Perfekte Täuschung
Heute wurde ich zu einer Orgel gerufen, die "nicht mehr genug Luft hat". Das Problem, ein gerissener Faden zum Windladenbalg, war schnell gefunden und behoben. In dieser Orgel gibt es aber eine faszinierende Lösung, die ich so noch nie gehört habe.
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Das Instrument stammt von der Firma Weißenborn aus dem Jahr 1968. Die Disposition ist steil neobarock:
I Hauptwerk C-g3
Quintadena 16'
Prinzipal 8'
Rohrflöte 8'
Oktave 4'
Gedackt 4'
Gemshorn 2'
Sesquialtera 2fach
Mixtur 4-5fach 1 1/3'
Oboe 8'
Tremulant
II Brustwerk
Holzgedackt 8'
Prinzipal 4'
Rohrflöte 4' ursprünglich Sept-Non 2fach (1 1/7' + 8/9')
Nasard 2 2/3'
Blockflöte 2'
Terz 1 3/5'
Sifflöte 1 1/3'
Scharf-Zimbel 3fach
Vox humana 8'
Regal 4'
Tremulant
Pedal C-f1
Prinzipal 16'
Oktave 8'
Weitgedackt 8'
Quintatön 4'
Hintersatz 3fach 2 2/3' + 2' + 1'
Fagott 16'
Clairon 4'
II-I, I-P, II-P
4 freie Kombinationen, Organo Pleno (alles als Knöpfe und Tritte)
Zungen ab
Mechanische Spieltraktur mit Holzabstrakten
Was mich erstaunt hat, war der einzige labiale 16' im Pedal: Der Prinzipal 16' steht ab Gis im Prospekt mit eher schlanken Mensuren und passt sich auch gut in das sonstige Klangbild ein. Wie aber löst man die tiefen Töne? Bei einer Orgel aus dieser Zeit hätte ich ein Holzgedackt 16' vermutet, aber solche Pfeifen gibt es hier nicht. Stattdessen stehen neben jeder Pedallade vier offene 8'-Pfeifen mit extrem weiter Mensur aus Zink. Ich nehme an, dass hier ein alter Prinzipalbass abgeschnitten worden ist. Die Mensur ist doppelt so weit wie der nebenanstehende Oktavbass 8'. Der 16'-Grundton wird nun erzeugt mit völlig unscheinbaren Holzgedacktpfeifen 5 1/3' mit erstaunlich enger Mensur, die neben den offenen Pfeifen stehen. Wenn man das so sieht, würde man nie annehmen, dass das funktionieren kann: Eine doch recht große Orgel ohne echten labialen 16'. Im Raum klingt das Ergebnis aber fulminant, ja die "unechten" tiefen Töne sind sogar besser als die echten Prinzipal 16'-Töne ab Gis!
Von romantischen Orgeln kenne ich solche Lösungen bei einem zweiten (!) 16' im Pedal, dann gerne als Huckepackpfeifen gebaut. Aber bei einem neobarocken Instrument war ich jetzt doch sehr überrascht. Ich glaube nicht, dass sich heute jemand trauen würde, eine solche Konstruktion vorzuschlagen oder zu realisieren. Dass es aber funktioniert, kann man hier bewundern.
Perfekte Täuschung
... ja das mit der gerissenen Zugschnur zur Drosselklappe kenn ich aus eigener
erfahrung. Die Schnur ist bei meiner Orgel während der Messe gerissen und das Werk richtig abgesoffen. Ein Laie würde da einen Totalschaden vermuten
Ich hab schon oft von diesen akustischen Bässen gehört, aber selbst diesen Effekt noch nirgends erleben können.
Wenn man keinen 10 2/3 hat, den Subbass zieht und im Pedal 2 Töne spielt - also C und G kommt dann ein 32'C raus ?
oder bleiben es 2 verschiedene Töne?
Wovon hängt es ab damit dieser Effekt funktioniert - von einer exakt gestimmten Quinte oder von der Bauart der 2 Pfeifen?
Im Wiener technischen Museum steht eine kleine Molzer Multiplexorgel mit 3 Pfeifenreihen - die hat tatsächlich im Pedal einen 32' als Registerzug - ob das wirklich funktioniert hat ? - leider ist die Orgel nicht spielbar.
Perfekte Täuschung
Ich hab schon oft von diesen akustischen Bässen gehört, aber selbst diesen Effekt noch nirgends erleben können.
Das wäre z.B. hier (klingt gut, wie ich finde), hier oder hier möglich.
Wenn man keinen 10 2/3 hat, den Subbass zieht und im Pedal 2 Töne spielt - also C und G kommt dann ein 32'C raus?
Man hört den Residualton, der einem 32' entspricht, das funktioniert einmal mehr, einmal weniger überzeugend, es kommt auf die Mesurierung und Intonation an. In der Regel ist der Effekt bei einem unabhängigen und rein gestimmten 10 2/3' am besten hörbar. In Graz Herz Jesu z.B. wird der Untersatz 32' mit Hilfe einer "Quintkoppel" aus dem Subbass 16' gewonnen, aber im Raum kommt der 32'-Eindruck dennoch gut zur Geltung.
Gruß, Florian
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"Nicht alles, was tönt, ist auch Musik."
-Joseph Marx-
Perfekte Täuschung
Kann es dann also sein dass der akustische Bass am Spieltisch schlechter bzw. nicht hörbar ist und sich erst im Raum entfaltet?
Wenn man im Subbass Quinten spielt kommt mir vor, dass manche Quinten zusammen einen tieferen Ton ergeben und manche nicht.
Gruß, Martin
Perfekte Täuschung
Kann es dann also sein dass der akustische Bass am Spieltisch schlechter bzw. nicht hörbar ist und sich erst im Raum entfaltet?
Ja, das kann durchaus vorkommen. Wenn man am Spieltisch deutlich die Quinten hört, kann der Eindruck im Raum trotzdem stimmig sein. Im Idealfall "wächst" auch der akustische Bass beim Aufregistrieren mit.
Wenn man im Subbass Quinten spielt kommt mir vor, dass manche Quinten zusammen einen tieferen Ton ergeben und manche nicht.
Das ist wohl von Fall zu Fall verschieden, es kommt auf die jeweilige Mensurierung, Intonation, Stimmung und nicht zuletzt den Raum an.
Gruß, Florian
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"Nicht alles, was tönt, ist auch Musik."
-Joseph Marx-