Daniel Roth beim Orgelfest Hannover
Hallo Forum,
in der Tradition einiger lesenswerter und informativer Konzertrückblicke hier ein paar Sätze zu Highlights des Orgelfestes Hannover, welches am Pfingstwochenende zum zweiten mal nach der Weihe der großen Goll-Orgel 2009 in der Marktkirche stattfand.
An anderer Stelle wurde gab es ja schon einen kleinen Austausch zu diesem sicherlich besonderen Instrument und seiner (ehemaligen) "Aufstellungsproblematik" - das Konzert am Freitag Abend zeigte einmal mehr, dass der Kompromiss mit dem beibehaltenen Aufstellungsort des Instruments die richtige Entscheidung war. Viele Besucher hatten sich auf Sicht zur Orgel ins südliche Seitenschiff gesetzt, aber auch im Hauptschiff wurde man von den sinfonischen Klängen zu Beginn des Konzertes von Daniel Roth aufs beste "durchflutet".
Er begann mit Allegro appassionato, Adagio und Scherzo aus der 5. Sonate (op. 80) von "Jubilar" Alexandre Guilmant. Beeindruckendes Tempo im ersten Satz, ein echtes Allegro. Roth hatte sich gut auf die akustischen Verhältnisse eingestellt, ein Raum mit mehr Tragfähigkeit oder Hall hätte dieses Tempo nicht vertragen. Sehr schön die singenden Tenorstimmen im langsamen Satz, die Voix humaine dazu in der rechten Hand trotz indirekter Abstrahlung ins Seitenschiff leise, aber stets präsent.
An zweiter Stelle stand Roths eigene Transkription der Rédemption von César Franck. Wunderbar dargestellt die Wechsel zwischen Holzbläsern und Streichern, prägnant die mächtigen Blechbläsereinsätze, getragen durch die sonoren Pedalzungen. Auch hier toller, packender Gestus und Zugriff - kein zu "sentimentales" oder pathetisches Ausufern. Man war gespannt auf das Originalwerk am folgenden Tag im Konzert mit dem Göttinger Sinfonie Orchester.
Besondere Gelegenheit für einzelne Farben wie die beiden Gamben in Haupt- und Schwellwerk oder die Klarinette im Echo (hier als angenehm weiche Cromorne-Alternative verwendet) gab die Deuxième Fantaisie von Jehan Alain. Beeindruckende Wirkung des resignativen pp-Schlusses.
Nächster Programmpunkt: Drei Sätze aus Roths eigenem Livre d'orgue pour le Magnificat. Die musikalische Sprache des Komponisten vertrug sich aufs beste mit der Stilistik der Marktkirchen-Orgel, die ja eigentlich einen "mitteldeutschen" Kern hat. So benötigte es gar nicht einer Cavaillé-Coll'schen Flûte octaviante, Gemshorn und Blockflöte aus HW und RP sangen auf ihre Art sehr passend zu den sphärischen Klängen aus dem SW. Mächtig dann das abschließende "Deposuit".
Sicher ist zeitgenössische Musik immer Gegenstand besonderer Diskussionen, bzgl. "Aktualität" oder "Avantgarde", "Ambition" und "Vermittelbarkeit" beim Publikum - Daniel Roths Tonsprache geht keine extremen Wege, bleibt stets traditionell, bietet aber schöne harmonische Reizpunkte, ist schlicht sehr "persönlich" gefärbt - was ich als große Qualität empfinde und mich persönlich motiviert, seine Musik mal zu spielen.
Zum Schluss eine weitere Rarität auf unseren Konzertprogrammen: Marcel Dupré, Prélude et fugue op. 36/II (As-Dur). Der Opus-36-Zyklus steht (leider?) etwas im Schatten der populären Opus-7-Werkpaare. Sicher ist die Musik Duprés hier etwas "verkopfter", mag an mancher Stelle konstruiert erscheinen - Daniel Roth wusste dem allerdings durch seine erneut packende Interpretation entschieden entgegenzuwirken, bei einem solch fantastischen Musiker geriet man am Ende in einen regelrechten Sog, in dem sich beide Fugenthemen gegenseitig anzogen und wie selbstverständlich in die prächtigen Tutti-Akkorde am Schluss führten. Und Daniel Roth musste nichteimal auf die letztmögliche Steigerung durch eine Klangkrone wie die hochliegende RP-Mixtur zurückgreifen - die aber dann am Samstag noch wertvolle Dienste leisten sollte.
Begeisterter, stehender Applaus für ein rundes Programm mit einem fantastischen Interpreten, der sich mit Bach (Fuge BWV 575, auf "französisch") bedankte.