Johannes Michel in der Christuskirche Heidelberg
Hallo Forum!
Gestern Abend, am 8. Juni 2011 fand das letzte Orgelkonzert in der Reihe „…auf Entdeckungsreise“ in der Christuskirche Heidelberg statt. Anlass der Konzertreihe ist die Wiedereinweihung der von der Firma Lenter rekonstruierten Walcker-Orgel, die hier und da im (alten) Forum schon erwähnt wurde.
Ich möchte insbesondere auf die Bilder und die pdf-Dateien auf der Lenter-Website hinweisen. Auf letzteren findet man u.a. technische Zeichnungen des rekonstruierten pneumatischen Spieltischs finden, die sich stark vergrößern lassen.
Johannes Michel, Kantor an der Christuskirche in Mannheim, stellte ein Programm zusammen, das nicht nur die zahlreichen neuen alten Facetten der Orgel auf’s beste vorführte, sondern auch dem Kenner selten bis kaum aufgeführte Werke bot:
Christian Fink (1831-1911)
- Orgelsonate g-Moll, op.1
Sigfrid Karg-Elert (1877-1933)
- Schmücke dich, o liebe Seele (Choralimprovisationen op. 65, Nr. 51)
Arno Landmann (1887-1966)
- Variationen über den Choral „Wer nur den lieben Gott lässt walten“, op.12 (1924)
Johannes Michel (*1962)
Aus der Suite jazzique (2003):
- Cantilene nuptial
- Toccata jazzica
Sigfrid Karg-Elert
- Ach bleib mit deiner Gnade (Choralimprovisationen op. 65, Nr. 1)
- Partita retrospettiva op.151
Zugabe:
Sigfrid Karg-Elert
- Ein feste Burg (Choralimprovisationen op. 65, Nr. 47)
Alles in allen ein sehr abwechslungsreiches und hochvirtuoses Programm, das Michel und auch die Orgel glänzend bewältigte. Die aparten Streicher- und Flötenklänge sind ein Traum und das Tutti der Orgel ist im wahrsten Sinne des Wortes beeindruckend, aber nicht erschlagend.
Ein paar wenige Bemerkungen zum Programm:
Einen historischen Bogen schlug Michel durch das Werk seines Vorgängers Arno Landmann, der 1912 ein Konzert an der Heidelberger Christuskirche gab. Hörenswert und selten gespielt sind seine Variationen über „Wer nur den lieben Gott lässt walten“. Häufiger zu hören sind vor allem seine Bearbeitung der Bach-Ciacona und die Variationen über die Händel-Sarabande. So hochvirtuos und beeindruckend Landmanns Stücke aber sind, bei manchen Passagen stutzt man: die Musik wirkt „gesucht“, hat Längen und man fragt sich, ob Landmann das nicht hätte besser, zumindest anders machen können.
Michels Enthusiasmus für Karg-Elert äußert sich nicht nur durch seine Präsidentschaft der Karg-Elert-Gesellschaft, sondern auch durch CD-Einspielungen und wie hier im Umfang, den Karg-Elert in seinen Konzerten einnimmt. Und das, obwohl Karg-Elert dem grundtönig-deutschem romantischen Orgeln wenig zugetan war. Die Walcker-Orgel meisterte jedoch auch diese Programmpunkte und insbesondere in der Partita retrospettiva konnte man zahlreiche Solostimmen (Oboe gegen Klarinette, Flöten etc.) en Detail genießen.
Welche gute Arbeit die Firma Lenter insbesondere bei der Rekonstruktion der Pneumatik geleistet hatte, merkte man auch in den schnellen Passagen, wo nichts schleppte und klebte, trotz 128tel und glissandi…
Eigenartig die etwas versteinerte Aufnahme der Auszüge aus Michels Suite jazzique beim Publikum. Selbst die zahlreichen, mit einem Augenzwinkern eingebauten Zitate und Anspielungen wurden in vielen Fällen nicht mal mit einem Lächeln honoriert.
Kräftiger, langanhaltender Applaus, den Michel auch an die Orgel und die Orgelbauer weiterleitet.
Ich kann nur empfehlen, sich vor Ort selbst einen Eindruck zu verschaffen. Zudem hat die Gemeinde zur Wiedereinweihung eine üppige (über 170 Seiten) und mit 13 Euro durchaus preis-werte Festschrift herausgegeben, mit wertvollen Beiträgen zur Orgel und ihrer Geschichte:
„Eine Orgel im Wandel der Zeit”
Herausgeber: Christusgemeinde Heidelberg
Heidelberg: Verlag Regionalkultur 2011
ISBN 978-3-89735-682-5
Gruß
Karsten
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