Völklingen St. Eligius

AndreasM @, Völklingen, Montag, 28. Januar 2013, 22:10 (vor 5019 Tagen)

Hallo zusammen,

nachdem ich nun mal ein wenig Zeit gefunden habe, möchte ich auch dem Forum über die Renovierung "meiner" Orgel in St. Eligius, Völklingen berichten. Ich hatte das Instrument ja schon mal im alten Forum vorgestellt, tue es aber hier gerne wieder.
Das Instrument wurde vermutlich 1925 von der Firma Stahlhuth, Aachen für eine Ausstellung in Luxemburg gebaut. Als sie dort nicht mehr gebraucht wurde, kam sie nach St. Eligius, wo sie 1927 durch die Erbauerfirma aufgestellt wurde. Das dreimanualige Instrument hatte 44 Register und pneumatische Kegelladen. Typisch für dieses spätromantische Orgelwerk ist die dynamische Abstufung der drei Manuale: Forte - Mezzoforte - Piano. Die Völklinger Orgel hat nicht nur diese Abstufung, sondern gleichzeitig eine unterschiedliche Charakteristik der Manuale, welche in ihrer Konsequenz außergewöhnlich ist:
Hauptwerk: Prinzipalchor vom 16' bis zur Mixtur,
1. Schwellwerk: Flötenchor vom 16' bis zum Cornet,
2. Schwellwerk: Streicherchor vom 16' bis zur Harmonia aetheria.
Natürliche Verschleißerscheinungen und vor allem die hohe Luftverschmutzung in der Hüttenstadt setzten dem Instrument sehr zu, so daß im Lauf der Jahrzehnte die Funktionstüchtigkeit immer mehr abgenommen hat. Die Firma Klais in Bonn unterzog das Instrument im Jahre 1982/83 einer umfassenden Renovierung. Hierbei wurden die pneumatischen Kegelladen durch mechanische Schleifladen ersetzt; die Disposition von 1925 wurde übernommen und um 8 Register erweitert. Der als technisch-musikalisches Denkmal wertvolle alte Spieltisch kann heute im Orgelbaumuseum in Borgentreich (Nordrhein-Westfalen) besichtigt werden.

Disposition

I. Manual (Hauptwerk)
Praestant 16'
Bordun 16'
Principal 8'
Fugara 8'
Dolce 8'
Flaut major 8'
Gedackt 8'
Octave 4'
Octavflöte 4'
Superoctave 2' (1983)
Quinte 2 2/3'
Terz 1 3/5'
Mixtur 5-6f
Trompete 8'
II-I
III-I
II-I Super
II-I Sub
III-I Super
III-I Sub


II. Manual (1. Schwellwerk)
Liebl. Gedackt 16'
Geigenprincipal 8'
Gamba 8'
Salicional 8'
Vox coelestis 8'
Konzertflöte 8'
Fugara 4'
Traversflöte 4'
Piccolo 2'
Cornet 3-4f
Scharff 5f (1983)
Tuba mirabilis 8'
Oboe 8'
Clairon 4' (1983)
Tremulant
III-II
III-II Super
III-II Sub


III. Manual (2.Schwellwerk):
Salicional 16'
Violine 8'
Aeoline 8'
Unda maris 8'
Starktongedackt 8'
Quintatön 8'
Gemshorn 4'
Rohrflöte 4'
Flageolet 2'
Larigot 1 1/3' (1983)
Harmonia aetheria 3f
Cymbel 4f (1983)
Clarinette 8'
Vox humana 8'
Celesta
Celesta gedämpft
Tremulant
III-III Super


Pedal
Untersatz 32' (2012)
Principal 16'
Subbass 16'
Salicet 16' (1983)
Octave 8'
Cello 8'
Superoctave 4'
Hohlflöte 4' (1983)
Hintersatz 4f (1983)
Posaune 16'
Trompete 8'
I-P
II-P
III-P
I-P Super


32 Setzerkombinationen, Tutti, Crescendowalze


Von August bis Oktober 2012 wurde das Instrument wiederum von der Firma Klais generalüberholt. Im Wesentlichen ging es dabei um folgende Arbeiten:
Reinigung und Überarbeitung aller Bestandteile (Pfeifen, Laden, Windanlage, Spieltisch, Traktur) ; Erweiterung um einen Untersatz 32', komplett 30 Töne, sowie Einbau eines neuen, leistungsstärkeren Gebläses; Versetzen von 20 Pfeifen ( 8 Principal 16', je 6 Subbass 16' und Bordun 16'), die bisher liegend im Orgelgehäuse untergebracht waren auf die zusätzliche Lade des 32' hinter die Orgel; dadurch konnte ein neuer, ebenerdiger Zugang in die Orgel geschaffen werden, der bisher nicht möglich war, sondern umständlich über das Dach des Orgelgehäuses geführt hat.
Dank der regelmäßigen Wartung war die Orgel nicht wirklich in einem schlechten Zustand, aber 30 Jahre Staubeinwirkung haben den Klang der Orgel natürlich zugedeckt. Sie klingt nun wieder frisch und klar, außerdem wurden auf meinen Wunsch hin zwei Register in der Luatstärke etwas zurückgenommen, nämlich Larigot 1 1/3', der etwas hervorstechend war und Salicional 8', der sich nun besser in das Klangkonzept einfügt: Der Streicherchor hat nicht nur einen lauten und einen leisen 8'-Vertreter in jedem Werk, sondern auch ein dynamische Abstufung von laut nach leise: Fugara 8' (I), Gamba 8' (II), Violine 8' (III), Dolce 8' (I), Salicional 8' (II), Aeoline 8' (III). Der Untersatz gibt nun der Orgel das nötige Fundament, das ihr bisher in Anbetracht der vielen 16'-Stimmen und Suboktavkoppeln gefehlt hat. Er ist so intoniert, dass er den Klang nicht nur bei vollem Werk trägt, sondern auch schon im pp einsetzbar ist. Er wächst dann sozusagen mit seinen Aufgaben, was ganz fantastische Klangkombinationen ermöglicht. Interessant ist vor allem die klangliche Vielseitigkeit dieser Orgel. Nicht nur die naheliegende deutsch-romantische Literatur, sondern auch alle anderen Stile lassen sich auf diesem Instrument nicht nur gut, sondern überzeugend darstellen, insbesondere auch die französische Musik aller Jahrhunderte, wenn man das beim ersten Blick auf die Disposition auch nicht vermuten mag.
Erfreulicherweise zeigen die Gemeindemitglieder ein reges Interesse an ihrem Instrument, etliche Gottesdienst- und Konzertbesucher haben mich schon darauf angesprochen, wie gut die Orgel jetzt klingt. Für die Renovierungsarbeiten hat sich ein Team aus ehrenamtlichen Helfern eingefunden, die drei Monate lang in Schichtarbeit beim Ausräumen, Reinigen usw. mit angepackt haben, so dass nur ein einziger Orgelbauer vor Ort sein musste. Lediglich für spezielle Arbeiten wie Elektronik, Schreinerarbeiten etc. wurde er von Kollegen unterstützt. Das Projekt Orgelrenovierung konnte somit wahrhaft bei den Leuten verwurzelt werden, die Orgel ist nun auch wirklich ihre Orgel geworden. Am 28. Oktober fand die Wiederindienststellung der Orgel in Gottesdienst und Konzert statt. Wer einmal in der Gegend ist, ist herzlich zu einem Besuch eingeladen.

Hier schon mal ein Bild, ein paar weitere werde ich gelegentlich noch nachliefern.
[image]

Herzliche Grüße Andreas

Völklingen St. Eligius

Fabian Brackhane ⌂ @, Worms, Dienstag, 29. Januar 2013, 07:33 (vor 5019 Tagen) @ AndreasM

Vielen Dank für diesen (zumindest von mir) lange erwarteten Bericht! Wirklich faszinierend, dass ausgerechnet im auf den ersten (und zweiten) Blick so unerfreudlichen Völklingen drei bemerkenswerte Jugendstilbauten mit zwei (jedenfalls weitgehend) historischen Orgeln stehen! Ich konnte mir das in all meinen Saarbrücker Jahren nie so recht vorstellen, aber offenbar ist mir da wirklich etwas durch die Lappen gegangen.

--
www.orgelauskunft.de

Völklingen St. Eligius

Tastenhalter @, Dienstag, 29. Januar 2013, 08:07 (vor 5019 Tagen) @ Fabian Brackhane

Ich konnte mir das in all meinen Saarbrücker Jahren nie so recht vorstellen, aber offenbar ist mir da wirklich etwas durch die Lappen gegangen.

Wie so oft, das Saarland und seine Vorzüge werden "im Reich" (=im übrigen Deutschland)
gerne unterschätzt,

meint nicht nur

Tastenhalter

Völklingen St. Eligius

Fabian Brackhane ⌂ @, Worms, Dienstag, 29. Januar 2013, 08:12 (vor 5019 Tagen) @ Tastenhalter

Da muss ich allerdings zustimmen. Das Saarland birgt so manche unbekannte Perle, schon allein orgelmäßig. Von anderem ganz zu schweigen.

--
www.orgelauskunft.de

Völklingen St. Eligius

stein @, Dienstag, 29. Januar 2013, 13:54 (vor 5018 Tagen) @ Tastenhalter

Ja das Saarland hat so einige Vorzüge. Die Nähe zu Frankreich, auch wenn man ganz Lotringen durchqueren muss um anzukommen, das charmebeladene Weltkulturerbe Völklinger-Hütte, der pittoreske Stadteil Saarbrücken-Burbach und die Dippelappes nicht zu vergessen.
Aber ganz ehrlich, der Menschenschlag ist super, immerhin habe ich es 5 Jahre dort ausgehalten.

Völklingen St. Eligius

Cor de Basset, Dienstag, 29. Januar 2013, 09:25 (vor 5019 Tagen) @ AndreasM

Sind die Gründe bekannt, weshalb 1982 durch Klais die Umstellung von pneumatischen Kegelladen auf mechanische Schleifladen und die Erweiterung der Disposition erfolgte? Der Verschleiß müsste dann ja seit den 20er Jahren nicht unerheblich gewesen sein.

Sind die Superoktavkoppeln auch seit der Mechanisierung in den 80ern noch voll ausgebaut, und wurde bei den Arbeiten 2012 die Setzeranlage erweitert?

Völklingen St. Eligius

Martin78 @, Dienstag, 29. Januar 2013, 10:00 (vor 5019 Tagen) @ Cor de Basset

Sind die Gründe bekannt, weshalb 1982 durch Klais die Umstellung von pneumatischen Kegelladen auf mechanische Schleifladen und die Erweiterung der Disposition erfolgte? Der Verschleiß müsste dann ja seit den 20er Jahren nicht unerheblich gewesen sein.

Sind die Superoktavkoppeln auch seit der Mechanisierung in den 80ern noch voll ausgebaut, und wurde bei den Arbeiten 2012 die Setzeranlage erweitert?

Auf jeden Fall ist das klangliche Ergebnis bei Andreas' Orgel überzeugend. Auch Buxtehude kann man, muss man aber nicht dort spielen :-)

Will heißen: Die neuen Stimmen fügen sich ganz gut ein, klanglich m.E. besser als bei der Späth-Orgel in SB St. Michael, die noch ein paar Jahre später (1984?) als die Völkinger Orgel teilweise "aufgehellt" worden ist :-(

Ich erinnere mich, dass in einem CD-Booklet der Eligius-Orgel beschrieben wurde, dass der Streicher 16' im Pedal 1983 aus bisher blinden Prospektpfeifen zusammengestellt worden war.

Schön, dass der 32' realisiert werden konnte und die Orgelrenovierung von der Gemeinde mitgetragen worden ist!

Viele Grüße
Martin

Völklingen St. Eligius

AndreasM @, Völklingen, Dienstag, 29. Januar 2013, 10:15 (vor 5019 Tagen) @ Martin78

Ich erinnere mich, dass in einem CD-Booklet der Eligius-Orgel beschrieben wurde, dass der Streicher 16' im Pedal 1983 aus bisher blinden Prospektpfeifen zusammengestellt worden war.

stimmt nicht ganz, die besagten Prospektpfeifen gehörten zum Principal 8' (HW) und wurden zum Salicet umgearbeitet, die Principalpfeifen dann ersetzt. Die restlichen Salicetpfeifen sind neu.

Völklingen St. Eligius

Martin78 @, Dienstag, 29. Januar 2013, 10:23 (vor 5018 Tagen) @ AndreasM

Aha, danke für die Korrektur, dann war es im Booklet der Karg-Elert-CD etwas ungenau dargestellt, oder meine Erinnerung trügt mich :-)

Völklingen St. Eligius

AndreasM @, Völklingen, Dienstag, 29. Januar 2013, 10:01 (vor 5019 Tagen) @ Cor de Basset

Sind die Gründe bekannt, weshalb 1982 durch Klais die Umstellung von pneumatischen Kegelladen auf mechanische Schleifladen und die Erweiterung der Disposition erfolgte? Der Verschleiß müsste dann ja seit den 20er Jahren nicht unerheblich gewesen sein.

Sind die Superoktavkoppeln auch seit der Mechanisierung in den 80ern noch voll ausgebaut, und wurde bei den Arbeiten 2012 die Setzeranlage erweitert?

Das war sowohl dem Verschleiß als auch dem Zeitgeschmack geschuldet. Die Luftverschmutzung durch die Völklinger Hütte, die bis 1986 in Betrieb war, war immens, die pneumatische Traktur mit ihren vielen Lederteilen war komplett hinüber, die Orgel muss zuletzt quasi unspielbar gewesen sein. Es kam also nur ein technischer Neubau in Frage, man hat sich für Schleifladen entschlossen und durch die Erweiterungen das Klangbild etwas aufgehellt. Beides ist aber sehr gut gelungen, die Schleifladen möchte ich nicht missen und die zusätzlichen Register fügen sich bestens in das Klangbild ein. Ähnlich verfuhr man schon 1979 in der benachbarten Versöhnungskirche, in der dortigen großen Walcker-Orgel erstzte Schuke die Taschenladen durch mechanische Schleifladen, auch hier eine sehr gute Lösung.

Die Superoktavkoppeln sind voll ausgebaut, auch bei den Erweiterungen, die Setzeranlage ist unverändert geblieben. Mittelfristig müssen wir wohl auch an einen neuen Setzer denken, aber im Moment waren die anderen Arbeiten erstmal vorrangig.

Völklingen St. Eligius

3rd_astronaut, Dienstag, 29. Januar 2013, 13:25 (vor 5018 Tagen) @ AndreasM

Wow, liest sich toll... Trau Dich doch, eine Klangprobe einzustellen ;-)

Völklingen St. Eligius

Manuel, Dienstag, 29. Januar 2013, 19:26 (vor 5018 Tagen) @ AndreasM

Ein schönes Instrument - ich kenne es von Joachim Fontaines Boslet-Aufnahme. :)

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