Beim vorweihnachtlichem Stöbern stoße ich beim Anbieter mit den drei Buchstaben auf zwei CDs aus St-Sulpice. Eine von Stephen Tharp, eine von Michel Murray. Beide spielen je einen Widorsatz (Marche pontificale a. d, 2. bzw. Final a. d. 6. Sinfonie) und nehmen die Tempi für mein Gefühl extrem langsam.
Nun ist ja bekannt, dass angeblich niemand die Epidemische so langsam spielte wie Widor selbst. Gilt das also auch für andere virtuose Sätze seiner Sinfonien? Mir kommen die gewählten Tempi geradezu wie eine Karrikatur vor. Bin ich einfach durch zahllose hypervirtuose Einspielungen "verdorben"? Dass es auch in St-Sulpice theoretisch weitaus zügiger geht, hat Vincent Dubpois ja eindringlich bewiesen. An der Orgeltechnik liegt's also nicht.
Fabian
Widor: Tempi
Karsten, Donnerstag, 13. Dezember 2012, 09:40 (vor 5075 Tagen) @ Fabian Brackhane
bearbeitet von Karsten, Donnerstag, 13. Dezember 2012, 10:09
Hallo!
Ben van Oosten zitiert in seiner Widor-Biografie im Interpretations-Abschnitt über Rhythmus und Tempo seitenweise Aussagen von Widor, die eher "gemäßigte" Tempi belegen.
Um in großen Räumen mit lebhafter Akustik "Klarheit" im Spiel zu erreichen, so dass, wie gefordert, jede Note hörbar sei, sei auch eine Rücknahme des Tempos notwendig.
Von daher sind diese genannten gemäßigten Tempi durchaus "HIP-konform" ;)
Gruß
Karsten
Widor: Tempi
Tabernakelwanze
, Niederrhein, Donnerstag, 13. Dezember 2012, 09:42 (vor 5075 Tagen) @ Fabian Brackhane
Vielleicht ist das ein Betrag zum Thema "Entschleunigung"? Das ganze Leben hastet so an einem vorbei, man wird einfach mitgerissen - da tut solch ein Hörerlebnis vielleicht ganz gut. Mir persönlich ist vieles, was ich heute so auf CD oder im Radio höre, einfach zu schnell.
--
Gruß vom Niederrhein
Widor: Tempi
Orlos, Donnerstag, 13. Dezember 2012, 09:59 (vor 5075 Tagen) @ Fabian Brackhane
Ich finde schon, dass es durchaus auch an der Orgeltechnik liegt. Als ich zuletzt in St.-Sulpice spielte, waren die Barker-Koppeln nicht perfekt eingestellt. Wenn man versucht, die Widor-Toccata im heute allgemein üblichen Tempo zu spielen, erleidet man Schiffbruch. Meines Erachtens geht es dort nicht. Allerdings ist diese Toccata auch ein ziemlich spezieller Fall. Andere Stücke könnte man durchaus auch an dieser Orgel schneller spielen, wenn man denn wollte.
Von unten habe ich dort mal die Bach-Passacaglia gehört, die klingt auch im gemäßigten Tempo deutlich besser. Es ist halt ein riesiger Raum und aus der weitläufigen Orgel muss der Klang ja auch erst mal heraus.
Dennoch gebe ich Dir recht: Ich persönlich mag es auch eher flotter, ob das nun Gewöhnung ist oder einfach, weil es auf unseren Orgeln in kleineren Kirchen besser klingt, weiß ich nicht. Aber flott gespielt, haben die rhythmischen Stücke schon eine andere Qualität, einfach mitreißender.
Widor: Tempi
Friedrich
, Donnerstag, 13. Dezember 2012, 10:34 (vor 5075 Tagen) @ Orlos
Dennoch gebe ich Dir recht: Ich persönlich mag es auch eher flotter, ob das nun Gewöhnung ist oder einfach, weil es auf unseren Orgeln in kleineren Kirchen besser klingt, weiß ich nicht. Aber flott gespielt, haben die rhythmischen Stücke schon eine andere Qualität, einfach mitreißender.
Ist es nicht auch eine Frage der Wahrnehmung? Ein deutlich und sorgfältig durchartikuliertes Stück wirkt in meine Ohren manchmal schneller als eines, das in überzogenem Tempo hingewischt wird – eben weil man nicht umhin kommt, alles zu hören. Die Ereignisdichte steigt gewissermaßen. Eine moderat schnelle Widor-Toccata höre ich gern, denn dann lässt sich würdigen, wie geschickt das Stück tatsächlich gebaut und geschichtet ist und wie gut die Dramaturgie funktioniert. Besonders liebe ich die Pedalfanfaren vor der Reprise – wenn sie nicht zu lange gehalten werden, denn dann gewinnen sie noch an Signalwirkung.
Solche Nuancen fallen aber weg, wenn wegen hohen Tempos die Haltedauer kaum mehr ins Gewicht fällt.
Gruß,
Friedrich
Widor: Tempi
OrganisteTuttilaire, Donnerstag, 13. Dezember 2012, 10:26 (vor 5075 Tagen) @ Fabian Brackhane
Die Wiederentdeckung einer zauberhaft verklärten Ruhe ist z.B. die Romane in der Philips/Cochereau-Einspielung. Grandios! Gerade die Ecksätze der 10. werden in aktuellen Aufnahmen und in Konzerten allzuoft verhudelt und verhetzt.
Bei manchen der Hochgelobten habe ich allerdings durchgehend das Gefühl, dass hier schlicht akademische Korrektheit zelebriert wird, bei der bald die Füße einschlafen. Passend zu den bekannt strengen Portraitfotos des Komponisten. Doch langsam und zäh sind zweierlei! Und wo Feuer reingehört, sollte man es nicht beim schwachen Glimmen belassen. Leider aber wird oft nicht nur langsam, sondern auch noch langweilig und überdies unakzentuiert gespielt. Dann wird alles zu ungewürztem Brei, selbst bei 100% richtigen Noten.
Widor: Tempi
stein
, Donnerstag, 13. Dezember 2012, 10:38 (vor 5075 Tagen) @ Fabian Brackhane
Die Orgeln in dieser Zeit geben einem schon alles vor. Nicht umsonst klingt bei Daniel Roth in St Sulpice alles so rund. Seine gerade erschiene Aufnahme der 9. u 10. sind schon wieder fast ausverkauft.
Widor: Tempi
doppelfloete_h
, Hannover, Donnerstag, 13. Dezember 2012, 13:56 (vor 5075 Tagen) @ stein
Die Orgeln in dieser Zeit geben einem schon alles vor. Nicht umsonst klingt bei Daniel Roth in St Sulpice alles so rund. Seine gerade erschiene Aufnahme der 9. u 10. sind schon wieder fast ausverkauft.
Richtig... trotzdem bleibt "nach hinten" auch einiges an "Spiel"-Raum! Und wie Friedrich treffend bemerkte, ist es stets eine Wahrnehmungssache.
Ich persönlich nehme z.B. Murray's Tempo vom Finale der 6. auch als SEHR langsam wahr, Tharp mit seinem Marche pontificale wiederum überhaupt nicht. Das würd ich nicht schneller haben wollen. Oft auch eine Frage der Aufnahmetechnik, wie das rüberkommt.
Mittlerweile hat sich bei mir die Tendenz auch geändert: Früher war ich fasziniert von zügigen Tempi, heute entdecke ich so manches Detail, das mir länger verborgen geblieben war. Wobei langsam nie = spannungsarm sein sollte - aber das ist eine Binsenweisheit.