zu: Neues aus Neuenfelde.. / alte Register in Lagerbeständen

Poupoulcorouse @, Mülheim am Rhein, Freitag, 15. Juli 2011, 12:12 (vor 5531 Tagen)

Zu: http://www.orgelforum.info/forum/index.php?id=3292


Tragisch fürwahr.
Welcher Orgelkenner hat nicht schon davon geträumt, auf irgendeiner Dachkammer verschollen geglaubte Register zu finden?


Was mich bis heute immer noch verstört, ist der Eifer, mit dem "orgelbewegte" Orgelbauer noch bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts in ihren Augen "unbrauchbares" Originalmaterial zerstörten.
Über deren Motivation lässt sich natürlich nur spekulieren, ich würde auch nicht meine Hand dafür ins Feuer legen, daß dabei tatsächlich soviel destruktive Energie im Spiel war, wie heute manchmal dargestellt. Verstörend ist es trotzdem.


Gibt es da nicht diese Anekdote, daß Kemper eine "unbrauchbare" Zungenstimme aus dem 17. Jahrhundert direkt in einem Abfallcontainer neben der Kirche entsorgt hat, worauf ein Organist oder sonstwie Sachverständiger das Register wieder aus dem Container geholt habe, aber von Kemper unter Androhung von Polizei und roher Gewalt dazu genötigt wurde, das Register im Container zu belassen, da er ja mit seinem (nun) Eigentum machen könne, was er wolle?

Ist das ein Horrormärchen oder hat sich das wirklich so zugetragen?


Man fragt sich auch, was Alfred Führer mit der Richborn-Trompete aus Buttforde angestellt hat, oder mit den Eckmann-Zungen aus Bagband. Solche Register wären wohl heiße Kandidaten für Dachbodenfundträume heutiger Orgelbauer.

Ich kenne auch Geschichten, nach denen die Orgelbauer, die in den 50er/60er Jahren mit der Sorglosigkeit ihrer Vorgänger gebrochen haben und behutsamer restaurierten, teilweise von ihren Kollegen und von Orgelsachverständigen Kisten mit Altpfeifen geschickt bekamen um zu sehen, ob sie "damit noch was anfangen könnten, wenn nicht könnte man sie ja einschmelzen".

Pfeifen und ganze Orgeln wegwerfen

BourdonCéleste, Freitag, 15. Juli 2011, 15:57 (vor 5531 Tagen) @ Poupoulcorouse

Das kommt öfter vor, als man denkt.

Bei den Regensburger Domspatzen wurde eine gut und vollständig erhaltene, uneingeschränkt spielbare und nur unter der üblichen Altersschwäche leidende Steinmeyer-Orgel aus den 50er Jahren mit etwas über 20 oder 25 Registern auf drei Manualen und Pedal aus dem alten Chorsaal "800" beim Umbau des Gebäudes einfach weggeworfen. Entsorgt. Die Pfeifen an Schüler verschenkt, der Rest in den Container. Die Orgel wurde unter Theobald Schrems erbaut und von diesem sowie seinem Nachfolger Georg Ratzinger nicht nur zur Chorbegleitung, sondern auch zur Stimm- und Gehörbildung genutzt: Sie verfügte dafür über eine Art Lichtorgel, bei der auf einer notierten Tonleiter an der Wand die auf den drei Manualen gespielten Noten mit weißen, grünen und roten Birnchen (eine Farbe pro Manual) die zu singenden, richtigen und falschen Töne angezeigt werden konnten.
Die zungenlose Orgel klang wunderschön, rund und ausgewogen, hatte ein Schwellwerk und wäre eigentlich eine Traum-Hausorgel gewesen. Aber auch jedes Orgelmuseum und manche nicht so vermögende Kirchengemeinde hätte sich sehr über so ein Instrument gefreut.

http://www.n-tv.de/img/76/765881/O_1000_680_680_2poa5630.jpg2002179305513514798.jpg

Pfeifen und ganze Orgeln wegwerfen

FranzS. @, Freitag, 15. Juli 2011, 18:47 (vor 5531 Tagen) @ BourdonCéleste
bearbeitet von FranzS., Freitag, 15. Juli 2011, 19:03

Das kommt öfter vor, als man denkt.

Bei den Regensburger Domspatzen wurde eine gut und vollständig erhaltene, uneingeschränkt spielbare und nur unter der üblichen Altersschwäche leidende Steinmeyer-Orgel aus den 50er Jahren mit etwas über 20 oder 25 Registern auf drei Manualen und Pedal aus dem alten Chorsaal "800" beim Umbau des Gebäudes einfach weggeworfen. Entsorgt. Die Pfeifen an Schüler verschenkt, der Rest in den Container. Die Orgel wurde unter Theobald Schrems erbaut und von diesem sowie seinem Nachfolger Georg Ratzinger nicht nur zur Chorbegleitung, sondern auch zur Stimm- und Gehörbildung genutzt: Sie verfügte dafür über eine Art Lichtorgel, bei der auf einer notierten Tonleiter an der Wand die auf den drei Manualen gespielten Noten mit weißen, grünen und roten Birnchen (eine Farbe pro Manual) die zu singenden, richtigen und falschen Töne angezeigt werden konnten.
Die zungenlose Orgel klang wunderschön, rund und ausgewogen, hatte ein Schwellwerk und wäre eigentlich eine Traum-Hausorgel gewesen. Aber auch jedes Orgelmuseum und manche nicht so vermögende Kirchengemeinde hätte sich sehr über so ein Instrument gefreut.

Hallo,
das wusste ich noch gar nicht, wann war das denn? Man hätte die Orgel auch in die Universität stellen können, wo es keine gibt. Leider hat der Architekt Deschermeier im Audimax keine große Orgel vorgesehen, aber eine dieser Größe hätte schon irgendwo Platz. Gerade die "Lichtorgel" ist doch was sehr originelles und als Kuriosium höchst erhaltenswert. Es läuft überhaupt zurzeit sehr Bedenkliches im Regensburger Orgelbereich, besonders was den Namen Steinmeyer anbelangt.....

Grüße Franz

Pfeifen und ganze Orgeln wegwerfen

BourdonCéleste, Montag, 18. Juli 2011, 12:41 (vor 5528 Tagen) @ FranzS.


Hallo,
das wusste ich noch gar nicht, wann war das denn? Man hätte die Orgel auch in die Universität stellen können, wo es keine gibt. Leider hat der Architekt Deschermeier im Audimax keine große Orgel vorgesehen, aber eine dieser Größe hätte schon irgendwo Platz. Gerade die "Lichtorgel" ist doch was sehr originelles und als Kuriosium höchst erhaltenswert. Es läuft überhaupt zurzeit sehr Bedenkliches im Regensburger Orgelbereich, besonders was den Namen Steinmeyer anbelangt.....

Grüße Franz


Das war Ende der 90er Jahre. Ich habe irgendwo eine ausführliche Bestandsdoku zu der betroffenen Orgel, schick mir doch hier mal eine Mail, dann kann ich Dich mit Einzelheiten versorgen.

Grüße
BC

Pfeifen und ganze Orgeln wegwerfen

perotin @, Rhein-Neckar-Raum, Freitag, 15. Juli 2011, 19:06 (vor 5531 Tagen) @ BourdonCéleste

Die zungenlose Orgel klang wunderschön, rund und ausgewogen (...)

Das glaube ich gerne, und finde insofern den geschilderten Vorgang ziemlich skandalös.

Steinmeyer hat in den 1950er Jahren zumeist gute Qualität geliefert, durchaus auch klanglich. Wenn das eine oder andere für unseren heutigen Geschmack vielleicht etwas zu dünn oder leise klingt, liegt es oft wohl eher an der Intonation (die man bekanntlich ändern kann) als an der Machart der Pfeifen bzw. den Mensuren; z.B. haben bei der Orgel der Mannheimer Schloßkirche (Steinmeyer 1956) viele Pfeifen noch Expressionen.

Grüße,
perotin

Pfeifen und ganze Orgeln wegwerfen

JFK, Dienstag, 26. Juli 2011, 06:58 (vor 5520 Tagen) @ perotin

Ha, ich habe das große C des Prinzipal 8´ daheim! Ein echtes Steinmeyer C.
Aber es gibt auch noch andere Grausamkeiten in der Umgebung:
Beim "Orgelneubau" im Kloster Rohr 2006 durch Metzler wurde der kompeltt erhaltene Originalpfeifenprospekt von Johann Konrad Brandenstein von 1725 einfach ausgebaut und auf einen Haufen geschmissen unter der Treppe zum Dachstuhlaufgang "deponiert". Vielleicht mach mich mal ein Bild davon, wenn euch nicht dann die Tränen kommen. Übrigens ist er dort auch noch für jeden "Langfinger" zugänglich.

Pfeifen und ganze Orgeln wegwerfen

FranzS. @, Dienstag, 26. Juli 2011, 07:07 (vor 5520 Tagen) @ JFK

Ha, ich habe das große C des Prinzipal 8´ daheim! Ein echtes Steinmeyer C.
Aber es gibt auch noch andere Grausamkeiten in der Umgebung:
Beim "Orgelneubau" im Kloster Rohr 2006 durch Metzler wurde der kompeltt erhaltene Originalpfeifenprospekt von Johann Konrad Brandenstein von 1725 einfach ausgebaut und auf einen Haufen geschmissen unter der Treppe zum Dachstuhlaufgang "deponiert". Vielleicht mach mich mal ein Bild davon, wenn euch nicht dann die Tränen kommen. Übrigens ist er dort auch noch für jeden "Langfinger" zugänglich.

Hallo,

das Foto dürfte noch die Vorgängerin von Nenninger zeigen oder? (jedenfalls meine ich hier einen 50er Jahre Spielschrank durchschimmern zu sehen). Sind das alles noch original Brandensteinpfeifen? Wenn ja, ist das Vorgehen von Metzler schon heftig.

Grüße Franz

Pfeifen und ganze Orgeln wegwerfen

JFK, Dienstag, 26. Juli 2011, 07:54 (vor 5520 Tagen) @ FranzS.

genau richtig, das ist der Originalprospekt von Brandenstein. Einer der schönsten in ganz Bayern wie ich finde. Jetzt steht hier Hochglanz!
Der Hintergrung war der, dass die Prinzipalmensuren für Metzler, der keine süddeutsche Orgel bauen wollte, sondern sich in der "Silbermanntradition" sieht, völlig ungeeignet waren. Außerdem wurde in den Pedaltürmen jetzt auch ein Prinzipalbass 16´ aufgestellt, der hat reichlich Prospektfläche verbraucht, früher standen nämlich max. 8´ Pfeifen im Prospekt.

Pfeifen und ganze Orgeln wegwerfen

FranzS. @, Dienstag, 26. Juli 2011, 08:47 (vor 5520 Tagen) @ JFK

genau richtig, das ist der Originalprospekt von Brandenstein. Einer der schönsten in ganz Bayern wie ich finde. Jetzt steht hier Hochglanz!
Der Hintergrung war der, dass die Prinzipalmensuren für Metzler, der keine süddeutsche Orgel bauen wollte, sondern sich in der "Silbermanntradition" sieht, völlig ungeeignet waren. Außerdem wurde in den Pedaltürmen jetzt auch ein Prinzipalbass 16´ aufgestellt, der hat reichlich Prospektfläche verbraucht, früher standen nämlich max. 8´ Pfeifen im Prospekt.

Na ja, mir persönlich ist ja ein "Silbermannklang" sehr willkommen, aber trotzdem bedenklich, was bei uns noch alles so durchgeht. Paradoxerweise sollen an anderen Orten der Region total verbastelte Weise-Orgeln aus der Jahrhundertwende restauriert werden, deren "Tranlations-system" schon nicht richtig funktioniert hat, als diese noch neu waren. Was mich jetzt noch interessieren würde ist, ob der alte Prospekt stumm war oder nicht. Soviel ich weiß, wurde die Vorgänerin als eine der ersten neuen vollmechanische Schleifladenorgel in Bayern von Walter Supper und Rudolf Quoika mitter der 50er geplant (eigentlich auch höchster Denkmalwert, zumal gleich zwei "Orgelpäpste" im Spiel waren). Zwei "echte Orgelbeweger" und somit sehr dogmatisch was stumme Fassaden anbelangt. Ich könnte mir deshalb gut vorstellen, dass die Prospektpfeifen zumindest teilweise geklungen haben. Falls das so war, haben sich die Verantwortlichen nicht gerade mit Ruhm bekleckert.

Aber mia san mia!, und do kannt ja sonst a jeda kemma! Ja, des war ja no des schena.
(Übersetzt: Die örtliche Zuständigkeit ist sich ihres Handelns vollkommen bewusst und von dessen Richtigkeit vollständig überzeugt. Interventionen von außerhalb werden zwar dankend zur Kenntnis genommen, spielen aber im jeweiligen Entscheidungsprozess nur eine sekundäre Rolle.)

Grüße Franz

Pfeifen und ganze Orgeln wegwerfen

orgelsolo ⌂, Voitsberg, Dienstag, 26. Juli 2011, 10:12 (vor 5520 Tagen) @ FranzS.

Ich hab mehrfach bei kleinen, barocken Positivorgeln
gesehen, dass man bei Restaurierungen in den 1960/70er Jahren die Metallpfeifen alle
erneuert hat. Wahrscheinlich war es den Orgelbauern damals zu mühselig die
alten beschädigten, verbeulten Pfeifen aufzuarbeiten.

Zum Thema Wegwerfen fallen mir noch 2 Beispiele ein.
Als in Graz der Stephaniensaal 2003 eine neue Klaisorgel bekam, wurde
vom Walcker Pfeifenwerk außer dem Freipfeifenprospekt keine Pfeife weiterverwendet,
obwohl darunter sicher noch einiges romantisches Material gewesen wäre.

Im Stift St. Lambrecht hat man die ebenfalls 2003 die einzige, 3manualige romantische Orgel der Steiermark abgerissen. Die Orgel hatte 46 Register und wurde 1903 von Hopferwieser erbaut. Durch die Barockenumbauarbeiten 1975 verlor sie nach Augen des Gutachters den Status eines Klangdenkmals. Dabei hätte die Orgel problemlos stehenbleiben können, da die neue Orgel im Kirchenschiff steht.
Aber angeblich brauchten die Mönche auf der Empore mehr Platz zum Chorgebet.

Pfeifen und ganze Orgeln wegwerfen

Florian-L, Dienstag, 26. Juli 2011, 10:52 (vor 5520 Tagen) @ orgelsolo

Ich hab mehrfach bei kleinen, barocken Positivorgeln
gesehen, dass man bei Restaurierungen in den 1960/70er Jahren die Metallpfeifen alle
erneuert hat. Wahrscheinlich war es den Orgelbauern damals zu mühselig die
alten beschädigten, verbeulten Pfeifen aufzuarbeiten.

Zum Thema Wegwerfen fallen mir noch 2 Beispiele ein.
Als in Graz der Stephaniensaal 2003 eine neue Klaisorgel bekam, wurde
vom Walcker Pfeifenwerk außer dem Freipfeifenprospekt keine Pfeife weiterverwendet,
obwohl darunter sicher noch einiges romantisches Material gewesen wäre.

Ja, dieses Material wurde zum Teil hier zu neuem Leben erweckt. Anderswo weiß man das eben noch zu schätzen...

Gruß, Florian

--
"Nicht alles, was tönt, ist auch Musik."
-Joseph Marx-

Pfeifen und ganze Orgeln wegwerfen

orgelsolo ⌂, Voitsberg, Dienstag, 26. Juli 2011, 11:04 (vor 5520 Tagen) @ Florian-L

Danke für den Hinweis.
Schön zu wissen, dass die Teile der Walckerorgel nicht verschrottet wurden.
Aber noch schöner wäre es gewesen, wenn sie im Stephnaniensaal "reorganisiert" worden wären. Lag es damals am steirischen Denkmalamt und Orgelsachverständigen, dass
das gesamte Innenleben zum Abbruch freigegeben worden ist?
Dabei wäre die Orgel mit dem Saal eigentlich eine Einheit gewesen.
Leider stammen viele Verantwortliche hirzulande aus einer Zeit, in der es hieß
nur eine mechanische (barocke) Schleifladenorgel ist eine gute Orgel.

Die Technik soll ja bei der alten Walcker Orgel ziemlich störanfällig gewesen sein, um die Pfeifen finde ich es eigentlich noch mehr schade. Eine neoromantische Orgel klingt halt nicht gang so wie eine "echte".

Obwohl die neue Orgel kaum gespielt wird, und bald zum Dekoobjekt verkommen wird.

Gruß, Martin

Pfeifen und ganze Orgeln wegwerfen

Florian-L, Mittwoch, 27. Juli 2011, 07:06 (vor 5519 Tagen) @ orgelsolo
bearbeitet von Florian-L, Mittwoch, 27. Juli 2011, 12:19

Danke für den Hinweis.
Schön zu wissen, dass die Teile der Walckerorgel nicht verschrottet wurden.
Aber noch schöner wäre es gewesen, wenn sie im Stephnaniensaal "reorganisiert" worden wären. Lag es damals am steirischen Denkmalamt und Orgelsachverständigen, dass
das gesamte Innenleben zum Abbruch freigegeben worden ist?
Dabei wäre die Orgel mit dem Saal eigentlich eine Einheit gewesen.
Leider stammen viele Verantwortliche hirzulande aus einer Zeit, in der es hieß
nur eine mechanische (barocke) Schleifladenorgel ist eine gute Orgel.

Die Technik soll ja bei der alten Walcker Orgel ziemlich störanfällig gewesen sein, um die Pfeifen finde ich es eigentlich noch mehr schade. Eine neoromantische Orgel klingt halt nicht gang so wie eine "echte".

Ich habe den Klang dieser Walcker-Orgel nicht mehr erlebt. Erbaut wurde sie 1885 und in den Jahren 1908 und 1940 (im gleichen Jahr wie in Graz Herz Jesu) tiefgreifend durch Vergrößerung bzw. Registeraustausch im neobarocken Sinn verändert. In den letzten Jahren ihres Bestandes wurde immer wieder daran herumgebastelt, auch das Gutachten eines namhaften Schweizer Organologen Ende der 1980er Jahre ließ kein gutes Haar an dem Instrument. Die Zeit war offenbar noch nicht reif für eine Reorganisation oder Rekonstruktion.
Heute würde man die Sache möglicherweise anders sehen.

Obwohl die neue Orgel kaum gespielt wird, und bald zum Dekoobjekt verkommen wird.

...und als Wurfziel für Biergläser von übermütigen Ballbesuchern dient.

Gruß, Florian

--
"Nicht alles, was tönt, ist auch Musik."
-Joseph Marx-

Pfeifen und ganze Orgeln wegwerfen

JFK, Dienstag, 26. Juli 2011, 11:59 (vor 5520 Tagen) @ FranzS.

ja die Pfeifen haben geklungen, allerdings war die ganze Orgel in einem derart desaströsen Zustand, was vor allem auf bauliche und technische Mängel zurückzuführen war, dass ich es fast als Glücksfall bezeichnen möchte, dass das Denkmalamt nicht auf die "Gotteslästerungsmaschiene" Nenninger-Orgel aufmerksam wurde.
Grundsätzlich betrachtet hätte diese Orgel sehr wohl Denkmalwert gehabt, nur keiner will sowas in seiner Kirche.
Was allerdings mit dem Prospekt geschehen ist, ist schon wirklich bedenklich.

Pfeifen und ganze Orgeln wegwerfen

FranzS. @, Dienstag, 26. Juli 2011, 16:02 (vor 5520 Tagen) @ JFK
bearbeitet von FranzS., Dienstag, 26. Juli 2011, 16:11

ja die Pfeifen haben geklungen, allerdings war die ganze Orgel in einem derart desaströsen Zustand, was vor allem auf bauliche und technische Mängel zurückzuführen war, dass ich es fast als Glücksfall bezeichnen möchte, dass das Denkmalamt nicht auf die "Gotteslästerungsmaschiene" Nenninger-Orgel aufmerksam wurde.

Inwiefern die Bezeichnung "Gotteslästerungsmaschine" auf die Nenningerorgel zutrifft weiß ich nicht. Jedoch war die Orgel zu ihrer Zeit durchaus angesagt. Ich kenne ihre "große aber um ein Jahr jüngere Schwester", die erste und einzige vollmechanische Schleifladenorgel im Bistum Regensburg, die ganz nach den Grundsätzen der Orgelbewegung 1959 völlig neu gebaut wurde. Auch hier waren Supper und Quoika verantwortlich. Diese Orgel klingt nicht schlecht und überraschend voll, obwohl ihr Zustand nicht gerade der Beste ist. Bemerkenswert sind die "Betriebsstunden", die das Gerät so drauf hat. Deshalb ist die Traktur verhältnismäßig schwergängig aber nicht unpräzise. Auch diese Orgel ist ein eher ungeliebtes Kind, aber sie will einfach nicht so richtig kaputt gehen. Es erübrigt sich zu erwähnen, dass hier wirklich höchster Denkmalwert besteht, nicht zuletzt des Prospekts wegen.

Was allerdings mit dem Prospekt geschehen ist, ist schon wirklich bedenklich.

wirklich bedenklich ist, dass 1955 der Wert der Pfeifen durchaus erkannt wurde und dass 2006 vielleicht der einzig noch erhaltene Pricipal 8 von Brandenstein und einer der wenigen Pricipal 8 des 18. Jahrhunderts in Süddeutschland mehr oder weniger verschrottet wurde.

Grüße Franz

Pfeifen und ganze Orgeln wegwerfen

JFK, Dienstag, 26. Juli 2011, 18:41 (vor 5520 Tagen) @ FranzS.

oh, die sieht aber toll aus, wo steht denn das Schätzchen? Der Dnkmalwert dieser Orgel ist ja noch ungleich höher, weil es nicht nur ein eingebautes Werk ist, sondern auch ein authentisches Gehäuse zum Gesamtwerk beiträgt.

Ein Problem dieser Orgeln ist halt, dass sie überwiegend heruntergewirtschaftet sind, sprich keine Wartung, keine Stimmung, Umbauten usw...

Einmal hab ich eine Orgel aus dieser Zeit Gespielt von Kubak op.4 Baujahr 64 glaub ich. Dieses Instrument wurde vom Erbauer jedes Jahr gewartet und war top in Schuss, wie am ersten Tag. Das hat wirklich Spass gemacht, auch wegen der leichtgängigen und präzisen Traktur. Die kann man ja bei einer Generalüberholung auch auf Vordermann bringen, im Hamburger Michel wurde sie ja beispielsweise komplett ersetzt... ich kenn aber auch Orgeln, bei denen eine sorgsame Überarbeitung viel gebracht hat, z.B. Neustadt/Waldnaab; viel macht da vor allem auch der neue Spieltisch aus.

Pfeifen und ganze Orgeln wegwerfen

FranzS. @, Dienstag, 26. Juli 2011, 22:19 (vor 5520 Tagen) @ JFK
bearbeitet von FranzS., Dienstag, 26. Juli 2011, 22:25

oh, die sieht aber toll aus, wo steht denn das Schätzchen? Der Dnkmalwert dieser Orgel ist ja noch ungleich höher, weil es nicht nur ein eingebautes Werk ist, sondern auch ein authentisches Gehäuse zum Gesamtwerk beiträgt.

Es ist die Orgel der Stadtpfarrkirche Vilsbiburg und der Prospekt und die Orgel wurden eben von Walter Supper geplant, der ja von Haus aus Architekt war. Hier noch ein schönes Detailfoto [image]
Mir haben die räumlich verstezten Prospektpfeifen immer sehr gut gefallen, das gibt dem Ganzen jenen organischen Fluss, der bei vielen Prospekten fehlt. Der Supper hats halt gekonnt

Dispositon:


HW.-------------------------------RP
Quintade 16-----------------------Bordun 8
Principal 8-----------------------Principal 4
Rohrflöte 8-----------------------Blockflöte 4
Harfpfeife 8----------------------Nasard 2 2/3
Oktave 4--------------------------Waldflöte 2
Gemshorn 4------------------------Terz 1 3/5
Nachthorn 2-----------------------Scharf III fach
Blockwerk 3-8 fach----------------Krummhorn 8
Trompete 8

BW-------------------------------Ped
Hohlflöte 8 (sehr schön)---------Principalbass 16
Gedackt 4------------------------Subbass 16
Principal 2----------------------Oktavbass 8
Sifflet 1 1/3--------------------Gedecktbass 8
Oktävlein 1----------------------Choralbass 4
Zimbel II-III fach---------------Quintbass 5 1/3
Musette 8------------------------Bauernbässlein 2
---------------------------------Rauschwerk III-IV fach
---------------------------------Bombarde 16



Einmal hab ich eine Orgel aus dieser Zeit Gespielt von Kubak op.4 Baujahr 64 glaub ich. Dieses Instrument wurde vom Erbauer jedes Jahr gewartet und war top in Schuss, wie am ersten Tag. Das hat wirklich Spass gemacht, auch wegen der leichtgängigen und präzisen Traktur.

da fällt mir spontan eine 60er Jahre Steinmeyerorgel ein, die auf dem Freisinger Domberg zu finden ist. Immer gewartet und gestimmt, steht die Orgel sehr gut da und die macht auch viel Spass.

Die kann man ja bei einer Generalüberholung auch auf Vordermann bringen.

Ich glaube nicht, dass das auf Vordermann gebracht wird, denn der örtliche Pfarrer setzt sich gerne neue Denkmäler, zuletzt ein sehr teueres "Trauerhaus", dem ein Art-decó-Leichenhaus aus den 20ern weichen musste (Vorher hat er übrigens seine "Hauptamtliche" gefeuert, irgendwo muss man ja schließlich sparen). So wird es der Orgel wohl auch ergehen.

ich kenn aber auch Orgeln, bei denen eine sorgsame Überarbeitung viel gebracht hat, z.B. Neustadt/Waldnaab; viel macht da vor allem auch der neue Spieltisch aus.

Ja da kenne ich auch eine total vermurkste größere Weise-Orgel von 1992(!), die von Jann generalsaniert werden musste (abreisen konnte man das Ding ja schlecht, war ja noch fast neu). Das Ergebnis kann sich schon hören lassen, aber gravierende konstruktive Mängel der Traktur konnten wohl nicht so einfach beseitigt werden. Wenn eine Orgel kein "Ismayr" (neue Definition von Totalabsturz) ist, kann man meist viel machen. Nicht immer ist ein Neubau nötig.

Grüße

Franz

Pfeifen und ganze Orgeln wegwerfen

zehnzweidrittel @, Freitag, 29. Juli 2011, 17:10 (vor 5517 Tagen) @ JFK

"ich kenn aber auch Orgeln, bei denen eine sorgsame Überarbeitung viel gebracht hat, z.B. Neustadt/Waldnaab; viel macht da vor allem auch der neue Spieltisch aus."

Da muss ich doch - wenn auch mit ein paar Tagen Verspätung - doch kurz einhaken:

Es wäre zu schön und auch zu leicht, dem neuen Spieltisch eine allzu große Bedeutung zuzumessen. Sicher, allein die ungemein verbesserte Ergonomie ist ein wichtiger Faktor, der nicht vernachlässigt werden darf. Auch die interne Verarbeitung hat Anteil am verbesserten Spielgefühl.

Der Großteil des Erfolges im Trakturbereich der Neustädter Orgel liegt aber in der konsequenten und aufwändigen Überarbeitung aller Mechanikteile (Winkelbalken, Wellenbretter etc.) in Verbindung mit der Schaffung eines stabilen Traggerüstes (die Fa. Jann hat ein komplett neues selbsttragendes Gehäuse angefertigt wie bei einem Orgelneubau).

Nur in der Summe vieler Einzelmaßnahmen konnte das von JFK angesprochene Ergebnis erreicht werden. Der Aufwand darf aber nicht unterschätzt werden. Und das Ergebnis ist aus meiner Sicht traumhaft. Aber da bin ich als Organist an dieser Orgel ja absolut parteiisch.


Viele Grüße

zehnzweidrittel

- der sich damit wieder im Forum zurückmeldet

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