Stimmungsbild Bauform Oboe

Friedrich @, Mittwoch, 19. Dezember 2012, 10:53 (vor 5063 Tagen) @ Poupoulcorouse

Wie wurden eigentlich die nord-/ostdeutschen Oboen im 18. Jahrhundert gebaut?

Eberlein (2009) schreibt im Artikel »Oboe« (S. 416–424):

»Unabhängig von dem soweit beschriebenen Entwicklungsstrang [verschiedene Bauweisen mit trichterförmigen Bechern] wurden im nördliche Deutschland von kurz vor 1700 an Register mit dem Namen Hautbois oder Hoboe disponiert. […] Bei diesen Oboenregistern des nördlichen Deutschland scheint es sich häufig um Zungenregistern mit zylindrischen Bechern ähnlich dem Dulzian oder Krummhorn gehandelt zu haben […] Ein Hautbois von Christoph Treutmann 1734–37 ist erhalten in der Klosterkirche Grauhof: Die Becher sind zweiteilig mit einem langen, zylindrischen Oberteil enger Mensur und einem kurzen trichterförmigen Unterteil. […]«

Harald Vogel registriert den Treutmann-Hautbois auf seiner CD »Rund um Bach Vol. 2« mehrmals. Das Register klingt wie ein strammer, nur im Bass noch nasaler Cromorne, sehr brillant und in der Tenorlage mit einer leichten Rundung à la »Oboe d’amore«. Zweifellos ein sehr, sehr schöner Klang (hier ein Beispiel: Probetrack 4, »Partita 3«).

Eberlein erwähnt außerdem Bauweisen als »aufschlagendes Trompetenregister« (seit dem 16. Jh. in Frankreich, später auch Amorbach), als »aufschlagendes Zungenregister mit offenen, zweiteilig-trichterförmigen Bechern« (seit dem 18. Jh. in England und Frankreich), »aufschlagend, mit offenen, einteilig-trichterförmigen Bechern enger Mensur« (= Schalmei, bei Casparini, Gabler u. a.), »Regal mit Doppelkonus auf kurzem zylindrischen Schaft« (Gabler) und verschiedenen kurzbecherigen Varianten.

Dass Oboen immer und überall weich und rund klingen sollen, ist, soweit ich weiß, eine Entwicklung des 20. Jahrhunderts; dieser Sound kam wohl aus der französischen Bläserschule. Die weichen Barockoboen hießen »d’amore«, damit man sie von den schärferen gewöhnlichen Oboen unterscheiden konnte. In manchen frühen Plattenaufnahmen von deutschen, englischen und amerikanischen Orchesters kann man noch herrlich krähende, durchdringende Oboen hören – weit entfernt von den Kuscheldingern, die man auf »Schwanensee«-CDs mit weichgezeichneten Wasservögeln vorne drauf hört. So eine scharfe Orchesteroboe in einem sauberen Holzbläsersatz ist eine tolle Sache.

Gruß,
Friedrich


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