Neues aus Wien
Am Samstag, den 24. November 2012 wurden die neuen Orgeln des Instituts für Orgel, Orgelforschung und Kirchenmusik (Seilerstätte 26) der Universität für Musik und darstellende Kunst im Rahmen eines Orgelfesttages eingeweiht.
Um 9:30 Uhr begann der Festakt im Anton-Heiller-Saal im 3. Stock an der Rieger-Orgel. Es spielten Lehrende des Hauses. Martin Haselböck begann recht forsch mit einer Bearbeitung von Franz Liszt („Einleitung und Fuge“ aus der Bach-Kantate „Ich hatte viel Bekümmernis“ BWV 21). Hier hatte ich das Gefühl, dass eine zu große Orgel in einem zu kleinen Raum steht; der Anton-Heiller-Saal ist ein besseres Wohnzimmer mit miserabler Akustik. Viele Besucher mussten mit Stehplätzen vorlieb nehmen.
Die Orgel steht in einem „Generalschweller“, die Klappen aus Glas und Holz lassen sich stufenlos regeln, aber nicht mittels Pedal, sondern, damit nicht „herumgespielt“ wird, mithilfe einer Kurbel an der linken Seite des Gehäuses. So lässt sich die Klangstärke, etwa im Zusammenspiel mit anderen Instrumenten oder zum gehörschonenden Üben auch mit starker Registrierung, den jeweiligen Bedürfnissen anpassen. Leider hat man versäumt, diesen Effekt dem Publikum vorzuführen.
Nach einleitenden Worten des Institutsvorstandes Erwin Ortner nahm Roman Summereder auf der Orgelbank Platz und demonstrierte unter anderem die Winddrossel mit „Harmonies“ von György Ligeti.
Nach verbindenden Worten von Vizerektor Rudolf Hofstötter folgte Pier Damiano Peretti mit der „Tanz-Toccata“ von Anton Heiller, die er weniger zupackend als eher elegant-feinsinnig zu Gehör brachte.
Weihbischof Helmut Krätzl und Superintendent Werner Horn nahmen dann die Segnung der beiden Orgeln vor.
„O wie selig seid ihr doch, ihr Frommen“ von Franz Schmidt wurde anschließend von Peter Playavsky dargeboten. Leicht errötet entschuldigte er sich danach beim Auditorium, dass ihm ein Registrierfehler unterlaufen sei; schade um das schöne Choralvorspiel, ich hätte es ihm nicht verübelt, wenn er noch einmal mit angemessenerer Registrierung begonnen hätte.
Die letzten Redner waren hier Peter Planyavsky und Wendelin Eberle, die über die Hintergründe zur Entstehung dieses Instruments sprachen. Eberle gab auch bekannt, dass das Vorgängerinstrument nach Pretoria verkauft worden sei. Die neue Orgel solle auch die Kunst des Registrierens fördern, Eberle habe den Eindruck, dass dies in der Ausbildung zu kurz komme, was er, nicht zuletzt durch den berufsbedingt häufigen Besuch von Orgelkonzerten, immer wieder feststellen müsse (ein Wink mit dem Zaunpfahl?).
Den letzten Programmpunkt bestritt Wolfgang Capek mit einer „al-fresco-Version“ des 1. Satzes aus der „5ième Symphonie en fa-mineur“ von Charles Marie Widor. Völlig überzogene Tempi, jede Menge falsche Töne, unpassende Registrierungen; Hauptsache schnell und laut. Einem Student, der sich bei einer Prüfung derart „aufführen“ würde, wäre wohl das „Nicht genügend“ sicher. Ich war jedenfalls nahe daran, den Raum zu verlassen.
Der Rest des Vormittages war der Orgel der Manufacture d’orgues de Bruxelles (Patrick Collon) gewidmet, die sich an den Stil Gottfried Silbermanns anlehnt. Sie steht in einem kleinen, etwa fünf Meter hohen Raum im Erdgeschoss, der noch keinen Namen hat. Die Akustik ist wesentlich gnädiger als im Heiller-Saal.
Hier die Disposition:
I Hauptwerk, C, D – d’’’
Bordun 16’
Principal 8’
Rohrflöte 8’
Viol di Gamba 8’
Octava 4’
Spitzflöte 4’
Quinta 3’
Octava 2’
Mixtur III
Cornet III
II Nebenwerk, C, D – d’’’
Gedackt 8’
Quintadena 8’
Rohrflöte 4’
Principal 4’
Nasat 2 2/3’
Octava 2’
Tertia 1 3/5’
Sifflöte 1’
Chalumeau 8’
Pedal, C, D – d’
Subbass 16’
Principalbass 8’
Octavbass 4’
Posaunenbass 16’
Tremulant, Manualkoppel, HW/, NW/P
a’=415 Hz (Lufttemperatur unbekannt), ungleichstufige Stimmung
Angeblich ist im Pedal noch ein Trompetenbass 8’ vorgesehen.
Ein großer Teil der Zuhörer, so auch ich, musste sich leider mit einer Videoübertragung im Vorraum zufriedengeben, der Klang drang nur sehr indirekt hinaus. Das Programm bestritt fast zur Gänze und sehr solide Roman Summereder („Fantasia VI toni“ von Abraham van den Kerkhoven, „5° Tiento“ von Francisco Correa d’Arrauxo, „Récit de Cromorne“ und „Dialogue en trio du Cornet et la Tierce“ von François Couperin, „Fantasia super ‚Komm Heiliger Geist, Herre Gott’ von J. S. Bach und „Adagio assai“ für die Flötenuhr von Ludwig van Beethoven, vierhändig mit Pier Damiano Peretti).
Was ich dennoch hören konnte, war, dass die Orgel Gravität hat, was durch die tiefe Stimmtonhöhe noch unterstrichen wird. Im „5° Tiento“ konnte man ein wunderbar dunkles Cornet hören, im Werk von J. S. Bach einen sonoren Posaunenbass 16’ und zauberhafte Flöten im Flötenuhrstück.
Nach dem Mittagessen stand um 14:00 Uhr ‚Orgel plus’ im Heiller-Saal auf dem Programm mit Werken hauptsächlich von „Hauskomponisten“, sprich Institutsangehörigen.
Folgende Werke wurden aufgeführt, es spielten in erster Linie Studierende, aber auch Lehrende:
„Ciacona per tromba e organo“ (1989)von Wolfgang Sauseng (Daniela Lang, Trompete; Nikita Gasser, Orgel)
„Quattro für 2 Tastenisntrumente“ (1983) von Martin Haselböck (Davide Mariano, Orgel; István Matyás, Klavier)
„Opus 231 für Violine und Orgel“ (1979) von Ernst Krenek (Ernst Kovacic, Violine; Pier Damiano Peretti, Orgel)
„Quasi una Passacaglia für Klavier und Orgel“ (1994) von Wolfram Wagner (Ines Schüttengruber, Klavier; Jan Sparta, Orgel)
„aus ‚Aforismi lunari’ für Orgel und Flöte“ (2004) von Pier Damiano Peretti (Iva Kovac, Flöte; Marco Paolacci, Orgel)
„mass.brass.org – Suite für Bläser“ [acht Sätze] (2007) von Peter Planyavsky (Christof Zellhofer, Michael Dax, Christof Haas – Trompete; Gerhard Schneider, Christof Mittermeier, Taiko Distelberger – Posaune; Peter Peinstingel, Orgel; Peter Planyavsky, Leitung)
Viel Interessantes, einiges Gewöhnungsbedürftiges, alles neu für mich.
Die Orgel gefiel mir jedenfalls deutlich besser als am Vormittag (sehr stimmige Registrierungen), die Interpreten waren allesamt hervorragend. Der letzte Programmpunkt war, wie zu erwarten, voller Witz, typisch Planyavsky.
Mit ‚Orgel plus’ ging es dann drei Etagen tiefer im barocken Sinne weiter. Es wurden vornehmlich die vielfältigen Continuomöglichkeiten der Collon-Orgel demonstriert, Mitglieder von Martin Haselböcks „Wiener Akademie“ gesellten sich in verschiedenen Besetzungen und sehr lebhaft dazu (Emma Black, Andreas Helm – Barockoboe; Katalin Sebella – Barockfagott; David Drabek, Piroska Batori – Barockvioline; Wolfram Fortin – Barockviola; Philipp Comploi – Barockvioloncello; Walter Bachkönig – Violone).
Auf dem Programm standen:
„Musikalische Fechtschul’“ von Johann Heinrich Schmelzer (Erich Traxler, Orgel)
„Psalmus 134 für Alt-Solo, 2 Violinen & Bc.“ von Johann Rosenmüller (Ida Aldrian, Mezzosopran; Erich Traxler, Orgel)
„Orgelkonzert op. 4/4 in F-Dur“ von Georg Friedrich Händel (Martin Haselböck, Orgel)
„Tripartita in d-Moll Nr. 3 für Oboe und Orgel” von Johann Wilhelm Hertel (Martin Haselböck, Orgel)
„Vergnügte Ruh, beliebte Seelenlust“ von Johann Sebastian Bach, BWV 170 (Ida Aldrian, Mezzosopan, Jeremy Joseph, Orgel)
Die Orgel scheint wie geschaffen für derartige Kammermusik, auch die solistischen Möglichkeiten besonders in BWV 170 mit zwei obligaten Orgelstimmen (a 2 clav.) in der Aria „Wie jammern mich doch die verkehrten Herzen“ ließen aufhorchen.
Ich hatte diesmal Glück im Gegensatz zum Vormittag und konnte einen Platz im Raum ergattern.
Es bleibt zu hoffen, dass die neuen Instrumente nun für längere Zeit gebührend geschätzt und genutzt werden (Auftragsvolumen ca. € 1.000.000).
Gruß, Florian
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"Nicht alles, was tönt, ist auch Musik."
-Joseph Marx-
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