Das Labyrinth der Welt und das Paradies des Herzens
Hallo Forum,
“Als ich in dem Alter stand, in welchem die menschliche Vernunft den Unterschied zwischen Gut und Böse zu machen beginnt, und zugleich sah, daß es verschiedene Stände, Rangstufen, Berufszweige, Beschäftigungen und Ziele gebe, die sich Menschen stecken, da erschien es mir ein dringendes Bedürfnis zu erwägen, zu welcher Gruppe von Menschen ich mich gesellen und mit was für Dingen ich mein Leben hinbringen sollte.
Nachdem ich nun darüber viel und oftmals nachgedacht hatte und mit meinem Verstande fleißig zu Rate gegangen war, da wurde ich zuletzt mit mir darüber einig, mich für jene Lebensweise zu entscheiden, darinnen möglichst wenig Mühen und Sorgen und möglichst viel Bequemlichkeit und froher Mut zu finden wäre.”
So beginnt das erste Kapitel des Romans “Das Labyrinth der Welt und das Paradies des Herzens” von Johann Amos Comenius(Jan Amos Komenský, 1592-1670). Ein Pilger läßt sich von einem Führer die Welt zeigen und erklären und erfährt nichts als Eitelkeit, Ohnmacht und Wahnsinn. Ein paar Lichtblicke gibt es (Liebe, Verheißung des Goldenen Zeitalters), aber sonst ist die Welt vom Elend erfüllt. Die Menschen verbergen ihre Mängel mit Masken, schnitzen dem Tod die Pfeile selbst, ergötzen sich an der Ignoranz der Gelehrten, drehen am Glücksrad und stehen am Ende ohnmächtig da. Da will sich der Pilger verzweifelt schon selbst dem Tod zuwenden. Erst das “Metanoeite!” “Kehret um!”, im eigenen Herzen gehört, bewirkt die Rückkehr zu Gott.
Dieser Text seines tschechischen Landsmanns, des böhmischen Predigers und Weltgelehrten, war für Petr Eben (1929-2007) Veranlassung, über einzelne Kapitel und Abschnitte improvisierend zu konzertieren. 2002 goß er seine Improvisationen in Noten.
Eingefaßt in einen Prolog (großartiger Auftritt, typische Klangsprache Ebens) und einen Epilog (schlichte Choralbearbeitung) gibt Eben nun zu Szenen aus dem Romantext musikalische Kommentare. Dabei wechselt er von drastischer Expressivität zu subtiler, ironisierender Nachdenklichkeit. Das wirkt alles überaus stimmig, ist dabei weitgehend klangschön, mitunter aber auch herb. Vieles ist düster und traurig. Und so wirkt der Schluß - hier wird, wie schon häufiger zuvor, eine Choralmelodie eingeflochten; es ist “O Lamm Gottes unschuldig” - beruhigend und erlösend. Daß das Stück gut verständlich ankam, war auch den Textauszügen (der Roman ist über 200 Seiten stark) zu verdanken, die vor den einzelnen Sätzen vorgetragen wurden.
Interpreten des Konzerts waren Norbert Düchtel, Orgel und Rudolf E. Wehrmann, Sprecher. Düchtel hatte sich ganz offenbar intensiv mit dem Stück auseinandergesetzt. Die Registrierungen waren perfekt, das Eben-Klangbild immer präsent. Wehrmann las nobel und uneitel mit bester Diktion. So blieb es über 90 Minuten höchst spannend.
Nach dem letzten Ton herrschten viele Sekunden Ruhe. Dann setzte zögernd Beifall ein, der sehr dankbar und ergriffen klang und sich bis in einzelne Bravi steigerte. Wieder 100 oder mehr Hörer hatten den Weg in die Auferstehungskirche gefunden. - In unmittelbarer Nachbarschaft zur Kirche gibt es übrigens ein nach Comenius benanntes Gymnasium.
Das letzte Konzert des Oberkasseler Orgelfrühlings spielt Thorsten Göbel am 08.06., 18:30. Es gibt Cortège et Litanie op. 19.2 und Évocation op. 37 von Dupré, Elegie op. 38 von Peeters und Sonata eroica op. 94 von Jongen.
Gruß Clemens Schäfer
PS.
In der Sonntagsorgel, 16:30h, in St. Andreas werden von César Franck das Pièce héroique und die Choräle II und III gespielt. Organist ist Étienne Walheim, Tournai.
Bei den Internationalen Orgelkonzerten in St. Lambertus kommt am Montag, 19:30h, Ben van Oosten. Er spielt u.a. Bach, Dupré und Guilmant.
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Forte heißt nicht laut sondern kräftig,
Piano nicht schwach sondern leise!
(Arthur Rubinstein)