Hallo,
ich wollte mal in die Runde fragen, welche Bauform ihr für die Oboe präferiert: eine französische Hautbois oder einer deutsche Oboe mit Drehdeckel? Ich weiß, dass das natürlich vom jeweiligen Kontext abhängig ist, aber ein grundsätzliches Stimmungsbild fände ich sehr interessant.
Viele Grüße,
Bauernflöte
Stimmungsbild Bauform Oboe
Friedrich
, Dienstag, 18. Dezember 2012, 11:26 (vor 5070 Tagen) @ Bauernflöte 2'
Hallo,
ich wollte mal in die Runde fragen, welche Bauform ihr für die Oboe präferiert: eine französische Hautbois oder einer deutsche Oboe mit Drehdeckel? Ich weiß, dass das natürlich vom jeweiligen Kontext abhängig ist, aber ein grundsätzliches Stimmungsbild fände ich sehr interessant.
Ich mag den Hautbois entschieden lieber!
Er ist obertöniger und schlanker, dadurch auch mischfähiger. Die Drehdeckeloboe erlebe ich oft als knödelig und zu fett, zumal wenn sie so intoniert ist, als ob sie eine SW-Trompete vertreten soll. Sie mischt sich schlecht, der Klang ist kaum noch formbar. Beim Hautbois kann man dagegen den Klang noch verändern durch Beimischung von Fonds, 4'-Flöten, Aliquoten …
Und: Für den Hautbois wurde Musik komponiert, die genau mit dieser Klangfarbe rechnet. Lässt sich das so sicher auch von der Drehdeckeloboe sagen?
Gruß,
Friedrich
Stimmungsbild Bauform Oboe
Karl-Bernhardin Kropf, Mittwoch, 19. Dezember 2012, 07:04 (vor 5069 Tagen) @ Friedrich
Hier gibt es noch eine Oboe mit stehendem Deckel ;) - Sie gefällt mir ganz gut, aber Friedrichs Frage ist schon geschickt gestellt: Gibt es Musik, die sehr zielgerichtet auf diese Stimme hin komponiert wurde? (Eher nein...)
Meine durchaus bedeutende Hauptrolle für das betreffende Register?
Unaufdringliche Obertönigkeit in Gemeindebegleitung und Plenum!
(Wolfgang G. wird wieder mit den Augen rollen...)
Hier ist sie, im III. Manual in der zweiten Reihe stehend (davor Schalmey 4', beides Sauer 1938):
![[image]](http://www.marien-musik.de/w-ow1.jpg)
Im schwellbaren IV. Manual gibt es noch eine Hautbois von Giesecke 1983 - ist ja inzwischen auch schon ein historisches Register....
Stimmungsbild Bauform Oboe
Poupoulcorouse
, Mülheim am Rhein, Mittwoch, 19. Dezember 2012, 08:55 (vor 5069 Tagen) @ Bauernflöte 2'
Wie wurden eigentlich die nord-/ostdeutschen Oboen im 18. Jahrhundert gebaut?
Stimmungsbild Bauform Oboe
Friedrich
, Mittwoch, 19. Dezember 2012, 10:53 (vor 5069 Tagen) @ Poupoulcorouse
Wie wurden eigentlich die nord-/ostdeutschen Oboen im 18. Jahrhundert gebaut?
Eberlein (2009) schreibt im Artikel »Oboe« (S. 416–424):
»Unabhängig von dem soweit beschriebenen Entwicklungsstrang [verschiedene Bauweisen mit trichterförmigen Bechern] wurden im nördliche Deutschland von kurz vor 1700 an Register mit dem Namen Hautbois oder Hoboe disponiert. […] Bei diesen Oboenregistern des nördlichen Deutschland scheint es sich häufig um Zungenregistern mit zylindrischen Bechern ähnlich dem Dulzian oder Krummhorn gehandelt zu haben […] Ein Hautbois von Christoph Treutmann 1734–37 ist erhalten in der Klosterkirche Grauhof: Die Becher sind zweiteilig mit einem langen, zylindrischen Oberteil enger Mensur und einem kurzen trichterförmigen Unterteil. […]«
Harald Vogel registriert den Treutmann-Hautbois auf seiner CD »Rund um Bach Vol. 2« mehrmals. Das Register klingt wie ein strammer, nur im Bass noch nasaler Cromorne, sehr brillant und in der Tenorlage mit einer leichten Rundung à la »Oboe d’amore«. Zweifellos ein sehr, sehr schöner Klang (hier ein Beispiel: Probetrack 4, »Partita 3«).
Eberlein erwähnt außerdem Bauweisen als »aufschlagendes Trompetenregister« (seit dem 16. Jh. in Frankreich, später auch Amorbach), als »aufschlagendes Zungenregister mit offenen, zweiteilig-trichterförmigen Bechern« (seit dem 18. Jh. in England und Frankreich), »aufschlagend, mit offenen, einteilig-trichterförmigen Bechern enger Mensur« (= Schalmei, bei Casparini, Gabler u. a.), »Regal mit Doppelkonus auf kurzem zylindrischen Schaft« (Gabler) und verschiedenen kurzbecherigen Varianten.
Dass Oboen immer und überall weich und rund klingen sollen, ist, soweit ich weiß, eine Entwicklung des 20. Jahrhunderts; dieser Sound kam wohl aus der französischen Bläserschule. Die weichen Barockoboen hießen »d’amore«, damit man sie von den schärferen gewöhnlichen Oboen unterscheiden konnte. In manchen frühen Plattenaufnahmen von deutschen, englischen und amerikanischen Orchesters kann man noch herrlich krähende, durchdringende Oboen hören – weit entfernt von den Kuscheldingern, die man auf »Schwanensee«-CDs mit weichgezeichneten Wasservögeln vorne drauf hört. So eine scharfe Orchesteroboe in einem sauberen Holzbläsersatz ist eine tolle Sache.
Gruß,
Friedrich
Stimmungsbild Bauform Oboe
Poupoulcorouse
, Mülheim am Rhein, Mittwoch, 19. Dezember 2012, 10:58 (vor 5069 Tagen) @ Friedrich
Danke für die Erklärung!
Edskes hat ja in Melle in die Vater-Orgel ein Brustwerk mit Hautbois integriert. Weiß hier jemand, nach welchem Vorbild das konstruiert wurde? Auch Schnitger hat, so weit ich weiß, Hautbois' disponiert, vor allem in seiner Spätphase und in Mitteldeutschland.
Stimmungsbild Bauform Oboe
Christoph, Mittwoch, 19. Dezember 2012, 12:18 (vor 5069 Tagen) @ Poupoulcorouse
![[image]](images/uploaded/2012121912145750d1afc10cd91.jpg)
Hopsa, erstmalig versucht, ein Bild hochzuladen. Wurde in aller Eile auf der GdO-Tagung 2010 aufgenommen, zeigt das Bw der Vater-Orgel in Melle.
Stimmungsbild Bauform Oboe
Hilbrands, Mittwoch, 19. Dezember 2012, 22:52 (vor 5069 Tagen) @ Poupoulcorouse
Edskes hat ja in Melle in die Vater-Orgel ein Brustwerk mit Hautbois integriert. Weiß hier jemand, nach welchem Vorbild das konstruiert wurde? Auch Schnitger hat, so weit ich weiß, Hautbois' disponiert, vor allem in seiner Spätphase und in Mitteldeutschland.
Hier weitere Bilder aus Melle von Sietze de Vries. Keine Ahnung, ob Edskes ein konkretes Vorbild hatte. In Amsterdam baute Vater 1726 eine Basson-Hobo, die auf Bitte des Organisten schon zwei Jahre später ersetzt wurde. In Gifhorn wurde die Hautbois ebenfalls rekonstruiert.
Von Schnitger weiß ich nur, dass er in Zellerfeld nach dem Kontrakt von 1699 eine "Hautboy" baute und in Sneek 1988 von Bakker & Timmenga eine Hobo rekonstruiert wurde. Sonst wüsste ich gar nicht, dass Schnitger Oboen gebaut hätte (wohl Schalmeyen 4').
Stimmungsbild Bauform Oboe
Poupoulcorouse
, Mülheim am Rhein, Donnerstag, 20. Dezember 2012, 05:16 (vor 5068 Tagen) @ Hilbrands
bearbeitet von Poupoulcorouse, Donnerstag, 20. Dezember 2012, 05:23
Die Hautbois im Brustwerk in Melle sieht tatsächlich so aus, wie die in Gifhorn.
Also im Endeffekt ein Dulzian mit leicht konischen Bechern?
Laut der Datenbank auf http://www.arpschnitger.nl/schnit.html hat Schniter vor allem in Mittel- und Ostdeutschland Hautbois' disponiert. In Magdeburg, Stettin, Berlin etc.
Nachtrag: Was Melle betrifft lag ich klanglich mit dem "Dulzian mit leicht konischen Bechern" gar nicht mal so daneben, ich hab eben mal in Friedhelm Flammes Bruhns/Leyding-Einspielung danach gesucht und auch wenn sie nur für ein paar Sekunden zu hören ist, kommt das nach meinem Dafürhalten schon ungefähr hin.
Stimmungsbild Bauform Oboe
1trompette, Donnerstag, 20. Dezember 2012, 17:55 (vor 5068 Tagen) @ Hilbrands
OT: historisch sehr konsequent, die Pfeifen ohne Handschuhe zu intonieren?:-(