Orgelspielen

FranzS. @, Samstag, 21. Mai 2011, 19:54 (vor 5584 Tagen)
bearbeitet von FranzS., Samstag, 21. Mai 2011, 21:05

Hallo zusammen,

das Thema Borgentreich verzwirnt sich ja ganz schön und es sind einige Sachen drin, die ich nicht so stehen lassen möchte. Erst einmal habe ich den Stich gefunden, den mit dem Degen tragenden Organisten.

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und da möchte ich gleich mal anknüpfen: Es wurde zum einen gesagt, dass im Barock hauptsächlich keine Literatur in der Liturgie gespielte wurde. Aber waren denn alle die Orgel spielen konnten gleichzeitig auch Kirchenorganisten? Bei dem Herren auf dem obigen Bild kann ich mir nur sehr schwer vorstellen, dass dieser ein Kirchenorganist war. Es könnte doch vielmehr sein, dass sich Gruppen von Intellektuellen, Studenten, Adeligen oder Komponisten des öfteren an der Orgel getroffen haben um zu spielen. Ich stütze mich hierbei auf die Anekdote von Leopold Mozart, der in einem Brief schrieb: "das Neueste ist, dass um uns zu unterhalten, wir auf die Orgel gegangen sind...", schien nichts Ungewöhnliches gewesen zu sein, wenn durchreisende oder ansässige Künstler oder Studenten die jeweilige Orgel gespielt haben, was hätten sie auch sonst tagsüber anfangen sollen. Ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass man sich bei solchen Treffen Literatur vorgespielt hat um nachher zu diskutieren, zu interpretieren oder einfach nur zur Gaudi. Eben so wie man zuhause Literatur in den musikalischen Gesellschaften gespielt hat. Dann die Behauptung, dass all die Orgelmusik damals zur Ehre Gottes geschrieben wurde und somit quasi Kirchenmusik im liturgischen Sinne ist. Das mag zum Teil im protestantischen Norden zutreffen, aber nicht im bairischen Raum oder in Schwaben. Selbst die Klosterkomponisten wie Königsperger, Metsch, Schnitzer, Kolb und viele weitere schrieben größten Teils weltliche Orgelmusik (sogar Opern wurden im Kloster aufgeführt). Auch die liturgische Form des Versettls wurde scheinbar zweckentfremdet, nur so erkläre ich mir den Titel "Versetti concertate" eines Komponisten, dessen Name mir jetzt nicht einfällt. Auch die groß angelegten Präluden und Fugen des Klosterkomponisten Konigsperger schließen nicht auf einen liturgischen Gebrauch. Am deutlichsten wird das im "Fingerstreit", eine Toccata mit dissonaten Trugschlüssen. Königsperger wurde auch vom Verlag immer wieder gebeten, seine vergriffenen Sachen neu auflegen zu dürfen. Dieser verneinte dann immer, weil er solche Freude daran hatte immer wieder neue Orgelstücke im neusten Gusto anfertigen zu dürfen und dann zu veröffentlichen. Da sind wir beim dritten Punkt mit dem ich nicht einverstanden bin; der Organist hat gefälligst zur Ehre Gottes zu spielen und zum Wohlgefallen der Anderen. Für mich als Agnostiker fällt es sehr schwer zu glauben, dass etwas unbegreifliches und unbeschreibliches wie Gott, Viel von meinem kümmerlichen Orgelspiel hat, ebensowenig die Kirchenbesucher, die für Musik nichts übrig haben (so ist das in Niederbayern, auch der Gemeindegesang ist entlang der Donau und der Isar durchweg sehr schlecht). Ich spiele eigentlich nur für mich, weil es mir Spaß macht Orgel zu spielen. Und so denke ich war es auch bei Königsperger, er hat nicht für die Liturgie komponiert (da hat er improvisiert ;-)), er hat auch nicht des Geldes wegen komponiert (sonst hätte er ja seine alten Sachen genausogut neu auflegen können), nein er hat komponiert weil es im Spaß gemacht hat und weil jeder Mensch ein egoistisches Mitteilungsbedürfnis hat (auch ein Mönch). Und wem wollte er sich mitteilen, in seinen zahlreich veröffentlichten, ausladenden und nicht gerade leichten Kompositionen? dem Kirchenorganisten bestimmt nicht, sondern denen die Orgel spielen, weil sie Spaß dran haben (edit; das soll nicht heißen, dass die Schnittmenge der beiden Gruppen leer ist) . So und jetzt stimmt mir zu, oder macht mich fertig.

Grüße
Franz

Orgelspielen

Orlos, Samstag, 21. Mai 2011, 20:31 (vor 5584 Tagen) @ FranzS.

Deine Argumente zeigen, dass man für viele Behauptungen im Bereich der (Musik-) Geschichte auch schnell Gegenbeispiele findet. Wir haben eben aus vergangenen Jahrhunderten oft nur Bruchstücke in der Überlieferung, was Andreas ja auch mit den zerstörten Archiven ansprach. Deshalb rate ich immer vor absoluten Urteilen: "Das war so und nicht anders!" Oft war es eben doch anders und es ist gar nicht so einfach festzustellen, was damals die Regel und was die Ausnahme war. Aus diesem Grunde finde es zwar ausgesprochen bereichernd, dass wir hier solche Diskussionen führen (und ich lerne gerne Neues dazu), andererseits müssen wir uns nicht die Köpfe heiß reden, denn es wird kaum möglich sein, endgültig einer Auffussung allein Recht zu geben.
Freuen wir uns an der Vielgestaltigkeit der Kirchenmusik und derjenigen, die sie machen - aus welchem Grund auch immer! Und hat nicht der landläufig als "größter Kirchenmusiker" titulierte Johann Sebastian Bach selbst erwiesenermaßen mehrmals gezweifelt, ob er ein "rechter Kantor" würde sein können, nicht nur, als er noch in Köthen als weltlicher Kapellmeister tätig war, sondern auch später in Leipzig noch!
Eitelkeiten, Besserwisserei, Neid, Weltbeglückungsdenken, Stolz, Überheblichkeit, Applaussucht - alles das hat es immer gegeben und wird es immer geben. Und wer weiß, welche Kunstwerke nie geschaffen worden wären ohne diese menschlichen Schwächen? (Im Fernsehen wird gerade Mahlers 7. Symphonie übertragen: der Überlieferung nach auch kein einfacher Charakter...)

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Tabernakelwanze @, Niederrhein, Montag, 23. Mai 2011, 17:38 (vor 5582 Tagen) @ Orlos

Die Sache mit dem Degen hängt vielleicht mit der Stellung des Organisten zusammen. Schließlich bekleidete er ja ein offizielles KirchenAMT. Da mag ein solches Gerät, was Bach ja übrigens auch trug, als Statussymbol gedient haben. Das ist allerdings nur meine persönliche Vermutung. Mir scheint es allerdings auch wahrscheinlich, dass man sich zum Orgelspiel entwaffnete und nicht wie in dem bekannten Stich mit dem Degen örgelte.

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