Abschied

Friedrich @, Dienstag, 26. Juli 2011, 22:10 (vor 5520 Tagen)
bearbeitet von Friedrich, Mittwoch, 27. Juli 2011, 06:37

Liebe Forenser,

nicht von euch – von der Stadt, in der ich nun 22 Jahre meines Lebens zugebracht habe, nehme ich Abschied. Ich wollt's besonders feierlich machen und ging heute, an meinem letzten Abend, nochmal ins hiesige vierorgelige Münster zum Orgelkonzert von Alexey Parshin. Hätte ich's doch gelassen.

Es lag nicht an Herrn Parshin, der hat anständig gespielt. Bruhns e groß, zweimal Orgelbüchlein, Bach e groß; dann viel belangloser Kleinkram, aber ein achtbarer Brahms g-Moll dazwischen.

Nein, schlimm war das Wiederhören mit einer meiner Lieblingsorgeln, von der ich hier und im alten Forum auch schon oft geschrieben habe: mit der Langschifforgel von Marcussen, einem Kleinod an der Nordwand des Langhauses. Die kleinste, aber die wichtigste Orgel des Münsters. Voller Delikatesse, mit einem HW-Prinzipal, von dem jeder, der es gehört hat, nur schwärmen konnte; mit lieblichen, sich weich und doch ganz klar mischenden Flöten, mit Mixturen von feiner Schärfe, einem sanft brummenden Pedalfagott und einem legendären Pedal-Prinzipal, dessen Eimermensur es ihm erlaubte, auch ein zartes Gedackt zu begleiten und trotzdem im Tutti deutlich vernehmbar zu sein, warm, füllend. Am Anfang eines großen Bach konnte einem das alles zwar etwas leise vorkommen. Aber der Eindruck verflüchtigte sich stets, denn man konnte die Musik in ihrer ganzen Komplexität erleben, so klar und durchhörbar, so dezent nachdrücklich war der Klang. Ein Wunder – und eine Wohltat für Ohr und Hirn.

Alles vorbei.

Ich wunderte mich schon bei Bruhns, woher diese straffe Pedalposaune denn kommt. In der ersten Fuge kam das 8'-Prinzipal zum Einsatz, aber warum tönte das so laut, und wo war seine Feinheit geblieben? In »O Mensch, bewein'« kam die Solostimme von einer unnachgiebigen und etwas aufdringlichen 8'-4'-Flötenmischung, begleitet von einem ungewohnt lauten Gedackt und einem indifferenten 16' im Pedal. Bei Bachs e-Moll musste ich dann nachschlagen – und ja, da stand es im Programmheft: Die Orgel sei 2010 »renoviert« worden.

Wie wär's mit »aufgebohrt«?

Noch nie war ich mit diesem Plenum ungeduldig geworden, auch nicht über die lange Strecke des BWV 548 hinweg, das ich hier oft gehört habe. Aber heute bohrte sich mir der Prinzipalchor unangenehm scharf in die Ohren, und das Fagott – das immer noch so heißt, obwohl es jetzt offenkundig etwas ganz anderes ist – knarzte von unten dagegen, dass es sich wie Krieg anhörte, nicht wie Musik. Die Flöten, die heute zu hören waren – Rohr- und Blockflöte im Hauptwerk und Gedackt im Rückpositiv – waren charakterlos und uninteressant, trotz ihrer Lautstärke. Und vom fülligen Charme des 16'-Prinzipal blieb in diesem lauten Sammelsurium nichts mehr übrig.

Nein, mit der dezenten, feinen Schönheit dieser Orgel, mit ihrer unverwechselbaren Musikalität ist es vorbei. Welcher -- nein, tut mir leid -- Idiot kam denn auf die Idee, die Orgel von einer Firma »renovieren« und komplett nachintonieren zu lassen, die für grenzwertige Lautstärke bekannt, wenn nicht berüchtigt ist? Früher konnte man in diesem Klang hineinhören. Heute scheucht er einen vor sich her. Ein einziges Gemetzel (ja, das ist eine Anspielung).

Die Welt hat eine schöne Orgel weniger, dafür eine laute mehr.

Das macht meinen Abschied vom Münster und seinen Orgeln trauriger. Aber irgendwie auch ein bisschen leichter. Laute, uninteressante Orgeln gibt's schließlich überall. Sicher auch in Berlin, meiner Heimat ab morgen.

Gruß,
Friedrich

Abschied

JFK, Mittwoch, 27. Juli 2011, 07:00 (vor 5519 Tagen) @ Friedrich

da brauch ich nicht bis nach Freiburg zu fahren um eine laute Metzler-Orgel zu hören. Das soll mir mal einer erklären warum alles immer nur laut sein muss?

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