Wolfgang Abendroth in der Johanneskirche

Clemens Schäfer @, Düsseldorf, Mittwoch, 28. November 2012, 17:33 (vor 5090 Tagen)

Hallo Forum,

Freitags um Sieben oder Lunchtime-Orgel: Beide Male hatte Wolfgang Abendroth “Wachet auf” von Reger auf dem Programm. Die Aufführungen standen sich in nichts nach. Gespannte Friedhofsruhe, zuckende Blitze, vorsichtige Geburt des Themas, herrliche, berückende Abendmalszene, engelisch tanzende Fuge und grandioser Abgesang. Da ging man von der ersten bis zur letzten Note aufmerksam mit. Abendroth versteht seinen Reger und er versteht es auch, diesen auf seiner doch sehr barocken Orgel der Johanneskirche wirken zu lassen. Der Kontrapunktik kommt das Instrument eh’ entgegen. Und groß genug, um Kraft zu zeigen, ist es auch. Mal wieder ein schönes Beispiel dafür, daß erst Musik und Spieler, dann die Orgel bei der Darstellung von
Literatur kommen.

Zuvor hatte Abendroth am Freitag Clerembault (erste Suite) und Schübler gespielt; heute nur zwei Choräle aus Schübler. Die eignen sich, wie der Reger, wegen ihrer textlichen Nähe zum Wechsel des Kirchenjahres gerade für Konzerte in dieser Zeit. Bestechend die Gleichmäßigkeit im Fluß der cf-Begleitstimmen bei gleichzeitig dezenter Agogik.

In beiden Konzerten 40-50 Hörer, sofort einsetzender Beifall.

Gruß Clemens Schäfer

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Forte heißt nicht laut sondern kräftig,
Piano nicht schwach sondern leise!
(Arthur Rubinstein)

Wolfgang Abendroth in der Johanneskirche

Tabernakelwanze @, Niederrhein, Mittwoch, 28. November 2012, 22:17 (vor 5090 Tagen) @ Clemens Schäfer

Mal wieder ein schönes Beispiel dafür, daß erst Musik und Spieler, dann die Orgel bei der Darstellung von
Literatur kommen.

Was? Ist es nicht üblich, das Programm auf die Möglichkeiten der Orgel abzustimmen? Das hieße aber wohl, dass die Orgel die Auswahl der Werke und deren Darstellung bestimmt.

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Gruß vom Niederrhein

Wolfgang Abendroth in der Johanneskirche

Reinhard Kluth ⌂ @, Tübingen, Donnerstag, 29. November 2012, 00:00 (vor 5090 Tagen) @ Tabernakelwanze

Natürlich ist es wohl so. Heinz Wunderlich hat sich in der Jacobikirche auch eine Kemper-Orgel bauen lassen, um Reger interpretieren zu können. Das wäre schwerlich auf Arp-Schnitgers Orgel möglich gewesen.
Es gibt grad in der romantischen Orgelmusik so Grenzfälle. So sagt z.B. Karg-Elert, man solle seine Werke ruhig auch mal auf barocken Instrumenten(sprich Silbermann-Orgeln in Sachsen) ausprobieren. Und das geht tatsächlich.
Trotzdem würde ich, wenn ich z.B. an der König-Orgel in Steinfeld konzertiere, dort nicht grad Reger oder Renner spielen Mal ganz abgesehen davon, daß die Manual- und Pedalumfänge das gar nicht zulassen. Und es macht ja auch eben Spaß, historische Musik auf originalen Registern zu hören.
Die Orgel der Johanneskirche, ursprünglich als neobarockes Instrument konzipiert (quasi als Schnitger-Kopie nach St.Jacobi, so damals die Aussage von Gerhard Schwarz und von Beckerath)stellt, so glaube ich einen Sonderfall dar, seit Almut Rößler auf dem Instrument Messiaen unter seiner Anleitung eingespielt hat. Die Orgel ist ja im Laufe der Zeit auch immer mehr verändert worden, so daß man hier nicht mehr von einer "Nur"neobarocken Orgel sprechen kann.
Im Übrigen stimme ich Ihnen voll zu.
Reinhard Kluth

Wolfgang Abendroth in der Johanneskirche

Poupoulcorouse @, Mülheim am Rhein, Donnerstag, 29. November 2012, 00:13 (vor 5090 Tagen) @ Reinhard Kluth

Interessante Zwischenfrage:


Inwieweit ist die Orgel denn, von der Intonation abgesehen, verändert worden?

Wolfgang Abendroth in der Johanneskirche

doppelfloete_h @, Hannover, Donnerstag, 29. November 2012, 10:00 (vor 5089 Tagen) @ Poupoulcorouse

Ja, das wären interessante Informationen.
Wobei für mich gilt: Wenn die Orgel qualitätvoll gebaut ist (was wir von Beckerath aus der Zeit ja ohnehin gewohnt sind), ist an Literatur generell MEHR möglich, als es ein eventuelles Konzept vielleicht im ersten Moment nahelegt. Ich glaube auch nicht unbedingt, das die Düsseldorfer Johannes-Orgel da nun ein Sonderfall ist. Wobei natürlich die Kombination Rößler/Messiaen einen prominenten Fall darstellt, der dieses Argument zweifelsohne nicht zu knapp unterstützt. Das sollte einen Interpreten ermutigen, nach Wegen zu suchen. Speziell bei Reger stelle ich es mir zwar schwierig vor, aber laut Herrn Schäfer scheint es ja funktioniert zu haben. Natürlich sind wir gerade im 21. Jahrhundert und der stark ausgeprägten Purifizierung inklusive stilgetreuer Nach- und Neu(!)bauten verwöhnt...

Ich habe an einem "Parallelinstrument" (Hamburg, Petri - vor dem Umbau, auch ohne Streicher und echtes Schwellwerk) des öfteren überzeugende Darstellungen ausgesprochen romantischer Literatur (Schumann, Reubke, Franck, Vierne, Whitlock) erlebt. Freilich geht man an vielen Stellen Kompromisse ein, aber diese sind nicht selten überzeugend.
Auf das Instrument wird es IMMER ankommen, aber für mich sind gerade die Instrumente Beckeraths irgendwie seit jeher Universalinstrumente gewesen...

Universalorgeln

willscher, Donnerstag, 29. November 2012, 12:33 (vor 5089 Tagen) @ doppelfloete_h

Wobei für mich gilt: Wenn die Orgel qualitätvoll gebaut ist (was wir von Beckerath aus der Zeit ja ohnehin gewohnt sind), ist an Literatur generell MEHR möglich, als es ein eventuelles Konzept vielleicht im ersten Moment nahelegt.

VÖLLIG RICHTIG!

Ich habe an einem "Parallelinstrument" (Hamburg, Petri - vor dem Umbau, auch ohne Streicher und echtes Schwellwerk) des öfteren überzeugende Darstellungen ausgesprochen romantischer Literatur (Schumann, Reubke, Franck, Vierne, Whitlock) erlebt. Freilich geht man an vielen Stellen Kompromisse ein, aber diese sind nicht selten überzeugend.
Auf das Instrument wird es IMMER ankommen, aber für mich sind gerade die Instrumente Beckeraths irgendwie seit jeher Universalinstrumente gewesen...

Vor vierzig Jahren habe ich Theo Klein erlebt, der an der Beckerath von St. Franziskus die großen Reger- und Franck-Orgelwerke (und Anderes) absolut überzeugend interpretiert hat.
Dispo (unverändert seit 1957):
BW 8,4,Prz 2, Terzian, Scharff, Krummhorn
HW Prz 8, Gemshorn 8, Salic 8, Octave 4, Flöte 4, 2 2/3, Flöte 2, Mixtur (sehr weich),
Trompete 8
Ped. 16,8,4, Rauschpfeife, Fagott 16 (selbiges auch in der amerik. Kirche Paris, Fred Gramann hatte damals die Orgel stundenlang "belagert" und war begeistert)
Ich habe die alten Tonbandaufnahmen mit z.B. Grande Pièce symphonique auf DAT und muß das mal auf CD bannen.

Gruß vom Andreas

Wolfgang Abendroth in der Johanneskirche

Clemens Schäfer @, Düsseldorf, Donnerstag, 29. November 2012, 13:23 (vor 5089 Tagen) @ doppelfloete_h

Hallo,

hierfindet sich die aktuelle Disposition. Bei Blarr “Orgelstadt Düsseldorf” (1982) ist die Ursprungsdisposition von 1954 abgedruckt. Schleifladen, mechanische Traktur, Koppeln OW/BW und BW/HW.

Danach erfolgten diese Änderungen:

Nach 1954, aber vor 1975: An die Stelle einer Bauernflöte 1’ wurde im Pedal Gedackt 8’ disponiert. Einbau einer Schwelltür für das Oberwerk. Koppel OW/HW.

1975 Koppeln RP/Ped und OW/Ped, Schwelltür für Brustwerk

2001 Überholung durch die Erbauerfirma. Eletronische Registertraktur (zuvor pneumatisch), Setzeranlage. Elektr. Spieltraktur für Pedal. OW: zusätzlich Bordun 16’, statt Scharf 6f jetzt Mixtur 2f., MIDI-Interface, zusätzliche elektr. Koppeln.

Ca. 2006 (nach Umgestaltung der Kirche im Innern): Ausreinigung, Anschaffung eines
dreimanualigen beweglichen Zweitspieltisches im Parterre, 2011/12 Elektrifizierung der Schwelltritte

Wer hat bessere Quellen?

Gruß Clemens Schäfer

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Forte heißt nicht laut sondern kräftig,
Piano nicht schwach sondern leise!
(Arthur Rubinstein)

Wolfgang Abendroth in der Johanneskirche

Poupoulcorouse @, Mülheim am Rhein, Donnerstag, 29. November 2012, 13:53 (vor 5089 Tagen) @ Clemens Schäfer

Kleine Anmerkung:

Die Mixtur im Oberwerk ist nicht 2fach, sondern beginnt auf 2'.

Auf der Seite von Piet Bron findet man auch die Disposition vor dem Umbau.

Wolfgang Abendroth in der Johanneskirche

Reinhard Kluth ⌂ @, Tübingen, Donnerstag, 29. November 2012, 16:44 (vor 5089 Tagen) @ Poupoulcorouse

Vielen Dank, auch an Herrn Schäfer. Dies entspricht exakt auch dem neuen immerwährenden Kalender "Orgelstadt Düsseldorf".
Und wie man deutlich sieht: auf der Orgel ist Reger heute machbar.
Reinhard Kluth

Wolfgang Abendroth in der Johanneskirche

Frank Berger @, Wassenberg, Dienstag, 04. Dezember 2012, 15:51 (vor 5084 Tagen) @ Clemens Schäfer

Kleine Korrektur und Ergänzungen:
Der Bordun 16' im Oberwerk wurde bereits 1984 eingebaut.
Bei dem Umbau 2001 wurde die Belegung der Manuale III und IV getauscht:
Statt III Brustwerk und IV Oberwerk jetzt III Oberwerk und IV Brustwerk
Hier die Liste der zusätzlichen Koppeln:
I – II, III – II, IV – II, III – I, IV – III, I – P, II – P, III – P, IV – P,
III – II 16´, III – II 4´, III – III 16´, III – III 4´ ,
es sind jetzt also auch Oktavkoppeln dabei.
Das Oberwerk enthält übrigens seit Beginn 1954 Obertöne, die über
die neobarocke Stilkopie hinausgehen (1 1/7' und 8/9').

Schöne Grüße
Frank

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