Originell

Dorforganist @, Sonntag, 18. November 2012, 22:43 (vor 5102 Tagen) @ Orlos

Ja, das ist schon Lyrik vom Feinsten...

So richtig sphärische Klänge haben aber in Roth keine richtige Chance - insbesondere im neuen Teil der Kirche. Diese ist eine architektonische (und akustische) Sünde, wie man sie (hoffentlich) kaum sonst noch findet: Das neugotische Gotteshaus wurde längs aufgeschnitten und die eine Hälfte komplett durch einen Betonbau mit Sheddach (in der klassischen Fabrikdach-Sägezahnoptik!) ersetzt, der aber im Inneren nicht einmal halb so hoch ist wie die andere Hälfte des Kirchenschiffs. Das führt zu einem Gefühl des Verschüttetseins unter Betonmassen - die auch noch den ganzen Klang aus dem früheren Kirchenschiff (das durch eine Drehung der liturgischen Richtung um 90 Grad zum Altarraum wurde) verdumpft und richtiggehend abweist.

Zu allem Überfluß wurde damals vor dem früheren Rest der Apsis quer ein Balkon eingezogen, auf dem eine geteilte Orgel aufgestellt war, die den Raum natürlich auch nicht in den Griff bekam. Jetzt wurde zumindest diese Sünde beseitigt und die Apsis wieder dem Kirchenraum zugeschlagen, während die Orgel auf der gegenüberliegenden ehemaligen Westwand aufgestellt wurde.

Sie beschallt jetzt die alte Hälfte der Kirche - also den Altarraum und die darum gruppierten Bänke - sehr direkt, während der Klang in den neuen Teil quasi unter die Betondecke kriechen muß. Das führt natürlich zu Kompromißlösungen, wie auch C.Winterhalter sanft andeutet: mein subjektiver klanglicher Eindruck - allerdings nur von einem einzigen Konzert, dessen Organist zum Überregistrieren neigt - war der von einem pneumatischen Schinken der 20er Jahre, der sehr schnell rustikal klingt und bollerig wirkt.

Einzelne Stimmen sind zwar wunderschön intoniert, aber ein Plenum oder auch nur die Vorstufen davon waren im Altarraum schon grenzwertig dick bzw. brutal laut - und das bei vollbesetzter Kirche! Im Seitenschiff kommt vermutlich nur die Hälfte davon an...

Optisch ist die Bilderrahmen-Lösung wirklich originiell, allerdings hat irgendjemanden anscheinend doch noch in letzter Minute der Mut verlassen: anstelle der auf einigen Entwürfen noch zu sehenden blaugrundigen Muster im Rahmen und auf den Schwelltüren, die dem Kirchenschiff eine freundlichere Note verliehen hätten, hat man sich für (vornehm gesagt) eine dezentere Farbgebung entschieden - die mich eher an einen Vorhangstoff der 80er Jahre erinnert.

Da wurde ebenso eine Chance vergeben wie bei der Ablehnung einer Farbänderung des pseudogotischen Bogens hinter dem Altar, der in einem Vorschlag von C.Winterhalter einfach weiß anstelle des Xyladecor-Brauns gemacht werden hätte sollen (auf einem der Bilder im Flyer ist dies sogar als Fake zu sehen).

Ich freue mich trotzdem für die Gemeinde, daß sie so ein Projekt gestemmt hat und hoffe, meinen Eindruck in einem anderen Konzert revidieren zu dürfen - oder mir mal einen persönlichen Eindruck machen zu können. Vermutlich unterschätzt man als Organist, der doch relativ weit unter dem Pfeifenwerk sitzt, die Massivität, die aus den beiden übereinander aufgestellten Werken ohne Empore oder bremsende Innenausstattung direkt auf das Publikum niedergeht.

Für "himmlische Klänge" muß der Organist jedenfalls sehr dezent registrieren und das Schwellwerk bemühen...


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