Perfekte Täuschung

Orlos, Donnerstag, 28. Juli 2011, 13:23 (vor 5520 Tagen)
bearbeitet von Orlos, Donnerstag, 28. Juli 2011, 13:26

Heute wurde ich zu einer Orgel gerufen, die "nicht mehr genug Luft hat". Das Problem, ein gerissener Faden zum Windladenbalg, war schnell gefunden und behoben. In dieser Orgel gibt es aber eine faszinierende Lösung, die ich so noch nie gehört habe.
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Das Instrument stammt von der Firma Weißenborn aus dem Jahr 1968. Die Disposition ist steil neobarock:

I Hauptwerk C-g3
Quintadena 16'
Prinzipal 8'
Rohrflöte 8'
Oktave 4'
Gedackt 4'
Gemshorn 2'
Sesquialtera 2fach
Mixtur 4-5fach 1 1/3'
Oboe 8'
Tremulant

II Brustwerk
Holzgedackt 8'
Prinzipal 4'
Rohrflöte 4' ursprünglich Sept-Non 2fach (1 1/7' + 8/9')
Nasard 2 2/3'
Blockflöte 2'
Terz 1 3/5'
Sifflöte 1 1/3'
Scharf-Zimbel 3fach
Vox humana 8'
Regal 4'
Tremulant

Pedal C-f1
Prinzipal 16'
Oktave 8'
Weitgedackt 8'
Quintatön 4'
Hintersatz 3fach 2 2/3' + 2' + 1'
Fagott 16'
Clairon 4'

II-I, I-P, II-P
4 freie Kombinationen, Organo Pleno (alles als Knöpfe und Tritte)
Zungen ab
Mechanische Spieltraktur mit Holzabstrakten

Was mich erstaunt hat, war der einzige labiale 16' im Pedal: Der Prinzipal 16' steht ab Gis im Prospekt mit eher schlanken Mensuren und passt sich auch gut in das sonstige Klangbild ein. Wie aber löst man die tiefen Töne? Bei einer Orgel aus dieser Zeit hätte ich ein Holzgedackt 16' vermutet, aber solche Pfeifen gibt es hier nicht. Stattdessen stehen neben jeder Pedallade vier offene 8'-Pfeifen mit extrem weiter Mensur aus Zink. Ich nehme an, dass hier ein alter Prinzipalbass abgeschnitten worden ist. Die Mensur ist doppelt so weit wie der nebenanstehende Oktavbass 8'. Der 16'-Grundton wird nun erzeugt mit völlig unscheinbaren Holzgedacktpfeifen 5 1/3' mit erstaunlich enger Mensur, die neben den offenen Pfeifen stehen. Wenn man das so sieht, würde man nie annehmen, dass das funktionieren kann: Eine doch recht große Orgel ohne echten labialen 16'. Im Raum klingt das Ergebnis aber fulminant, ja die "unechten" tiefen Töne sind sogar besser als die echten Prinzipal 16'-Töne ab Gis!
Von romantischen Orgeln kenne ich solche Lösungen bei einem zweiten (!) 16' im Pedal, dann gerne als Huckepackpfeifen gebaut. Aber bei einem neobarocken Instrument war ich jetzt doch sehr überrascht. Ich glaube nicht, dass sich heute jemand trauen würde, eine solche Konstruktion vorzuschlagen oder zu realisieren. Dass es aber funktioniert, kann man hier bewundern.


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