leicht OT: Schöne Klassik
Clemens Schäfer
, Düsseldorf, Samstag, 24. November 2012, 11:06 (vor 5091 Tagen)
bearbeitet von Clemens Schäfer, Samstag, 24. November 2012, 11:28
Hallo Forum,
als vor einigen Jahren die ersten CD's mit Iveta Apkalna herauskamen, erinnere ich mich noch der Kommemtare im alten Forum, wo das blendende Erscheinungsbild der Künstlerin mit Argwohn betrachtet wurde. Nun, darüber sind wir inzwischen wohl hinweg: Apkalna hat alle Zweifler an ihrer Seriosität eines Besseren belehrt.
Jetzt beschäftigt sich Wolfram Goertz (Rheinische Post) mit dem gleichen Phänomen: Darf eine Künstlerin gut, ja vielleicht sogar sehr gut aussehen? In der Printausgabe wird der Artikel mit aussagekräftigen Photos ergänzt.
Gruß Clemens Schäfer
--
Forte heißt nicht laut sondern kräftig,
Piano nicht schwach sondern leise!
(Arthur Rubinstein)
leicht OT: Schöne Klassik
Hausorgler
, Feldkirch/Vorarlberg, Samstag, 24. November 2012, 11:49 (vor 5091 Tagen) @ Clemens Schäfer
Ich denke, das ist einfach eine Sache des kulturellen Wandels. Unser traditioneller Konzertbetrieb ist ein Erbe des 19. Jahrhunderts. Kurioserweise haben sich in diesem Konzertbetrieb manche Kulturformen des 19. Jahrhunderts bis teilweise ins Heute erhalten (z.B. Frack), die ausserhalb des Konzertsaals ausgestorben sind oder allenfalls in Kreisen praktiziert werden, die ebenfalls eine untergegangene Epoche beschwören (z.B. Adel). Zum 19. Jahrhundert gehört auch die Prüderie, die sich halt ebenso in dieser Kulturinsel lange wenigstens formal in Kleidersachen erhalten konnte. Eigentlich mutet es ja durchaus komisch an, daß so etwas Sinnliches, wie Musik, die ja im Inhalt durchaus zuweilen auch erotische Anspielungen hat, so unerotisch-züchtig zelebriert werden mußte. Mich wundert weniger, daß das nun langsam aufhört, sondern eher, daß die Alltagskultur da so spät durchschlägt und sich so lange eine kulturgeschichtliche Insel halten konnte.
leicht OT: Schöne Klassik
Friedrich
, Samstag, 24. November 2012, 12:25 (vor 5091 Tagen) @ Hausorgler
bearbeitet von Friedrich, Samstag, 24. November 2012, 12:51
Eigentlich mutet es ja durchaus komisch an, daß so etwas Sinnliches, wie Musik, die ja im Inhalt durchaus zuweilen auch erotische Anspielungen hat, so unerotisch-züchtig zelebriert werden mußte. Mich wundert weniger, daß das nun langsam aufhört, sondern eher, daß die Alltagskultur da so spät durchschlägt und sich so lange eine kulturgeschichtliche Insel halten konnte.
Ja und nein.
Stimmt schon, Musik kann sehr explizit sein, etwa Sex bis in Details schildern (in der »Rosenkavalier«-Ouvertüre kommt z. B. der jugendlich-stürmische Octavian unüberhörbar einige Takte vor der Marschallin). Trotzdem akzeptieren wir das, denn Musik sublimiert das Empfinden und Erleben in ihre abstrakte, entschwindende Gestalt – solche Kunst erspart uns die Verlegenheit und bewahrt doch das Erleben, oder zumindest die Erinnerung daran, als Möglichkeit des Mitvollziehens. Es ist bloß Kunst, es sind (scheinbar) nicht wir selber, es wird auch mal vorbei sein.
Wenn nun ein Künstler oder eine Künstlerin, willentlich oder unwillentlich, durch die äußere Erscheinung an unsere Sinne appelliert, fehlt die Sublimation durch Kunst. Ein Bild nehmen wir eben als etwas wahr, was viel näher an der Wirklichkeit liegt als z. B. musikalisch-lautmalerische Schilderungen, so unmissverständlich sie auch sein mögen.
Wir glauben, was wir sehen.
Und wenn man sich von einem Künstlerbild sexuell angezogen oder abgestoßen fühlt, kommt einem dieses Empfinden in die Quere beim Kunstgenuss, den man bisher (eingestanden oder nicht) für eine ungefährliche Angelegenheit gehalten hat.
So im eigenen Empfinden demaskiert zu werden, das nimmt das Publikum gerne mal übel. Kunst hat was mit Körperlichkeit zu tun? Pfui Deibel. (Aber süß siehtse schon aus …)
Gruß,
Friedrich
leicht OT: Schöne Klassik
Hausorgler
, Feldkirch/Vorarlberg, Samstag, 24. November 2012, 13:00 (vor 5091 Tagen) @ Friedrich
bearbeitet von Hausorgler, Samstag, 24. November 2012, 13:23
Ja, diese Argumente stimmen natürlich. Musik macht das subtil, geht ins Asbtrakte, so daß man nur ein bißchen betroffen ist, oder man den Grad seiner "Identifikation" mit dem Gemeinten selber bestimmen kann. Jedenfalls kann man so das Thema thematisieren, ohne daß man es im Falle drohender moralischer Entrüstung thematisiert hat. So nach dem Motto: "Was? Unmoral? Iwo! Da war doch nichts, das ist reine Kunst, reine Musik. Gugg mal: Nur Noten, schwarz und völlig neutral."
Nur: ist nicht gerade dieses subtile Spiel der Andeutung, Offenbarung und gleichzeitiger Verhüllung des nicht Auszusprechenden gerade eine Frucht vielfältiger und durchaus komplizierter Tabus? Tabus, die sich inzwischen vielfach verloren haben und denen unsere Gegenwartskultur fremd gegenüber steht? Sind wir inzwischen nicht sosehr diesen subtilen Spielen entwöhnt durch die plakative Präsentation, daß diese subtilen Spiele ihren inzwischen viel zu schwachen Reiz verlieren müssen, so daß stärkere, direktere Reize die logische Folge sind? Wirkt also nicht doch die Gegenwartskultur massiv auf diese schwindenden kulturellen Relikte?
fragt sich
Hausorgler, der von seiner Ausgangsthese noch nicht lassen mag.
PS: Ich habe persönlich überhaupt nichts gegen hübsche Künstlerinnen, die ihre Schönheit zeigen wollen. Warum sollen sie sich wesentlich anders benehmen, als es in unserem Alltag der Brauch ist? Spätestens seit Pipa Middleton ihre zurechtgehungerte Traumfigur im feierlichem Ambiente von Westminster Abbey allen weltweit Interessierten vorgeführt und ihren Marktwert so massiv gesteigert hat, sollte man das einer Künstlerin mindestens nicht verwehren - solange das Eigentliche, nämlich ihre Kunst, dabei nicht im gleichen Maße in den Hintergrund tritt, wie weiland des Erzbischofs Gebet in nämlicher Abtei.
edit: ich habe den verlinkten Artikel in der rheinischen Post noch einmal gelesen. Ein, nur in einem kleinen Nebensatz verstecktes Argument bringt es auf den Punkt: "Ja, diese Qualität können auch Blinde hören".
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Andreas Scotty Böttcher
, Dresden, Samstag, 24. November 2012, 15:08 (vor 5091 Tagen) @ Hausorgler
Gegen ansprechende "Optik" habe ich auch nichts. Allerdings wird es mir immer dann unbehaglich, wenn sie das Kriterium für den Publikumserfolg ist und Inhalte zunehmend nebensächlich werden, weil der reizüberflutete "Normalverbraucher" sowieso keinen Qualitätsunterschied mehr hört. Denn genau das scheint zunehmend der Fall zu sein. Oder sehe ich das zu "apokalyptisch"?
Herzlich grüßt
Scotty...
...der jetzt zum Gig aufbricht... :-)
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"Tradition ist Bewahrung des Feuers und nicht Anbetung der Asche." (Gustav Mahler)
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chp, Sonntag, 25. November 2012, 13:25 (vor 5090 Tagen) @ Andreas Scotty Böttcher
bearbeitet von chp, Sonntag, 25. November 2012, 21:13
Hallo,
Gegen ansprechende "Optik" habe ich auch nichts. Allerdings wird es mir immer dann unbehaglich, wenn sie das Kriterium für den Publikumserfolg ist und Inhalte zunehmend nebensächlich werden, weil der reizüberflutete "Normalverbraucher" sowieso keinen Qualitätsunterschied mehr hört. Denn genau das scheint zunehmend der Fall zu sein. Oder sehe ich das zu "apokalyptisch"?
Prof. Dollase aus Bielefeld hat mit Kollegen schon vor einigen Jahren (Jahrzehnten?) Besucher klassischer Konzerte nach ihren Motiven und Erlebnisqualität beim Konzertbesuch befragt und verglichen mit Hörern von Pop- bzw. Unterhaltungsmusik (damals ist auch ein schmales Büchlein erschienen, müsste ich aber erst nachsehen). Jedenfalls ergab sich, dass die Motive von Hörern klassischer Musik sich von denen von Unterhaltungsmusik (Pop, Volksmusik, Schlager) nicht unterscheiden, sie gehen halt subgruppenbedingt in klassische Konzerte. Mit anderen Worten: Klassik leicht gemacht für jedermann, soweit möglich mit Betonung der Körperlichkeit der Künstler/innen ist das, was im Grunde tatsächlich gewünscht wird. Intellektuelle Hörer von Musik, die sich auch einmal gerne auf Neues einlassen, sind wohl in der Minderzahl. Das ist ja beim Jazz wohl auch so. Ich habe mir sagen lassen, dass das Dixieland-Festival in Dresden, das Bekannte von mir immer besuchen, ja auch Massen zieht, sicher mehr Publikum als andere Jazz-Veranstaltungen. Hier in der Stadt im Konzert ist der Beifall ja schon bei ganz mild moderner Musik eher verhalten, während es bei Beethoven, Brahms, Bruckner und Konsorten nur so donnert. Ich habe auch schon jemanden aus der "Honorationorengruppe" über Bela Bartok (Klavier) schimpfen hören, dass man so etwas einem doch nicht vorsetzen könne (war ein Benefizkonzert).
Beste Grüße von der Waterkant
Christoph p.
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FranzS.
, Samstag, 24. November 2012, 16:26 (vor 5091 Tagen) @ Clemens Schäfer
Darf eine Künstlerin gut, ja vielleicht sogar sehr gut aussehen?
Na ja, in der Opern von Richard Strauss ist das sehr wichtig. Wenn eine Salome, Elektra oder Daphne wirklich gut aussieht, dann werden wirklich alle Sinne angesprochen, wie Strauss das wollte. Aber seine Botschaft ist eigentlich eine ganz andere, als sinnliche Erotik zu präsentieren. Ich glaube Strauss hatte eine gewisse Freude daran in seinen Opern die "Schönheit" oder die Erotik ad absurdum zu führen und er konnte das, weil er fähig war, böse Ironie in Musik zu verwandeln ("Hat es nach Blut geschmeckt, nein es schmeckte nach Liebe", tja Mädl, deinen Liebsten hast du aber leider umgebracht). Strauss hatte für seine Mitmenschen und deren Gefühle nur Spott und Hohn übrig. Mein Onkel ist Kunsthändler und kennt die Familie schon lange, die Schwiegertochter(?) sinngemäß: "der Vater war ja ein fürchterlicher Menschenfeind". Wenn es Strauss mit der Liebe wirklich mal ernst meinte, ist sie immer verklärt und weltfremd, ganz ohne Sex, wie bei der Ariadne oder der Daphne (die erste wohnt mit "einem neuen Gott" auf einer einsamen Insel und die zweite wird aus Liebe in einen Baum verwandelt, und zwar auch von einem Gott).
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3rd_astronaut, Montag, 26. November 2012, 09:18 (vor 5089 Tagen) @ Clemens Schäfer
bearbeitet von 3rd_astronaut, Montag, 26. November 2012, 09:22
als vor einigen Jahren die ersten CD's mit Iveta Apkalna herauskamen, erinnere ich mich noch der Kommemtare im alten Forum, wo das blendende Erscheinungsbild der Künstlerin mit Argwohn betrachtet wurde. Nun, darüber sind wir inzwischen wohl hinweg: Apkalna hat alle Zweifler an ihrer Seriosität eines Besseren belehrt...
...und ist meinetwegen eine attraktive Frau, aber kein "Feger" mehr wie Yuja Wang (wo der Gedanke "Lass mich das Klavier sein" wie in den Röhrencomments naheliegt). Sag ich mal frech als Emporenyeti ;-)