Nochmals Demessieux: Fundstelle gesucht
Hallo!
Die Orgelliste ist dankbare Gelegenheit, CDs zum Wiederhören heraus zu kramen. So auch Tharps Gesamteinspielung der Orgelwerke von Jeanne Demessieux (Aeolus). Jeanne Demessieux war ja hin und wieder Thema hier (bzw. im "alten" Forum) und bei der wiederholten Lektüre des Booklet-Textes von François Sabatier kam mir eine Frage auf:
Der legendäre Bruch zwischen Dupré und Demessieux, der unbegründet von Duprés Seite nach jahrelanger intensiver Zusammenarbeit vollzogen wurde, gibt immer noch Rätsel auf. Demessieux erfuhr nie von den Gründen und im Dupré-Umfeld war dieses Thema tabu.
Die wenigen Äußerungen, die überliefert sind, sind kaum erhellend. Es scheint unwahrscheinlich, dass die wahren Hintergründe jemals ans Licht kommen werden. Eine der plausibelsten Theorien ist, dass Demessieux sich nach und nach von Dupré künstlerisch emanzipierte und Dupré, dem Zaubelehrling gleich, sie nicht mehr für seine Zwecke im "Kampf" gegen die aufkommende historisierende Interpretationsschule leiten und instrumentalisieren konnte. Zudem überstrahlte die Studentin Demessieux den Lehrer Dupré mittlerweile bei weitem, für einen Künstler wie Dupré mit einem dermaßen großen Ego ist das natürlich eine Zumutung.
In besagtem Booklet-Text zitiert nun Sabatier einen Brief Duprés vom 14. Oktober 1948 an den Musikkritiker Bernard Gavoty, der eine der seltenen Äußerungen Duprés darstellt (hier in der Übersetzung von Christoph Frommen):
Was Jeanne Demessieux betrifft, so habe ich den bitteren Kummer Ihnen im Vertrauen sagen zu müssen, daß wir Todfeinde sind. Das Wort 'Schmach' ist nicht zu drastisch, um zu beschreiben, was ich in den vergangenenen neun Monaten habe ertragen müssen! Aber ich möchte Sie um zwei Dinge bitten: 1. absolute Geheimhaltung (es wird sich ohnehin bald herumsprechen), 2. behalten Sie bitte als Rezensent Ihre totale Freiheit. Diese schreckliche Sache nimmt ihr nichts von ihrem Talent.
Die eigentliche Frage nun: Sabatier gibt als Fundstelle dieses Briefausschnitts Michael Murrays Dupré-Biografie "Marcel Dupré. The work of a master-organist" aus dem Jahre 1985 an. Ich habe nur die deutsche Ausgabe (Edition Lade) und war schon irritiert, dass in dieser doch recht ausführlichen Biografie die "kritischen" Aspekte wie die Beziehung zu Vierne und Demessieux fast völlig unter den Tisch fielen. Demessieux wird ledliglich ein paar Mal namentlich erwähnt in Aufzählungen von Schülern. (Aber solcher Subjektivismus ist bei zeitnahen Biografien ja eine häufige "Krankheit".)
Kurz: das Zitat habe ich da nicht gefunden. Habe ich es vielleicht überlesen oder viel es der deutschen Ausgabe zum Opfer? Irrte sich Sabatier vielleicht in der zitierten Fundstelle?
Danke für Hinweise.
Gruß
Karsten