... und dazu gibt es in der regionalen Presse mal wieder einen herrlichen Artikel. Was wird diese Orgel nicht alles haben: "42 Klangfarben ... einerseits im Stile der deutschen Romantik und andererseits gemäß englisch-amerikanischer Spätromantik – und damit im Stile eines Streichorchesters"... - oha, keine Bläser dabei? ;-)
Und dann hat es da noch "einem „abgrundtiefen Bass“, über den die alte Orgel der Bonifatiuskirche nicht verfügte" - bei einer Pfeifenlänge der größten Pfeife mit 4,80 m = 16' muss das dann wohl ein gedeckter 32' sein. Richtig, den gab es in der alten Orgel nicht, aber dafür einen Quintbaß 10 2/3' neben dem Prinzipal 16' und dem Subbaß 16', also schon ein gewisses Fundament. (Ja, natürlich ist ein realer 32' was anderes!)
Das dem Artikel beigefügte Foto des Modells, hier als "schick" bezeichnet, wirkt auf mich allerdings nach wie vor eher "plump"... hier wird man die reale Gestaltung abwarten müssen, bevor man sich ein Urteil erlaubt.
Mich jedenfalls freut es für die Region, dass es endlich losgeht, denn um an eine vergleichbare Orgel gibt es tatsächlich weit und breit nicht!
Ach ja, eines noch: Ihr wisst, ich bin Evangele und kenne mich bei katholens nicht sooo gut aus: Lese ich hier richtig, dass man in eine katholisch Kirche eine "einzigartige Konzertorgel" hineinbauen lässt? Ich dachte immer, dort stünde der liturgische Gebrauch im Vordergrund?
LG
Jörg
Perle der Empore - Auftrag erteilt...
Poupoulcorouse
, Mülheim am Rhein, Montag, 10. Juni 2013, 09:24 (vor 4831 Tagen) @ jrbecker
"42 Klangfarben ... einerseits im Stile der deutschen Romantik und andererseits gemäß englisch-amerikanischer Spätromantik – und damit im Stile eines Streichorchesters"
Mensch, sowas gabs ja noch nie ;-)
Perle der Empore - Auftrag erteilt...
jrbecker
, Montag, 10. Juni 2013, 09:41 (vor 4831 Tagen) @ Poupoulcorouse
"42 Klangfarben ... einerseits im Stile der deutschen Romantik und andererseits gemäß englisch-amerikanischer Spätromantik – und damit im Stile eines Streichorchesters"
Mensch, sowas gabs ja noch nie ;-)
Richtig, hier bei uns gibt es das im weiten Umkreis nicht... Man muss schon mindestens mal bis nach Marburg in die E-Kirche fahren. Und Gießener, die freiwillig nach Marburg fahren (was ja noch tiefere Provinz ist) musst du erst mal finden...
(auch ;-))
Perle der Empore - Auftrag erteilt...
Exposition, Montag, 10. Juni 2013, 12:32 (vor 4831 Tagen) @ jrbecker
keine Ahnung, warum das hier so ironisch sein muss...ist die leichteste Möglichkeit zu äussern. Gibts denn Argumente?
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IvesDKerne
, Montag, 10. Juni 2013, 13:37 (vor 4831 Tagen) @ Exposition
Weil P. lieber eine Schnitgerkopie hätte.....
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jrbecker
, Montag, 10. Juni 2013, 13:52 (vor 4831 Tagen) @ IvesDKerne
Weil P. lieber eine Schnitgerkopie hätte.....
Achso, der Beitrag bezog sich auf Ps Erwiderung ... dann hätte man ihn ja auch da hinschreiben können ... jetzt hab' ich mir ganz umsonst die Finger wundgeklappert...
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schnitgers.anderer.erbe, Montag, 10. Juni 2013, 15:31 (vor 4831 Tagen) @ IvesDKerne
...was ich gut verstehen kann. ;-)
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IvesDKerne
, Montag, 10. Juni 2013, 15:32 (vor 4831 Tagen) @ schnitgers.anderer.erbe
omnia tempus habent.....
;-)
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Poupoulcorouse
, Mülheim am Rhein, Montag, 10. Juni 2013, 23:16 (vor 4830 Tagen) @ IvesDKerne
Ach was ;)
Von mir aus soll jeder bauen, was er will. Wenns sowas in der ganzen Umgebung noch nicht gibt, dann will ich auch nix gesagt haben.
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jrbecker
, Montag, 10. Juni 2013, 13:51 (vor 4831 Tagen) @ Exposition
keine Ahnung, warum das hier so ironisch sein muss...ist die leichteste Möglichkeit zu äussern. Gibts denn Argumente?
Äääh - ironisch? - Kurze Analyse meines Postings:
1. Absatz: Zitat aus dem Artikel und eine Augenzwinkernde Anmerkung, weil ich mal gelernt habe, die romantische Orgel imitiere ein Symphonieorchester (Sorry, die neue Schreibeweise dieses Wortes habe ich noch nicht verinnerlicht!) - da wären ja dann auch die Bläser mit bei. Auch diese Orgel wird über Zungenstimmen verfügen... - Keine Ironie feststellbar.
2. Absatz: Vergleich dessen, was die neue Orgel haben wird mit dem, was die alte angeblich nicht hatte mit dem Versuch der Klarstellung, dass die alte es zumindest andeutungsweise doch hatte. Wieder keine Ironie.
3. Absaatz: Beschreibung, wie der Entwurf auf mich wirkt. Subjektive Meinungsäußerung ohne jegliche Ironie.
4. Absatz: Eindeutig zustimmende Meinungsäußerung über das Projekt. Ironie Fehlanzeige.
5. Absatz: Frage eines ahnungslosen Evangelen mit der Bitte um Aufklärung - veranlasst durch die nicht zuletzt auch hier immer wieder teilweiese doch recht heiß geführten Diskussionen über den Stellenwert der Kirchenmusik in der katholischen Kirche ... Was ist daran Ironie?
Und: Argumente wofür oder wogegen denn? Ich habe doch nur eine Frage gestellt, da gibt es doch normalerweise Antworten (oder eben keine)...
*ratlos*
Perle der Empore - Auftrag erteilt...
ado
, Berlin, Montag, 10. Juni 2013, 14:15 (vor 4831 Tagen) @ jrbecker
...aber mal im ernst: war die alte orgel wirklich so unglaublich schlecht, wie auf der seite des fördervereins "perle der empore" zu lesen? ich finde es immer wieder amüsant, wie neue orgeln regelmäßig damit begründet werden, die alte sei die schlechteste orgel aller zeiten -- obschon oft noch gar nicht wirklich alt. so hier:
Gemäß der Maxime „viele Register für wenig Geld” entstand, ganz dem Zeittrend entsprechend, unsere große Orgel.
Großvolumige Register kosten Geld, also disponierte man sie so sparsam wie irgend möglich und baute sie aus Zink - billigem Material.
Zusätzlich wandte man einen akustischen Trick an und baute die tiefsten zwölf Pfeifen fast aller Grundregister gedeckt und noch enger mensuriert als die restlichen 44 Pfeifen. So sparte man Höhe und Geld, die Klangeinbußen in Kauf nehmend.
Die Pfeifen sind dünnwandig und von enger Mensur: Der Klang ist mager, dünn, spitz, sparsam eben, dazu blass, charakter- und belanglos. Und das ist eigentlich noch viel schlimmer.
Dem Zeitgeschmack geschuldet ist die Verwendung eines extrem niedrigen Winddrucks, was die Volumenarmut des Klangs von vornherein begünstigt. Windkanäle und Bälge sind entsprechend knapp dimensioniert. Auch hier siegte die Sparsamkeit: Pappe und Kunststoff ersetzen das traditionelle massive Holz. Die Windkanäle sind Drainagerohren nicht unähnlich.
Ebenfalls selbstverständlich baute man eine - Geld und Platz sparende - elektrische Traktur, alles andere war unmodern. Selbst hier wählte man die damals gängige billigste Lösung der einfachen Kontaktauslösung im Spieltisch, die jedes Spielgefühl im Ansatz erstickt.
In diesen Qualitätskanon reiht sich das Gehäuse nahtlos ein: Es ist aus Klang absorbierendem Sperrholz. Zudem kontrastiert es bewusst mit der gotischen Architektur des Raumes.
meine hervorhebung: ein wunderbarer satz. wie haben die das in gießen nur fast ein halbes jahrhundert lang mit dieser orgel ausgehalten?!
ganz klasse auch der vergleich der windkanäle mit drainagerohren. wobei ich den wirklich unfair finde: ob und welchen einfluß das material auf den klang der pfeifen hat, ist ja manche ehrenwerte diskussion wert. aber WINDKANÄLE??
und proportionale elektrische trakturen sind doch immer noch ein novum -- einem orgelbauer von 1965 vorzuwerfen, seine elektrische traktur ersticke "jedes spielgefühl im ansatz" ist doch wohl auch ziemlich absurd. förster & nicolaus hätten sicher auch was mechanisches geliefert, wenn man damals schon so spendabel gewesen wäre wie offenbar jetzt.
es kann natürlich trotzdem sein, daß die f&n-orgel nicht besonders gut war. gibt es hierzu meinungen? und was passiert übrigens mit dem abgebauten instrument?
Perle der Empore - Auftrag erteilt...
elsenp, Montag, 10. Juni 2013, 18:17 (vor 4831 Tagen) @ ado
es kann natürlich trotzdem sein, daß die f&n-orgel nicht besonders gut war. gibt es hierzu meinungen? und was passiert übrigens mit dem abgebauten instrument?
Laut Webseite (unter "Aktuelles"):
Seit Ende Oktober 2012 ist die alte Orgel von St. Bonifatius vollständig abgebaut. Sie wurde an eine polnische Gemeinde in Landsberg an der Warthe abgegeben.
Gruß
Peter
Perle der Empore - Auftrag erteilt...
jrbecker
, Montag, 10. Juni 2013, 21:55 (vor 4830 Tagen) @ ado
bearbeitet von jrbecker, Montag, 10. Juni 2013, 22:00
...aber mal im ernst: war die alte orgel wirklich so unglaublich schlecht, wie auf der seite des fördervereins "perle der empore" zu lesen? ich finde es immer wieder amüsant, wie neue orgeln regelmäßig damit begründet werden, die alte sei die schlechteste orgel aller zeiten -- obschon oft noch gar nicht wirklich alt.
Ich möchte hierzu gerne meinen Beitrag zu dieser Orgel aus dem Jahr 2009 noch einmal in Erinnerung rufen. Damals noch im alten OF gepostet, fand ich ihn kürzlich auf meiner Festplatte wieder und möchte ihn noch einmal zugänglich machen. Ich kopiere ihn in eine separate Antwort. Viele deiner Fragen werden dort beantwortet.
so hier:
Gemäß der Maxime „viele Register für wenig Geld” entstand, ganz dem Zeittrend entsprechend, unsere große Orgel.
Großvolumige Register kosten Geld, also disponierte man sie so sparsam wie irgend möglich und baute sie aus Zink - billigem Material.
So formuliert man es, wenn man es "dem Volk" verkaufen möchte. Man hat ja damals nicht deshalb nur 2 Achtfüßer in jedes Manual gestellt, weil man für den dritten und vierten kein Geld gehabt hätte, vielmehr entsprachen diese Dispositionen ja der damaligen Praxis. Schließlich gab es ja hier tatsächlich auf 3 Manualen 6 labiale 8'-Register, das muss man sonst damals bei dieser Orgelgröße erst einmal suchen! Und ich glaube schon, dass es 1958 auch noch andere Orgelbauer gab, die auf "billiges Material" ausweichen musste...
Zusätzlich wandte man einen akustischen Trick an und baute die tiefsten zwölf Pfeifen fast aller Grundregister gedeckt und noch enger mensuriert als die restlichen 44 Pfeifen. So sparte man Höhe und Geld, die Klangeinbußen in Kauf nehmend.
Das hat man ja schon immer gemacht und macht man auch noch heute. Allerdings kann ich mich nicht mehr erinnern, ob hier so starke Mensurwechsel eingearbetet waren.
Die Pfeifen sind dünnwandig und von enger Mensur: Der Klang ist mager, dünn, spitz, sparsam eben, dazu blass, charakter- und belanglos. Und das ist eigentlich noch viel schlimmer.
Dem Zeitgeschmack geschuldet ist die Verwendung eines extrem niedrigen Winddrucks, was die Volumenarmut des Klangs von vornherein begünstigt. Windkanäle und Bälge sind entsprechend knapp dimensioniert. Auch hier siegte die Sparsamkeit: Pappe und Kunststoff ersetzen das traditionelle massive Holz. Die Windkanäle sind Drainagerohren nicht unähnlich.
Ebenfalls selbstverständlich baute man eine - Geld und Platz sparende - elektrische Traktur, alles andere war unmodern. Selbst hier wählte man die damals gängige billigste Lösung der einfachen Kontaktauslösung im Spieltisch, die jedes Spielgefühl im Ansatz erstickt.
Gibt es tatsächlich in anderen rein elektrisch traktierten Orgeln von 1958/65 schon Druckpunktsimulationen? Oder gar proportionale Trakturen? Hier wird der Orgel zum Nachteil angerechnet, dass man sie mit damals dem Stand der Zeit entsprechender Technik ausgestattet hat.
In diesen Qualitätskanon reiht sich das Gehäuse nahtlos ein: Es ist aus Klang absorbierendem Sperrholz. Zudem kontrastiert es bewusst mit der gotischen Architektur des Raumes.[/i]
meine hervorhebung: ein wunderbarer satz. wie haben die das in gießen nur fast ein halbes jahrhundert lang mit dieser orgel ausgehalten?!
Vermutung (!)[/i]: Man hatte zunächst Kantoren/Organisten, die sich genau dieses Instrument so gewünscht und mit geplant hatten. Dann hatte man eine Kantorin, die sich an die Orgel setzte und spielte, vielleicht, ohne sich zu kümmern (ihr persönlicher Schwerpunkt lag - so kam es jedenfalls für mich rüber - auf einer großartigen Chorarbeit!). Und nun hat man einen neuen Kantor... (einige Jahre schon, zu seinen Leidenschaften s. mein Post von 2009).
ganz klasse auch der vergleich der windkanäle mit drainagerohren. wobei ich den wirklich unfair finde: ob und welchen einfluß das material auf den klang der pfeifen hat, ist ja manche ehrenwerte diskussion wert. aber WINDKANÄLE??
und proportionale elektrische trakturen sind doch immer noch ein novum -- einem orgelbauer von 1965 vorzuwerfen, seine elektrische traktur ersticke "jedes spielgefühl im ansatz" ist doch wohl auch ziemlich absurd. förster & nicolaus hätten sicher auch was mechanisches geliefert, wenn man damals schon so spendabel gewesen wäre wie offenbar jetzt.
Die benachbarte Petruskirche zeigt, dass auch eine Mechanik dieser Zeit "am Ende" sein kann. Das ist nicht unbedingt ein Argument. Zumal eben auch die Werkstoffe für mechanische Trakturen damals nicht dem entsprechen, was man heute (wieder) für sinnvoll erachtet.
es kann natürlich trotzdem sein, daß die f&n-orgel nicht besonders gut war. gibt es hierzu meinungen? und was passiert übrigens mit dem abgebauten instrument?
1. Frage siehe mein Post aus 2009, 2. Frage: Es wurde ja schon geantwortet, dass es nach Polen abgegeben wurde. Das ist doch absurd: Für unsere Gemeinde schreibt man Argumente auf, warum das Instrument nichts mehr taugt und nicht gerettet werden kann, aber in Polen kann es sehr wohl offensichtlich gute Dienste leisten... Das ist eine ganz neue Definition von "Mülltourismus".
Perle der Empore - Auftrag erteilt...
Poupoulcorouse
, Mülheim am Rhein, Dienstag, 11. Juni 2013, 00:10 (vor 4830 Tagen) @ jrbecker
Perle der Empore - Auftrag erteilt...
jrbecker
, Dienstag, 11. Juni 2013, 06:44 (vor 4830 Tagen) @ Poupoulcorouse
*aufderleitungsteh*
Hab' ich irgendwo zu viel gesagt? Sollte ich etwas richtig stellen - ich habe ja bewusst Anführungszeichen verwendet...
Perle der Empore - Auftrag erteilt...
Poupoulcorouse
, Mülheim am Rhein, Dienstag, 11. Juni 2013, 13:24 (vor 4830 Tagen) @ jrbecker
Nene, das sollte nur soviel heißen wie: Du stellst die richtigen Fragen, aber ich sag besser mal nix mehr dazu ;-)
Perle der Empore - Auftrag erteilt...
jrbecker
, Dienstag, 11. Juni 2013, 13:25 (vor 4830 Tagen) @ Poupoulcorouse
ja, o.k., das ist die andere Deutung deines Beitrags. Danke, war mir nicht sicher.
Perle der Empore - Posting vom Januar 2009
jrbecker
, Montag, 10. Juni 2013, 21:57 (vor 4830 Tagen) @ ado
Manche Fragen werden durch mein Post von Januar 2009 - damals noch im alten Forum - beantwortet, das ich der Einfachheit halber hier noch einmal einstelle:
Guten Abend, liebe Foris!
Nachdem ich nun den Abendgottesdienst mit Verabschiedung des Gemeindepädagogen und ausschließlich NGL hinter mich gebracht habe, kann ich mich nun Wolfgangs spannender Frage widmen. Es freut mich, dass er das Thema angeschnitten hat und dass ihr euch für Gießen interessiert. Das kommt nicht allzu oft vor, denn wer Gießen kennt, weiß, dass es eigentlich nicht viel zu bieten hat… zumindest orgelmäßig. Kleine Anmerkung vorweg: Wer sich einmal kurz in die – durchaus interessanten – Gießener Stadtgeschichte einlesen möchte, kann dies in dem Wikipedia-Artikel tun. Entscheidendes Datum für Gießen ist übrigens der 6. Dezember 1944, an dem die Stadt nahezu vollständig zerstört wurde (http://de.wikipedia.org/wiki/Gie%C3%9Fen).
Bevor ich weiterschreibe eine Anmerkung: Alle Dispositionen kann ich bei Bedarf nachliefern, wenn ihr dies wünscht, merkt es einfach an.
Von dem erwähnten Bombenhagel blieben auch die damals vorhandenen drei großen Gießener Kirchen nicht verschont, als da wären:
- Die nicht wieder aufgebaute ev. Stadtkirche, eine Kirche mit langer Bau- wie Orgelgeschichte. Ihr Turm – der das Bombardement einigermaßen gut überstanden hat – und Grundriss auf dem Kirchplatz werden als Denkmal erhalten. In ihr ging eine dreimanualige Weigle-Orgel aus den Jahren 1885-1887 mit 40 Registern unter.
- Die ev. Johanneskirche, die erst 1883 vollendet wurde und als Erstausstattung das Walcker-Opus 650 mit III/38 erhielt, die 1939 durch Förster & Nicolaus klanglich umgebaut („aufgehellt“) wurde. Kirche und Orgel wurden offensichtlich nicht so stark zerstört, denn Bösken berichtet, dass das „veraltete Werk einem neuen weichen“ musste, das Förster & Nicolaus 1967 mit III/43 errichtete. Für dieses Werk lieferte Gottlob Ritter die Disposition und – Achtung! – Walter Supper den Prospektentwurf. (Letzteres gilt auch für die Petruskirchenorgel, die 1968 entstand.)
- Die kath. Bonifatiuskirche, die 1903 – 1905 errichtet wurde und als Orgel zunächst nur das 15registrige Werk aus der Hand Dreymanns erhielt, das bereits 1840 für die viel kleinere Vorgängerkirche errichtet wurde. Die erste große Orgel erhielt diese Kirche tatsächlich mit dem Instrument, das in diesem Thread zur Diskussion steht.
Erst nach dem 2. Weltkrieg wurden drei weitere große Kirchen gebaut, die ev. Petruskirche, die kath. Pfarrkirche St. Albertus und – ebenfalls kath. – St. Thomas Morus. Daneben gibt es vor allem in den Stadtrandsiedlungen noch weitere kleinere Neubauten aus dieser Zeit.
Man sieht also: In der Gießener Innenstadt selbst gibt es in insgesamt mindestens 14 Kirchenbauten (ich weiß nicht, ob ich gerade alle parat habe) allenfalls zwei Orgeln aus der Zeit vor 1945, ein Instrument von 1910 mit I/6, umgebaut 1955 und ein weiteres mit II/12+2TM aus 1932 in der NAK.
Nun jedoch endlich zur Bonifaitus-Orgel, deren Bild Wolfgang hier ja schon verlinkt hat. Tatsächlich stammt das Rückpositiv aus dem Jahr 1958, damals wurde es laut Bösken als „Schola-Positiv“ errichtet und nahm „Bezug auf die Planung für ein dreimanualiges Werk“.
Hier erst einmal die Disposition nach meiner Aufzeichnung im Jahr 1990, als ich die Orgel kennenlernte (die Fassung nach Bösken weicht in einigen Details der Registerbezeichnungen und der Registerzahl ab, ich folge lieber der Aufzeichnung vom Spieltisch) (Vielen Dank übrigens Wolfgang P., der zwischenzeitlich ja die Bösken-Disposition zitiert hat!) Hier also nun die Register nach den Wippen am Spieltisch:
I. Rückpositiv (C-g³)
Metallgedackt 8'
Viola da Gamba 8'
Prinzipal 4'
Koppelflöte 4'
Nasard 2 2/3'
Oktave 2'
Sifflöte 1'
Zimbel III-IV
Regal 8'
Tremulant
II. Hauptwerk
Gedacktpommer 16'
Prinzipal 8'
Rohrflöte 8'
Oktave 4'
Nachthorn 4'
Blockflöte 2'
Rauschpfeife II
Mixtur IV-V
Trompete 8'
Schalmei 4'
III. Oberwerk
Holzpfeife 8'
Quintade 8'
Prästant 4'
Rohrflöte 4'
Quinte 2 2/3'
Spitzflöte 2'
Terz 1 3/5'
Larigot 1 1/3'
Terz 4/5'
Scharf IV-V
Oberton I-III
Bärpfeife 16'
Krummhorn 8'
Tremulant
Pedalwerk (C-f')
Prinzipal 16'
Subbaß 16'
Quintbaß 10 2/3'
Oktavbaß 8'
Gedacktbaß 8'
Gemshorn 4'
Nachthorn 2'
Pedalmixtur VI
Posaune 16'
Klarine 4'
III/I, I/II, III/II, I/Ped, II/Ped, III/Ped
2 freie Kombinationen
Auslöser
Pleno
Zungen
Prinzipalchor RP, HW, OW, Ped
Zur Disposition: Die finde ich an und für sich schon recht vollständig. Natürlich kann man in jedem Werk etwas ergänzen oder leicht ändern, und schon wird es noch besser. Aber bitte bedenkt: Die Orgel ist 1958/65 entstanden. Für diese Entstehungszeit sind zwei Werke auf 4‘-Basis neben dem Hauptwerk nicht gerade häufig, viel öfter findet man piepsige 2‘-Werkchen als III. Manual in solchen Orgeln. In jedem Manual findet man solofähige Register und Begleitfunktion, im Hauptwerk allerdings wäre ein Cornet tatsächlich schön gewesen. Auch das Rückpositiv in 8‘-Höhe mit der offenen Spitzgambe im Prospekt macht die Orgel nicht nur architektonisch markant.
Nein, es ist keine französisch-romantische Orgel und noch nicht einmal das Oberwerk steht im Schweller, was das Instrument natürlich für diese Epoche – und zwar nicht nur für französische Musik dieser Zeit – nur sehr schwer brauchbar macht. Umgekehrt sind die ganz „modernen“ Tendenzen wie z. B: bei Helmut Bornefeld hier nur gemäßigt zum Tragen gekommen, wie ich meine in durchaus vertretbarem Maße.
Ein größeres Problem stellt tatsächlich die Kombination Pfeifenmaterial – Mensuren – Winddruck dar. Ersteres ist wirklich nicht das hochwertigste, die Pfeifen sind zum Teil recht dünnwandig, einzelne Pfeifen sind – soweit ich mich erinnere – auch schon einmal eingesunken, und mussten nachgearbeitet werden. Die Mensuren sind tatsächlich eher eng, auch die Zungenstimmen sind mager, vor allem auch die Trompete und Posaune habe ich eher dezent in Erinnerung. Für Regale muss man etwas übrig haben, um sie zu mögen, ich persönlich mag sie halt, deshalb stören sie mich auch in einer solchen Orgel nicht zu sehr. Natürlich wäre ein Fagott 16‘ und eine Oboe 8‘ im OW schöner gewesen, aber 1958/65 waren diese Register „noch nicht dran“.
Trotz alledem hat die Orgel aus der Anfangszeit unserer Bekanntschaft bei mir einen durchaus runden Eindruck hinterlassen, das heutige Urteil des Kantors, die Orgel sei „blass, charakter- und belanglos“ hätte ich damals sicher nicht unterschrieben. (Wenn ich das jetzt nicht völlig falsch eintüte, dürfte zumindest an der Intonation des Rückpositivs im Jahr 1958 noch der berühmte Intonateur Fritz Abend mitgewirkt haben, das müsste man noch einmal durch eine Nachfrage bei Förster & Nicolaus klären!) Aber sicher war die Orgel schon damals ein wenig „schwach auf der Brust“, um den großen Kirchenraum mit einer hervorragenden Akustik zu füllen und eine große Festgemeinde zu führen.
Die Traktur – elektrische Schleifladen – war damals noch überwiegend in Ordnung, auch hierüber hätte ich damals nichts Negatives gesagt. Und dass das Gehäuse aus Pressspanplatten gefertigt ist, habe ich damals nicht geprüft, ich muss zugeben, dass mich dies damals nicht interessiert hat.
Ich habe das genaue Geschehen um die Orgel nicht ständig verfolgt, jedoch drängt sich bei Betrachtung der aktuellen Bilder hier in diesem Fall der Verdacht auf, dass man zu lange gewartet hat und in der Pflege der Orgel zu nachlässig war. Man möge mir widersprechen: Aber auch der gezeigte Schmutz wird nicht ohne Auswirkungen auf den Klang des Instruments sein. Und dass eine 1958/65 mit einfachen Mitteln angelegte elektrische Traktur nach fast 45 Jahren ausgetauscht werden muss, haben wir bei anderen Orgeln auch schon erlebt, das halte ich für (fast) normalen Verschleiß bei der Wahl dieser Trakturart. Hätte man die Probleme der Orgel vor 10 Jahren angegriffen, wäre vielleicht noch etwas machbar gewesen. Natürlich hätte man das Spanplattengehäuse nicht austauschen können, was vielleicht ein Zeichen dafür ist, dass man nicht alle Mankos in den Griff bekommen hätte. Aber ein Teil der heutigen (Anm.: 2009er) Probleme hätte man mit hoher Wahrscheinlichkeit auf einem besseren Stand halten können.
Der heutige Zustand der Orgel ist – das sage ich aus der Sicht eines Organisten, der mit den Instrumenten der 60er Jahre groß geworden ist – schlicht traurig. Dass sie noch zu retten ist, wage selbst ich als Optimist zu bezweifeln. Vor allem, dass es einen wirtschaftlichen Sinn hat, sprich eine dauerhafte Lösung ist und sich die Investition des Geldes lohnt, möchte ich doch bezweifeln.
Hinzu kommt hier, dass der (noch relativ neue) Organist der Kirche ein vorzüglicher Improvisator (? Improvisateur? – habe gerade keinen Duden da) ist und ein großes Herz für romantische Orgeln hat. Ich habe ihn in „meiner“ Kirche an einer 1975er, II/20er Förster & Nicolaus-Orgel mit Messiaen gehört – das hat überhaupt nicht gepasst. Anschließend hat er sich in ebenfalls „meiner“ Nachbarkirche an die 1925 erbaute hochromantische Förster & Nicolaus-Orgel mit II/14 (HW 8-8-8-4-2 2/3-2, OW 8-8-8-8-4, Ped 16-16 WA-8) gesetzt und ¼ Stunde improvisiert, als wäre ihm die Orgel unter die Finger geschnitzt worden… Nachdem ich dies gehört habe, kann ich seine Meinung über die Bonifatius-Orgel nachvollziehen.
Akzeptieren fällt mir allerdings nach wie vor schwer, weil ich an diese Orgel einige schöne Erinnerungen habe, ein weinendes Auge habe ich schon, wenn sie verschwinden wird.
Zur Ausgangsfrage: Perle der Empore? – ja, sicherlich zur Erbauungszeit ohne Frage, heute wohl nur noch architektonisch. Aber ob die Nachfolgerin an dieser Stelle auch eine Perle wird? Das zu hoffen, macht den Abschied ein wenig akzeptabler.
Hoffe, euch mit diesem Roman nicht zu sehr gelangweilt zu haben.
Perle der Empore - Posting vom Januar 2009
ado
, Berlin, Dienstag, 11. Juni 2013, 00:29 (vor 4830 Tagen) @ jrbecker
...gar nicht langweilig, vielen dank!
Perle der Empore - Posting vom Januar 2009
orgelquaeler, Südwestdeutschland, Dienstag, 11. Juni 2013, 05:52 (vor 4830 Tagen) @ ado
Moggen!
Während meiner Studi-Zeit durfte ich auf der Orgel üben. Natürlich kam da kein großer wuchtiger 16´-Sound raus, aber die Farbregister hatten ihren Reiz. Die Mixtur im RP war mit Terz, im Oberwerk eine schöne Farbmischung.
Ich habe damals Teile aus Messiaens Weihnachtszyklus gehört, war nicht so schlecht.
Heute wüsste ich noch mehr damit anzufangen ;-)
Nur: Fast alle Tasten quietschten, das Gehäuse hat geklappert. Vlt. hätte eine Grundreinigung da einiges verbessern können, gerade was Lautstärke usw. anbelangt.
Auch die damalige Kantorin hätte sich schon etwas anderes gewünscht...
LG
M
Perle der Empore - Posting vom Januar 2009
jrbecker
, Dienstag, 11. Juni 2013, 06:42 (vor 4830 Tagen) @ orgelquaeler
...
Auch die damalige Kantorin hätte sich schon etwas anderes gewünscht...LG
M
Erst mal danke für die Ergänzung. Dass sie sich etwas anderes gewünscht hätte, ist nachvollziehbar. Aber ist meine persönliche Wahrnehmung, die ich in meinem Posting kundgetan habe einigermaßen richtig oder liege ich daneben? - Sie hat doch eine recht umfangreiche und fundierte Chorarbeit geleistet, aber ich hätte nie gehört, dass sie sich für die Orgel (egal ob Generalüberholung oder Ersatz, auch wenn sie sich etwas anderes "gewünscht" haben sollte hat man das nicht wahrgenommen...) in der Form eingesetzt hätte, wie es ihr Nachfolger von Anfang an getan hat. Oder habe ich das falsch wahrgenommen?
LG
Jörg
Perle der Empore - Posting vom Januar 2009
orgelquaeler, Südwestdeutschland, Dienstag, 11. Juni 2013, 10:36 (vor 4830 Tagen) @ jrbecker
Verdammt lang her ;-)
hm, ich hoffe, nicht zu sehr aus dem Nähkästchen zu paludern, aber ich kann mich erinnern, dass sie von einem Schwalbennest als Chororgel sprach, Pfeifen aus der alten Orgel...dann hätte es Platz auf der Empore gehabt.
LG
OQ
Perle der Empore - Auftrag erteilt...
fluteceleste
, München, Montag, 10. Juni 2013, 16:36 (vor 4831 Tagen) @ jrbecker
kann jemand die Dispo auftreiben?
konnte nichts ergoogeln..
ob sie auch eine Vox Strigis bekommt?
Perle der Empore - Auftrag erteilt...
JSBach
, Aachen, Montag, 10. Juni 2013, 17:07 (vor 4831 Tagen) @ fluteceleste
vielleicht eine Vox Bacae? wobei perlen ja meist stumm sind glaub ich ...
Perle der Empore - Auftrag erteilt...
jrbecker
, Montag, 10. Juni 2013, 17:35 (vor 4831 Tagen) @ fluteceleste
kann jemand die Dispo auftreiben?
konnte nichts ergoogeln..
ob sie auch eine Vox Strigis bekommt?
Nein, nach meinem Kenntnisstand ist die Dispo noch nicht veröffentlicht.