War jemand zugegen?
Ich habe dann doch etwas gefunden:
Ab etwa 13 Uhr Nachmittags, als die meisten Besucher des Gottesdienstes sich beim Sommerfest im Gemeindehaus an Speis und Trank erfreuten, hörte man bereits im Umkreis von fünfzig Metern um die Kirche wie sich der Meister Olivier Latry an der neuen Orgel für das um 15 Uhr stattfindende Konzert warm spielte.
Ein durchaus interessantes Programm erwartete die Zuhörer und größtenteils auch eingefleischten Latry-Fans. Klassisch, eröffnete der Titularorganist von Notre-Dame de Paris mit dem Präludium und Fuge in Es-Dur (BWV552) von J.S. Bach. Die Interpretation dieses relativ oft gehörten Werkes war angenehmerweise weniger schnell als üblich sodass einzelne Abschnitte und Soggetti klar hervortraten und die dadurch entstehenden Spannungsbögen - dieses von Natur aus etwas langatmigen Stückes, die Zeit nicht lang werden ließen. Nach dem dezent registriertem Präludium folgte die Fuge. Mit glasklarer Transparenz und stetem Tempo registrierte Latry hier etwas mehr auf sodass man schon eine kleine Idee bekam welches Potential hinter diesem optisch sehr lichtem, und schlanken Instrument steckt.
Angenehm überraschte auch der zweite Bach nämlich der Choral „Jesu, meine Freude“ aus dem Orgelbüchlein. Eine warme Registrierung und die musikalische Umsetzung gemäß dem Titel lies tatsächlich Freude aufkommen. Ebenso freute es, dass ein Organist von der Größe Latrys, dass in Sachen Konzertliteratur leider oft stiefmütterlich behandelte Orgelbüchlein in sein Repertoire einbezog.
Falls der Zuhörer selbst nach dieser technisch – musikalischen Glanzleistung noch nicht bemerkt haben sollte das Olivier Latry an der Orgel sitzt, sodann spätestens als sich mit den mächtigen Bombarden, Trompeten und Posaunen der Orgel das Präludium und Fuge über B.A.C.H. von Franz Liszt ankündigte. Wie schon der Bach faszinierte die Klarheit und Transparenz mit der Latry musizierte. Eindrucksvoll flog Latry durch die verschiedenen Dynamiken des Stückes. Vom leisen pianissimo ins tosende forte fortissimo wechselte er stimmungsgemäß der einzelnen Passagen des Werkes die Klangfarbe.
Der Zuhörer wurde mit großer Vehemenz von der Barockzeit in die Romantik katapultiert. Nichts desto trotz war der Übergang mit der dem Präludium und Fuge über die Töne B.A.C.H. ein gelungener literarischer Übergang so dass die nicht existierende musikalische Verbindung leicht verschmerzt werden konnte.
Einer der Höhepunkte des Konzertes war Richard Wagners Pilgerchor aus dem Thannhäuser nach einer Transkription von Franz Liszt (wieder eine thematische Relation zum letzten Werk). Eine Fülle von leisen und doch prächtigen Klangfarben legte sich wie ein Mantel um die Zuhörer die bei der einfühlsamen Interpretation bestimmt die Verzweiflung Elisabeths nachvollziehen konnten.
Nach dem Wagner wechselte der deutsche Teil des Konzertes in den fulminant, virtuosen französischen Teil, angeführt vom ersten Satz der sechsten Orgelsymphonie von Charles-Marie Widor. Es war deutlich spürbar das Olivier Latry in seinem Element angekommen war. Schnellere, aber dennoch musikalische Tempi, schmetternde französische Registrierung, und bewundernswerte Unerschrockenheit im Angesicht so großer Werke wie eben dem ersten Satz der widorschen Orgelsymphonie oder dem weltberühmten „Carillon de Westminster“ von Louis Vierne.
Zum Abschluss des Konzertes gab es dann - fast wie selbstverständlich noch eine Improvisation des Meisters über das Kirchenlied „Segne du, Maria“ bei dem er die Melodie des bekannten Liedes kunstvoll variierte und veränderte. Latry nutzte diese letzte Gelegenheit ausgiebig, um die Orgel klanglich noch einmal auszureizen. Dabei entstanden Klangfarben, die sogar den Orgelbauern selbst einen Ausdruck der Verwunderung ins Gesicht zauberte.
Nach circa fünf minütigem Applaus mit „Standing Ovations“ und einer Zugabe (Toccata aus der „Suite Gothique“ von Léon Boellmann) war das Konzert beendet.
Der Großteil der Besucher verließ anschließend das Gotteshaus, während andere still sitzen blieben und wieder ein Teil auf die Empore stürmte um kurz mit Olivier Latry zu sprechen oder um die Orgel von der Nähe aus zu betrachten. Die Überwältigung ob des erlebten spiegelte sich in vielen Gesichtern wieder. Ein freudiger Tag mit tiefen Eindrücken ging für die Rheydter zu Ende. Das sah, und hörte man an jeder Ecke der Kirche und auf dem Vorplatz.
Zur Orgel:
Das Design der Orgel ergänzt und bereichert den Raum in hohem Maße. Die schlichte Erscheinung des Gehäuses aus offenen Rahmen, setzt den Gedanken von Transparenz und Helligkeit der Architektur fort. Blitzende Pfeifen, und ein Fenster in der Rückwand der Orgel lassen auch hier ein Spiel aus Licht und Schatten zu, was jede negative Kritik die am doch stark von der Norm abweichenden Aussehen der Orgel verpuffen lässt.
Auch klanglich weicht die Orgel stark von der Norm ab. Friedbert Weimbs, der Intonateur der Firma ließ sich vom Raum inspirieren und schuf eine Orgel deren Facettenreichtum kaum in Worte zu fassen ist. Von kaum hörbaren Streicherstimmen bis zum tosenden Tutti sind feinste dynamische Abstufungen möglich. Die vielen teilweise „unerhörten“ Klangfarben der Orgel untermalen die kontemplative Stimmung des Raumes aufs feinste. Weimbs schuf eine Orgel mit viel Charakter.
Leider taten sich durch die erweiterten Sitzgelegenheiten und die demzufolge stark erhöte Anzahl von Besuchern akustische Probleme auf, die die Präsenz der Orgel in richtung Vierung stark in Mitleidenschaft zog.
„Eine Orgel, die fasziniert, vom ersten Ton an, die inspiriert mit allen Sinnen und die Zeit vergessen lässt, weil es Spaß macht, darauf zu Üben“ – Ulrich Peters, OSV Bistum Aachen
„Eine Orgel, die man nicht überall hört! Besondere Klänge und Konzeption“ –
Olivier Latry
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- War jemand zugegen? - Bernd_Walther_Brandt, 04.07.2011, 20:13
- War jemand zugegen? - Karsten, 05.07.2011, 07:08
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