Vom Borgentreicher Holzweg
Ich lesen gerade (übrigens mit besonderem Genuss ob des Schreibstils von Jörg Kraemer) die Borgentreicher Festschrift. Ich fand dort noch mal bestätigt, was ich schon vor langen Jahren mal irgendwo gehört hatte:
Gerade im Fall von Borgentreich kann man heute nicht sagen "Man wusste es 1950/53 halt nicht besser, man hat das aus damaliger Sicht Richtige getan." Andersherum wird wohl ein Schuh daraus. Nicht nur, dass beispielsweise Mahrenholz seinerzeit auf dem völlig richtigen Dampfer war und die Orgel in ihrer Grundsubstanz den Baders zuschrieb (und dann aber, weil seine Thesen nicht zu denen Reuter passten, "kaltgestellt" wurde). Nein, angesichts der Faktenlage (nur EIN Register stammt von Möller, im Hauptgehäuse ist noch gut sichtbar der Rest des alten Renaissancegehäuses erhalten, die Pfeifenbauformen sind absolut nicht möllertypisch, zeitlich passt die von Reuter postulierte Fertigstellung nicht zum möllerschen Opus) muss man schon sagen, dass Reuter damals schwerwiegende Fakten ignoriert hat, offenbar um unbedingt eine Möller-Orgel zu bekommen. Wie es in der Festschrift so schön steht: Die Orgel wurde auf Möller "getrimmt".
Es geht mir jetzt gar nicht darum, hier Denkmalschändung zu betreiben, Rudolf Reuter hat sich ganz sicher große Verdienste um das westfälische Orgelwesen erworben. Aber in diesem Falle war er nun mal vollkommen im Irrtum, obgleich er es durchaus hätte besser wissen KÖNNEN. Er scheint - so verstehe ich das jedenfalls - mit seiner Möller-These ziemlich allein auf weiter Flur gewesen zu sein.
Das wirft für mich jedenfalls (mal wieder) die Frage nach der "allein seligmachenden" Urteilskraft eines einzelnen Sachverständigen auf. Aber bitte jetzt kein OSV-Bashing! Ich denke schlicht, dass es bei komplexeren Bauten und Restaurierungen einfach einer kritischen zweiten und dritten Meinung bedarf, die aber ggf. auch Gewicht haben muss, um solche folgenschweren Irrtümer wie beispielsweise in Borgentreich zu verhindern.
Fabian