Erweiterung oder status quo?

naflegro, Freitag, 09. November 2012, 20:29 (vor 5107 Tagen)

Zu folgender Situation möchte würde mich die Meinung der Forumsmitglieder interessieren:
In einer großen Kirche steht eine Orgel, die Anfang der 1960er Jahre von einer renommierten Firma neu erbaut wurde. Sie hat 51 Register auf Hauptwerk, Oberwerk, Rückpositiv und Pedal, hat mechanische Spiel- und elektropneumatische Registertraktur. Sie ist ganz im Neobarockstil gehalten. Im Zusammenhang mit einer jetzt anstehenden Generalüberholung entstand der Plan, sie um ein viertes Manual zu erweitern, damit die Orgelmusik des 19./20. Jahrhunderts besser dargestellt werden kann. Aber nun scheiden sich die Geister derer, die über einen solchen Plan zu befinden haben: Die einen sind begeistert, und die anderen meinen, die Orgel habe nun schon Denkmalcharakter und solle auch auf Grund der guten Qualität des Instrumentes nicht verändert werden.
Gibt es Meinungen hierzu, Argumente für und wider, Erfahrungen?

Erweiterung oder status quo?

Friedrich @, Freitag, 09. November 2012, 20:57 (vor 5107 Tagen) @ naflegro
bearbeitet von Friedrich, Freitag, 09. November 2012, 21:56

… Die einen sind begeistert, und die anderen meinen, die Orgel habe nun schon Denkmalcharakter und solle auch auf Grund der guten Qualität des Instrumentes nicht verändert werden.
Gibt es Meinungen hierzu, Argumente für und wider, Erfahrungen?

Erfahrungen: Massenweise. Vermeintliche Verbesserungen von guten Instrumenten gehen sehr, sehr oft schief oder lassen Wünsche übrig, die weitere Verschlimmbesserungen herausfordern. Ein gutes Instrument zeichnet sich ja dadurch aus, dass es in sich sinnvoll gestaltet ist und ein geschlossenes Ganzes bildet. Fast immer wird unterschätzt, wie komplex die musikalisch-technischen Zusammenhänge hinter einem so geschlossenen Gesamteindruck sind. Da etwas hinzuzufügen, ist schwierig, denn eine gute Orgel braucht keine Ergänzung. Kann sein, dass bestimmte Literatur dann nur kompromissweise, radikal umgestaltet oder gar nicht gespielt werden kann. Das hängt aber vom Spieler ab und nicht von der Orgel.

Ohne die verrätselte Situation zu kennen (Zeit, Stil und die Kombination mechanisch-elektropneumatisch passt auf etliche bedeutende Orgelbauer: Schuke, Eule, Beckerath, Rieger …) – auf Verdacht sage ich: Finger weg von einer guten Orgel. Reinigen, Technik überholen, nichts sonst.

Gruß,
Friedrich

Erweiterung oder status quo?

Florian-L, Sonntag, 11. November 2012, 07:53 (vor 5105 Tagen) @ Friedrich

Ohne die verrätselte Situation zu kennen (Zeit, Stil und die Kombination mechanisch-elektropneumatisch passt auf etliche bedeutende Orgelbauer: Schuke, Eule, Beckerath, Rieger …)

Elektropneumatik bei Rieger in den 1960ern? Unter Josef von Glatter-Götz kaum vorstellbar.

Gruß, Florian

--
"Nicht alles, was tönt, ist auch Musik."
-Joseph Marx-

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Friedrich @, Sonntag, 11. November 2012, 10:27 (vor 5105 Tagen) @ Florian-L

Ohne die verrätselte Situation zu kennen (Zeit, Stil und die Kombination mechanisch-elektropneumatisch passt auf etliche bedeutende Orgelbauer: Schuke, Eule, Beckerath, Rieger …)


Elektropneumatik bei Rieger in den 1960ern? Unter Josef von Glatter-Götz kaum vorstellbar.

Dann habe ich da was durcheinandergekriegt. Ich dachte erst, so etwas wie einen elektrisch gesteuerten Registerbarker hätte es in Stuttgart, St. Elisabeth, gegeben. Aber jetzt schaue ich im Völkl nach, und siehe da – es waren die Bosch-Scheibenwischermotoren. Auch Antik, aber nicht so sehr.

Gruß,
Friedrich

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Martin78 @, Freitag, 09. November 2012, 21:24 (vor 5107 Tagen) @ naflegro
bearbeitet von Martin78, Freitag, 09. November 2012, 21:32

Zu folgender Situation möchte würde mich die Meinung der Forumsmitglieder interessieren:
In einer großen Kirche steht eine Orgel, die Anfang der 1960er Jahre von einer renommierten Firma neu erbaut wurde. Sie hat 51 Register auf Hauptwerk, Oberwerk, Rückpositiv und Pedal, hat mechanische Spiel- und elektropneumatische Registertraktur. Sie ist ganz im Neobarockstil gehalten. Im Zusammenhang mit einer jetzt anstehenden Generalüberholung entstand der Plan, sie um ein viertes Manual zu erweitern, damit die Orgelmusik des 19./20. Jahrhunderts besser dargestellt werden kann. Aber nun scheiden sich die Geister derer, die über einen solchen Plan zu befinden haben: Die einen sind begeistert, und die anderen meinen, die Orgel habe nun schon Denkmalcharakter und solle auch auf Grund der guten Qualität des Instrumentes nicht verändert werden.
Gibt es Meinungen hierzu, Argumente für und wider, Erfahrungen?

Grundsätzlich ist Friedrich zuzustimmen.
Erfahrungen mit ähnlichen Projekten gibt es ja durchaus aus den letzten Jahren (z.B. Domkirchen Hamburg, Schleswig, Christuskirche Karlsruhe).

*Spekuliermodus an* Ist es diese Schuke von 1962/63 in St. Michael, Jena, um die es hier geht?

Viele Grüße,
Martin

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der_kasibaer, Samstag, 10. November 2012, 14:13 (vor 5106 Tagen) @ Martin78

Zumindest ist in Jena ähnliches geplant, insofern passt die Diskussion auf dieses konkrete Beispiel.

Ich bin nicht en detail informiert, daher will ich nur sagen, was ich sicher weiss:

Neben einer ohnehin fälligen Reinigung und Instandsetzung einiger kleiner Defekte würden sich einige Leute eine Erweiterung um ein deutsch-romantisches Schwellwerk wünschen. Dieses muss elektrisch traktiert werden, da duzte Anlage der ursprünglichen Orgel nicht angefasst werden soll. Im Pedal soll ein Violon 16 als Fundament zum SW ergänzt werden.

Dies sind meiner Kenntnis nach Ideen, die Umsetzung wird aus den hier schon genannten Gründen momentan diskutiert. Die Orgel gilt als sehr gelungenes Beispiel ihrer Gattung, hat für manche daher quasi Denkmalwert. Andererseits wäre ein reiner Zubau ja kein großer Eingriff in die ursprüngliche Anlage - so die Praktiker. Allerdings natürlich gilt schon der Umbau des Spielschrankes als Problem.

Aber: Wissende vor!

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Orgelbaumeister, Freitag, 09. November 2012, 21:45 (vor 5107 Tagen) @ naflegro

Um einen Rat abgeben zu können wäre hilfreich die jetzige Disposition zu kennen.

Eventuell lässt sich durch Werksinterne Umstellungen und Erweiterungen vieles machen.

Denkbar ist auch, ein Werk durch Zuschaltung auf eines der bestehenden Manuale.

Wenn es keine Umstände macht bitte einmal die derzeitige Disposition mitteilen.

Besten Dank

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Aeolinchen, Freitag, 09. November 2012, 23:24 (vor 5107 Tagen) @ naflegro

Zu folgender Situation möchte würde mich die Meinung der Forumsmitglieder interessieren:
In einer großen Kirche steht eine Orgel, die Anfang der 1960er Jahre von einer renommierten Firma neu erbaut wurde. Sie hat 51 Register auf Hauptwerk, Oberwerk, Rückpositiv und Pedal, hat mechanische Spiel- und elektropneumatische Registertraktur. Sie ist ganz im Neobarockstil gehalten. Im Zusammenhang mit einer jetzt anstehenden Generalüberholung entstand der Plan, sie um ein viertes Manual zu erweitern, damit die Orgelmusik des 19./20. Jahrhunderts besser dargestellt werden kann. Aber nun scheiden sich die Geister derer, die über einen solchen Plan zu befinden haben: Die einen sind begeistert, und die anderen meinen, die Orgel habe nun schon Denkmalcharakter und solle auch auf Grund der guten Qualität des Instrumentes nicht verändert werden.
Gibt es Meinungen hierzu, Argumente für und wider, Erfahrungen?

Mir fehlen folgende Informationen:

- Ist die gute Qualität des Instruments unbestritten?
- Ist die Orgel in der Lage, den Kirchenraum auch ohne 4. Manual anständig zu beschallen?
- Gibt es in der näheren Umgebung schon eine andere Orgel, auf der die Musik des 19./20. Jahrhunderts ebensogut dargestellt werden kann wie auf einer Neobarockorgel mit Zusatzwerk? Oder vielleicht sogar besser?
- Ist der Platz für ein viertes Manual(werk) schon vorhanden oder muss dafür am vorhandenen Instrument herumgesägt und herumgebastelt werden?

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untersatz32 ⌂ @, Amriswil, Freitag, 09. November 2012, 23:42 (vor 5106 Tagen) @ naflegro

Ist die Orgel, so wie sie ist, gut?

Sind die Erfahrungen der letzten Jahre, die mit solchen Erweiterungsprojekten gemacht wurden, GENERELL schlecht?

Karlsruhe wurde doch hier durchaus gelobt?!

Oder was ist mit Schleswig??

Landsberg?

Herford??

Hannover Marktkirche?

Alles Mist???!!

- Kann man, bloss weil es evtl. an (hier nicht genannten) einer oder mehreren exponierten Stellen u.U "schief gelaufen" ist, grundsätzlich sagen "Finger weg" von so etwas, oder haben seinerzeit Schnitger, Willis oder Cavaille-Coll derartige Umbauten vorhandener Orgeln nicht auch vorgenommen, und dann in Folge Kunstwerke geschaffen, welche dann heutzutage hochgelobt werden und jaaaaaaa nicht angetastet werden sollten...

ODER ist sie wiederum sowieso sooo gut, dass sie ein historisches Zeitdokument ist und folglich nicht verändert werden sollte...?

Wie ist die Kirchenmusik-Situation vor Ort (Chöre, Konzerte, Begleitaufgaben)?


Gruss

Thomas

--
Thomas Haubrich

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fluteceleste @, München, Samstag, 10. November 2012, 12:18 (vor 5106 Tagen) @ untersatz32

Ist die Orgel, so wie sie ist, gut?

Sind die Erfahrungen der letzten Jahre, die mit solchen Erweiterungsprojekten gemacht wurden, GENERELL schlecht?

Karlsruhe wurde doch hier durchaus gelobt?!

Oder was ist mit Schleswig??

Landsberg?

Herford??

Hannover Marktkirche?

Alles Mist???!!

Hannover: habe von mehreren Schülern wie Lehrern der Hochschule nur positives gehört- bestätigt auch meinen Eindruck (Aufnahmen, Fernsehgottesdienst etc).
Karlsruhe: Von GdO Leuten nur positives gehört
Landsberg: von verschiedenen KiMus nur positives...
Also? lässt dies hoffen?

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Poupoulcorouse @, Mülheim am Rhein, Samstag, 10. November 2012, 12:27 (vor 5106 Tagen) @ fluteceleste

Naja, das wird in den 50ern und 60ern bei Barockisierungen nicht anders gewesen sein.

Es wäre wirklich sinnvoll erstmal über die hier aufgekommenen Fragen Klarheit zu haben, bevor man ins Blaue hinein spekuliert.

Erweiterung oder status quo?

Friedrich @, Samstag, 10. November 2012, 12:50 (vor 5106 Tagen) @ untersatz32

Ist die Orgel, so wie sie ist, gut?

Sind die Erfahrungen der letzten Jahre, die mit solchen Erweiterungsprojekten gemacht wurden, GENERELL schlecht?
… Hannover Marktkirche?
Alles Mist???!!

Hannover fällt allerdings raus, das ist eine neue Orgel in fast jeder Hinsicht – die Prospektgestaltung (nicht der Prospekt selber: der ist ein Neubau) und Teile des Pfeifenwerks wurden übernommen. Die alte Orgel war offenbar unrettbar verbaut und litt von Anfang an unter ungünstigen Platzverhältnissen.

Gruß,
Friedrich

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FranzS. @, Samstag, 10. November 2012, 13:44 (vor 5106 Tagen) @ Friedrich


Hannover fällt allerdings raus, das ist eine neue Orgel in fast jeder Hinsicht

das gleiche gilt für Landsberg

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D. Hausmann @, Sonntag, 11. November 2012, 14:58 (vor 5105 Tagen) @ FranzS.

das gleiche gilt für Landsberg

Hallo Franz,

das ist mir jetzt neu ...
Also dass die Orgel verkleinert wurde, weiß ich...
Ich dachte eher, dass hier 99% Schmid noch da ist?
Oder wurde alles umintoniert?

Herzlichen Gruß
Dieter

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FranzS. @, Sonntag, 11. November 2012, 17:30 (vor 5105 Tagen) @ D. Hausmann


Hallo Franz,

das ist mir jetzt neu ...
Also dass die Orgel verkleinert wurde, weiß ich...
Ich dachte eher, dass hier 99% Schmid noch da ist?
Oder wurde alles umintoniert?

Herzlichen Gruß
Dieter

Hallo,
möglicherweise ist die Orgel noch 99% aus Schmidmaterial gebaut, aber ich kann mir schwer vorstellen, dass bei einem derartigen Umbau die Intonation beibehalten wurde. Jedenfalls steht die Orgel jetzt bei Siegfried Schmid als Neubau im Werkverzeichnis. Ob die jetzige S.Schmid-Orgel besser ist als die alte G.Schmid-Orgel kann ich nicht beurteilen, jedoch war das Bombardenwerk von G.Schmid schon eine einmalige Sache:

Bourdon 8
Große Quinte 5 1/3
Prestant 4
Große Tierce 3 1/5
Nazard 2 2/3
Septième 2 2/7
Doublette 2
Neuvième 1 7/9
Tierce 1 3/5
Larigot 1 1/3
Sifflet 1
Fourniture IV
Bombarde 16
Bombarde 10 2/3
Bombarde 8
Trompette 8
Trompette 5 1/3
Clairon 4
Clairon 2

Grüße
Franz

Erweiterung oder status quo?

Poupoulcorouse @, Mülheim am Rhein, Sonntag, 11. November 2012, 18:33 (vor 5105 Tagen) @ FranzS.

Und das hat man rausgeworfen?
Auch die Aliquoten aus dem Pedal?

Ich hab gerade mal verglichen ... Junge Junge. Gibts hier jemanden, der aus eigener Erfahrung sagen kann, daß die Ursprungsorgel wirklich so verhunzt war, daß so ein Kahlschlag an allem, was (zumindest der Disposition nach) der Orgel wirklich was Eigenständiges gab, gerechtfertigt war?

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FranzS. @, Sonntag, 11. November 2012, 18:41 (vor 5105 Tagen) @ Poupoulcorouse
bearbeitet von FranzS., Sonntag, 11. November 2012, 18:52

Und das hat man rausgeworfen?
Auch die Aliquoten aus dem Pedal?

Ich hab gerade mal verglichen ... Junge Junge. Gibts hier jemanden, der aus eigener Erfahrung sagen kann, daß die Ursprungsorgel wirklich so verhunzt war, daß so ein Kahlschlag an allem, was (zumindest der Disposition nach) der Orgel wirklich was Eigenständiges gab, gerechtfertigt war?

meine ehemalige Orgellehrerin kannte die Orgel als sie ganz neu war und das Ding war damals so was von angesagt. Gerhard Schmid hat nach Altötting und München/Au noch mal einen drauf gesetzt und alle Konventionen in Frage gestellt. Allerdings war das Gehäuse so was von vollgestopft und er hatte es wohl in diesem Fall übertrieben, sodass eine Wartung unmöglich wurde, jedenfalls wurde so der Umbau/Neubau unter Anderem begründet.

Erweiterung oder status quo?

Poupoulcorouse @, Mülheim am Rhein, Sonntag, 11. November 2012, 18:45 (vor 5105 Tagen) @ FranzS.

Ich schäme mich ja etwas dafür, daß ich eben nach den Youtube-Aufnahmen das Ergebnis so verrissen habe ... aber wenn der Eindruck auch in realiter ähnlich ist, dann sollte man von denen, die das zu verantworten haben, Schadenersatz fordern.

Wenn man was Besonderes aufgibt, sollte man wenigstens was neues Besonderes schaffen.

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FranzS. @, Sonntag, 11. November 2012, 19:00 (vor 5105 Tagen) @ Poupoulcorouse
bearbeitet von FranzS., Sonntag, 11. November 2012, 19:04


Wenn man was Besonderes aufgibt, sollte man wenigstens was neues Besonderes schaffen.

RICHTIG!, oftmals ist nicht der Verlust des Vorherigen zu beklagen, sondern die Qualität des Nachfolgenden. Das gilt möglicherweise im Orgelbau nicht so oft als im Städtebau (der ein noch nie so tiefes Niveau erreicht hat als derzeit, selbst in den späten 70ern nicht. Man schaue sich nur mal an, welche Ausgeburten der Geschmacklosigkeit vor Kurzem in München gebaut wurden).

Erweiterung oder status quo?

Poupoulcorouse @, Mülheim am Rhein, Sonntag, 11. November 2012, 19:08 (vor 5105 Tagen) @ FranzS.

Da sagste was.


Mir sind Bauten aus den 50ern meistens sympathischer, als das, was heute so entsteht. Und ich rede jetzt nicht von Kunstarchitektur, sondern von Alltagsgebäuden. Diese allerorten entstehenden Büro- und Einkaufskuben. Da kriegt man das kalte Grauen.

Erweiterung oder status quo?

Schreipositiv @, Wetter, Sonntag, 11. November 2012, 19:15 (vor 5105 Tagen) @ Poupoulcorouse

Da sagste was.


Mir sind Bauten aus den 50ern meistens sympathischer, als das, was heute so entsteht. Und ich rede jetzt nicht von Kunstarchitektur, sondern von Alltagsgebäuden. Diese allerorten entstehenden Büro- und Einkaufskuben. Da kriegt man das kalte Grauen.

Lieber ein Glaskubus als kalter, steriler Sichtbeton.

OT: Architektur der 60er

FranzS. @, Sonntag, 11. November 2012, 19:22 (vor 5105 Tagen) @ Schreipositiv
bearbeitet von FranzS., Sonntag, 11. November 2012, 19:29


Lieber ein Glaskubus als kalter, steriler Sichtbeton.

ich finde Sichtbeton einfach geil, gerade auch im Kirchenbau. Ich finde übrigens auch nicht, dass Beton "kalt" wirkt.

OT: Architektur der 60er

Schreipositiv @, Wetter, Sonntag, 11. November 2012, 19:35 (vor 5105 Tagen) @ FranzS.


Lieber ein Glaskubus als kalter, steriler Sichtbeton.


ich finde Sichtbeton einfach geil, gerade auch im Kirchenbau. Ich finde übrigens auch nicht, dass Beton "kalt" wirkt.

Auf dem Photo sieht mam den größten Nachteil von Sichtbeton: Er wird dreckig und sieht nach einer Zeit nicht sonderlich einladend aus. Besonders bei mir im Pott sind viele 60er-Jahre-Bauten wegen Abgasen und so statt Betonfarben ein Mix aud diversen Schwarz- und Grauabstufungen; dazu noch Grün wegen Algen und Moosen und was-weiß-ich-nicht, was sich dort angesiedelt hat. Gerade im Winter ist das dann nur noch hässlich. Im Innenraum mag ich Sichtbeton eher, da er dort nicht so schnell
verschmutzt. Aber es kommt für mich nicht an eine ordentliche Glas-Stahl-Architektur heran.

OT: Architektur der 60er

Poupoulcorouse @, Mülheim am Rhein, Sonntag, 11. November 2012, 19:38 (vor 5105 Tagen) @ Schreipositiv

Wenn man die Gebäude nicht pflegt, dann sehen sie natürlich bald nicht mehr einladend aus. Aber das hat eher was damit zu tun, daß man heute keinen Wert mehr darauf legt, den öffentlichen Raum für die Bewohner wohnlich zu gestalten, von ein paar Vorzeigegegenden abgesehen.

Und dann wundert man sich über Vandalismus ...

OT: Architektur der 60er

FranzS. @, Sonntag, 11. November 2012, 19:49 (vor 5105 Tagen) @ Schreipositiv
bearbeitet von FranzS., Sonntag, 11. November 2012, 19:54

Aber es kommt für mich nicht an eine ordentliche Glas-Stahl-Architektur heran.

das will der Brutalismus (so heißt dieser Stil) auch gar nicht, sondern er will außergewöhnliche Räume schaffen (und das haben die Architekten geschaft) und der Beton sollte von außen "häßlich" werden. Die damaligen Architekten wollten sich ja ausdrücklich von der Glas-Stahl-Architektur distanzieren. Allerdings ist der Stahlbeton sehr empfindlich und eine Wartung der Gebäude wird in Zukunft sehr kostenintensiv, wenn sie überhaupt auf Dauer (200 Jahre+) gerettet werden können. Glas und Stahl sind da viel wiederstandsfähiger.

Grüße
Franz (früher eingefleischter Bauhäusler, jetzt überzeugter Brutalist;-))

Erweiterung oder status quo?

Poupoulcorouse @, Mülheim am Rhein, Sonntag, 11. November 2012, 19:28 (vor 5105 Tagen) @ Schreipositiv

Also ... im Vergleich zu diesem modernen Dreiklang aus Glas, Beton und Teppichboden wirkt ein 50er-Jahre-Bau mit Messing, Linoleum und hellen (nicht kalten) Farben und klaren Formen wie 'ne Wohltat.

Sowas findet man heute höchstens noch in Realschulen oder Finanzämtern. Schade drum.


Das ist bei der Eisenbahn übrigens nicht anders. In den stickigen, unbequemen neuen Triebwagen wünsche ich mir die alten silbernen Nahverkehrswagen mit den Messing-Gepäckablagen und den bequemen roten Kunstledersitzen zurück. Und ich bin 28, wohlgemerkt.

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Poupoulcorouse @, Mülheim am Rhein, Sonntag, 11. November 2012, 18:44 (vor 5105 Tagen) @ Poupoulcorouse

Wenn man sich bei Youtube neuere Aufnahmen anschaut/anhört ... dann klingt sie, so weit man das bei Youtube sagen kann, jetzt sehr glatt und abgerundet. Ich könnte das, was ich von dort höre, nicht mehr von einem guten digitalen Sampleset unterscheiden. Im Raum mag das anders sein. Aber eine gute Raumwirkung kann man auch mit einer neobarocken Orgel erzielen.
Bloß eben so einen schnöden, gefälligen Allerweltsklang vielleicht nicht.

Ich hoffe, daß sich davon jetzt niemand auf den Schlips getreten fühlt, aber ... das ist nur mein oberflächlicher Eindruck nach dem Aufnahmen auf Youtube.

Wozu sollte man auf einer solchen Orgel noch alte Musik oder Bach spielen? So eine Orgel kann keiner Barockorgel das Wasser reichen ... und hat nichtmal die Eigenarten einer Neobarockorgel. Das ist nur noch glatt und dröge.

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Orlos, Sonntag, 11. November 2012, 22:22 (vor 5105 Tagen) @ Poupoulcorouse

An der großen Orgel in München war ich zweimal, die fand ich schon sehr faszinierend, nicht wegen des akustischen 64', sondern wegen der gesamten Anlage. Aber angenehm spielen ließ sie sich nicht gerade. Ich weiß nicht, ob es heute besser ist.
Ich bin danach mit großen Erwartungen nach Landsberg gefahren und habe die Orgel vor dem großen Umbau erlebt. Das ist nun aber auch schon bald 20 Jahre her. Ich weiß noch, dass ich ziemlich enttäuscht war, gerade das Bombardewerk war überhaupt nicht überzeugend. Ich konnte damals auch den Wert dieser Obertonkombinationen nicht recht schätzen, das wäre heute vielleicht anders, aber nun ist es ja weg...
Ich habe die ganze Orgel als sehr eng in Erinnerung, nicht nur vom Platz her, sondern auch akustisch - die Orgel klang "eng", beengt, unfrei, vor allem bei den Grundstimmen. Das war mir in München so nicht aufgefallen. Wahrscheinlich ist in München einfach mehr Platz. Ist denn dort auch schon etwas verändert worden?

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D. Hausmann @, Montag, 12. November 2012, 03:48 (vor 5104 Tagen) @ Orlos

Hallo Orlos,

meines Wissens nach nicht. Und ich denke damit wären wir wieder beim Ursprungsthema.
;-)

Herzlichen Gruß
Dieter

PS: Danke schön an Franz für die Infos!

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FranzS. @, Samstag, 10. November 2012, 13:41 (vor 5106 Tagen) @ naflegro
bearbeitet von FranzS., Samstag, 10. November 2012, 21:57

Hallo,

die Orgel ist immerhin schon um die 50 Jahre alt und möglicherweise freut man sich in 20 Jahren wieder über eine Orgel, die nicht dem Einheitsbrei der Jahrtausendwende enstspricht. Es gibt einige Organisten, die so weit denken. An meiner Jann-Orgel von 1983 würde ich nie und nimmer was ändern, obwohl bei weitem nicht alles optimal geht und es schon ein ziemlich derbes Teil ist. Beispielsweise meinte unser Orgelbauer, das Fagott 16 wäre so "mutig" mesuriert, dass es sogar schon fast als Fehler bezeichnet werden könnte. Georg Jann baute zu dieser Zeit die charakteristischsten Zungen, eine 3 Jahre jüngere Jann der selben Größe, klingt schon bedeutend "normaler". Geld wäre genug da, um das Fagott 16 gegen eine "normale" Posaune einzutauschen, aber das Konzept ist so stimmig und es steht mir nicht zu, einen Visonär wie Georg Jann indirekt so vor den Kopf zu stoßen (obwohl es ihm wahrscheinlch herzlich wurscht wäre). Es gibt noch einige weitere Register, die einer näheren Betrachtung bedürfen um an ihnen Gefallen zu finden. Das Gemshorn 4, die Viola 8 und der Schwiegel 2 habe ich in solch einer herben Form noch nie gehört. Wo anders wären sie längst umintoniert bzw ausgetauscht worden, obwohl man mit dem Gemshorn 4 zusammen mit der Oktave 4, (z.T. eine Oktave tiefer gespielt) eine lustige Klangfarbe erhält. Mit der Viola und dem Schwiegel kann man sich auch was interessantes basteln. Meine Orgel ist in der Tat so was von unromantisch und wenn man Rheinberger spielen will, muss man halt einfallsreich sein. Da nimmt man eben nicht die Hauptwerksmixtur her, sondern koppelt vom RP den Sesquialter, das Principal 2 und die Quinte 1 1/3 runter und schon hat man zusammen mit den Grundstimmen ein geeignetes Rheinberger ff. Wenn ich eine schöne Flöte 8 mit romantischeren Charakter brauche, spiele ich die Blockflöte 4 eine Oktave tiefer. Für Fanzösische Sachen nimmt man halt mal das Krummhorn, eher mittlemäßige Musik wird zu Karikatur, aber gute Musik verträgt es. Man muss den Mut haben, unkonventionell zu registrieren, egal was die "Fachleute" dazu sagen.
Generel ist die Orgel Medium für die Musik, Musik kann aber auch Medium für eine Orgel sein. Wenn man die Orgeln immer umändert, spricht man ihnen gleichzeitig diese Eigenschaft ab und somit auch ihren Status als Kunstwerke. Das haben die Instrumente und ihre Erbauer nicht verdient, denn nicht nur Schnitger, ACC oder Silbermann waren große Künstler, sondern auch die Leute aus unserer Zeit waren und sind es. Das scheine viele Organisten nicht zu wissen und bedauerlicherweise wissen es die Orgelbauer oft selbst nicht mehr, sonst würden sie mit mehr Achtung den Werken des 20. Jahrhunderts entgegentreten.
Lange Rede kurzer Sinn: Gute Musik geht auf einer guten Orgel fast immer, gerade wenn die Orgel eine entsprechende Größe hat. Ein Beiweis dafür ist sogar käuflich zu erwerben. Also wenn das Ding objektiv betrachtet gar nicht mal so schlecht ist, lasst es so stehen wie es ist und freut euch in zwanzig Jahren über euere unverändert erhaltene historische Orgel, die dann immerhin schon fast 70 Jahre alt ist.

Grüße

Franz

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Tabernakelwanze @, Niederrhein, Samstag, 10. November 2012, 17:47 (vor 5106 Tagen) @ FranzS.

Franz, Du schreibst mir aus der Seele! Letztendlich liegt das Problem eben häufig nicht bei den Instrumenten, sondern bei denen, die sie bespielen sollen/müssen. Viele können oder wollen nicht angemessen mit dem umgehen, was auf der Empore steht. Irgendwie soll alles gehen, französisch-romantisch, deutsch-barock, jetzt auch vermehrt engl.-romantisch vielleicht auch noch etwas italienisch, oder spanisch. Dann heißt es manchmal: Was nicht passt wird passend gemacht. Nur leider passt es dann oft eben nicht. Wohl der Orgel, die einen Organisten hat, der aus ihr das rausholt, was möglich ist, vielleicht auch auf unkonvetionellen Wegen.

Die oft zu hörende, verteidigende Argumentation, die Alten (Schnitger & Co.) hätten auch fleißig um- und angebaut lässt sich mit der heutigen Situation nur bedingt vergleichen. Unser Horizont ist ungleich weiter gesteckt, als der damalige. Wir haben alle möglichen Orgellandschaften vor Augen, alle über die Zeitläufte hinweggegangenen musikalischen Stilrichtungen klingen uns in den Ohren. Und Schnitger? Der hat im Regelfall Um- an- oder neugebaut, wenn die alte Orgel nicht zu retten war. Gleichzeitig besaß der den Respekt vor der Materie, hat er doch sehr häufig altes Pfeifenmaterial auch in größeren Mengen wiederverwendet.

--
Gruß vom Niederrhein

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Poupoulcorouse @, Mülheim am Rhein, Samstag, 10. November 2012, 14:00 (vor 5106 Tagen) @ naflegro

Ich bin prinzipiell eher dafür, ein neues Teilwerk anzulegen, WENN denn schon eine Veränderung her muss und Raum und technische Anlage es zulassen, bevor man an der Disposition herummurkst.


Im "anderen" Forum kam eine ähnliche Frage in den letzten Tagen auf, ich kann ja mal kopieren, was ich dort dazu geschrieben hatte:


Ich habe auch an anderer Stelle schon dafür plädiert, daß man, WENN man solche Orgeln schon verändern muss, dabei wenigstens den beabsichtigten Stil zugrundelegt.


Das bedeutet: Man könnte wohl damit leben, daß man einer Neobarockorgel etwas brauchbarere Zungen verpasst, aber WENN, dann barocke Zungen und keine völlig unpassende Cavaille-Coll-Schwellwerksbatterie.
Wenn mann tatsächlich viel zu eng mensurierte Grundstimmen ersetzt, dann aber nicht durch Schwebungen und Streicher, sondern durch stilistisch entsprechende, aber qualitativ hochwertigere Grundstimmen.
Wenn mann schon meint, Nonen und Zimbeln ersetzen zu müssen, dann wenigstens durch brauchbarere Farbregister oder durch gleichartige Register besserer Bauart, nicht aber durch völlig stilfremde Ergänzungen.

Und WENN man stilfremde Ergänzungen bauen möchte, dann muss man eben bereit sein, ein neues Teilwerk anzulegen. Das wird auf lange Sicht auch nicht teurer, als alle noch so gut gemeinten Verschlimmbesserungen. Viele jüngere Restaurierungen beweisen, daß man mit etwas mehr Konsequenz aus unauffälligen Neobarockorgeln wirklich inspirierende Instrumente machen kann, auch ohne daß man an der Disposition herumdreht und "romantisiert".
Manchmal, in Härtefällen, muss es vielleicht ein neuer Prospektprinzipal sein. Aber das ist allemal eine sinnvollere Investition als Schwebungen, Streicher und durchschlagende Zungen in eine ansonsten neobarocke Orgel zu pflanzen. Neue Universalorgeln gibt es ja mittlerweile wirklich genug. "Lücken" in der Hinsicht sind nicht mehr zu füllen.


Und wenn man sich mit den Neobarockorgeln partout nicht anfreuden kann, dann liegt es immernoch näher, sie wenigstens zu "barockisieren", also sie neu zu intonieren, mit brauchbareren Zungen, breiter aufgestellten Klangkronen und Grundstimmen auszustatten, anstatt sie zu "romantisieren".

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Orlos, Samstag, 10. November 2012, 14:23 (vor 5106 Tagen) @ Poupoulcorouse

Prinzipiell richtig. Wir kennen Orgeln mit neobarocken Grundstimmen, denen dann französische Zungen beigestellt wurden. Wen wundert's, dass das Ergebnis nicht immer befriedigt?!
Aber: Auch bei einer neobarocken Orgel kann man durchaus die Disposition "stilecht" in den 8'-Bereich ergänzen. Auch in den 1950er Jahren wurden Orgeln mit Streichern gebaut (Weidenpfeife, Schwebend Harf, auch streichende Gemshörner), die zwar nicht so klingen wie im 19. Jahrhundert, aber durchaus brauchbar sind. Ich selber sitze gerade an der Umbauplanung einer Orgel von 1962. Die Orgel wird Streicher bekommen, einfach weil ich sie für die musikalische Praxis benötige (Hochzeitskirche mit sehr vielen Trauungen und zu begleitenden Sängerinnen; drei Chöre, die ebenfalls brauchbar begleitet werden sollen). Mir geht es dabei weniger um eine stilistische Veränderung des Instruments, da sind wir uns also einig. Aber eine Ergänzung im Stil der Zeit in Hinblick auf eine angestrebte Vergrößerung der Zahl der Grundstimmen sollte möglich sein.
Dabei haben wir die gleiche Frage zu beantworten: Neues Teilwerk oder Veränderung im Bestand?
(In einem Punkt haben wir es allerdings entschieden einfacher als bei der hier diskutierten Orgel: Unsere Orgel ist nicht gut, sie ist in sich nicht stimmig, überzeugt nicht in Disposition, Mensuration und Intonation. Das ist die Meinung ausnahmslos jeden Organisten, der die Orgel kennengelernt hat. Es würde auch niemand dieser Orgel hintertrauern, wenn man sie komplett ersetzen würde, wofür leider kein Geld vorhanden ist. Ich hoffe auf einen technischen Neubau unter Verwendung alter Pfeifen, aber wahrscheinlich läuft es auf einen Umbau mit den alten Laden hinaus. Ich beweifle, dass es dann eine richtig gute Orgel wird, aber schlechter als jetzt kann es gar nicht werden...)

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Poupoulcorouse @, Mülheim am Rhein, Samstag, 10. November 2012, 14:29 (vor 5106 Tagen) @ Orlos

Da hast du natürlich recht. Ich hätte den Begriff "Streicher" nicht so pauschal für stilfremde Ergänzungen verwenden sollen.

Erweiterung oder status quo?

untersatz32 ⌂ @, Amriswil, Samstag, 10. November 2012, 14:44 (vor 5106 Tagen) @ Orlos
bearbeitet von untersatz32, Samstag, 10. November 2012, 15:13

Mit viel Liebe und einem kompetenten Orgelbauer und Intonateur kann man - wenn man will und ein gescheites Konzept hat (und nicht wild planlos drauflos romantisiert) - aus Blech oder Schrott zumindest "Silber", wenn nicht sogar "Gold" machen, wenn es auch dann nicht nach "Diamanten" aussieht - sich aber dann zumindest so anhört...

Letztlich zählt das klangliche Resultat und das spieltechnische "Wohlfühlgefühl" inklusive Zuverlässigkeit.
Es KANN gehen.

Viele Grüsse

Thomas

--
Thomas Haubrich

Erweiterung oder status quo?

Florgel @, Samstag, 10. November 2012, 18:06 (vor 5106 Tagen) @ Orlos

(In einem Punkt haben wir es allerdings entschieden einfacher als bei der hier diskutierten Orgel: Unsere Orgel ist nicht gut, sie ist in sich nicht stimmig, überzeugt nicht in Disposition, Mensuration und Intonation. Das ist die Meinung ausnahmslos jeden Organisten, der die Orgel kennengelernt hat. Es würde auch niemand dieser Orgel hintertrauern, wenn man sie komplett ersetzen würde, wofür leider kein Geld vorhanden ist. Ich hoffe auf einen technischen Neubau unter Verwendung alter Pfeifen, aber wahrscheinlich läuft es auf einen Umbau mit den alten Laden hinaus. Ich beweifle, dass es dann eine richtig gute Orgel wird, aber schlechter als jetzt kann es gar nicht werden...)

Nun, ich weiß seit einiger Zeit,dass es sehr wohl möglich ist, aus sowas eine fantastische Orgel zu machen. Normalerweise ist das Pfeifenmaterial nicht schlechter, als das, was viele Orgelbauer heute verwenden.

Aber es bleibt jedem selber überlassen, ob er das haben will, oder ob er lieber mit viel mehr (Geld-)Aufwand weniger Orgel möchte.

Ich kann weiterhin nur empfehlen, sich mal eine solche Lösung anzuschauen. (Nein, ich nenne hier keinen Namen ;) )

Erweiterung oder status quo?

Friedrich @, Samstag, 10. November 2012, 18:17 (vor 5106 Tagen) @ Florgel

Ich kann weiterhin nur empfehlen, sich mal eine solche Lösung anzuschauen. (Nein, ich nenne hier keinen Namen ;) )

Wenn ich die Berichte über solche Umbauten hier richtig gelesen habe, geht es dabei fast immer um massive Umgestaltungen. Untersatz32 ist sehr zufrieden, aber er hat ja auch eine praktisch neue Orgel bekommen, wo vorher eine höchstens mittelmäßige stand. Anderswo ging es um beherztes Umintonieren. Das bedeutet: Da wurde nach einem neuen musikalischen Konzept etwas neues geschaffen.

Deswegen erinnere ich nochmal an die ursprüngliche Frage: Es geht um eine allseits geschätzte Orgel von einem guten Orgelbauer und mit einem drumherum gewachsenen Konzertwesen, bei der eine Generalüberholung ansteht und man sich nun fragt, ob man die Gelegenheit für einen Zu- oder vielleicht auch Umbau nutzen sollte.

Es geht also nicht um schlecht oder auch nur mittelmäßig eingesetztes Sechzigerjahre-Material, sondern um eine in sich runde und gelungene Orgel. Die Erweiterungswünsche zielen auf bestimmte Literaturbereiche, mit den bekannten, keineswegs zwingenden Argumenten.

Es geht also nicht darum, altes Material neu auszuwerten oder umzuorganisieren.

Gruß,
Friedrich

Erweiterung oder status quo?

Poupoulcorouse @, Mülheim am Rhein, Samstag, 10. November 2012, 19:03 (vor 5106 Tagen) @ Friedrich

Ich habe deshalb auch gesagt: WENN man sowas schon macht, dann soll man wenigstens daraus achten, daß daraus kein Beitrag zum Einheitsbrei entsteht, sondern daß man sich entweder den Anspruch der Erbauungszeit zum Ausgangspunkt dabei nimmt oder gerade die Eigenheiten qualitativ auf neue Füße stellt.

Erweiterung oder status quo?

Florgel @, Samstag, 10. November 2012, 19:14 (vor 5106 Tagen) @ Friedrich

Ich kann weiterhin nur empfehlen, sich mal eine solche Lösung anzuschauen. (Nein, ich nenne hier keinen Namen ;) )


Wenn ich die Berichte über solche Umbauten hier richtig gelesen habe, geht es dabei fast immer um massive Umgestaltungen. Untersatz32 ist sehr zufrieden, aber er hat ja auch eine praktisch neue Orgel bekommen, wo vorher eine höchstens mittelmäßige stand. Anderswo ging es um beherztes Umintonieren. Das bedeutet: Da wurde nach einem neuen musikalischen Konzept etwas neues geschaffen.

Deswegen erinnere ich nochmal an die ursprüngliche Frage: Es geht um eine allseits geschätzte Orgel von einem guten Orgelbauer und mit einem drumherum gewachsenen Konzertwesen, bei der eine Generalüberholung ansteht und man sich nun fragt, ob man die Gelegenheit für einen Zu- oder vielleicht auch Umbau nutzen sollte.

Es geht also nicht um schlecht oder auch nur mittelmäßig eingesetztes Sechzigerjahre-Material, sondern um eine in sich runde und gelungene Orgel. Die Erweiterungswünsche zielen auf bestimmte Literaturbereiche, mit den bekannten, keineswegs zwingenden Argumenten.

Es geht also nicht darum, altes Material neu auszuwerten oder umzuorganisieren.

Gruß,
Friedrich

Richtig, deswegen habe ich auch nicht auf das Ursprungsposting geantwortet, sondern auf das von Orlos und seine Schilderung der "eigenen" Verhältnisse.
Mir gehts also nicht darum, eine gute Orgel zu zerlegen, im Gegenteil!
Bei einer guten Orgel handelt es sich um ein Luxus-Problem, dass sich nach einem Organistenwechsel schon wieder auflösen kann.
Meine Auffassung ist nur, das man auch aus absolut schwachen Instrumenten was tolles machen kann und diese so dennoch erhält.
Ansonsten kann ich mich dem Tenor meiner Vorredner nur anschließen.

Erweiterung oder status quo?

untersatz32 ⌂ @, Amriswil, Sonntag, 11. November 2012, 11:48 (vor 5105 Tagen) @ Friedrich
bearbeitet von untersatz32, Sonntag, 11. November 2012, 17:59

Wenn die Orgel, so wie sie ist, natürlich spitzenmässig ist, dann entweder Finger weg, oder halt - wie popoulcourouse auch vorschlägt - notfalls (!!) ein weiteres Werk als IV. Manual oder ankoppelbar, aber durchaus in abgemildeter/angepasster Weise zubauen.
An einer guten Neobarockorgel dann auch noch zusätzlich die Intonation komplett zu verschlimmbessern oder ganze Register auszutauschen, würde ich ablehnen.
(Bei mir an der Orgel sind Verschlimmbesserungen der 60er Jahre behutsam wieder zurückgeführt worden auf den Zustand der 30er Jahre - das ist was anderes).

Tolles Beispiel:
Karl-Schukin von '77 oder '79 in der Matthiasbasilika Trier.

SUPER Orgel, in etwas abgemildertem Neobarock mit vorsichtig romantischen Einsprengseln:
Herrliche Gemshornschwebung im SW, die Hohlflöte im HW durchaus solofähig, schöne Vox in der Box, 16-8-4 Batterie im SW (wenn auch mit einem nicht üblen Dulcian 16 als Basis), Untersatz 32 im Pedal - FINGER DA WEG!!!

Steht nur total blöd (vorne Seitenschiff rechts - wegen Konvent) - sie könnte bei Stellung auf Westempore den Raum wunderbar beherrschen/sich besser entfalten.
Alfred Müller ist ein kongenialer Organist und Verwalter dieses Instruments.

Wenn die Jena-Orgel also in DIESE Richtung geht: aufgepasst, bzw. behutsam vorgegangen...

Grüsse

Thomas

--
Thomas Haubrich

Erweiterung oder status quo?

daggies @, Sonntag, 11. November 2012, 12:07 (vor 5105 Tagen) @ untersatz32

Wenn diese Orgel tatsächlich so gut ist und ein in sich stimmiges Konzept darstellt, der Organist aber auch romantische Klänge haben will, soll er sich doch eine von den vielen englischen Orgeln kaufen, die zurzeit den Gebrauchtmarkt überfluten.

Die kann man dann als Chororgel aufstellen. Kostet nicht so viel (zumindest nicht mehr als ein neues IV Manual an der "großen" Orgel), klingt gut und das Beste: die "alte" Orgel bleibt erhalten!

War neulich in Gießen (Die Kirche mit der Zukünftigen "Perle der Empore") - die englische Chororgel von 1912 klingt toll!!!

Erweiterung oder status quo?

hama-music, Dienstag, 13. November 2012, 14:36 (vor 5103 Tagen) @ naflegro
bearbeitet von D. Hausmann, Mittwoch, 14. November 2012, 17:50

Die Freiburger Orgelbaufirma Späth hat doch ziemlich genau solch eine "Erweiterungs-Überlegung" praktiziert und 2011 in Hamburg-Altona in eine neobarocke Führer-Orgel eingebaut:

http://www.freiburgerorgelbau.de/hamburg-altona.php?neue=1
[Link vom Co-Admin korrigiert]
Ich las nur den Bericht darüber, kannte also weder die Orgel vor der Erweiterung noch jetzt.
Gibt es Eindrücke und/oder Erfahrungen der Foristen mit dieser Orgel? Ist es in der Tat eine Erweiterung im Sinne einer "Weiterentwicklung des Ausgangsinstrumentes"? (Zitat)

Wenn ja, dann wäre dies meiner Meinung nach ein Referenzbeispiel für den Ausgangstread...

Herzliche Grüße!

Erweiterung oder status quo?

der_kasibaer, Mittwoch, 14. November 2012, 17:42 (vor 5102 Tagen) @ naflegro
bearbeitet von der_kasibaer, Mittwoch, 14. November 2012, 17:56

Am Beispiel Jena weiter gesponnen:

Die Abfolge ist Rückpositiv (an der Emporenseite, in der Brüstuung, mechanisch angespielt), HW, OW. Die Gitter unter dem OW beinhalten das Kleinpedal.

Aber: dort ist die Koppel OW an HW ohnehin elektrisch.
Das heißt, dass das Hauptwerk (2. Man.) schon el. Kontakte hat.

Wenn es nun darum geht, dieser Orgel die Möglichkeit eines schwellbaren Werkes zu geben, scheidet das OW aus, da das Prinzipal im Prospekt dies nicht zulässt.

Aber Schuke hat etwas später auch Schwellwerke gebaut. Würde man ein solches neobarockes SW bauen, und es elektrisch vom Hauptwerk spielbar machen, evtl. mit einem Generalabsteller für alle HW Register, ... dann hätte man ein stilechtes SW.

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