Ladenteilung in Konzertsaalorgeln

Friedrich @, Montag, 06. Juni 2011, 20:07 (vor 5627 Tagen)
bearbeitet von Friedrich, Montag, 06. Juni 2011, 20:14

Liebe Forenser,

Konzertsaalorgeln sind bei allen nicht-orgelspielenden Musikern nicht gerade beliebt, was unter anderem mit ihrer unbarmherzigen Intonation (im Sinn von Tonreinheit, nicht von Klanggebung) zusammenhängen durfte.

Nun bin ich ins Grübeln gekommen, was die Ladenteilung bei Konzertsaalorgeln angeht. Bei Kirchenorgeln gilt allgemein die Terzteilung als wünschenswert, weil sie über das gegenseitige Reinziehen die Schärfe gleichstufiger Großterzen mildert.

Wie ist das aber nun im Konzertsaal?

Dort werden tendenziell weite Mensuren benutzt, weil das Zusammenspiel mit einem Orchester im trockenen Raum viel Klangkraft fordert. Gerade bei solchen Mensuren dürfte aber der Effekt des Reinziehens deutlich ausgeprägt sein, weil er –- soweit ich weiß, gegebenenfalls bitte ich um Richtigstellung -- mit der Kopplungszone über der Pfeifenmündung zu tun hat: Je größer der Querschnitt einer Pfeife an der Mündung, desto größer die Kopplungszone und desto flexibler die Tonhöhe in Zusammenklängen.

Zweite Überlegung: Wenn ich nun solche Pfeifen in Terzteilung anordne, sollte ich deutliche Reinzieh-Effekte in Dreiklängen bemerken. Wenn ich aber einen Holzbläsersatz mit so einer Orgel musizieren lassen will –- wäre das für die Kollegen, sämtlich zu fanatischer Intonationsreinheit erzogen, nicht Quälerei? In welche Richtung zieht das Pfeifenmonster seine Akkordtöne rein, zumal die Terzen?

Wäre es also nicht eher angezeigt, in solchen Orgel die Laden diatonisch oder gar chromatisch zu teilen, um Anziehungseffekte klein zu halten? Dann muss das Orchester eben gleichstufig intonieren -- auch das wird im Studium vielerorts trainiert --, wäre aber nicht einer launisch die Akkorde zurechtziehenden Pfeifendiva ausgeliefert.

Kann natürlich sein, dass ich das Gras wachsen hören möchte und diese Effekte allesamt so geringfügig sind, dass man sich keine Sorgen darüber zu machen braucht. Hat jemand hier orgelbauliche und organistische Erfahrung mit solchen Situationen und eine Meinung dazu?

Gruß,
Friedrich

Ladenteilung in Konzertsaalorgeln

Karsten, Montag, 06. Juni 2011, 20:39 (vor 5627 Tagen) @ Friedrich

Hallo Friedrich!

Leider kann ich dazu aus erster Hand nix sagen, aber ich erinnere mich, dass sich Philipp Klais in dem Artikel

Klais, Philipp: Konzertsaalorgeln der Werkstatt Klais.
in: Philipp Klais (Hrsg.), Beiträge zur Geschichte und Ästhetik der Orgel, Bd. II, Freiburg i. Br. 2001, 185-239.

über die Konzeption von Konzertsaalorgeln ausgelassen hat. Es ging da - wenn ich mich recht entsinne - oft um ungleich primitivere Sachen, wie die Nähe zum Orchester, großzügige Wartungsgänge, damit der Organist selbst im Anzug noch das eine oder andere Nachstimmen kann etc. Was in deine Fragerichtung in Sachen Ladenteilung geht, war der dort erwähnte Ansatz, die Bassladen (Pedal) auf die rechte Seite zu verlagern, eben in die Nähe der Streicherbässe, wie z.B. in Kyoto oder Athen. Aber das alles ohne Gewähr, ich habe den Artikel / Buch nicht parat und vor Ewigkeiten mal gelesen...

Gruß
Karsten

Ladenteilung in Konzertsaalorgeln

Friedrich @, Montag, 06. Juni 2011, 21:17 (vor 5627 Tagen) @ Karsten

Hallo Friedrich!

Leider kann ich dazu aus erster Hand nix sagen, aber ich erinnere mich, dass sich Philipp Klais in dem Artikel

Klais, Philipp: Konzertsaalorgeln der Werkstatt Klais.
in: Philipp Klais (Hrsg.), Beiträge zur Geschichte und Ästhetik der Orgel, Bd. II, Freiburg i. Br. 2001, 185-239.

über die Konzeption von Konzertsaalorgeln ausgelassen hat ... ich habe den Artikel / Buch nicht parat und vor Ewigkeiten mal gelesen ...

Oh, ich kenn's ganz gut (guckstu Seite vier). :-)

Den Artikel fand ich sehr interessant, er war auch immer wieder mal hier und da abgedruckt und ist auch auf der Klaisschen Internetseite zu lesen. Philipp Klais bringt da vieles schön auf den Punkt, aber wie Du schon richtig sagst, da geht es um die ganz großen Linien von Akustik, Raumangebot und Disposition. Souverän, wie er darstellt, dass und warum die Firma sich zügig von den Konzertsaalorgel-Konzepten seines Vaters wegentwickelt hat.

Gruß,
Friedrich

Ladenteilung in Konzertsaalorgeln

Karsten, Montag, 06. Juni 2011, 21:25 (vor 5627 Tagen) @ Friedrich

Hallo Friedrich!

Leider kann ich dazu aus erster Hand nix sagen, aber ich erinnere mich, dass sich Philipp Klais in dem Artikel

Klais, Philipp: Konzertsaalorgeln der Werkstatt Klais.
in: Philipp Klais (Hrsg.), Beiträge zur Geschichte und Ästhetik der Orgel, Bd. II, Freiburg i. Br. 2001, 185-239.

über die Konzeption von Konzertsaalorgeln ausgelassen hat ... ich habe den Artikel / Buch nicht parat und vor Ewigkeiten mal gelesen ...


Oh, ich kenn's ganz gut (guckstu Seite vier). :-)

Schon klar, aber man trägt ja nie für alle Forumsleser Eulen nach Athen ;)
Hier für die übrigen der Text des erwähnten Aufsatzes auf der Klais'schen Website.

Gruß
Karsten

Ladenteilung in Konzertsaalorgeln

Karsten, Mittwoch, 08. Juni 2011, 14:31 (vor 5625 Tagen) @ Friedrich

Kann natürlich sein, dass ich das Gras wachsen hören möchte und diese Effekte allesamt so geringfügig sind, dass man sich keine Sorgen darüber zu machen braucht. Hat jemand hier orgelbauliche und organistische Erfahrung mit solchen Situationen und eine Meinung dazu?

Noch ein kleiner Nachtrag:

Je nach Zustand der Orgel, kann man in der Tat das Gras wachsen hören:
http://www.youtube.com/watch?v=azLU9A7dgaw ab 1:45
Eine der wenigen Aufnahmen, wo die (sogar historisch "korrekte") Orgel (Rieger, Konzerthaus Wien, 1912) nicht nachträglich hineinmontiert wurde oder gar ein elektronisches/digitales Etwas verwendet wurde und untersteuert im Hintergrund mitsäuselt.
Am Spieltisch ist Rudolf Scholz zu sehen, der definitiv nicht das "Volle Werk" gezogen hat. Man hört ein eher barockes Micturenpelenum (und eben ziemlich verstimmt). Sehr nett zu sehen die Widmung Bernsteins, die auf dem Innendeckel von Scholz' Partitur erkennbar ist...

Gruß
Karsten

Ladenteilung in Konzertsaalorgeln

Friedrich @, Mittwoch, 08. Juni 2011, 15:29 (vor 5625 Tagen) @ Karsten

Je nach Zustand der Orgel, kann man in der Tat das Gras wachsen hören:
http://www.youtube.com/watch?v=azLU9A7dgaw ab 1:45 ...

... oder das Moos auf den Windladen und Kanälen der fies vernachlässigten Rieger-Orgel.
Puh!

Gruß,
Friedrich

Ladenteilung in Konzertsaalorgeln

Karsten, Mittwoch, 08. Juni 2011, 15:48 (vor 5625 Tagen) @ Friedrich

Je nach Zustand der Orgel, kann man in der Tat das Gras wachsen hören:
http://www.youtube.com/watch?v=azLU9A7dgaw ab 1:45 ...


... oder das Moos auf den Windladen und Kanälen der fies vernachlässigten Rieger-Orgel.
Puh!

Ja... ein paar Jahre später ist sioe dann ja renoviert worden. Anstoß dazu gab wohl ein Bericht von Karl Kutil:

Die "Grosse Rieger - Orgel" im Wiener Konzerthaus
historischer Teil, Sichtung - 1975, Restaurierungs-Vorschlag
ein Bericht von Karl Kutil
Ein Beitrag zum "Jahr der Denkmalpflege - 1975".
Wien: 1975.

Hat das Bändchen zufällig jemand? Eigentlich müsste da wieder eine Renovierung anstehen. Bernhard Haas hat im Booklet seiner Reger.Einspielung, die dort entstand, den Zustand der Orgel kritisert und der Schwelkasten des IV. Manuals (Solo) exisiterit wohl auch nicht mehr...

Gruß
Karsten

powered by my little forum