Loccum, Details und Eindrücke
Nach nun anderthalb Tagen vor Ort wage ich hier ein paar nähere beschreibende Informationen zur neuen Seifert-Orgel im Kloster Loccum. Ein paar Schnappschüsse versuche ich einzubauen, allerdings sind die wirklich nur schnell mit dem Smartphone geknipst...
![[image]](images/uploaded/201303260855225151627ac8b0e.jpg)
Schöner, insgesamt sehr ruhiger und inspirierender Raum. Schlichte Wände erhalten durch einfallendes Licht hübsche Farbkleckse von den bunten Fenstern. Die Pfeifenfront der Orgel auch - das gerät ihr nicht zum Nachteil...
![[image]](images/uploaded/2013032608581451516326912fe.jpg)
Insgesamt gefällt mir die Frontalansicht (in der Theorie noch frontaler als auf dem Bild) der Orgelskulptur sogar ganz gut. Die beabsichtigte Asymmetrie und das "Entstehen" eines "zusätzlichen Raumes" hinter der Orgel ist in der Tat gelungen.
![[image]](images/uploaded/20130326090029515163ad0dc80.jpg)
Wie im anderen Thread schon erwähnt, gefällt mir jedoch der Blick ab schräg seitlich nicht mehr. Da die Orgel notwendigerweise tiefer ist als breit, entsteht für mein Empfinden ein Missverhältnis. Und das goldene Gitter erschließt sich auch nur sehr schwer. Über die "Krone" kann man zumindest lächeln.
![[image]](images/uploaded/201303260903415151646d6d54b.jpg)
Im Chorraum ganz hinten links ist die Gitter-Referenz zu erspähen...
![[image]](images/uploaded/20130326090442515164aa387b4.jpg)
Nocheinmal vom Seitenschiff aus...
![[image]](images/uploaded/20130326090524515164d4b699a.jpg)
Viele Details und Perspektiven an/um/mit diesem/diesem/dieses Instrument gefallen mir. Aber es gibt auch genauso viele Dinge, die mich zumindest nachdenklich machen. Da ich selbst durch das Kursthema (Reger) "nur" Hörer war, gebe ich hier mal sinngemäß namentlich ungenannte Statements der Spieler wieder
- DIESE Orgel ist ein sehr spezielles Wesen! (finde ich vom Hören her auch)
- Die Orgel ist "freundlich" für ein schönes legato, die Traktur ein bisschen "matschig" (gar nicht unbedingt SO negativ gemeint, wie es klingt)
- Der Schweller sollte mal richtig eingestellt werden! (elektrisch, in der Tat tut sich erstmal eine Weile nichts, bevor es an einer Stelle ein unglaubliches sforzato gibt, dass man kaum zu kontrollieren in der Lage ist; aber das sollte sich ja regeln lassen...)
- Der Gruppenzug fürs Cornet ist eigentlich überflüssig und in gewisser Weise lästig fürs abregistrieren
- Viele Register sind ganz schön, aber so richtig GENIAL ist nichts.
Letzteres möchte ich nochmal mit Blick auf das Gesamtbild "bestätigen". Das mitteltönige Werk an sich ist wirklich schön und gelungen. Über den Sinn kann man diskutieren. Denn das an sich intelligente Konzept mit Wechselschleifen für zwei Manuale wirft Probleme auf, die man hätte vermeiden können, wenn man "weniger" gewollt hätte.
Ich zitiere aus dem "Loccumer Orgelbüchlein" zum einen das Grußwort des Abts (Hirschler): "Die bisherige Ott-Orgel war dringend reparaturbedürftig. Schandhaft teuer wäre es geworden und doch eine Ott-Orgel geblieben. Mendelssohn und Neueres konnte man nur mäßig darauf spielen. [...] Und was diese neue Orgel alles kann, wenn der Organist was kann, es ist kaum zu glauben." ;)
Aus dem Artikel zur neuen Orgel: "Sie ist nicht auf ein bestimmtes Klangideal festgelegt. Die Disposition wurde 'spätbarock-frühromantisch' gestaltet. Auf ihr sollen vor allem Werke von Bach bis Mendelssohn, aber auch moderne Komponisten besonders gut klingen."
Also, ich finde, da hätte man doch auch etwas glücklicher formulieren können... ;)
Ich persönlich finde nach den Eindrücken das Klangideal relativ festgelegt. Es gibt zwar für Reger (Kurs, op.59, 60, 135b) und Liszt (Ad nos) einige schöne Farben, aber man muss eine Menge tricksen, gerade was die Wechselschleifenanlage und das quasi nicht vorhandene Mittelmanual angeht. Bis auf die Jubalflöte 8' sind die Grundstimmen im HW wirklich SEHR knackig und barock angelegt. Da fehlt soetwas wie ein Dolce oder ein stilles Gedackt. Das vermisse ich eigentlich auch im SW, wo ja die Rohrflöte 8' steht, die für meinen Geschmackt zu wenig "weich" ist. Die muss man immer mit einem der beiden SEHR schönen Streicher Salicional oder Aeoline abrunden, damit sie irgendwie romantisch klingt. Aber kann man ja machen. Wobei ich wiederum das Bedürfnis hätte, eine Rohrflöte wie diese solistisch zu verwenden - und da stellt sich die Frage nach der Begleitung. Die hätte man eventuell im Positiv gefunden, das nun "leider" dem mitteltönigen Werk "geopfert" wurde. Gambe und Gedackt im HW sind schätzungsweise zu kräftig - aber an sich auch schöne Register...
Nicht wirklich eine Option sind eigentlich die Mixturen im HW für das romantische Plenum. Gut funktionieren könnte nach Art der Orgel das meiste von Franck, wenn man die Wechselschleifen mit den Grundstimmen sinnvoll aufteilt.
Fehlen tut für das barocke Dialogisieren zwischen HW und Positiv der eigenständige Registerbestand. Einzige Möglichkeit ist quasi das "kleine Plenum", wo der Prinzipalchor sich auf 2' und Scharff 1 1/3' reduziert. Für die Prinzipale 8 und 4 gibts keine Wechselschleifen. Barocke Solozungen gibt es nicht, allerdings sind die lyrischen Klarinette, Vox humana und Oboe schön - wenn auch zum Konzert leider nicht immer ganz "in tune"... Dialogpartner wird dadurch eigentlich das SW - dadurch erhält das Bachspiel auch nen romantischen Touch. Was wiederum ein bisschen den für mich knackigen Prinzipalen und Mixturen widerspricht...
Toll war übrigens im Konzert in der Tat das moderne Stück: Fuga aus der Partita von Heinz Holliger, Bearbeitung von Bernhard Haas. Zum Experimentieren lädt die Orgel tatsächlich ein. Das ist ja nicht das schlechteste Zeichen.