Hyo-Jong Kim in der Johanneskirche

Clemens Schäfer @, Düsseldorf, Freitag, 02. November 2012, 21:33 (vor 5116 Tagen)

Hallo Forum,

freitags um 7 in der Johanneskirche, evang. Stadtkirche in der Düsseldorfer Innenstadt. 7. ido zu Gast (02.11.2012). Mit Prof. Hyo-Jong Kim. Reger Zuspruch: Mehr als 80 Hörer.

Der elektrische Spieltisch stand vor der ersten Reihe. Kaum hatte ido-Intendant Ludwig begrüßt, begann Kim auch schon - vom mechanischen Spieltisch in der Orgel. Und sie begann hurtig und frisch. BWV 564 C-Dur. Beim großen Pedalsolo wurde es dann etwas frei. Ruhig lief das Adagio, der Schluß wurde nicht dramatisiert sondern strömte bitteren Schmerz. Wie eine Fanfare dann der Beginn der Fuge. Das hielt sie ganz gut durch.

Mit einigen canonischen Veränderungen BWV 769 (Vom Himmel hoch) ging es weiter. Dieser heimliche Höhepunkt des Konzerts (welch’ dichte Musik!) war technisch wie interpretatorisch sehr beeindruckend.

Dann hörte man Schritte: Kim kam hinunter und setzte das Konzert am elektrischen Spieltisch fort: Zuerst die Guilmant-Bearbeitung von Bachs Konzertsatz aus der Kantate 29; ein nettes Laufwerk. Dann Variationen über ein Thema von Paganini für Pedal solo von George Thalben-Ball (1896-1987). Das war schon recht virtuos, wurde aber sicher gemeistert. Hin und wieder gab’s einen Ton manualiter und der Schluß erforderte beide Hände. Ich hatte das Stück noch nie gehört und kannte auch den Komponisten nicht. Weiters gab es Mozart Changes von Gárdonyi. Perfekt die Genrewechsel.

Offener Höhepunkt dann BACH von Liszt. Kim legte hier kräftig los, behielt aber die Zügel in der Hand. So entwickelte sich das Praeludium prächtig. Herrlich der absterbende Übergang zur Fuge. Und auch die wurde mit vollem Einsatz, aber kontrolliert vorgestellt. Bei so einem Werk sind dann die beleuchteten Registerwippen für den Hörer durchaus ein Hilfsmittel. So wird man gewahr, wie oft und wie tiefgreifend die Umregstrierungen wie schnell einander folgen. Und man merkt, wieviel Arbeit zuvor hier geleistet werden mußte.

Langer, herzlich dankbarer Beifall; Zugabe “Wachet auf” von Bach.

Gruß Clemens Schäfer

P.S. Die Lunchtime-Orgel am 24.10.2012 wurde von Wolfgang Abendroth gespielt. Der hatte die 8. Sonate von Rheinberger mitgebracht und musizierte stilsicher und klangschön. Die lange Schlußpassacaglia verfehlte ihre Wirkung nicht. Auch hier um 80 Hörer, die den Titel der Konzertreihe nicht zu ernst nahmen und auf Lamm mit Mintsoße oder Plumpudding verzichteten.

--
Forte heißt nicht laut sondern kräftig,
Piano nicht schwach sondern leise!
(Arthur Rubinstein)

Thalben-Ball; war: Hyo-Jong Kim in der Johanneskirche

Contrebasson 32' @, Freitag, 02. November 2012, 21:46 (vor 5116 Tagen) @ Clemens Schäfer
bearbeitet von Contrebasson 32', Freitag, 02. November 2012, 21:57

Dann Variationen über ein Thema von Paganini für Pedal solo von George Thalben-Ball (1896-1987). Das war schon recht virtuos, wurde aber sicher gemeistert. Hin und wieder gab’s einen Ton manualiter und der Schluß erforderte beide Hände. Ich hatte das Stück noch nie gehört und kannte auch den Komponisten nicht.

Grüß Gott, und danke für den Bericht!

Dass du bisher G. Thalben-Ball bzw. keines seiner Werke kanntest, kann ich kaum glauben, wirst du doch bestimmt schonmal seine Elegy live oder auf Platte gehört haben...

Gruß
Contrebasson 32'

PS: Die Paganini-Variationen von Thalben-Ball finden sich u. a. auf Iveta Apkalnas CD 'Himmel und Hölle', wie ein kurzer Blick auf ebendiese bestätigte.

Thalben-Ball; war: Hyo-Jong Kim in der Johanneskirche

Clemens Schäfer @, Düsseldorf, Freitag, 02. November 2012, 22:09 (vor 5116 Tagen) @ Contrebasson 32'

Hallo,
Asche auf mein Haupt, kannte ich nicht. Schönes Stück aber die Elegy! Bildungslücke geschlossen. Danke Clemens Schäfer

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Forte heißt nicht laut sondern kräftig,
Piano nicht schwach sondern leise!
(Arthur Rubinstein)

Paganini-Variationen

perotin @, Rhein-Neckar-Raum, Freitag, 02. November 2012, 22:39 (vor 5116 Tagen) @ Clemens Schäfer

Dann Variationen über ein Thema von Paganini für Pedal solo von George Thalben-Ball (1896-1987). Das war schon recht virtuos, wurde aber sicher gemeistert.


"Recht virtuos" ist hier britisches Understatement.... Dieses Stück ist einfach *sauschwer* - Hut ab vor jedem, der es wirklich gut spielen kann!

Wie früher mal erwähnt, durfte ich die Variationen zweimal live mit Thomas Trotter (übrigens Nachfolger von Thalben-Ball als Stadtorganist von Birmingham) erleben. Das war schlichtweg grandios.

Auf YT gibt es mittlerweile einige Interpretationen. Sofern mir da nichts durch die Lappen gegangen ist, kann ich die von Th. Trotter vor allem empfehlen.

Grüße,
perotin

Paganini-Variationen

Friedrich @, Freitag, 02. November 2012, 22:45 (vor 5116 Tagen) @ perotin

Dann Variationen über ein Thema von Paganini für Pedal solo von George Thalben-Ball (1896-1987). Das war schon recht virtuos, wurde aber sicher gemeistert.


"Recht virtuos" ist hier britisches Understatement.... Dieses Stück ist einfach *sauschwer* - Hut ab vor jedem, der es wirklich gut spielen kann!

So mal als »Smalltalk-Info«: Thalben-Ball muss es sehr stark draufgehabt haben. Er war der Solist in der britischen Erstaufführung des dritten Rachmaninow-Klavierkonzerts (siehe auch unter »Muss, wer Orgel spielt, auch Klavier spielen können?«).

Gruß,
Friedrich

Paganini-Variationen

kjz1, Samstag, 03. November 2012, 20:20 (vor 5115 Tagen) @ Friedrich

So mal als »Smalltalk-Info«: Thalben-Ball muss es sehr stark draufgehabt haben. Er war der Solist in der britischen Erstaufführung des dritten Rachmaninow-Klavierkonzerts (siehe auch unter »Muss, wer Orgel spielt, auch Klavier spielen können?«).

Sir George Thalben-Ball gehörte wohl zu den bekanntesten Orgelvirtuosen des letzten Jahrhunderts in England und wurde teilweise mit Virgil Fox verglichen. Seine zweite Frau ist ebenfalls eine bekannte Konzertorganistin: Jennifer Bate.

Paganini-Variationen

Axel ⌂ @, Mechernich, Samstag, 03. November 2012, 20:22 (vor 5115 Tagen) @ kjz1

Meines Wissen war diese Ehe nicht von allzu langer Dauer...

Paganini-Variationen

elsenp, Sonntag, 04. November 2012, 07:00 (vor 5114 Tagen) @ Axel

Meines Wissen war diese Ehe nicht von allzu langer Dauer...

Kein Wunder: Altersmäßig hätte sie seine Enkelin sein können...

Hyo-Jong Kim in der Johanneskirche

IvesDKerne @, Samstag, 03. November 2012, 07:23 (vor 5115 Tagen) @ Clemens Schäfer

Vom Himmel hoch im November? Spielen wir dann jetzt O Haupt voll Blut und Wunden an Weihnachten?
Ja, in Frankreich gibts Noels auch schon im Sommer, ich finde, man sollte doch schon im Festkreis bleiben.

Hyo-Jong Kim in der Johanneskirche

doppelfloete_h @, Hannover, Samstag, 03. November 2012, 08:51 (vor 5115 Tagen) @ IvesDKerne

Ja, solche Dinge stelle ich auch oft mit einigem Wundern fest. Abgesehen von Examensprogrammen (da hab ich "Vom Himmel hoch" gerade vergangene Woche gehört, übrigens fantastisch gespielt), wo man vielleicht Abstriche machen kann, sollte man doch zumindest das Kirchenjahr bedenken! Natürlich kann sich immer die Möglichkeit ergeben, auch jahreszeitlich "entfernte" Werke in besonderer Weise zu verknüpfen und in Beziehung zu stellen. In unserer Bach-Gesamtreihe 2011 gab es die kanonischen (da es keinen "weihnachtsnahen" Konzerttermin gab, eben in der Passionszeit unter dem Motto "Krippe und Kreuz"... Aber das ist nur ein Beispiel...
Ich persönlich achte beim Zusammenstellen eines Konzertprogramms schon recht genau drauf, WAS ich WANN spiele. Mir käme auch nun wirklich keine Bach-Passion im Sommer unter; das ist aber eine andere Baustelle...

Hyo-Jong Kim in der Johanneskirche

IvesDKerne @, Samstag, 03. November 2012, 09:21 (vor 5115 Tagen) @ doppelfloete_h

Ja, im Zusammenhang mit einem Thema ok, Abschlussprüfung auch ok. Aber hier war ja kein solcher Zusammenhang. Dann darf sich auch niemand mehr beschweren, dass es im August schon Schokoladenweihnachsmänner gibt.

Hyo-Jong Kim in der Johanneskirche

Tabernakelwanze @, Niederrhein, Samstag, 03. November 2012, 09:25 (vor 5115 Tagen) @ doppelfloete_h

Virtuoses Orgelkönnen setzt eben keine Kenntnisse in Liturgie voraus. Nun ja....wir essen ja inzwischen auch das ganze Jahr über Erdbeeren, Äpfel, etc.

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Gruß vom Niederrhein

Hyo-Jong Kim in der Johanneskirche

Friedrich @, Samstag, 03. November 2012, 09:59 (vor 5115 Tagen) @ Tabernakelwanze

Virtuoses Orgelkönnen setzt eben keine Kenntnisse in Liturgie voraus. Nun ja....wir essen ja inzwischen auch das ganze Jahr über Erdbeeren, Äpfel, etc.

Moment, da muss ich Holzwegalarm geben.

Würdet ihr, wenn ein konzertierende Gastorganist im Mai »O Mensch, bewein’ dein’ Sünde groß« anbietet, auch sagen: »Nee, lieber ›Geh’ aus, mein Herz‹« BWV 1307 b«?

Für ein Konzertprogramm ist der Jahresfestkreis nur eines von vielen Kriterien, und in meinen Augen ist er kein zwingendes. Zumal bei einem Stück wie den »kanonischen Veränderungen«, denn bei denen steht der Kunstcharakter mindestens so hoch wie der festzeitliche. Bach hat das Stück auch nicht als Weihnachtsgabe an die Mitglieder Mizlerschen Sozietät verschickt, sondern weil er sich als würdiges Mitglied qualifizieren wollte. Das Ding ist ein Kunsterweis, keine Marzipankartoffel.

Das ist doch auch eine Chance. Dann muss man für das schöne Stück nicht in ein Weihnachtskonzert gehen, in dem es zwischen »festlicher Trompetenmusik von -ini, -etti und -aldi« und der »Pastorella« erklingen muss. Nicht gerade eine Umgebung, die so ein exquisites Stück Kontrapunkt zum Blühen bringt.

Gruß,
Friedrich

Hyo-Jong Kim in der Johanneskirche

doppelfloete_h @, Hannover, Samstag, 03. November 2012, 10:19 (vor 5115 Tagen) @ Friedrich

Ach, Quatsch! ;) Jeder soll letztlich das spielen, was er mag und wann er es mag... Wie gesagt, im "richtigen" Kontext hat auch der Passionschoral im Sommer seine Berechtigung. Nur nicht ohne Hintergedanken, bitte. "O Mensch" habe ich im Sommer einmal vor längerer Zeit zwischen Op. 135b und der Guillou-Toccata gehört - da war es musikalisch genau richtig.
Allerdings gibt es doch durchaus auch Konzerte, wo man hinterher sagt: Moment, warum ich mir heute bei 25 Grad im Schatten "In dulci jubilo" anhören musste, erschließt sich mir auch mit Nachdenken nicht... ;)

Hyo-Jong Kim in der Johanneskirche

Clemens Schäfer @, Düsseldorf, Samstag, 03. November 2012, 10:46 (vor 5115 Tagen) @ doppelfloete_h

Allerdings gibt es doch durchaus auch Konzerte, wo man hinterher sagt: Moment, warum ich mir heute bei 25 Grad im Schatten "In dulci jubilo" anhören musste, erschließt sich mir auch mit Nachdenken nicht... ;)

Hallo,

wieder typisch mitteleuropäisch gedacht! Auf der Südhalbkugel hört man in dulci jubilo immer bei 25° im Schatten! Ja, ja, unsere lieben Gewohnheiten lassen uns nicht los...

Gruß Clemens Schäfer

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Forte heißt nicht laut sondern kräftig,
Piano nicht schwach sondern leise!
(Arthur Rubinstein)

Hyo-Jong Kim in der Johanneskirche

doppelfloete_h @, Hannover, Samstag, 03. November 2012, 10:49 (vor 5115 Tagen) @ Clemens Schäfer

Ja, dazu bin ich Mitteleuropäer und stehe dazu! :)
Wenn bei uns Weihnachten solche Temperaturen herrschen (lang dürfts ja nicht mehr dauern...), hab ich auch nix dagegen. Oder an Weihnachten in Australien oder so... :)

Hyo-Jong Kim in der Johanneskirche

IvesDKerne @, Samstag, 03. November 2012, 12:55 (vor 5115 Tagen) @ Friedrich

Würdet ihr, wenn ein konzertierende Gastorganist im Mai »O Mensch, bewein’ dein’ Sünde groß« anbietet, auch sagen: »Nee, lieber ›Geh’ aus, mein Herz‹« BWV 1307 b«?


Nein so würde ich es nicht sagen, aber ich würde ihn bitten, ob er nicht ein passenderes Stück für die Kirchenjahreszeit hätte.
Vielleicht bin ich da zu konservativ, aber ich will in der Adventszeit auch keine Weihnachtsmusik hören. Ein Weihnachtsoratorium gehört in die Weihnachtszeit. Und ich habe gute Erfahrungen damit gemacht, im Januar Weihnachtsmusik aufzuführen.
Im Advent dann gerne BWV 61/62 oder ähnliches.
Ich käme auch nicht auf die Idee, in der Passionszeit, Christ lag in Todesbanden oder Christ ist erstanden zu spielen.
Es gibt doch genug passendes.

Hyo-Jong Kim in der Johanneskirche

3rd_astronaut, Samstag, 03. November 2012, 13:04 (vor 5115 Tagen) @ IvesDKerne

Würdet ihr, wenn ein konzertierende Gastorganist im Mai »O Mensch, bewein’ dein’ Sünde groß« anbietet, auch sagen: »Nee, lieber ›Geh’ aus, mein Herz‹« BWV 1307 b«?

Nein so würde ich es nicht sagen, aber ich würde ihn bitten, ob er nicht ein passenderes Stück für die Kirchenjahreszeit hätte.
Vielleicht bin ich da zu konservativ, aber ich will in der Adventszeit auch keine Weihnachtsmusik hören. Ein Weihnachtsoratorium gehört in die Weihnachtszeit. Und ich habe gute Erfahrungen damit gemacht, im Januar Weihnachtsmusik aufzuführen.
Im Advent dann gerne BWV 61/62 oder ähnliches.
Ich käme auch nicht auf die Idee, in der Passionszeit, Christ lag in Todesbanden oder Christ ist erstanden zu spielen.
Es gibt doch genug passendes.

Sehe ich auch so. Ich weiß nicht, was BWV 1307b ist und ob es eher einen Tiefpunkt im Bachschen Schaffen markiert -- aber wenn es halt von Bach kein passendes Stück für den Mai gibt, gibt es das von jemand anderem. Oder wenn es denn uuuunbedingt Bach sein muss, nimmt man halt ein kalendarisch neutrales Stück.

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