Nachtrag zu: Orgelweihe in Borgentreich - Keine Koppeln

Poupoulcorouse @, Mülheim am Rhein, Donnerstag, 19. Mai 2011, 10:10 (vor 5587 Tagen)
bearbeitet von Poupoulcorouse, Donnerstag, 19. Mai 2011, 10:26

Vorweg:
Hallo lieber Axel!

Ich hoffe, daß du dich nicht allzusehr ärgerst, daß ich nun auch noch hier mein "Unwesen" treibe. Vielleicht schaffen wir es hier ja, uns etwas versöhnlicher gegenüberzustehen ;)

Zum eigentlichen Thema:
Ich wollte gerne zur Orgelweihe fahren, was sich dann wegen der schlechten Anbindung mit öffentlichen Verkehrsmitteln leider nicht realisieren ließ, da die Taxifahrt von Borgentreich zurück nach Warburg, im Anschluss an das nachmittägliche Konzert, mein studentisch knappes Budget gesprengt hätte.
Vielleicht gibt es hier jedoch Leser, die das Konzert miterlebt haben und ihre eigenen Eindrücke hier noch einmal weitergeben möchten.

Zur "Koppelfrage":
Daß die Orgel in der Erinnerung mancher Leser hier "flau und wenig kraftvoll" geklungen hätte, mag ja durchaus sein. Wenn dies nicht der Fall wäre, hätte die Orgel wohl auch niemand so schnell als renovierungswürdig erachtet.

Daß von ausgerechnet Ott malträtierte Barockorgeln oftmals schwach auf der Brust waren, ist ja kein Einzelfall und spricht, wie man aus Erfahrung weiß, nicht dafür, daß eine solche Orgel im re-restaurierten Zustand nur mit durchgekoppelten Plena Kraft ausstrahlen kann. Deshalb halte ich diese Diskussion insoweit für müßig, als daß man eben das Ergebnis der Restaurierung abwarten musste.

Wenn man allein die Disposition zugrunde legt, mutet das Fehlen einer Koppel auch nicht als großer Verlust an. Das Pedalwerk ist voll besetzt, jedes Manualwerk verfügt über eine komplette Zungen- und Aliquotenpalette, das Brustwerk auf 4-Fuß-Basis "liest" sich auch nicht gerade unterlegen.
Das Hauptwerksplenum ist durch Cimbel, Trompete und Sesquialter (wenn ich da die Eigenart dieser Orgel nicht verkenne) steigerbar, die gut westfälische Terzstimmenvielfalt erlaubt auch hier offenbar große Fülle ... wo ist da also der große klangliche Verlust bei historischer Detailtreue?

Was das Literaturspiel betrifft (Axel wird jetzt sicher schon seine Krallen wetzen), so verstehe ich, wie auch schon andernorts erklärt, nicht, warum sich so viele Organisten hier offenbar SELBST so rigiden Einschränkungen unterwerfen, daß sie oftmals gar nicht anders können, als sich vom Instrument nicht inspiriert, sondern geknechtet und eingeschränkt zu fühlen.

Literaturspiel hat (zeitlich sehr vereinfacht ausgedrückt, aber irgendwie muss man es ja einordnen) für die Restaurierung, Gestalt und gerade Stimmung von west- und norddeutschen Orgeln aus der Zeit vor 1750-1800 schlicht und einfach kein Kriterium zu sein, da es das zur Erbauungszeit dieser Instrumente ebenfalls nicht war!

Das einzig stichhaltige Kriterium ist die Erhaltung oder Wiederherstellung der klanglichen Eigenart und Vielfalt der Orgellandschaft, das schließt in JEDEM Fall die Stimmungsart mit ein! Kompromissorgeln und modernere Instrumente gibt es zu
genüge.

Die Aufgabe einer Denkmalorgel ist es ja nicht, einem möglichst breites Spektrum an Musik "gewachsen" zu sein, sondern eben genau DAS zu zeigen, was ihre Eigenart ist. Jeder Organist, der an einer solchen Orgel amtiert, muss bereit sein, sich mit solcher Begeisterung auf die Eigenarten dieser Orgeln einzulassen, daß er die damit verbundenen Einschränkungen klaglos in Kauf nehmen kann. Und wenn es ihm einmal zu eintönig wird, wird jeder seiner Kollegen im Umkreis Verständnis dafür haben, daß er ab und zu "fremdgeht".
Und auch wenn die Gottesdienstgemeinde angeblich nicht in der Lage ist, jede reine Stimmung und jede klangliche Eigenart zu erkennen und zu wertschätzen, so verbietet es sich trotzdem, ihr diesen Reiz von vornherein vorzuenthalten.


Was die Einschränkungen der Literatur betrifft, so verlaufen die Grenzen auch bei weitem nicht so klar, wie mancher hier meinen mag.

Zwei Beispiele dafür möchte ich hier einmal anführen.

1. Die Hagelstein-Orgel in Gartow, sowie vor allem
2. Die Herbst-Orgel in Basedow

Beide Orgeln verfügen weder über eine Pedalkoppel, noch über Pedalmixturen (die Hagelstein-Orgel nicht einmal über hohe Pedalstimmen überhaupt). Somit sind sie eigentlich für einen Großteil des norddeutschen Repertoires an freien Stücken unbrauchbar. Während in Gartow nach einem Umbau durch Ott zeitweise mal hohe Pedalstimmen und eine Klangkrone dazugequetscht wurden, so war dies in Basedow nie der Fall. Für die Pedalsoli und Dialoge Knellers (siehe - bzw. höre - die bekannte Einspielung von Friedhelm Flamme) sind die kräftige Pedaltrompete und das milde, farbige Plenum in Gartow jedoch wie geschaffen.
Die Orgel in Basedow ist "zu allem Überfluss" auch noch terzenrein mitteltönig gestimmt.

Was nun also nach moderner Lesart so klingt, als wäre die Orgel in Basedow nur für Scheidemann, Buxheimer Orgelbuch und die Begleitung von Lutherchorälen geeignet, stellt sich in der Praxis ganz anders dar:

Wenn man zum Beispiel die bekannte Einspielung von Eichhorn mit Werken von hauptsächlich Bruhns und Leyding in den Ohren hat, dann verflüchtigt sich das Märchen von der vermeintlich schmerzhaften Einschränkung in Nullkommanichts. Die langen Pedalsolopassagen bei Leydings Präludien wirken in den ersten Sekunden für ungeübte Ohren etwas verstörend, wenn man sich aber auf den fast schon anarchischen Charakter des cornettbekrönten Pedals einlässt und staunend feststellt, wie es im Dialog mit dem atemberaubend farbigen Hauptwerksplenum einerseits vermeintlich ungleich ringen und "fechten", aber im Gleichklang auch zu unglaublicher Fülle verschmelzen kann, dann ... ja dann fragt man sich, WAS eigentlich tatsächlich die Einschränkung gewesen wäre. Eine schmerzhafte Einschränkung wäre es gewesen, wenn man die Teilwerke so weit einander angenähert hätte, daß sie ihre eigenständigen Klangpersönlichkeiten verlören und damit ihre gesamte Eigenart!
Und tun wir der Musik von Leyding und Bruhns weh, wenn wir sie von diesen vier vermeintlich zerrissenen, ungleichen Persönlichkeiten, namens Pedalwerk, Rückpositiv, Oberwerk und Brustwerk in so große Spannung versetzen lassen? Wenn wir das vermeintlich unterlegene "grobe, bäuerliche" Pedalwerk gegen das "königliche" Oberwerk anrennen lassen?
Worüber reden wir hier eigentlich? Richtig, wir reden von Barockorgeln! Wir reden nicht von homogenisierten, gleichgeschalteten symphonischen Klangdimmern, sondern von musikalischen Persönlichkeiten! Nicht von Bärchenwurst und Lyoner, sondern von westfälischem Schinken, manchmal sogar von Hákarl!
Und ebenso, wie man Hákarl nicht mit Apfelkorn genießt, sondern mit scharfem isländischem Branntwein, der nicht zu Unrecht im Volksmund "schwarzer Tod" heißt, ebenso stimmt man Orgeln wie jene in Basedow rein mitteltönig und nicht frei nach Werckmeister oder Valotti. Auch nicht, bei aller Sympathie, nach Vogel.

Und von was für einer Literatur reden wir hier? Wir reden von Orgel-STÜCKEN, von musikalischen Dramen, von Geschichten, Dialogen, Lobgesängen, Schmerzensschreien, Streitigkeiten, Spielereien, Phantasien und nüchternen Erzählungen, Spaziergängen und Marathonläufen, Wettstreit und Eintracht, kurz: von der musikalischen Wiedergabe von Gottes Schöpfung in all ihrer Pracht! Nicht nur von Fugen und Toccaten, Plena und Soli, Teilwerken und Tempi. Wir reden nicht von Physik, sondern von Musik!

Wenn Schuke die Orgel in Basedow nicht so rekonstruiert hätte, wie er es getan hat ... und beispielsweise nach Werckmeister gestimmt hätte und nicht mitteltönig, dann hätten wir heute nicht die Möglichkeit, ein Stück wie Bruhns berauschend grandioses Präludium in G-Dur nicht nur auf einer solchen charaktervollen Orgel, sondern auch, nach F transponiert, in mitteltöniger Reinheit und Brillanz zu hören! Wer einmal die zweite Fuge dieses Stücks auf einer mitteltönigen Orgel mit einem solchen Plenum gehört hat, der will es nicht mehr anders erleben! Wie Pedal und Manualwerke, als so unterschiedliche Gestalten, anfangs nur schwer zueinanderfinden, sich spielerisch verschmähten und sich neckten, wo sie nur konnten, aber dann schließlich einhaken, ergänzen und gemeinsam tragen, sucht seinesgleichen!
Und, um die Kurve zu kriegen: Es wäre auf einer homogenen modernen "barock inspirierten" Orgel so nicht darstellbar gewesen.


Wenn ihr also lest: "Keine Koppeln", dann fragt euch doch beim nächsten Mal, bevor ihr an Einschränkung denkt, ob ihr nicht, wenn es Koppeln gegeben hätte, die einzelnen Persönlichkeiten der Teilwerke vielleicht eher übersehen hättet, als so gewertschätzt, wie ihr sie jetzt wertschätzen MÜSST, weil sie euch keine andere Wahl lassen. Es ist eine Barockorgel, also versucht, sie mit den Maßstäben ihrer Entstehungszeit zu messen, künstlerisch als auch liturgisch, als auch emotional.
Und bemerkt, daß euch gerade diese Einzigartigkeit eine Form von künstlerischer Freiheit bietet, die ihr an modernen oder "geschliffenen" Orgeln so nicht findet. Was ist künstlerische Freiheit ohne Herausforderung noch wert?


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