KMD Ulrich Stötzel in der Neanderkirche

Clemens Schäfer @, Düsseldorf, Donnerstag, 07. Juli 2011, 11:28 (vor 5538 Tagen)

Hallo Forum,

nach den Regularien (Begrüßung, Spendenaufruf, Hinweis aufs nächste Konzert) durch Kantor Sebastian Klein bestieg KMD Ulrich Stötzel (Martinikirche Siegen) die Kanzel. Der bat zunächst um Verständnis, daß die angekündigten Werke von Franck (Prélude, Fugue et Variantion - Piéce Héroique) nicht zur Aufführung kämen. Durch einen unvorhergesehenen dienstlichen Termin am Vormittag habe er erst kurzfristig anreisen können. Er spiele stattdessen zwei Werke von Bach.

Dann begann Stötzel sein Programm zu erläutern. Er wies auf die fünf Sätze der Toccata G-Dur vom früh verstorbenen Buxtehude-Schüler Heinrich Bruhns hin, ordnete Scheidemann zeitlich ein und wußte Einzelheiten zu “Herr Jesu, Gnadensonne”. Bachs großes e-moll-Werk 548 sei in Leipzig entstanden. Man wisse nicht zu welchem Anlaß. Die Füge hätte mit ihren cembalistischen Passagen konzertanten Charakter; immer wieder aber sei es Bach gelungen, den fächerhaften Themenkopf unterzubringen.

“Vater unser im Himmelreich”, BWV 682 stamme aus dem dritten Teil der Clavierübung (er umriß kurz den Charakter dieses Zyklus), überhaupt hätte Bach in Leipzig gerne zyklisch komponiert - bis hin zur h-moll Messe. BWV 682 sei nun so etwas wie eine klanggewordene Theodizee. Den Choral könne man kaum hören, trotzdem sei er, umgeben von Seufzermotiven immer da. Auch Gott sei ja vorhanden, wenn auch unerkannt und trotz des vielen Unrechts in der Welt den Heilsplan verwirklichend. Bach habe das musikalisch versinnbildlicht.

Noch war kein Ton erklungen. die Zeit rann dahin. Stötzel meinte, er wolle jetzt erst mal spielen. Und stieg von der Kanzel.

Bruhns kam frisch, Scheidemann gemessen gedeckt. Bei Bach e-moll mußte man sich erst an allerley klagend Geschrey gewöhnen: Es war hell und ein wenig schrill registriert. Aber der musikalische Fluß war prima. Auch das Tempo (nicht zu behäbig) gefiel. Da BWV 682 dem Interpreten ein Herzensanliegen war, konnte man deutlich spüren. Es lief bestens, flötig und näselnd die Oberstimmen. Ein Juwel, dieses Werk.

Nun wandte sich Stötzel von der Empore ans Publikum, um das weiter Programm zu erklären. Er erzählte, daß ihm und den Beteiligten bei Rundfunkaufnahmen von Kantaten Johann Christian Heinrich Rincks die Qualität von dessen Musik aufgegangen war. Er spiele Praeludium c-moll (eine bedrohliche Tonart) und den Choral “Jesu meine Freude” aus op. 77. Dann verriet Stötzel auch noch, wie er das Konzert abzuschließen gedachte: Bach Orgelchoral “Jesu meine Freude” (BWV 610) und Praeludium und Fuge c-moll (BWV 546). Letzteres Stück ende allerdings in strahlendem C-Dur, so daß niemand bedrückt nach Hause gehen müsse.

Gesagt, getan: Dem Rinck’schen Praeludium hatte der Wortbeitrag gut getan: Direkt hinter BWV 682 hätte es doch etwas sehr schlicht geklungen. So konnte Stötzel es ein wenig aufbrezeln, indem er auch Chamaden einsetzte. Schlicht auch der Choral, der dann mit BWV 610 sofort um einiges getoppt wurde. Sehr ordentlich dann auch die Wiedergabe des c-moll Werkes. Freundlicher Beifall der ca. 200 Hörer.

Gruß Clemens Schäfer

P.S. Da lobe ich mir Konzerte mit ausländischen Interpreten: Die reden meist nicht. Und das ist fast immer besser. Ein wirklich leidiges Thema.

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Forte heißt nicht laut sondern kräftig,
Piano nicht schwach sondern leise!
(Arthur Rubinstein)

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