Gutes evangelisch

Orlos, Dienstag, 26. März 2013, 16:59 (vor 4904 Tagen)

Ich bin zwar katholisch, spiele aber oft auch evangelische Gottesdienste und Konzerte in evangelischen Kirchen. Den Orgelbestand in unserer Gegend kenne ich ganz gut. Generell ist zu sagen, dass in evangelischen Kirchen mehr Geld für Orgeln ausgegeben worden ist, es sind oft auch bessere Firmen zum Zuge gekommen. Die frühe Begeisterung für mechanische Orgeln hat dazu geführt, dass schon in den 50er Jahren solche Instrumente angeschafft wurden, während auf katholischer Seite die ersten mechanischen Orgeln erst Ende der 60er aufgestellt wurden, teilweise aber noch bis in die frühen 80er elektrisch gebaut wurde!
Heute überzeugen die frühen mechanischen Instrumente nicht mehr überall. Das hat technische und klangliche Gründe. Natürlich hat sich auch in der evangelischen Kirche ein Wandel der Kirchenmusik vollzogen. Fand man früher auf der Orgelempore fast ausschließlich Orgelnoten mit barocken und neobarocken Werken, will man nun zur Abendmahlsausteilung auch etwas Romantisches, Französisches, Englisches spielen. Da aber seit den 70er Jahren in jeder evangelischen Kirche eine prinzipiell funktionierende Orgel steht, ist die Möglichkeit eines Orgelneubaus kaum gegeben. Größere Neubauten gab es in den letzten 30 Jahren fast ausschließlich in katholischen Kirchen, mittlerweile auch auf ordentlichem Niveau. Also versucht man sich mit Umbauten und Ergänzungen zu behelfen, die auch nicht immer überzeugen.

Aber muss man denn immer verändern?
Ein konkretes Beispiel: Ich bin gebeten worden, zusammen mit einer Saxophonistin ein Konzert mit Saxophon und Orgel zu organisieren. Das Repertoire fängt im Grunde erst in der Spätromantik an. Wir haben eine CD auf der alten Walcker-Orgel von 1912 der Wiesbadener Lutherkirche eingespielt, das ist absolut das passende Instrument. Nun sollen wir aber auf einer 40 Jahre alten Ahrend-Orgel in der Johanneskirche in Neu-isenburg spielen. Ich kannte das Instrument nicht und bin mit der Saxophonistin zu einem ersten Kennenlernen dorthin gefahren. Wow, was eine tolle Orgel! Erbaut auf höchstem Niveau mit mechanischen, aufgehängten Trakturen, Schiebekoppel, historischer Temperierung, Wellen aus Holz, Buchsbaum-Tasten und eher herbem Klangbild. Aber so liebevoll in den Einzelstimmen, glänzend im Plenum, nie schreiend oder brüllend. Hier die Disposition:
I HW (C-f3)
Praestant 8'
Gedackt 8'
Oktave 4'
Gedackt 4'
Oktave 2'
Mixtur
Trompete 8'

II Brustwerk C-f3 (hinter der Klappe)
Holzgedackt 8'
Holzflöte 4'
Rohrflöte 2'
Quinte 1 1/3'
Scharf
Regal 8'

Pedal C-f1
Subbass 16'
Oktave 8'
Oktave 4'
Trompete 8'
HW-P
BW-P
Tremulant auf das ganze Werk

Leider nur ein Handy-Photo:
[image]

Obwohl HW und Pedal auf einer gemeinsamen Lade stehen, werden nur ganz wenige Pfeifen kombiniert: Die tiefe Octave des Oktavbasses 8' und die vier tiefsten Töne des 4'. Die beiden Trompeten stehen zwar nebeneinander, sind aber nicht kombiniert und klingen völllig verschieden. Der Subbass ist aus Metall.
Dieses Instrument besticht einfach durch seine Qualität und seinen Charakter. Es würde auch neu gebaut heute nicht viel anders konstruiert werden. Von anderen Orgelbauern, die in dieser Zeit "neobarock" bauten, ist dieses Instrument meilenweit entfernt.
Einerseits war ich begeistert, andererseits höchst irritiert, ob wir denn mit unserem Saxophon-Programm da etwas hinbekommen würden. Doch großes Erstaunen: Es geht! Der Principal 8' ist wunderbar weich, gar nicht knarzig, auch bei den Gedackten zischt nichts. Das Regal ist zwar ein ungewohnter Duo-Partner, aber keineswegs abwegig. Wir haben uns an dieser Orgel sehr wohl gefühlt, besser als an mancher moderner Orgel mit Schwellwerk aber uncharakteristischen Registern. Die Traktur ist herrlich und spielt sich fast von alleine. Wenn ich dort Organist wäre, würde ich mein Repertoire beschränken, aber mich umso mehr in die Musik stürzen, die dort phantastisch klingt.
Also: Auch vor 40 Jahren konnte man tolle Orgeln bauen. Auch und gerade in evangelischen Kirchen.

Gutes evangelisch

Tabernakelwanze @, Niederrhein, Dienstag, 26. März 2013, 18:40 (vor 4904 Tagen) @ Orlos

Aha, auch in katholischen Kirchen gibt es inzwischen "ganz ordentliche" Orgeln...!

Autsch!

--
Gruß vom Niederrhein

Gutes evangelisch

Orlos, Dienstag, 26. März 2013, 18:57 (vor 4904 Tagen) @ Tabernakelwanze

Es tut mir leid, vielleicht ist das nur bei uns hier so, aber die Orgeln, die in katholischen Kirchen nach dem 2. Weltkrieg gebaut worden sind, waren erstmal nicht gerade die wertvollsten Instrumente. Erst ab etwa 1980 wurde nicht mehr nur auf den Preis geschaut und man bemühte sich, auch an die "Orgellandschaft" zu denken und nicht immer 08/15 zu bauen.

Gutes evangelisch

Jauchzend.Pfeif, Dienstag, 26. März 2013, 21:50 (vor 4903 Tagen) @ Orlos

Auch auf katholischer Seite wurden schon direkt nach dem Krieg mechanische Orgeln gebaut. Zum Beispiel hat im westfälischen Raum Franz Breil ganz früh damit begonnen, mechanische Schleifladenorgeln zu bauen (meines Wissen seit Ende der 40er Jahre). Diese tun z. T. bis heute noch ihren Dienst.

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