Thierry Escaich und Ars Cantandi in der Lambertuskirche

Clemens Schäfer @, Düsseldorf, Dienstag, 06. November 2012, 11:29 (vor 5110 Tagen)

Hallo Forum,

die Meßlatte hatten die beiden selbst hoch gelegt: Thierry Escaich (Orgel) und Marcel Andreas Ober (als Leiter der Chorgruppe “Ars Cantandi”) hatten im vergangenen Jahr ein sehr eindrucksvolles Konzert in St. Peter gestaltet. Nun war Escaich zum ersten Mal in St. Lambertus zu Gast - und Gastgeber war wieder der inzwischen an diese Kirche berufene Marcel Andreas Ober. Kein Wunder also, daß sich ein ähnlicher Programmablauf vorgesehen war. Ars Cantandi war wieder dabei.

Escaich begann mit Te Deum von Tournemire, einer von Duruflé abgehörten und in Noten gesetzten Improvisation. Mächtig wurden die Te-Deum-Anrufe in den Raum gemeißelt. Hier - wie auch im weiteren Verlauf des Konzerts - nutzte Escaich durchaus den ganzen Dynamikumfang des Instruments, ohne freilich zu lärmen.

Von Duruflé selbst folgte der Choral varié “Veni Craetor” aus op. 4; dabei wurden zwischen den einzelnen Variationen die Choralzeilen von einer Schola (gebildet aus den Herrenstimmen von Ars Cantandi) gesungen.

Nun sollte Escaich über ein gegebenes Thema Praeludieren und Fugieren. Ober hatte das Thema in seiner Begrüßung schon angesagt: “Nun danket Alle Gott.”. Anläßlich der Zugabe (Karg-Elert “Nun danket alle Gott”) beim Konzert von International Brass am gleichen Ort vor wenigen Wochen hatte ich über dieses Lied raisonniert: Es war durch die politischen Umstände zur preußisch-protestantischen Zweithymne geworden. Das wirkte bis in die Nachkriegszeit: Kein Bericht über die Rückkehr der letzten Kriegsgefangenen aus Rußland ohne die ausgemergelten Gestalten, die in Friedland dieses Lied anstimmten. Wie also würde Escaich damit umgehen?

Entweder er kennt die historische Belastung nicht oder aber er wischt sie souverän vom Tisch: Bei ihm ist das Lied (das ja viel älter ist als der historische Umstand, dem es seine Vereinnahmung dankt) ein fröhliches Danklied. Das wird schon in der Temponahme deutlich. Nicht staatstragend behäbig sondern quirlig laufend wie eine klassische Klaviersonate. Wie schön, daß die Zeitläufte der Geschichte doch so manchen Irrweg zu korrigieren imstande sind. Escaich steigerte dynamisch und ließ es dann in ein ruhiges Adagio umkippen, aus dem die Fuge (das Thema wieder in kurzen Notenwerten) entsprang. Erst am Schluß zeigte sich der Choral sozusagen per augmentationem in der gewohnten Langsamkeit. Das war alles sehr sympathisch.

Nun folgte “In Memoriam”, eine Motet pour Choeur et Orgue von Escaich selbst. Ars Cantandi sang. Das Werk verwendet Themen von Duruflé und ist als Hommage gedacht. Delikate Klangfarben und ein hinreißender Orgelschluß. Escaisch hat sich mit der Lambertusorgel offenbar bestens verstanden.

Mit Romance et Final aus der Vierten von Vierne bewies Escaich jetzt noch mal Klangsinn und Formgefühl. Selbstredend, daß das alles makellos gelang. Hier hätte man sich festhören können. Der Wunsch nach mehr wurde geweckt.

Am Ende vier Motets à capella von Duruflé: Ubi Caritas, Tu es Petrus, Tota pulchra es, Tantum ergo. Schön anzuhören, eher harmlos wirkremd, aber gewiß nicht ohne Tücken. Gut präsentiert von Ars Cantandi. Dazwischen improvisierte Escaich kommentierend. Die letzte Impro baute er dann zu einem größeren Schlußstück aus. Der sonore fff-Schlußakkord war noch nicht ganz verhallt, als der Beifall losbrach. Lang und dankbar. Die Kirche war voll besetzt. Zugabe: Ein barocker Konzertsatz.

Schnell bildeten sich der Kirche kleine Diskussionsgruppen, die sich versicherten, einen großen Abend erlebt zu haben. Erst langsam löste sich die Hörergemeinde auf. Mit diesem Konzert schloß im übrigen das 7. Internationale Düsseldorfer Orgelfestival. Das nächste Konzert der Internationalen Orgelkonzerte an St. Lambertus bestreitet am 03.12.2012 Olivier Latry, 19:30h, Eintritt frei.

Gruß Clemens Schäfer

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Forte heißt nicht laut sondern kräftig,
Piano nicht schwach sondern leise!
(Arthur Rubinstein)

Thierry Escaich und Ars Cantandi in der Lambertuskirche

Contrebasson 32' @, Donnerstag, 08. November 2012, 15:57 (vor 5107 Tagen) @ Clemens Schäfer

Nun sollte Escaich über ein gegebenes Thema Praeludieren und Fugieren. Ober hatte das Thema in seiner Begrüßung schon angesagt: “Nun danket Alle Gott.”. Anläßlich der Zugabe (Karg-Elert “Nun danket alle Gott”) beim Konzert von International Brass am gleichen Ort vor wenigen Wochen hatte ich über dieses Lied raisonniert: Es war durch die politischen Umstände zur preußisch-protestantischen Zweithymne geworden. Das wirkte bis in die Nachkriegszeit: Kein Bericht über die Rückkehr der letzten Kriegsgefangenen aus Rußland ohne die ausgemergelten Gestalten, die in Friedland dieses Lied anstimmten. Wie also würde Escaich damit umgehen?

Entweder er kennt die historische Belastung nicht oder aber er wischt sie souverän vom Tisch: Bei ihm ist das Lied (das ja viel älter ist als der historische Umstand, dem es seine Vereinnahmung dankt) ein fröhliches Danklied. Das wird schon in der Temponahme deutlich. Nicht staatstragend behäbig sondern quirlig laufend wie eine klassische Klaviersonate. Wie schön, daß die Zeitläufte der Geschichte doch so manchen Irrweg zu korrigieren imstande sind. Escaich steigerte dynamisch und ließ es dann in ein ruhiges Adagio umkippen, aus dem die Fuge (das Thema wieder in kurzen Notenwerten) entsprang. Erst am Schluß zeigte sich der Choral sozusagen per augmentationem in der gewohnten Langsamkeit. Das war alles sehr sympathisch.


Die Improvisation ist nun auch auf youtube zu sehen und zu hören...

Mit besten Grüßen
Contrebasson 32'

Thierry Escaich und Ars Cantandi in der Lambertuskirche

Florian-L, Freitag, 09. November 2012, 07:56 (vor 5107 Tagen) @ Contrebasson 32'

Die Improvisation ist nun auch auf youtube zu sehen und zu hören...

Ich erhalte die Meldung "Dieses Video ist privat."

Gruß, Florian

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"Nicht alles, was tönt, ist auch Musik."
-Joseph Marx-

Thierry Escaich und Ars Cantandi in der Lambertuskirche

Contrebasson 32' @, Freitag, 09. November 2012, 08:29 (vor 5107 Tagen) @ Florian-L

Die Improvisation ist nun auch auf youtube zu sehen und zu hören...


Ich erhalte die Meldung "Dieses Video ist privat."

Gruß, Florian

Oooh, diese Meldung erhalte ich inzwischen auch, obwohl es gestern Abend noch frei zugänglich war. Das Video war von einer vom IDO-festival beauftragten Firma gemacht worden. Demzufolge kann höchstens Escaich einer Veröffentlichung widersprochen haben.

Ich habe das Video zwar auf dem Rechner gespeichert, könnte auch eine entsprechende Downloadmöglichkeiten offerieren. Da ich aber nicht weiß, ob ich mir damit nicht auch Ärger einfange, lasse ich es an dieser Stelle - außer jemand weiß mehr als ich.

Beste Grüße
Contrebasson 32'

Thierry Escaich und Ars Cantandi in der Lambertuskirche

untersatz32 ⌂ @, Amriswil, Freitag, 09. November 2012, 09:03 (vor 5107 Tagen) @ Contrebasson 32'

"... Das Video war von einer vom IDO-festival beauftragten Firma gemacht worden. Demzufolge kann höchstens Escaich einer Veröffentlichung widersprochen haben...."
[quote][/quote]

Wäre natürlich praktisch, DEN auch vor dem Drehen und der Veröffentlichung zu fragen... :-)

> Ich habe das Video zwar auf dem Rechner gespeichert, könnte auch eine entsprechende Downloadmöglichkeiten offerieren. Da ich aber nicht weiß, ob ich mir damit nicht auch Ärger einfange, lasse ich es an dieser Stelle - außer jemand weiß mehr als ich.
[quote][/quote]

Klug und richtig!

> Beste Grüße
[quote]Contrebasson 32'
[/quote]

Viele Grüsse - obwohl mich das YT-Video auch interessiert hätte

Thomas 32'

--
Thomas Haubrich

Thierry Escaich und Ars Cantandi in der Lambertuskirche

Contrebasson 32' @, Freitag, 09. November 2012, 13:06 (vor 5107 Tagen) @ untersatz32

"... Das Video war von einer vom IDO-festival beauftragten Firma gemacht worden. Demzufolge kann höchstens Escaich einer Veröffentlichung widersprochen haben...."

Wäre natürlich praktisch, DEN auch vor dem Drehen und der Veröffentlichung zu fragen... :-)

Meldung auf der fb-Seite des ido-festivals:
"Leider mußte das Video von Thierry Escaich erstmal wieder zurückgezogen werden. Wir klären da noch die Freigabe..."

Ergo: Vllt. kommt ja doch noch die Freigabe, man darf hoffen.

Thierry Escaich und Ars Cantandi in der Lambertuskirche

Contrebasson 32' @, Montag, 12. November 2012, 18:43 (vor 5103 Tagen) @ Florian-L

Die Improvisation ist nun auch auf youtube zu sehen und zu hören...


Ich erhalte die Meldung "Dieses Video ist privat."

Gruß, Florian

Inzwischen ist das Video wieder unter dem oben genannten Link freigeschaltet, jedoch mit der Einschränkung, dass man es per YT-Suchfunktion (also ohne Link) nicht findet.

Gruß
Contrebasson 32'

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