so unterschreiben und vielleicht noch ergänzen:
Das Instrument ist nur Mittel zum Zweck. Was Musik eigentlich ausmacht, entsteht immer noch im Kopf des Musikers.
Hallo, ein guter Musiker kann Musik machen, (fast) egal wie schlecht die Orgel ist. Aber ist das Instrument nur Mittel zum Zweck? Bei einem Instrument, dessen Klang verallgemeinert ist (wie einem modernen Klavier) stimmt das. Aber bei einer Orgel? Wie sieht es mit deinen Einspielungen in Altenburg aus. War die Orgel nur Mittel um deine Musik zu vermitteln, oder war deine Musik auch zum Teil ein Mittel um den Klang der Altenburger Orgel zu vermitteln (den ich, wenn er so ist wie er in den Aufnahmen der Orgel rüberkommt, sehr mag).
Digital- und Pfeifenorgel als zwei eigenständige Instrumente im Konzert zusammen stelle ich mir jedenfalls interessant vor.
Ehrlich gesagt habe ich etwas gegen Digitalorgeln (wohlgemerkt nicht gegen andere elektronische Instrumente mit Orgelspieltisch). Warum sampelt man einen Klang, wenn doch mit dieser Technik ganz andere Sachen möglich wären. Deshalb disqualifiziert sich die Digitalorgel, jedenfalls in dieser Form. Jedoch muss ich doch wieder auf des Pfarrer Striedls Orgel hinweisen, wo sich 70er Jahre Elektronensound mit einem außergewöhnlichen Orgelkonzept vereint. Das ist Interessant
Herzlich grüßt
Scotty.
Gruß zurück Franz
Doppelkonzert Pfeifenorgel / Digitalorgel
Anna-Theresia, Samstag, 06. August 2011, 19:30 (vor 5509 Tagen) @ FranzS.
Ich glaube, man soll es abwarten mit der Digitalorgel. Ob das Ding ähnliche Entwicklung durchmacht wie einst Hammond-Orgel? War ja auch zuerst als Ersatz für die Kirchenorgel gedacht und ist es zum Glück nicht geworden.
Doppelkonzert Pfeifenorgel / Digitalorgel
Andreas Scotty Böttcher
, Dresden, Samstag, 06. August 2011, 20:04 (vor 5509 Tagen) @ Anna-Theresia
bearbeitet von Andreas Scotty Böttcher, Samstag, 06. August 2011, 20:26
So sehe ich das auch, liebe Anna-Theresia (ein wunderschöner Name!!)
Lieber Franz,
die neuartigen Klänge passieren doch schon mittels der ganzen verschiedenen Synthesizer. Natürlich mag ich die sehr und spiele selber mit Begeisterung Elektronische Musik. Doch selbst mit Synthesizern wollte man ja anfänglich alles Mögliche imitieren, nur ist es zum Glück nicht dabei geblieben, wie es Anna-Theresia schon treffend beschrieben hat. Also warum nicht das Eine tun ohne das Andere zu lassen?
Die Altenberger Orgel ist natürlich etwas besonderes und inspiriert mich sicher mehr als die hier oft verspotteten Schrei-Positive. Und sicher geht es in der Orgelmusik mehr als in jeder anderen Musik auch darum, die Besonderheiten des Instrumentes herauszuarbeiten. Trotzdem bleibe ich grundsätzlich dabei, versuche es aber etwas besser zu formulieren: Das Instrument ist das Werkzeug des Musikers, nicht umgekehrt. Prioritär geht es mir darum, dramaturgisch sinnvoll Musik zu machen und nicht, die Orgel vorzuführen. Sollte allerdings beides gleichzeitig gelingen, um so besser...
Herzlich grüßt nochmal
Scotty.
--
"Tradition ist Bewahrung des Feuers und nicht Anbetung der Asche." (Gustav Mahler)