Olivier Latry im Regensburger Dom

BourdonCéleste, Donnerstag, 28. Juli 2011, 12:06 (vor 5520 Tagen)

Gestern spielte Olivier Latry im Regensburger Dom.
Was für ein Abend!


Programm:

Johann-Sebastian Bach (1685 – 1750)
Toccata und Fuge in d-Moll BWV 565

César Franck (1822 – 1890)
Prélude, fugue et variation

Charles-Marie Widor (1844 – 1937)
Allegro (aus der 6. Sinfonie)

Jean Langlais (1907 – 1991)
Cantilène (aus : Suite Brève)

Gaston Litaize (1909 – 1991)
Scherzo

Marcel Dupré (1886 – 1971)
Präludium und Fuge in g-Moll op. 7/3

Olivier Latry (* 1962)
Improvisation

Die Epidemische begann erstaunlich zurückhaltend, fast kammermusikalisch, kleines Prinzipal-Mixturen-Plenum, in der Toccata keine 32'Zunge, fein, ruhig, schlicht. Überraschend in gewisser Weise, rechnet man doch mit großem Krawumm bei diesem Stück.

Franck dann ein Kleinod. Sowas von schön und geschmackvoll, mit einer Leichtigkeit und gleichzeitig gefühlvollen Tiefe gespielt, ich hatte Tränen in den Augen. Unglaublich, was man aus einem Werk machen kann, das Land auf, Land ab eigentlich oft einfach nur so runtergeduldet wird und dann durchaus eine gewisse Langeweile verbreiten kann. Aber hier war eine ganz dezente, aber hoch wirkungsvolle Agogik und Phrasierung dabei - dazu perfekt registriert, jede einzelne Pfeife, die in diesem Stück erklang, schien sich auf ihren Ton gefreut zu haben und zu leuchten.

Dann BÄÄM, Widor. Tutti général. Oh mein Gott, was für eine Zelebration! Jeder Akkord eine neue Gänsehaut! Ich hatte nachmittags mit OL noch über Tempi diskutiert und erstaunt sein überzeugendes Plädoyer für eine bedachte Langsamkeit zur Kenntnis genommen. Und wie Recht hatte er doch! Auch ohne Eile ist der Kopfsatz der Sechsten spannend und dramatisch wie Shakespeare!

Langlais Cantilène kannte ich noch gar nicht, war deshalb vielleicht besonders unbefangen - und verzaubert! Solche sensiblen Farbschichtungen, grandios!

Litaize war locker und flockig, wie zu erwarten - auch hier wieder Präzision bis ins kleinste Detail.

Apropos Detail. Dupré war eine weitere Offenbarung. Klar kennt man jede Note, aber hoppla, da wurden plötzlich Linien sichtbar, die ich niemals zuvor bemerkt hatte in diesem Werk. Da prickelte das Prélude mit einer erfrischenden Eleganz, wie es wirklich nicht schöner hätte sein können. So ein Kontrast- und Farbenreichtum auch innerhalb ein und der selben Registrierung, phantastisch! Die Fuge wie zu erwarten impulsiv, zackig, aber in jeder Note ebenfalls mit großer Würde.

Die Improvisation - ein großes Epos über "ein Haus voll Glorie schauet" - begann mit einem schnellen 16tel-Septolen-Ostinato aus den Melodietönen des Themenkopfes mit hohen Mixturen als Begleitung des augmentierten cantus firmus - allein diese Idee sensationell und die Technik, sowas ohne jeden Stolperer spielen zu können - faszinierend. Wer mal ein Entrée und eine Sortie von OL in Notre-Dame live gehört hat, kann ungefähr ahnen, was danach kam. Es war einfach nicht mehr von dieser Welt. Ein Klangkosmos, der den Kollegen im Publikum mal gezeigt haben dürfte (oder sollte), "wie man es auch machen kann, wenn man es richtig macht".

Vielleicht hat der eine oder andere ja was daraus mitnehmen können, mindestens aber die Erkenntnis, dass die Komparation "gut - besser - am besten" wohl eine nach oben offene Skala ist - und Latry bewiesen hat, dass er einfach auf einem ganz anderen Level spielt. Sich dieser Musik hingeben zu dürfen, war ein unvergesslicher Genuss und gehörte zu den besten und inspiriertesten Konzerten, die ich jemals gehört habe, auch wenn so viele Chart-Titel dabei waren.

Zwei Zugaben, Widor-Finale und ein stiller Bach. Fein!!

Der Dom schien vollkommen ausverkauft – zu Recht.

Dass danach gefühlt das halbe Publikum am skurrilen Aufzugs-UFO (OL hat oben gespielt) auf Autogramme gewartet und Huldigungen erbracht hat, nahm OL mit seiner so liebenswert bescheidenen, charmanten Freundlichkeit.

Unter der Orgel sitzend hört man sie übrigens erstaunlich gut und klar, und da sie doch besser klingt, als sie aussieht, verpasst man auch nichts.

BC

Olivier Latry im Regensburger Dom

JFK, Donnerstag, 28. Juli 2011, 13:21 (vor 5520 Tagen) @ BourdonCéleste

Von diesem Konzert wird man noch lange sprechen in Regensburg. Das war echt eine Offenbarung von Musikalität. Das macht den Unterschied zu so vielen anderen Organisten, in der Aufregung vor 1000 Leuten noch genau so musikalisch zu spielen, wie man es bei geschlossener Kirche tun würden. Das können wirklich die aller wenigsten.

Er hat einfach alle in seinen Bann gezogen, offensichtlich auch die geschätzt 2 und 3 Jahre alten Sprösslinge vom Wendelin Eberle waren (fast) das ganze Konzert ruhig und gespannt.

Noch ein Wort zu unserem Sitzplatz gestern: Ich hab ihn auch als sehr angenehm empfunden mit der einzigen Einschränkung, dass direkt vor der Orgel sich die Bombarde 32´ im Tutti nicht durchsetzen kann; allerdings wird man dadurch entschädigt, dass man bei leisen Stellen alle Pfeifen wunderschön ansprechen hört, das würde man gar nicht erwarten.

Bleibt zu hoffen, dass nicht all zu viele Jahre vergehen, bis wir wieder so ein Konzert erleben dürfen.

dem ist nichts hinzuzufügen! (ohne Text)

FranzS. @, Donnerstag, 28. Juli 2011, 14:56 (vor 5520 Tagen) @ BourdonCéleste

dem ist nichts hinzuzufügen!

Olivier Latry im Ingolstädter Münster

BourdonCéleste, Mittwoch, 17. August 2011, 09:15 (vor 5501 Tagen) @ BourdonCéleste
bearbeitet von BourdonCéleste, Mittwoch, 17. August 2011, 09:38

Wer es verpasst hat: OL spielt (so weit ich gehört habe das selbe Programm) am 04. September 2011 um 20:15h im Ingolstädter Münster!

powered by my little forum